Leandro & Nanni, Bis zu den Sternen

Anna K. · Kapitel 25 von 35

PDF-Seiten

Leandro & Nanni, Bis zu den Sternen

Nervenkitzel

 

 

Nanni

Für eine Millisekunde hing ich in der Luft, dann stürzte ich. Meine Hände berührten im Flug das Balkongelände und griffen danach, aber sie rutschten am glatten Geländer ab. Hysterisch schrie ich, als ich fiel.

Dann, plötzlich schloss sich eine warme Hand um meine und ein Ruck schoss durch meinen Körper. „Ich hab dich. Lass nicht los.“, rief Leandro und biss die Zähne zusammen. Ich wollte nicken, aber in meiner Panik konnte ich mich kaum mehr bewegen.

Seine Stimmer holte mich zurück: „Nanni, gib mir deine andere Hand!“

Ich reichte ihm die Hand und er griff danach. „Versuch nicht zu zappeln.“, befohl er mir und zog mich langsam über das Geländer.

Als ich auf den Balkon plumpste, wich alle Kraft von mir. Auch Leandro sackte erschöpft zusammen. Meine Hände zitterten wie Espenlaub.

Ich fing an zu wimmern und er zog mich an sich. Leise flüsterte er mir zu: „Es ist alles gut. Es ist vorbei.“ Ich nickte und an ihn gedrängt, kehrte die Wärme zurück.

„Gehen wir rein?“, fragte er.

Ich nickte.

Nachdem der erste Schreck gewichen war, war ich wieder fähig zu sprechen. „Nie mehr.“, flüsterte ich. „Nie mehr in meinem Leben.“ Dann verabschiedete ich Leandro, der noch unsere Taschen für den Aufbruch morgen Abend packen musste. „Du solltest heute früh schlafen gehen.“, sagte er, als er durch die Tür ging.

„Früh? Wir haben elf Uhr durch! Sei leise auf dem Flur, damit dich niemand hört!“

Dann ging er und ich war wieder alleine. Ich beschloss vor dem Schlafengehen noch einen kurzen Brief an Lena zu schreiben.

Liebe Lena,

Ich hoffe, du hast dich mittlerweile ein wenig eingelebt in deinem neuen Zuhause.

Du fehlst mir sehr und ohne dich ist es hier nur halb so lustig. Ich verbringe den Großteil meines Tages mit Leandro, in der Schule oder im Café.

Ich habe beschlossen mit Leandro nach Alaska zu gehen. Ich hatte es dir nicht vorher sagen wollen, du hättest dir nur Sorgen gemacht. Aber sei unbesorgt, mir geht es gut.

Wir werden morgen Abend aufbrechen und haben schon alles vorbereitet.

Wenn wir uns irgendwann noch einmal sehen sollten, dann werde ich dir die ganze Geschichte erzählen.

Du brauchst mir also für geraume Zeit keine Briefe mehr schreiben; ich werde dir aus Alaska meine neue Adresse schicken.

Ich hab dich lieb.

Nanni

Dann faltete ich den Brief ordentlich zusammen und steckte ihn in einen Briefumschlag.

Ich würde ihn morgen Abend am Bahnhof in den Briefkasten werfen. Ich dachte an Jacob und an die Dinge, die er mir aus Alaska geschrieben hatte.

Warum hatte er mir so lange nicht geschrieben? Vielleicht war er das Schreiben müde geworden oder- daran wollte ich gar nicht erst denken- er lebte nicht mehr.

Die Überlebenschancen dort und die Überlebenschancen hier trennten Welten.

Ich würde meine Zeit brauchen um mich an die neuen Gefahren zu gewöhnen.

Wilde Tiere, giftige Schlangen, Erdbeben, Eisspalten und wahrscheinlich eine Menge anderer Dinge von denen ich noch nie etwas gehört hatte.

Mein zusammengespartes Geld lag ebenfalls in einem Briefumschlag, gut getarnt mit Briefmarke und erfundener Adresse, damit auch bloß keiner auf die Idee kam, ihn mir zu stehlen. Ich hatte ihn mir in meine Jacke gesteckt, die ich morgen Abend anziehen würde, zusammen mit meinem Taschenmesser, einem Stift und einem Blatt Papier, einer Flasche Pfefferspray und meiner Wimperntusche.

Um Leandros Ratschlag Folge zu leisten, ging ich ins Badezimmer, putze mir die Zähne und zog mir meinen Schlafanzug an. Ich schlief schnell ein; das nächtliche Manöver hatte mich müde gemacht.