Leandro & Nanni, Bis zu den Sternen
Ein Baby ohne Hoffnung
Nanni
Es waren zwei Stunden mit purer Langeweile vergangen. Dass er draußen angefangen hatte zu regnen, hob meine Laune auch nicht unbedingt.
Die dicken Tropfen beschrieben Muster auf den Scheiben, bevor sie sich vereinten und in einem stetigen Fluss an der Seite der Scheibe hinabliefen.
Plötzlich ertönte ein Klopfen an der Tür, das sowohl mich als auch Leandro aus den Gedanken aufschrecken ließ. „Ja?“, fragte ich unsicher, als der Schatten vor unserer Tür stehen blieb.
Die Tür öffnete sich einen Spalt, dann guckte ein Mann mit besorgtem Gesichtsaudruck hinein. „Es tut mir leid.“, begann er und stoppte um Luft zu holen.
„Meine Frau liegt vorzeitig in den Wehen. Ich wollte nach Schmerzmittel fragen. Sie haben keinen Arzt an Bord und es ist dringend.“
Ich warf Leandro einen vorsichtigen Blick zu. Eigentlich hatten wir uns die Medikamente sorgfältig für die Reise ausgewählt. Er nickte ein wenig betreten. „Wenn es dringend ist.“ Die Erleichterung war dem Vater sichtlich anzusehen. „Vielen Dank.“, sagte er und drückte mir kurzerhand den Arm. „Ich bin Tonder. Unser Wagon ist Nummer acht im Abteil, also direkt nebenan!“ Ich nickte erfreut. „Wir bringen die Medikamente gleich vorbei. Wir beeilen uns.“
Der Mann verschwand mit dem Klicken der Tür und hinterließ Stille. Leandro räusperte sich. „Nun ja, dann suche ich mal nach unserem Schmerzmittel.“
Etwas klang in seiner Stimmer, das ich bisher nie gehört hatte. Etwas Unbekanntes. War es Unsicherheit? Seine nächsten Worte verklangen, als hätte er mit sich selbst gesprochen. „Hoffentlich kommt das Kind gesund zur Welt.“
Ich tat, als hätte ich seine Worte nicht gehört, aber innerlich war ich verdammt glücklich, dass er sich fremden Menschen so hilfsbereit zeigte.
„Hier.“, sagte er und reichte mir eine Packung Aspirin, ein beruhigendes Tonikum und Fiebermittel.
Er nickte Richtung Tür. „Ich glaube, du gehst dann mal lieber.“, und lächelte gutmütig.
„Willst du nicht mitkommen?“
Zögerliches Kopfschütteln. „Ich glaube, für sowas bin ich nicht der Richtige.“
Ich sah ihn verdrossen an. „Ganz sicher nicht?“ „Nein.“, antwortete er. „Ganz sicher nicht.“ Ich akzeptierte seine Antwort und nahm die Medikamente an, die er mir entgegenstreckte.
Dann verließ ich unseren Wagon und mit ein wenig Herzklopfen schob ich die Tür zu Wagon acht auf.
Mit Erleichterung erkannte ich Tonder, der neben seiner Frau saß. Er schien eine Art Lager aus Koffern und Reisedecken auf dem Fußboden ausgebreitet zu haben, um seiner Frau eine gemütlichere Liegeposition zu ermöglichen.
Die Frau, die auf dem Deckenlager lag, war bereits schweißgebadet und hielt sich krampfhaft den Bauch, über den sie eine braune Decke ausgebreitet hatte.
Als Tonder mich entdeckte, bedachte mich mit einem besorgten Blick und nahm die Medikamente, die ich ihm gab. „Sie sieht nicht sehr gut aus, was?“, fragte er mich.
Der am Boden liegenden Frau klebten die dunkelblonden Haare im Gesicht. Die Augen fest zugekniffen hielt sie Tonders Hand fest umklammert. „Kannst du mir die Flasche Wasser und den Becher geben?“, bat Tonder mich und deutete auf die Sitzbank. Ich griff nach der Flasche, füllte einen halben Becher ab und reichte ihn ihm.
Ich hörte ihn „Die Schmerzen sind gleich vorbei.“ murmeln, bevor er seiner Frau vorsichtig zwei Schmerztabletten zwischen die Lippen schob und ihren Kopf stützte, damit sie trinken konnte. Das Wasser, das in einem Rinnsal an der Seite ihrer Lippen heraus rann bemerkte er gar nicht.
Unvermittelt fragte er mich: „Wie wendet man das Tonikum an?“ „Ich glaube, man inhaliert es.“, antwortete ich vorsichtig. „Wärst du so lieb, heißes Wasser zu holen?“ „Ja, mache ich.“
„Gut. Beeile dich bitte.“
Ich eilte aus der Tür und wäre fast mit einer alten Dame zusammengestoßen.
„Pass doch auf!“, fauchte sie, als ich sie hektisch fast umrannte. Ich stieß ein gehetztes „Tschuldigung“ aus und rannte den Gang entlang.
Leandro hatte mir erzählt, der Kiosk würde am Ende des elften Wagons liegen.
Ich folgte den Nummernschildern bis zu Wagon elf, wo ich wirklich den Kiosk vorfand.
Er sah kaum brauchbar und ziemlich heruntergekommen aus, aber für weitere Betrachtungen hatte ich keine Zeit. „Können sie mir heißes Wasser geben?“, sprudelte ich hervor, als ich vor die Theke platzte.
Hinter dem Tresen stand eine alte Frau, weiße Haare mit geblümter Bluse. Von der hatte Leandro mir auch erzählt. „Jetzt hol erst mal ganz tief Luft, Kleine und dann erzähl mir warum du heißes Wasser brauchst.“, erwiderte die Alte in Selensruhe. Am liebsten wäre ich explodiert. Aber ich biss die Zähne zusammen und betonte jedes einzelne Wort: „Meine Freundin liegt in den Wehen und ich brauche heißes Wasser.“
Okay, das mit der Freundin war gelogen, aber sicherlich hilfreich. Wortlos wandte sich die Frau um und setzte den Topf auf die Gasplatte. „Es könnte einen Moment dauern, bis das Wasser heiß ist.“
Ich nickte und lehnte mich an die Theke. Ich dampfte innerlich förmlich und meine Ponyhaare klebten ein wenig wirr auf meiner Stirn.
Entschlossen strich ich mir das Gefusel aus der Stirn. „Sind die Wehen schon stark?“
Unvermittelt fuhr ich auf und starrte perplex die Blümchen-Lady an, die den Gasregler hochregelte. „ Ähm, wie bitte?“
Tiefe Furchen gruben sich in ihre Stirn. „Ob die Wehen stark sind?“ „Nun ja.“, stotterte ich. „Ich glaube schon.“ Nickend wandte sich die Lady wieder ihrem Topf zu, indem mittlerweile ordentliches Sprudeln zu hören war. Dann stellte sie den Gasregler ab und nahm vorsichtig den Topf vom Herd. „Ich werde sie mir anschauen.“, sagte sie unverdrossen. Mein verwirrter Blick ließ sie aufstöhnen. „Die Frau. Ich habe schon oft Frauen in den Wehen erlebt und wenn Hilfe zu spät kommt, endet es tödlich.“ Ihr messerscharfer Blick bohrte sich in meinen Augen. Ich willigte ein. – Wahrscheinlich war Tonders Frau dankbar über jede Hilfe, die sie bekommen konnte.
„Ich heiße übrigens Dorys.“
„Ich bin Nanni.“
In stillem Einverständnis führte ich sie zu Tonders Wagon. Vielleicht war sie für eine alte grummelige Lady ja doch ganz in Ordnung.
Als ich die Tür zu Tonders Wagon öffnete, flog mir als erstes der extreme Geruch nach Schweiß entgegen. Ein wenig angewidert ließ ich die Tür offen stehen, damit ein wenig
Frischluft in den Wagon dringen konnte.
Tonders Frau sah schlimmer aus, als vor einer halben Stunde. „Da bist du ja endlich.“, begrüßte er mich unegduldig. Dann bemerkte er auch Dorys, die in der Tür stand. „Tonder, das ist Dorys. Sie hat Erfahrung mit Geburten:“, klärte ich ihn auf.
„Dem Himmel sei Dank.“, stammelte er erleichtert auf und führte Dorys zu der verschwitzten jungen Frau.
Ihr Anblick erfüllte mich mit Unbehagen. Ich setzte mich vorsichtig in den Eingang des Wagons, als Dorys systematisch begann, Tonders Frau abzutasten und sich nach deren Befinden zu erkundigen. Allerdings schien ihr Blick nichts Gutes zu sagen. „Was ist mit ihr los?“, fragte Tonder gepresst. Sie fuhr sich mit der Hand über die Bluse und schüttelte den Kopf. „Ich fürchte, das Kind liegt in der falschen Lage. Also mit dem Kopf nach oben.“ Sie stoppte und holte tief Luft. „Es tut mir leid, ihnen sagen zu müssen, dass ihre Chancen gering sind.“ Tonders Blick ging ins Leere während er krampfhaft die Hand seiner Frau hielt. „ Halte durch Lucy. Sei stark.“
Doch seine Worte schienen ohne jegliche Hoffnung. Auch mir rann bei Dorys Worten ein kalter Schauer den Rücken hinunter. Dorys würde sterben. Und das Baby mit ihr.