Leandro & Nanni, Bis zu den Sternen
Die Überraschung
An seiner Hand stolperte ich ihm hinterher. Warum ich stolperte? Ganz einfach. Der Kerl hatte mir einfach einen Schal um die Augen gebunden. Allerdings aus keiner böser Absicht. Ich ahmte seine Stimme nach: „Lass dich überraschen. Ich habe da eine geniale Idee!“
„Hast du etwas gesagt?“, fragte er mich plötzlich. Ups, ich hatte das laut gesagt? „Nein, es ist nichts.“, erwiderte ich kopfschüttelnd.
Also führte er mich jetzt irgendwo hin, um mir eine Überraschung zu machen.
Dann rammte ich mit voller Kraft eine Kante. „Auh!“, jaulte ich auf, als der Stein sich in mein Bein grub. „Pass doch auf!“ „Mist, Tschuldigung, Nanni!“, entschuldigte er sich. „Ich habe nicht auf den Boden geachtet.“
Ich jammerte: „Kannst du mir die Augenbinde nicht abnehmen?“ „Unter keinen Umständen.“
„Du entführst mich gerade, das ist dir klar?“ „Voll und ganz. Und ich steh drauf.“
„Das ist illegal.“
Ein Lachen von rechts. „Ich darf alles, ich bin dein Freund.“ „Und wenn du mich noch einmal gegen einen Bordstein rennen läst, warst du die längst Zeit deines Lebens mein Freund!“ Kichern. „Es war ein Pöller.“
„Ist mir doch egal!“
Er verschleppte mich bestimmt eine halbe Stunde, bis wir endlich anhielten.
Meine Hand, die er hielt war schweißnass. Als er sie endlich losließ, wischte ich sie angewidert an meiner Hose ab. „Warte kurz hier. Bin gleich wieder da.“, wies mich Leandro an. Super, als hätte ich besseres zu tun , als mit verbundenen Augen mitten in der Öffentlichkeit zu stehen!
Ich begann die Sekunden zu zählen. „Eins, Zwei. Drei, zwanzig, vierzig, einhundertfünfunddreißig.“
Von links hörte ich die belustigten Stimmern einiger Jugendlicher. „Guckt mal die.“, hörte ich jemanden rufen. „Sollen wir dir helfen?“, rief eine andere Stimme.
Unter normalen Umständen, wäre ich jetzt wahrscheinlich rot wie eine Tomate geworden, aber ich hoffte, der Schal über meinen Wangen verdeckte dieses Missgeschick.
„Ich meditiere!“, rief ich in die Richtung zurück, aus der die Stimmen kamen.
Lautes Gelächter folgte meinem Satz. „Können wir mitmachen?“ „Klar, kommt her.“
Der Aufforderung folgten zögerliche Schritte in meine Richtung. Sie schienen mindestens zu viert zu sein. „Hier sind wir.“, sagte eine Stimme rechts neben mir.
„Augen schließen und Hände in die Luft.“, wies ich sie an. Schade, dass ich nicht sehen konnte, ob sie sich gerade wirklich freiwillig neben mir blamierten.
Wo blieb Leandro nur? Ich hörte immer mehr aufgeregte Stimmen, die sich um uns zu scharren schienen.
„Die denken, wir sind bescheuert!“, flüsterte eine männliche Stimme neben mir.
„Oder geistig verwirrt.“, ergänzte ein anderer. „Psst!“, ermahnte ich sie. „Wir meditieren doch!“ Erneutes leises Kichern.
Die Stimmen von Menschen um uns herum wurden stärker. Ich fühlte einen zaghaften Stupser an meinem Rücken. „Mama, was macht sie denn da?“, hörte ich ein kleines Kind fragen. Wo zum Teufel blieb bloß Leandro? Gleich würde ich mir die Augenbinde selber abnehmen!
Leandro
Als ich vom Pinkeln zurück zur Bushaltestelle kam, überraschte mich dort eine riesige Menschentraube, die sich um eine Laterne gescharrt zu haben schienen.
Nanu? Hatte ich nicht Nanni hier zurück gelassen?
Ich ahnte schon Böses, als ich mir meinen Weg durch das Menschengewühl suchte und mir meinen Weg nach Vorne erkämpfte.
Auf halber Höhe blieb ich stehen. Das konnte doch nicht Nanni sein?!
Neben einer Laterne stand sie mit verbundenen Augen. Nicht weiter schlimm. Aber was machten die fünf Jungs neben ihr? Mit geschlossenen Augen und erhobenen Händen standen sie neben Nanni, als würde sie meditieren.
Die Menschenmenge um sie herum schien sie genauso zu begaffen, wie ich es gerade tat.
Soviel noch einmal zu Nannis und meiner Devise: Wir bleiben anonym, unter jeden Umständen.
Ich schob die letzten Leute aus dem Weg und erreichte sie. Ich packte sie am Ellenbogen und wollte sie mit mir ziehen. „Lass das!“, empörte sie sich und schlug meine Hand beiseite. „Nanni, ich bin’s!“, zischte ich empört und packte sie am Ellenbogen. „Leandro? Wo warst du so lange?!“
„Was machst du hier?“
Sie schien zu überlegen. „Ich habe auf dich gewartet.“ Ich zog sie aus der Menschenmenge, ich würde gleich mit ihr reden. Die Jungs neben ihr schienen immer noch nicht bemerkt zu haben, dass sie fehlte.
Steif wie Statuen standen sie mit geschlossenen Augen und erhobenen Händen auf dem Platz.
Endlich hatten wir die Menschenmenge hinter uns gelassen. Leider kam in diesem Moment, auch der Bus, den ich mit ihr zum Weihnachtsmarkt nehmen wollte. „Der Bus kommt.“, sagte ich. „Wir nehmen den Bus?“
„Ja.“ Ich schob sie- Hand an ihrem Rücken zum Bus. „Pass auf. Stufe!“, wies ich sie an.
Im Bus kaufte ich zwei Karten, checkte ein und suchte uns einen Platz, möglicht weit hinten im Bus.
„Was war denn das gerade bitteschön?“, fragte ich sie. „Keine Ahnung, ich konnte Nichts sehen.“ Ihr Mund verzog sich zu einem Lachen.
„Und was in aller Welt machten die Jungs neben dir?“
„Meditieren.“
„Nanni, sei ehrlich. Warum?“
Sie kicherte. „Ich habe sie gefragt, ob sie mit mir meditieren wollen.“ Am liebsten hätte ich laut gelacht, so bescheuert schien Nannis Vorschlag zu sein.
„Du weißt, dass wir anonym bleiben wollten, oder?“ „Ich war anonym.“, erwiderte sie vergnügt. „Mein Gesicht hat unter deinem dicken Schal kein Mensch gesehen.“ „Die Jungs sahen richtig bescheuert aus.“ „Ich auch.“ Sie stoppte kurz. „Und wo warst du überhaupt?!“ „Für kleine Mädchen.“
„Zehn Minuten lang?“, fragte sie mich entgeistert. „Und mich erkundigen.“, fügte ich hinzu.
„Für die Überraschung?“
„Genau.“
Wir fuhren keine fünf Minuten, als der Bus uns die Endstation verkündete. Ich war froh, dass er nur die Leuchtanzeige für die Haltestellen benutzte, anstatt der elektronischen Ansagen. „Ausstieg.“, verkündete ich Nanni.
„Wir sind da?“
„Genau jetzt.“, grinste ich und führte sie aus dem Bus heraus. Das Stimmengewirr vom Weihnachtsmarkt schallte bis hierher und die Düfte von gebrannten Mandeln, Paradiesäpfeln und warmen Maronen waren kaum zu überriechen.
„Was riechst du?“, erkundigte ich mich bei Nanni. „Wenn du richtig bist, darfst du die Augenbinde abnehmen.“ Chuppie neben mir streckte ebenfalls die Schnauze in die Luft und schnüffelte.
„Es riecht nach gebrannten Mandeln.“
„Richtig,“
„Und nach Glühwein.“
„Korrekt.“
„Wir sind auf dem Weihnachtsmarkt?“, riet sie. Ich entknotete den Schal. „Dreimal richtig.“ Ein Leuchten ging über ihr Gesicht.
Meine Überraschung war gelungen.
„Möchtest du einen Liebesapfel?“, fragte ich sie, während wir soeben an einer der unzähligen Süßigkeitenbuden vorbei schlenderten. Sie schaute mich verblüfft an.
„Was möchte ich?“
„Einen Liebesapfel.“
Sie lachte los. „Du liebe Güte. Du meinst wohl einen Paradiesapfel.“, verbesserte sie.
Ich musste lachen.
„Ich nenne ihn Liebesapfel.“
„Quatsch!“
„Wirst du gerade rot, weil ich ‚Liebesapfel’ gesagt habe?“ „Nein!“, rief sie aus.
„Ich dachte schon.“
Gemeinsam schlenderten wir zur Bude und ich bestellte einen Paradiesapfel.
Mir selbst kaufte ich gebrannte Mandeln. „Gibt es in Alaska eigentlich eine Kirmes?“, fragte sie mich plötzlich. „Wenige, aber es gibt welche.“
„Warst du schon einmal auf einer?“
„Ich war vier, als ich das letzte Mal auf einer war.“ „Ich war früher jedes Jahr.“, sagte sie. Ihr Blick schweifte über die bunten Buden. „Also, als meine Mum noch nüchtern war.“ „Warum war sie dauerbetrunken?“
Sie zögerte. „Mein Dad hat sie verlassen und ist mit der Neuen nach Italien ausgewandert.“
„Deine Mum hat’s nicht verkraftet?“
„Mh.“
Ich griff nach ihrer Hand und schlenkerte ihren Arm hin und her. „Wo willst du heute Nacht schlafen?“, fragte ich sie. „Im fünf Sterne Hotel?“
„Wird schwierig.“
„Ist aber möglich?“
„Nur wenn wir jemanden kidnappen.“
Sie lacht. „Hast du schon mal jemanden gekidnappt?“ „Nur aus Versehen.“, antworte ich.
Sie schaut mich entgeistert an. „Wie kann man jemanden aus Versehen kidnappen?“
„Es war Notwehr. Es war wichtig.“
„Wer war es?“
„Ein Tierwärter.“
„Oh.“, sagt sie und schließt den Mund wieder. In ihren Augen sehe ich etwas Ehrfürchtiges. Wahrscheinlich habe ich ihr gerade den Schrecken ihres Lebens eingejagt.
„Normalerweise mach ich so etwas nicht.“; ergänze ich. „Das will ich hoffen.“
Wir liefen einige Meter.
„Also schlafen wir unter einer Brücke.“, sagte sie. Ich dachte das Gleiche.
„Aber Morgen sind wir wieder im Zug.“
„Luxus.“
Ich grinste. „Du bist freiwillig hier, erinnerst du dich?“ „Leider.“, seufzt sie.
„Du hast mich.“
„Noch schlimmer.“
Ich gab ihr einige von meinen Mandeln.
Mittlerweile war es dunkel geworden und die beleuchteten Häuschen sahen nur noch schöner aus. Neben uns torkelte ein Betrunkener vorbei.
An einer Würstchenbude kaufte ich eine Wurst und gab sie Chuppine.
Nanni fragte mich, ob ich meine Mutter sehr vermisse und ich sagte Ja.
Ich war ihr nicht mehr wütend, dass sie mich weggeschickt hatte. Sie wollte nur das Beste für mich.
„Ich habe eine Idee!“, rief Nanni plötzlich. „Wir kidnappen doch jemanden?“, schlug ich fröhlich vor. „Idiot! Nein, wir schlafen im Badehaus!“
„Im Badehaus?“
„Es ist warm und trocken. Oder willst du ehrlich bei null Grad und Schnee im Park schlafen?“
Ich schaute sie an. „Gute Idee. Aber gibt’s am Bahnhof ein Badehaus?“
„Ich habe eins gesehen.“
Ich nickte zufrieden. Die Idee war gut und der Bahnhof war nur etwa eine halbe Stunde vom Weihnachtsmarkt entfernt. Plötzlich lachte Nanni los.
„Hätte mir jemand vor einem halben Jahr gesagt, ich würde in Washington in einem Badehaus übernachten, ich glaub den hätte ich ausgelacht.“
Ich lachte mit ihr. „Das Leben ist wie eine Pralinenschachtel. Bunt und manchmal ekelig.“
„Magst du keine Pralinen?“ Ihr erstaunter Blick traf mich. „Doch, aber nicht die mit dunkler Schokolade.“ „Achso.“, sagte sie. „Die mag ich auch nicht so gerne.“ Ich genoss das Gefühl von Freiheit in diesem einen kleinen Moment. In einer Winterlandschaft auf dem gemütlichen Weihnachtsmarkt mit ein wenig Geld und meiner Freundin.
„Wollen wir zurück?“, fragte ich sie und deutete auf meine Uhr, die mir halb elf anzeigte.
Sie seufzte tief. Ich seufzte auch. Wir wollten beide nicht gehen.
Nanni
Wir hatten unser Gepäck ins Badehaus am Bahnhof gehievt. Die paar Menschen, die herum standen und gafften, beachteten wir nicht weiter.
Das Badehaus in Washington war größer als unser Erstes. Es hatte eine ordentliche Entlüftung, war blau gestrichen und war in ordentlichem und sauberem Zustand.
Wir luden das Gebäck in einer der vielen Familienumkleiden ab. „Ich glaub ich geh duschen.“, stöhnte ich, nachdem ich meinen Rucksack und meine Tasche in die Kabine geworfen hatte. Nicht, dass ich so tierisch verschwitzt war; aber ich hatte seit zwei Tagen nicht mehr geduscht und fühlte mich, als hätte ich genau das mal wieder dringend nötig.
„Ich auch.“, stimmte Leandro mir zu.
„Ich geh jetzt duschen.“, bedeutete ich ihm in der Anforderung, er möge doch bitte die Kabine verlassen.
Er blieb stehen und starrte mich unverwand an. „Könntest du bitte die Kabine verlassen, damit ich mich umziehen kann?“,
fragte ich ihn kläglich.
„Oh.“. Seine Stimme klang unschuldig. „Klar.“ Er zögerte kurz. „Oder soll ich mich umdrehen?“
„Nein, du gehst raus. Ich bin doch nicht blöd!“, schimpfte ich und schob in zur Tür heraus.
Als wären Jungs in dem Alter nicht alle gleich. „Ja, ganz bestimmt sogar.“, sagte er und lächelte dabei leicht. Ich schloss die Tür und drehte vorsichtshalber den Sicherheitshebel um.
„Nicht nötig, Nanni.“, hörte ich ihn von der anderen Seite rufen. „Ich kann auch ohne Probleme über die Trennwand gucken.“ Ich warf der Tür, hinter der er stand einen vernichtenden Blick zu. „Untersteh dich!“, rief ich.
Immer wieder die Wand kontrollierend, zog ich mir mein T-Shirt aus und meine Hose aus.
Dann packte ich aus meiner Reisetasche das dunkelblaue Handtuch aus und wickelte es mir um.
„Ich komme jetzt raus.“, warnte ich ihn. Wahrscheinlich umsonst. Und öffnete die Tür.
„Leandro?“, rief ich.
„Hier!“, ertönte es aus einer der Kabinen im Mittelgang. Also zog er sich auch schon um.
„Du gehst in die Männerdusche und ich in die Frauendusche.“, klärte ich ihn auf.
„Okay.“
Ich nagte an meiner Lippe. Normalerweise gab er sich nicht so schnell zufrieden.
Vielleicht war er aber auch einfach nur todmüde, so wie ich. Ich betrat die leere Mädchendusche, in der noch der Restgeruch von Shampoo stand.
In den Geldschlitz in der Wand warf ich die gewünschten fünfzig Cent.
Die rote elektronische Anzeigetafel begann von 180 Sekunden herunterzuzählen.
Das Wasser war warm und tat meinem Körper verdammt gut. Die Duschzeit war viel zu schnell vorbei.
Ich überlegte, erneut fünfzig Cent einzuwerfen, aber das wäre unnötige Geldverschwendung gewesen.
Also gab ich mich damit zufrieden, rubbelte mir die Haare halbwegs trocken und band mir das Handtuch wieder um. Unsere Kabine war noch leer, als ich hereinkam. Ich suchte in meiner Tasche nach einem frischen Bh und Slip, griff meinen letzten noch sauberen roten Pullover heraus und zog mir meine alte Jeans wieder an.
Die Haare kämmte ich notdürftig mit der kleinen roten Bürste. „Kann ich reinkommen?“, klopfte es an der Tür. „Sofort.“, erwiderte ich Leandro, strich mir die Haare nach hinten und öffnete die Tür. „Jetzt.“
„Oh, du bist schon fertig.“, begrüßte er mich. Auch er war schon fertig angezogen.
Seine schwarzen Haare standen nass und strubbelig vom Kopf ab. Er trug ein schwarzes Shirt mit V-Ausschnitt. Er schien meinem Blick gefolgt zu sein.
„Sexy oder?“, fragte er amüsiert.
„Selbstverliebt?“, entgegnete ich mit hochgezogenen Augenbrauen. „Ein wenig.“
„Warum bin eigentlich mit dir zusammen?“ Seine Lippen umspielte ein spöttisches Lächeln. „Weil du dich Hals über Kopf in mich verliebt hast?“ „Nie im Leben!“ Ich schüttelte ungläubig den Kopf. „Fehler passieren.“, zuckte er amüsiert die Schultern. „Mist aber auch.“
Er warf mir einen schrägen Seitenblick zu. „Willst du schlafen?“
Ich schüttelte den Kopf. „Ich hab Hunger.“ „Dann gehen wir noch kurz etwas kaufen.“ Ich schenkte ihm ein Zahnpasta-Lächeln. „Wir müssen die Kabinentür aber abschließen, obwohl wir selber raus müssen.“ Leandro schob mich zur Tür hinaus. „Ich mach das.“, und schob von Innen wieder den Riegel vor.
Dann schaute sein Kopf von oben über die Trennwand. „Ich komm rüber.“, murmelte er und schwang sein rechtes Bein rüber. Mit einem Schwung ließ er sich auf meiner Seite hinuntergleiten und landete elegant auf den Füßen. Als er meinen Blick bemerkte, deutete er eine leichte Verbeugung an.
„Woher kannst du das?“, fragte ich ihn verblüfft. „Ich war vier Jahre lang beim Kunstreiten dabei.“, erwiderte er. „Nach einer Zeit wird das auf und Abspringen vom Pferd zur Routine.“ Seine grünen Augen blitzten. „Nichts wie los zum Essen.“ In einem kleinen Café gönnten wir uns eine Tomatensuppe mit frischem Brot.
Der kleine Raum war ansonsten leer, nur eine kleine Gruppe Franzosen schäkerte in einer der hinteren Ecken. „Franzosen!“, stöhnte Leandro auf. „Arrogante, Ignorante, bescheuerte Baguettefresser!“
„T’es une catastrophe du tout.“, ahmte ich unsere Französischlehrerin Mme. Bertini nach.
„Nie mehr Französisch. Nie mehr!“, pries Leandro. Ich lachte.
„Lachst du mich aus?“, protestierte er.
„Nein, deine Französischnote.“
Er warf mir einen vernichtenden Blick zu. „Was hattest du in Französisch?“
„Eins.“
„Streber.“
„Danke.“
„Wollen wir gehen?“, fragte er mit Seitenblick auf die betrunkenen Franzosen.
Ich nickte und er bezahlte.
Per Räuberleiter kamen wir im Waschhaus wieder in unsere abgeschlossene Kabine.
Wir breiteten unsere Schlafsäcke auf dem Boden aus und Chuppie kuschelte sich an meinen Kopf.
„Es ist seltsam, sich plötzlich wie ein Ausreißer vorzukommen.“, murmelte ich in meinem Schlafsack.
„Ja, finde ich auch.“ Er legte den Kopf schief, um mich anzusehen. „Aber ich bin wirklich froh, dass du bei mir bist.“ Der Blick in seine grünen, von dunklen Wimpern umrandeten Augen machte mich ganz nervös.
Eigentlich sollten so welche Augen gar nicht existieren. ( Sie waren unverschämt hübsch und ich war der festen Überzeugung, die Mädchen, die er mit diesen Augen manipuliert hatte, kannte er schon gar nicht mehr!)
„Wie viele Freundinnen hattest du schon?“, fragte ich ihn vorsichtig. Er runzelte leicht die Stirn und starrte an die Decke. „Nun ja, du bist die Einzige.“
„Nicht ehrlich!“ ( Als würde dieser Kerl noch keine Freundin gehabt haben!)
„Du bist die Einzige, die es länger als sechs Wochen mit mir ausgehalten hat.“
Ha! Ich triumphierte mir leise. Ich hatte doch gewusst, dass an der Sache ein Haken war!
„Es sind schon sieben Wochen!“, steuerte ich außerordentlich hilfreich bei.
Er lachte leise. „Es sind vierundfünfzig Tage. Ich habe jeden einzelnen gezählt.“
„Oh.“, bemerkte ich überrascht. „Ab welchem Zeitpunkt hast du denn zu zählen begonnen?“
„Es war der Abend, an dem ich dich das erste Mal im Park geküsst habe.“
Ich erinnerte mich noch genau an diesen Moment und jetzt, wo ich daran dachte, überkam mich ein wohliges Gefühl. Vielleicht war er wirklich der Richtige für mich. Vielleicht.
„Wir sollten schlafen.“, sagte er. „Morgen wird es anstrengend.“
Ich saß auf der Bordsteinkante mit Collegeblock auf dem Schoß. Der Zug würde in einer Stunde kommen und ich wollte Lena noch schnell einen Brief über die aktuellen Ereignisse schreiben. Leandro hatte sich die Zeit genommen, mit Chuppine einen längeren Spaziergang zu machen.
( Hatte mir aber ausdrücklich versprochen, wieder rechtzeitig zurück zu sein!)
Ich nahm meinen Füller zur Hand und begann zu schreiben: