Leandro & Nanni, Bis zu den Sternen
Unter den Sternen
Leandro
Wenn ich ehrlich war, hatte ich verdammte Angst vor meiner Reise nach Alaska.
Ich meine- ich war erst sechzehn. Das ist eine Zeit, in der manche Kinder noch den Tornister von den Eltern gepackt bekommen. Okay, vielleicht übertrieb ich ein wenig, aber der Sinn war derselbe. Und was mich ebenfalls besorgte: Ich musste nicht nur auf mich aufpassen; ich musste Nanni beschützen. Mit meinem Einverständnis, sie könne mit nach Alaska kommen, hatte ich mir eine Verantwortung aufgeladen, von der ich nicht sicher war, ob ich sie würde tragen können.
Das erste Mal im Leben fühlte ich die pflichtbewusste Seite von mir, die merkte das etwas auf dem Spiel stand. Nicht nur Nanni: Auch meiner Mutter und meinem kleinem Bruder Pablo war ich verpflichtet.
Und sie Alle unter einen Hut zu bringen, fand ich verdammt schwer. Ich stieß mein Zimmerfenster auf und lehnte mich hinaus. Kühle Nachtluft umstrich mich. Ich schloss die Augen. Morgen Abend um diese Uhrzeit würde ich vielleicht schon im Zug sitzen, auf dem Weg nach Hause.
Ob Nanni wohl noch im Park war?
Bestimmt, immerhin war es auch ihr letzter Abend hier im TPA. Erst jetzt merkte ich, dass ich die Zeit hier im Jugendheim unmerklich genossen hatte.
Keine Arbeit. Ein großes Haus mit eigenem Zimmer, ein wenig mehr Freiheit als Zuhause, leckeres Essen und eine Lebensweise, die mir bisher unbekannt geblieben war: Die Lebensweise der Amerikaner. Es war nicht, wie ich es mir immer vorgestellt hatte: Hollywood, die ganzen großen Stars, Donuts & Bagels, Fish & Chips und die ganz große Bühne. Aber es war trotzdem etwas Besonderes gewesen und im Nachhinein war ich dankbar dafür, von meiner Mutter hergeschickt worden zu sein.
Ich lehnte mein Fenster an und zog die Vorhänge zu. Ich würde auch noch ein letztes Mal in den Park gehen.
Mit meiner Jacke in der Hand verließ ich das Zimmer. Im Flur stieß ich auf Bella. „Hoppla, gehen wir noch eine Runde spazieren?“, fragte sie mich erstaunt.
„Ich genieße nur noch eine Runde die abendliche Luft.“ Sie schien nicht wirklich überzeugt. „Sei rechtzeitig zurück, sonst ist geschlossen und du darfst die Nacht draußen verbringen.“ „Keine Sorge. Ich werde rechtzeitig zurück sein.“, und wank zum Abschied.
Als ich im Park eintraf, entdeckte ich wirklich eine bekannte Gestalt auf der Bank.
Ich pfiff leise. Sie drehte sich um. Sie hielt sich die Hand vor die Augen; wahrscheinlich konnte sie mich in der Dunkelheit nicht erkennen.
Dann wank sie mir zu; ich wank zurück.
„Hey.“, begrüßte ich Nanni.
Sie trug ein rosa Sweatshirt, das in einem süßen Kontrast zu ihren blonden, zotteligen Haaren stand.
„Hey.“, grüßte sie zurück und machte Platz, damit ich mich neben sie auf die Bank setzten konnte.
„Frierst du nicht ein wenig?“, fragte ich sie. „Ein bisschen, ist aber nicht so schlimm.“
„Doch.“ Ich zog meine Jacke aus und legte sie ihr um die Schultern. „Besser so?“
Sie nickte.
„Genau diese Abende werde ich vermissen.“, murmelte sie. „Ich auch.“
Sie zeigte hinauf in den Himmel. „Siehst du den kleinen Wagen?“ „Nein, ich habe keine Ahnung von Sternkunde.“, lachte ich. „Wo ist er denn?“
Sie griff nach meinem Arm und deutete damit auf den Nordstern. „Siehst du den Polarstern?“, fragte sie. Ich nickte. „Gut, schau. Der Polarstern bildet den Griff des kleinen Wagens. Er steht in Dreiecksform mit den beiden Sternen daneben. Das ist der Griff des Wagens.“ Sie verschob meine Finger um einen Zentimeter nach links. „Und diese vier Sterne, die das Viereck bilden, das ist der Wagen.“ Sie ließ meine Hand wieder sinken. Ich schaute fasziniert nach oben. „Woher weißt du das alles?“, fragte ich sie leise.
Sie lachte kurz auf, als wenn ihr eine schöne Erinnerung gekommen wäre. „Luke hat ein Fernrohr in seinem Zimmer stehen. Manchmal...bin ich abends zu ihm und dann hat er mir die Sterne gezeigt.“
„Schön.“, murmelte ich.
„Ja, das war es.“, nickte sie. „Willst du, dass ich dir auch den großen Wagen zeige?“
„Alle Sternbilder, die es gibt.“
„Ich kenne nicht alle.“, wisperte sie und ihr Blick schweifte durch den Himmel.
„Dann erfinden wir welche.“
„Unsinn.“, erwiderte sie.
„Gar nicht Unsinn.“ Ich zog sie an mich und roch ihren Duft nach Ozean. Himmel, wie ich dieses Mädchen begehrte. „Dann zeig mir eins.“, flüsterte sie.
Ich kniff die Augen zusammen. „Da vorne, die drei Sterne und der orangefarbene Stern in der Mitte: das ist der Glückskleestern.“, zeigte ich.
Sie kicherte. „Das ist ein Teil des Poseidons.“ „Mh, na gut.“, grummelte ich. „Dann... die zwei dort vorne und .. der große weiße.“
„Du bist ein Dummkopf.“, erwiderte sie. „Der Mond ist kein Stern.“ „Och, wieso denn nicht?“, protestierte ich. „Er leuchtet nicht.“, klärte sie mich auf.
„Tut er wohl!“
„Nein, tut er nicht. Er wird von der Sonne angestrahlt, aber er leuchtet nicht von sich selbst aus.“
Stimmt ja, jetzt erinnerte ich mich wieder. „Dann nenne ich den kleinen Stern direkt über uns, den Nanni&Leandro-Stern.“, schlug ich vor.
„Ein schöner Name für einen Stern.“
„Ein Stern-chen.“
Sie kicherte abermals. „Okay. Es ist das Nanni&Leandro-Sternchen.“ Ich nickte und streichelte sanft ihre Wange. Ich sah ihr in die Augen. Sie schien so ... perfekt für mich. Sie war das einzige, das ich an diesem Abend wollte.
Ich stützte mich auf den Ellenbogen und nahm ihr Gesicht nun vorsichtig mit Beiden Händen.
Diesmal kam sie mir entgegen. Erst sacht, dann fordernder erwiderte sie meine Küsse.
Meine Hände umfassten ihre Taille und zogen sie an mich. Ich konnte nicht aufhören, sie zu küssen. Sie war so wunderschön. Wie ich dieses Mädchen liebte. Ich liebte sie, wie keine andere zuvor. Sie war besonders; sie war anders, als alles andere zuvor. Dann schob sie mich von mir und auf einmal bekam ich ein schlechtes Gewissen, dass ich zu weit gegangen war. „Tut mir leid.“, sagte ich heiser. Ich ohrfeigte mich innerlich selber; ich hatte nicht zu weit gehen wollen.
Ich erwartete, jetzt würde sie wütend werden und mich verstoßen, aber sie schaute mich nur mit geweiteten Augen an. Dann schloss sie sich in meine Arme und legte ihren Kopf auf meine Brust. „ Boy, you are my only.“, flüsterte sie leise.