Leandro & Nanni, Bis zu den Sternen
Hotdog am nächtlichen Bahnhof
Nanni
Leandro hatte Chuppine hinter dem Haus an einem Baum festgebunden.
Nun winselte der Hund freudig, als sein Herrchen wieder auftauchte. Auch ich hielt der blinden Husky-Dame die Hand hin. Ich fühlte wie die warme Hunde schnauze kurz meine Hand streifte. Der Bahnhof lag eine halbe Stunde Busfahrt entfernt, aber die Bushalte selber fanden wir ganz in der Nähe. Mittlerweile war die Nacht angebrochen. Es war bewölkt, aber der Vollmond warf leichtes Licht auf die Umgebung. Auch die Straßenlaternen waren längst angegangen; schon umschwirrt von tausenden kleiner Nachtinsekten, die das Licht suchten. Es kam mir immer noch wie ein Traum vor, wie ich hier an der Bushaltestelle mit dem Jungen meines Herzens saß und auf den Bus wartete.
Die Stille breitete sich um uns herum aus, aber es war kein unangenehmes Gefühl.
Es hatte etwas angenehm Beruhigendes an sich. Als Leandro meine Hand drückte, sah ich auf.
Der Bus rollte die Straße hinunter.
Mit brummendem Motor hielt das Fahrzeug vor der Bushaltestelle und öffnete die Türen.
Leandro kaufte Tickets für uns Beide und checkte ein. Der Bus war fast vollständig leer.
An der Tür saß zusammengekauert ein älterer Mann, hinten im Bus eine stark geschminkte Frau. Ich setzte mich neben Leandro, der den Fensterblick ergattert hatte.
Aber viel konnte auch er nicht draußen sehen. Das kalte Licht der Neonlampen im Bus spiegelte sich in den Fenstern wieder. „Bist du sicher, dass so spät abends noch Züge fahren.“, fragte ich leise.
Er nickte. „Es fahren immer Züge. Manchmal hat man das Gefühl, der Bahnhof ist wie ein Volk Ameisen. Er schläft nie. Auch jetzt nicht.“
Ich überdachte seine philosophische Erklärung und lehnte mich an ihn.
Ich wurde langsam müde, obwohl ich wusste, dass die Nacht noch lang werden würde. „Passt du auf?“, murmelte ich. „Ich pass auf dich auf.“
Und ich nickte angenehme Minuten weg, bis die Lautsprecher im Bus die Endstation ankündigten. Leandro rüttelte an meiner Schulter und hievte mich mehr oder weniger aus dem Bus hinaus. Als die kühle Nachtluft mich umfing, wurden meine Sinne wieder klarer.
Ich schaute mich fasziniert um.
Helle Lichter aus kleinen Häusern und Imbissbuden malten Schatten auf den Bahnsteig, eine Gruppe Jugendlicher lachte und kicherte in einiger Entfernung.
Röhrend kamen und fuhren Züge ein und die Luft schmeckte nach Benzin und Rauch.
„Wow.“, wisperte ich.
Leandro warf mir ein schiefes Lächeln zu. „Es ist einzigartig, nicht?“ Ich nickte überwältigt. „Es ist wunderschön.“ Er führte uns zu einer kleinen Auskunft, um nach Zügen zu fragen, die uns Richtung Kanada bringen würden. Tatsächlich würde noch heute Nacht ein Zug von Boston nach Washington fahren.
„Wie lange fährt er denn?“, erkundigte sich Leandro. Die Frau klickte einige Tasten an ihrem Computer, bevor sie antwortete. „Er fährt um drei Uhr ab und braucht ungefähr eine Tagesreise. Ihr werdet in Washington morgen Nachmittag ankommen.“
„Wie viel kosten die Tickets?“
Erneut ein paar Tastenklicke. „In der Loge oder in der Suite?“ Leandro warf mir einen unsicheren Blick zu. „Das Billigere.“, warf ich behelfsmäßig ein. „23 Euro pro Person.“, sagte sie. „Kein Rauchen, keine Drogen.“ Als hätten wir vorgehabt zu rauchen! Unter mir fiepte es leise. Ich war Chuppine aus Versehen auf die Pfote getreten. „Müssen Hunde auch zahlen?“, hakte ich nach. „Personenpreis.“
„Bitte?“ Leandro schaute entsetzt. „Sie wollen nicht ehrlich dreiundzwanzig Euro für meinen Hund haben?“ Auch ich war entsetzt über den hohen Preis.
„Es tut mir leid.“, warf die Frau an der Auskunft ein. „Hunde zählen als Personen.“
Leandro warf ihr einen wütenden Blick zu. „Mein Hund ist blind. Gibt’s für den zufällig einen Behindertenrabatt?“ „Nur für Personen. Nicht für Hunde.“
Ich räusperte mich. „Sie haben uns gerade eine Fahrkarte für den Hund als Person verkauft.“
Genervt rief die Frau am Schalter etwas nach hinten in den Raum. Leandro trat unruhig von einem Fuß auf den Anderen. Von hinten kam eine dunkelhäutige Frau in lila Sweatshirt. „Wenn der Hund als Person angemeldet ist, bekommt er Rabatt.“ Sie zuckte mit den Schultern. „So steht’s jedenfalls im Regelwerk. „Okay.“, wendete die Frau sich wieder an uns. „Der Hund bekommt den halben Preis Nachlass.“ Dann tippte sie die Änderung in den Computer ein und druckte drei identische Tickets aus. „Gute Reise.“, wünschte sie.
„Danke.“, murmelte Leandro.
„Danke.“, murmelte ich ebenfalls.
Mit den Tickets in der Hand liefen wir den Bahnsteig entlang. Es war bitterkalt und ich war froh, meinen dicken Pullover und die Jacke angezogen zu haben.
Noch weitere dreieinhalb Stunden würden wir auf den Zug warten müssen.
Weil Leandro und ich beide hungrig waren gönnten wir uns einen Hotdog in einem der Imbisse am Bahnhof. Der Laden roch unangenehm nach Frittiertem, aber es war warm und wir konnten gemütlich sitzen. „Und wie fühlst du dich so nach deinem ersten Hotdog an einem echten Bahnhof?“, fragte er mich. „Es war mein erster Hotdog überhaupt und ich fühle mich sehr abenteuerlustig.“, entgegnete ich.
Sein Blick ließ darauf schließen, dass er mir nicht so recht glaubte. „Okay, und ich bin schrecklich müde.“, lenkte ich ein. „Ich auch.“, erwiderte er.
„Du darfst nicht einschlafen.“
„Du aber auch nicht.“
Und so saßen wir schweigend und in Gedanken versunken am Tisch, bis die Uhr endlich zwölf Uhr schlug. Nur noch drei Stunden, dachte ich mir. Das hällst du noch aus.
Und strafte mich eine Sekunde später, als ich merkte, wie mir die Augen erneut zufielen.
„Erzähl mir etwas über deine Kindheit.“, forderte ich Leandro auf. Er zögerte, bevor er begann: „Es ist lange her, aber ich erinnere mich, als wär es erst gestern gewesen...“ ... „Es war zu jener Zeit, an der mein Dad noch lebte. Es war kalt, wirklich bitterkalt. Die Huskys haben gezittert wie Espenlaub und die sind Kälte und Schnee sonst gewohnt.
Ich war mit meinem Vater zum Fischen hinaus gefahren, der Schnee hatte uns einige Tage in unseren Häusern eingesperrt und unsere Lebensmittelvorräte wurden knapp.“ Er holte tief Luft und fuhr fort: „Wir mussten weit fahren. Länger als drei Stunden waren wir unterwegs, denn die Kälte hatte selbst die kühnsten Fische in den wärmeren Süden gezwungen.
Dann endlich stießen wir auf Frischeis. Mein Vater prüfte das Eis mit einem Stock und es war dick genug, um darauf zu laufen. Mit Meißeln und Angeln liefen wir einige Meter aufs Eis und begannen Löcher in den steinharten Boden zu schlagen, um das Wasser freizulegen und ein Angelloch zu schaffen. Das Problem merkten wir erst später...“
„Und? Was war das Problem?“, fragte ich gebannt. Mit ruhiger Stimme fuhr er fort. „Wir klopften und klopften, aber wir erreichten das Wasser nicht. Es war alles festgefroren. Metertief ins das Meer hatte sich die Kälte gefressen.
Aber mein Vater wollte nicht aufgeben. Das Essen war lebensnotwendig.
Mit einer unglaublichen Schnelligkeit zogen plötzlich Wolken herbei und kündigten einen Schneesturm an.
Da endlich- stieß mein Vater auf Fische. Sie waren alle im Eis festgefroren. Gefangene ihres eigenen Elements. Und er begann sie herauszuschlagen. Einen nach dem Anderen. Der Wind wurde stärker und ich unruhig. Ich war damals neun und hatte schreckliche Angst. Ich zog ihn am Ärmel und weinte, aber er hörte nicht. Er war wie besessen.
Dann fielen die ersten Flocken und heftige Böhen rissen an unseren Mänteln.
Nun endlich schien mein Dad die Gefahr zu erkennen. Doch es war zu spät- wir konnten nicht mehr zurück, der Sturm war zu stark.“ Seine Augen blickten ins Leere, wie aus großer Ferne. „Ich half meinem Vater die zu Eisklötzen gefrorenen Fische zu stapeln und wir bauten ein Igloo. Zusammen verkrochen wir uns darinnen, als der Sturm richtig anfing. Er heulte und riss an unserem Häuschen, aber es hielt stand.
Mein Vater zwang mich zum Wachbleiben. Das Einschlafen und anschließende Einfrieren konnte uns den Tod bedeuten. Ganze zwei Tage verharrten wir im Igloo, bis der Sturm sich legte. Dann flüchteten wir- verhungert, verfroren und kaum mehr am Leben. Als meine Mutter uns sah fing sie an zu weinen und umarmte uns und betete. Sie hatte nicht daran geglaubt, dass wir zurückkehren würden.“
Er endete und sein Blick kehrte langsam wieder in die Gegenheit zurück.
„Das war eine sehr schöne Geschichte.“, flüsterte ich bewegt. „Nein.“, antwortete er. „Die Geschichte ist grausam. Ich habe bis heute Angst vor Schneestürmen.“
„Ich habe Angst vor Spinnen.“
Er lachte. „Habt ihr Mädchen das nicht alle?“ Ich rümpfte die Nase. „Viele.“
„Alle.“
„Fast alle.“
Als wir die Imbissbude verließen war zwei Uhr durch; in einer Stunde würde der Zug abfahren.
Der Bahnsteig hatte sich erheblich geleert. Nur hier und dort klang noch Lachen oder Wortgefechte zu mir rüber. Ich hatte mich mit Leandro auf unsere Taschen gesetzt. Nicht sehr bequem, aber die originelle Alternative zu den Kaugummi und Zigarettenasche beschmierten Sitzen in den Wartehäuschen. „Bekomme ich die Karten mal?“ Er gab sie mir. Wir mussten in Wagon 17 einsteigen, Kabine 6. Ich hoffte nur, wir würden die Kabine für uns haben, aber meinem Glück nach zu urteilen würde das ohnehin nicht der Fall sein. In diesem Moment hörte ich jemanden Rufen: „Da kommt er. Der Zug kommt an.“
Ich blickte erstaunt auf, als das schwarze Ungetüm mit kreischenden Rädern in den Bahnhof einfuhr. Einen Moment blendeten mich die hellen Lichter, dann war es wieder dunkel. Von allen Seiten begannen die Menschen auf den Zug zuzuströmen. Aus den Lautsprechern an den Haltestellen ertönte mit scharfer Stimme: „Bitte drängen sie nicht ... Halten sie Abstand von der Bahnkante.“
Der Bahnsteig hatte sich in ein helles Gewirr verwandelt. Ich staunte. „So viele Menschen passen in einen Zug?“ „Kaum vorstellbar, nicht?“, erwiderte Leandro und dirigierte mich sicher durch die Menschenmenge.
Ich hielt meine Tasche fest umklammert, während um mich stürmisch Familien und Einwanderer den Weg ins Innere des Zugs suchen.
Der Qualm des Zuges ließ mich husten.
„Komm schon.“, zerrte mich Leandro durch die Menge auf die Tür zu und hielt dabei meine Handfest umschlossen. Ich erhielt einen schmerzhaften Stoß gegen die Schulter, der mir fast meine Tasche aus der Hand prellte. Auch er hatte schwer zu tragen, mit unseren beider Reisetaschen auf dem Rücken. Endlich erreichten wir die Zugtür.
„Los, hoch in den Wagen!“, rief mir Leandro zu, dessen Kopf in diesem Moment im Zug verschwand. Ich folgte ihm durch das Gewirr und stolperte mehrmals an der Einstieghilfe, bis ich im Zug stand. Wir hatten Glück, Wagon sechs war nicht weit entfernt. Als Leandro die Tür aufstieß, fanden wir den Wagon leer vor. Etwas durchschwitzt warfen wir unsere Taschen in den Wagon und ließen uns auf die Sitze sinken.