Leandro & Nanni, Bis zu den Sternen

Anna K. · Kapitel 34 von 35

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Leandro & Nanni, Bis zu den Sternen

Stromausfall

 

 

Ich saß auf der Bordsteinkante mit Collegeblock auf dem Schoß. Der Zug würde in einer Stunde kommen und ich wollte Lena noch schnell einen Brief über die aktuellen Ereignisse schreiben. Leandro hatte sich die Zeit genommen, mit Chuppine einen längeren Spaziergang zu machen.

( Hatte mir aber ausdrücklich versprochen, wieder rechtzeitig zurück zu sein!)

Ich nahm meinen Füller zur Hand und begann zu schreiben:

 

Liebe Lena,

mein Brief kommt aus Washington.

Genau dort befinde ich mich nämlich im Moment. In der Obhut von Mr. Obercool Leandro.

Du kannst mir glauben, dass ich das Reisen schon jetzt satt bin, wo wir doch erst eine Woche unterwegs sind! Aber ich will nicht meckern, immerhin habe ich mir mein Schicksal ja ausgesucht.

Und ansonsten ist es im Zug recht komfortabel. (Wenn wir nicht gerade in Toilettenhäuschen schlafen).

Wir haben viele nette Leute getroffen und ich war bei einer echten Geburt dabei. (Das Baby ist ein kleines Mädchen und heißt Luna. Sie ist zuckersüß!)

Ansonsten freue ich mich riesig auf Alaska und hoffe, dass wir gut durchkommen.

Unter diesen Umständen wären wir nämlich schon Mitte nächster Woche in Willow!

Ich hoffe, dir geht es gut. Ich würde dir gerne tausend Fragen stellen, aber ich weiß, ich würde keine einzige Antwort erhalten. Deshalb schreibe ich dir nur, wie sehr ich dich lieb habe und an dich denke!

In Liebe Nanni

Ps: Der Himmel über Kanada ist viel schöner als in Amerika!

 

Als der Zug endlich in den Bahnhof einfuhr und von Leandro immer noch nichts zu sehen war, begann ich unruhig zu werden. Der Zug würde nur etwa eine halbe Stunde Pause machen, bevor die Türen sich öffnen und wir einsteigen würden. Ich warf einen Blick nach rechts und nach links, um sich zu vergewissern, aber weder der Hund noch sein Herrchen schienen in Reichweite zu sein.

Ich seufzte theatralisch.

Immer musste ich mir Sorgen machen!

Leandros Gepäck lag neben dem Meinen an der Bordsteinkante. (Und sah verdammt so aus, als wäre es bereits festgefroren!) Ich rieb mir derweil frierend die Hände; denn auch wenn es aufgehört hatte zu schneien, so was es doch bitterkalt. Da wärmten auch die vielen Lichter und Tannenbäume am Bahnhof wenig.

Als mir plötzlich Leandro auf die Schulter tippte, fuhr ich erschrocken herum.

„Oh, wieder da?“, fragte ich.

„Hast du mich vermisst?“ Er lächelte das erste Mal an diesem Tag. Ich lächelte ein wenig verlegen zurück. „Nun ja... vielleicht ein bisschen.“

Sein Lächeln vertiefte sich.

„Wir müssen die Taschen zum Zug bringen!“; beeilte ich mich zu sagen, bevor ich vollständig den Verstand verlor. „Stimmt ja.“, grinste er und schnappte sich die zwei Reisetaschen, während ich nur meine Handtasche trug. Der Bahnhof wurde voller, je näher wir der Abfahrt rückten. Washington war nicht gerade für seine kleine Größe bekannt und scheinbar war Alaska ein beliebtes Reiseziel. „In welchem Wagon sind wir denn?“, erkundigte ich mich. „dreiundzwanzig.“

Ich schaute Richtung Gleis, wo unser Reisemittel dampfend und wartend stand. „Also einer der Abteile hinten.“, mutmaßte ich. In diesem Moment erklang ein langer pfeifender Ton. Ich hielt mir erschrocken die Hände vor die Ohren.

Die Türen des Zuges öffneten sich und gaben den Blick in ein dunkles Inneres frei.

Als Leandro und Ich von den Massen hinein geschoben worden, waren wir einige der ersten Leute überhaupt. „Ich hab ihn!“, rief Leandro und zog mich am Handgelenk hinter sich her, den linken dunklen Gang entlang.

Ich fluchte, als ich über den Träger meiner Handtasche stolperte. „Stromausfall oder was?“

Ein wenig unsanft wurde ich weitergerissen, bis Leandro schließlich stehen blieb und die Tür zu Wagon 23 öffnete. Auch hier keine Anzeichen von Licht. ( Ein Vampirtrack?!) Im inneren angelangt warf ich die Tasche in die Ecke und ließ mich auf den Sitz plumpsen.

„Das ging schnell!“, keuchte er und ließ sich neben mich sinken. „Oh ja.“

„Ganz schön dunkel hier!“ Mit der Hand fuhr er durch die Luft und stoppte vor meinem Gesicht. „Buh!“

Ich lachte leise. „Ich fühle mich fast wie ein Geist.“ Naja, oder wie ein Vampir.

Durch die Wagontür drangen immer noch die lauten Stimmen, von den Leuten, die nicht schnell genug in den Zug kommen konnten. Ich ließ meinen Blick durch unseren Wagon streifen. Er war klein und orange gestrichen. (Zumindest glaubte ich das!) Nicht so groß, wie unser Letzter, aber er war gepflegt und die Wandfarbe schien noch frisch zu sein.

„Hast du Hunger?“, fragte Leandro und hielt mir einen Proteinrigel vor die Nase.

Ich beäugte das blau verpackte Teil kritisch. Sonderlich appetutanregend sah es ja nicht aus.

„Nein, lass mal. Ich bin nicht hungrig.“, antwortete ich deshalb. Er zuckte mit den Schultern und steckte seinen Eigenen auch wieder in die Tasche.

Mit dem Rücken gegen das harte Sitzpolster gelehnt, blickte ich ihn an.

„Willst du Chuppie Nichts geben?“

„Sie hatte beim Spaziergang erst etwas.“

„Wir mussten für sie gar kein Ticket kaufen.“ Ei nachdenklicher Blick. „Stimmt.“, antwortete er. Mit den Fingern strich er gedankenverloren über meine Wange. „Du wirkst in der Dunkelheit richtig geheimnisvoll.“ Er grinste schief. „Du solltest Vampir werden. Soll ich dich beißen?“ Mein entgeisteter Blick traf ihn. „Du hast mich nicht gerade gefragt, ob du mich beißen darfst?! Also, ich meine gleich nachdem du gesagt hast, ich bin hässlich.“

„Kein Wort davon, dass du hässlich bist, habe ich gesagt!“, protestierte er.

„ ‚ in der Dunkelheit so geheimnisvoll’“, imitierte ich und unterstrich seine Stimme mit einer ungelenken Handbewegung. Er warf mir einen unschuldigen Blick zu. „ Die Dunkelheit unterstreicht deine Schönheit nur noch.“

Ich nahm seine Hand von meiner Wange. „Leandro, du weißt, dass du ein Arsch bist?“

„Bin ich?“

„Zu hundert Prozent!“

Er sah beleidigt aus, wahrscheinlich hatte ich seinem Ego gerade einen gewaltigen Kratzer versetzt.

„Ich habe innere Schönheit.“

Ich verdrehte die Augen. Wenn Jungs versuchten, auf romantisch zu machen, kamen immer so schrecklich uncoole Sachen heraus. „Oh bitte!“, stöhnte ich und schlug mir mit der Hand vor die Stirn. „Wenn du innere Schönheit hast, bin ich ab heute eine Brünette.“ „Ihhhh“, rief er.

„Genau!“, erwiderte ich. „IHHH!!!“

 

Als Leandro nach einem längeren Telefongespräch mit seinem Bruder wieder hereinkam, wirkte er ernst und angespannt. „Schlechte Neuigkeiten?“, hakte ich vorsichtig nach. Er schüttelte den Kopf. „Pablo sagt nur...“, und zögerte. „Er sagt, dass ich nur noch drei Wochen habe.

Zweifel begannen an mir zu nagen. „Aber du hattest doch gesagt, wir wären rechtzeitig zurück.“

Er antwortete nicht, sondern streckte wieder die Hand nach mir aus und wickelte konzentriert eine meiner Haarsträhnen um seinen Finger.

Schließlich antwortete er: „Ich hoffe schon. Allerdings... haben sie im Wetterbericht starke Schneestürme angesagt.“ Ein nervöser Blick zum mir. „Ich will dir ehrlich keine Angst machen, Nanni, aber... es könnte knapp werden.“

Leandro betrachtete mich abwartend.

„Es macht mir keine Angst. Es sollte dir Angst machen.“ „Ja.“, gab er zu. „Es macht mir Angst. Unsere Zeit ist zu kurz und meine Mutter in Gefahr.“

Lange sagte er nichts mehr. Wickelte nur wieder und wieder meine Haare um seine Finger.

Sein Blick irrte durch den Raum. Suchend nach einer Antwort, die er nicht kannte.

„Sie haben ihm einen Deal vorgeschlagen.“ „Und das bedeutet...?“

Leandro wandte sich von mir ab und ließ die Hand sinken. „Sie entlassen Mum, wenn er der Gang beitritt, aber“, unterbrach er. „Pablo hat noch nicht zugestimmt.“

Ich nickte schweigend, nicht wissend, was ich zu seinen Worten sagen sollte.

Du tust mir leid. oder Es wird alles wieder gut. schienen mir die falsche Wortwahl zu sein.

Denn es war schlichtweghin die einfache Wahrheit: Ich hatte keinen Funken Ahnung, mit solch ‚Unseriösen’ Problemen umzugehen, geschweige denn sie zu beseitigen.

„Pablo wird erst annehmen, wenn wir zu spät kommen.“, unterbrach Leandro das Schweigen.

Für einen Augenblick war ich außer Konzept gebracht. „Das hört sich stark danach an, als hättest du böse Vorahnungen.“ „Habe ich ja auch.“

Sein bitterer Blick blieb an der Wand uns gegenüber hängen. „Du weißt ja nicht, was Schneestürme in Alaska bedeuten.“ Unruhig strich er sich die schwarzen Haare aus dem Gesicht und stand auf. „Du hast mir die Geschichte mit deinem Vater beim Schneesturm erzählt.“, warf ich ein.

„Und das ist nur ein Teil davon, was ein Sturm bedeuten kann.“ Durch den Raum tigernd strich er mit den Fingern die orangene Farbe nach (von der ich vermutete, dass sie orange war) und räusperte sich. „Mein bester Freund ist damals in einem Schneesturm ums Leben gekommen. Er war jagen und ist nicht rechtzeitig zurückgekehrt.“

„Oh.“, entgegnete ich und setzte eine schuldbewusste Miene auf. „Das tut mir leid für dich.“

Seine grünen Augen streiften mich.

„Wir lernen von klein auf, ums Leben zu kämpfen. Wir kennen die Gesetzte der Natur. Und wenn wir uns nicht danach richten... passiert genau so etwas.“

„Ihr sterbt.“

„Genau.“

Seine Wahrheit war hart. Aber ich war dankbar für seine Offenheit. Ich würde mir ein Bild von meiner baldigen Zukunft machen müssen. Und zugegebenermaßen: Die sah zur Zeit nicht besonders blumig aus.

„Bringst du mir das Jagen bei?“

Ein seichtes Lächeln erhellte seinen Blick. „Sobald wir in Alaska sind.“

„Ist es schwer?“

„Nein, nur der Schmerz, den man anfangs spürt, wenn man das Tier erlegt hat.“

Ich nickte nachdenklich. „Vielleicht werde ich Vegetarier....“ Leandro machte große Augen und rieb dich genüsslich den Bauch. „Mhh.. Jam, Brokkoli!“

Ich grinste. Der Brokkoli konnte mir gerne sterben gehen. Bäh, wenn ich schon daran dachte. Ich schauderte.

„Du magst keinen Brokkoli?“, sagte Leandro, der meinen Gesichtsausdruck bemerkt hatte.

„Kommt nicht in meine Reichweite.“, sagte ich. Damit war das Thema geklärt. War auch nicht so, dass uns auf die eine oder andere Weise langweilig geworden wäre...

Meine Stiefel knirschten im Schnee, als ich den gepflasterten Weg in die Innenstadt entlang strich. Die Läden waren von frischem Eistau bedeckt und funkelten in der warmen Mittagssonne. Es hatte bereits vor zwei Stunden aufgehört zu schneien und den Himmel betrachtend... sah es auch nicht so aus, als würde der Schnee noch lange liegenbleiben.

Der Zug hatte uns mindestens eine Stunde Pause versprochen und Leandro und Ich hatten beschlossen, die Innenstadt zu erkunden. Wir hatten uns an der alten Kirche getrennt, weil er keine Lust gehabt hatte, mit mir durch die Stadt zu bummeln. So ganz genau, wusste ich auch nicht, was ich machen sollte. Geld hatte ich kaum oder zu wenig um mir etwas Nettes leisten zu können.

Ich seufzte bei dem Gedanken daran.

Gerne hätte ich mir jetzt etwas gegönnt. Gerade jetzt an meinem siebzehnten Geburtstag.

Letztes Jahr waren Lena und ich abends durch die Stadt gezogen. Ohne Einwilligung von Bella und erst um zwei Uhr nachts wiedergekommen.

Wir hatten draußen übernachten müssen. Halb verfroren hatte uns Bella morgens ins Haus geholt.

Die Erkältung, die ich mir eingefangen hatte ging erst nach zwei Monaten wieder weg und Lena lag mit einer Lungenentzündung ebenfalls flach.

Trotzdem breitete sich ein leichtes Grinsen auf meinem Gesicht aus. Lena und Ich waren Gesprächsthema Nummer Eins gewesen und Bella...

Nun ja, die überwachte das nächste halbe Jahr die Eingangstür wie ein Schlosshund, wenn wir das Haus abends verließen. Als ich jetzt den Geruch von gebrannten Mandeln roch, lief mir das Wasser im Mund zusammen.

Würde ich nicht doch eine kleine Tüte kaufen können? Am Stand bestellte ich mir schließlich doch Eine. (Mein Gott, ich hatte Geburtstag, ich durfte das!)

An unser Geld dachte ich dabei lieber nicht. Aber die Provision, die wir von Dorys erhalten hatten, hielten uns gut über Wasser.

Genüsslich ließ ich die karamellisierte Mandel auf meiner Zunge zergehen. Herrlich!

Dann aber steckte ich die Braune Tüte zurück in meine Tasche. Ich würde mein kostbares Gut heute Abend mit Leandro verspeisen. Ein Blick auf die Kirchturmuhr, wies mich diskret auf meinen Aufbruch hin.

Der Zug würde in zwanzig Minuten abfahren. Ich machte mich auf den Weg.

Unser Wagon war schon erleuchtet, als ich den Flur zu unserem Abteil entlang schlenderte.

(Nanu? Ein Stromeinfall?!)

Leandro saß, Chuppie auf dem Schoß auf der Sitzbank und schien so vertieft in sein Buch, dass er mich nicht hörte, als ich die Wagontür aufschob.

Ich tippte ihm unauffällig auf die Schulter. Mit einem erschrockenem Ruck fuhr er auf und zog im selben Moment ein Messer aus seiner Manteltasche, das er mir gegen die Brust hielt. Ich erschrak und stolperte einen Schritt rückwärts. Erst eine Sekunde später warf er einen Blick zu mir herauf. Als er mich sah, senkte er das Messer.

„Kannst du nicht anklopfen?“, murrte er.

Mein erschrockener Verstand schien noch nicht wieder in Vollfunktion zu sein.

Ich nickte. Mein trockener Mund war unfähig zu sprechen. „Arw...“, stammelte ich, bemüht meine Stimme wieder zu bekommen. „Alles okay?“, fragte er mich mit hochgezogenen Augenbrauen. Ob alles okay war??? „Du hast mich gerade fast erstochen!“, schrie ich ihn an.

Unwillkürlich zuckte er zurück. „Tschuldigung, ich wusste nicht, dass du es bist.“

„Wer denn sonst?!“, rief ich aufgebracht. Er rang hilflos mit den Händen. „Es war doch keine Absicht. Aber wenn es wirklich jemand anderes gewesen wäre...“ Seine grünen Augen suchten Meine.

Ich blickte weg. „Dir ist klar, dass eigentlich keine Leute in bewohnte Wagons steigen, um dich zu kidnappen, oder“?

„Ich war einfach erschrocken.“

„Deine Nerven spielen wohl zurzeit ein wenig verrückt?“ Er nickte zustimmend. „Ich bin immer ein wenig auf Spannung.“ „Und ob!“ Aber ich ließ das Thema fallen. Er hatte nur vorsichtig sein wollen.

„Ich hab uns gebrannte Mandeln gekauft.“, sagte ich stattdessen. Er fuhr sich erleichtert durch die Haare und grinste. „Für mich?“ „Für uns Beide.“

„Oh.“ Er lugte neugierig auf meine Tasche. Ich schob sein Gesicht beiseite und zog die braune Tüte hervor. Gierig griff er danach und schaufelte sich gleich fünf Mandeln in den Mund. Ich zog ihm die Tüte aus der Hand. „Nicht, dass du erstickst.“ Er kaute genüsslich und schien mit sich und der Welt vollkommen zufrieden.

Ich nahm mir ebenfalls eine Mandel und schloss genießerisch die Augen.

„Achso, herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!“, sagte Leandro plötzlich.

„Was?“, machte ich und verschluckte vor Schreck meine Mandel. Ich hustete und er klopfte mir auf den Rücken. „Woher weißt du das?“ Er grinste und zog ein kleines rosa verpacktes Päckchen hinter seinem Rücken hervor. „Lena hat es mir gesagt.“ Ich betrachtete gerührt das kleine niedliche Paket. „Dankeschön!“, flüsterte ich.

Er hob verlegen die Schultern. „Keine Ursache. Ich hoffe es gefällt dir.“

Das silberne kleine Armband war perfekt. Am Verschluss baumelte ein kleines silbernes Herzchen. „Es ist wunderschön.“ Ich öffnete das kleine Kettchen und legte es mir ums Handgelenk. Es passte wie angegossen. „Danke!“, sagte ich erneut und umarmte ihn heftig. Auf seine Wangen legte sich eine verräterische Röte. Wir verbrachten den Nachmittag mit Mandeln essen und quatschen über dies und jenes.

Auch war ein wenig aufgeregt: Schon morgen würden wir die Grenze zu Alaska erreichen und dann...

Als ich gerade abends vom Kiosk zurückkehrte, verkündeten die Lautsprecher eine halbstündige Pause.

„Und zieh dir etwas Schickes an.“, sagte Leandro, der mich soeben am Handgelenk in unseren Wagon gezogen hatte. Wir würden zur Feier des Tages etwas Trinken gehen.

Ich warf einen skeptischen Blick auf meine Anziehsachen-Auswahl. (Da konnte man sich ja kaum entscheiden!) Das Einzige, das mir halbwegs vernünftig erschien, war mir mein blaues Top.

Ich hielt es in die Höhe. „Kann ich das anziehen?“, und blickte Leandro fragend an.

Er warf mir ein schiefes Grinsen zu. „Wenn du erfrieren willst.“ „Was soll ich sonst anziehen?“

Ein nachdenklicher Blick. „Willst du meine schwarze Strickjacke darüber ziehen?“

Ich nickte dankbar. „Meine Sachen riechen alle wie schon zwei Wochen getragen. Waren sie ja eigentlich auch... Wir sollten dringend einen Waschsalon suchen.“, verbesserte ich. Leandro warf einen Blick in die milchige Scheibe der Wagontür. „Du siehst gut aus.“, beruhigte ich ihn.

Er setzte sich auf die Sitzbank und zog mich neben sich. „Wir halten erst in zehn Minuten.“

Ich blickte abwartend aus dem Fenster, an dem der Sternenhimmel vorbeirauschte.

Es war seltsam zu wissen, dass die Sterne überall gleich waren. Unabhängig davon, ob ich nun in Boston, in Alaska oder in der Wüste war.

Ich war auch unendlich erleichtert, dass wir nun endlich in nun mehr weniger als einem Tag den letzten Zug nach Willow nehmen würden. Insgeheim sehnte ich mich doch nach einem festen Zuhause und einem Ende des vielen Reisens.

Doch trotz aller Nörgelei musste ich zugeben, dass die Reise etwas Besonderes gewesen war.

Der schrille Piepton, der aus den Lautsprechern über unsere Tür kam, schreckte mich auf.

„Wir halten.“, bemerkte Leandro überflüssigerweise.

Ich hielt mich am Türgriff fest, als der Zug mit einem Ruck zum Stehen kam.

Dann zog mich Leandro am Handgelenk aus unserem Wagon. „Ey!“, empörte ich mich, als er mich zwischen einem alten Ehepaar hindurch zog.

Die Frau fluchte und ich murmelte hastig eine Entschuldigung. Erst draußen angekommen, ließ Leandro meine Hand wieder los. „Hast du’s eilig?“, schnauzte ich ihn an.

„Wir haben nur eine halbe Stunde.“ Er zwinkerte mir zu. „Ich hätte die Frau fast platt getrampelt!“

„Pfannekuchen.“

Ich kicherte unbeabsichtigt. „Du bist so...!“ „Ja?“ Amüsiert zog er die Augenbrauen hoch. „Wir gehen jetzt!“, bestimmte ich und zog ihn eilig vom Zug weg. Im Scheckentempo trottete er mir hinterher. „Na, kommst du jetzt?“ Was sollte diese Masche denn schon wieder?

Erst so eilig aus dem Zug, dass ich fast alte Leute umbringe und jetzt gemächlichen Schrittes Richtung Stadt? „Zur Stadt geht es links lang.“, sagte Leandro mit ruhiger Stimme. „Bitte?“, machte ich, diejenige, die uns die ganze Zeit die Straße rechts lang geführt hatte.

Erst jetzt bemerkte auch ich, wie die Läden hier immer weniger wurden.

„Links lang.“, kommandierte ich und vertraute darauf, dass die Dunkelheit meine Röte verstecken würde. „Du wirst rot.“, bemerkte er.

Ich sagte Nichts, ich nahm nur seine Hand. Denn das hier war mein Geburtstag, mein Tag.

Das Café, in dem wir saßen war voll besetzt. Von überall ertönte Stimmengewirr und Chuppie winselte ängstlich. Leandro strich ihr beruhigend über den Kopf. Eine dunkelhäutige Frau mit Schürze kam auf unseren Tisch zu. „Was kann ich ihnen bringen?“, fragte sie und musterte uns freundlich.

Leandro überlegte kurz und antwortete: „Zwei Radler.“

Kaum dass die Kellnerin verschwunden war, stieß ich ihm feste meinen Ellenbogen in die Rippen und zischte: „Du weißt genau, dass wir auf der Zugfahrt nichts trinken sollten!“ „Mensch, Nanni, das ist dein siebzehnter Geburtstag!“ Meinen empörten Protestschrei ignorierte er. Ich schien ihm wirklich egal zu sein.

„Und wenn ich heute Nacht vom Zug springe, weil ich besoffen bin, dann war es auch mein Letzter!“, entgegnete ich. „Nanni...“, sagte er entnervt. „Es ist doch nur ein Glas!“ „Du hast mich nicht gefragt!“ Lena wäre auf mein Fauchen richtig stolz gewesen.

Leandro verdrehte die Augen. „Es tut mir leid.“ In diesem Moment kam die Kellnerin mit unseren Gläsern wieder. Ohne ein Wort stellte sie das Tablett auf unserem Tisch ab und verschwand wieder.

„Also, stoßen wir an?“, fragte er mich.

Ich seufzte auf. „Ja, müssen wir ja wohl.“

Er lachte und blinzelte mich an. „Erst entführe ich dich und jetzt zwinge ich dich, zu trinken!“

Ich musste Lachen. „Du Gangster.“

Er hielt mir sein Glas entgegen und wir stießen an. Der Alkohol fühlte sich gut in meiner Kehle an.

Ich war nicht grundsätzlich gegen Alkohol. Ich war nur vorsichtiger als Andere.

Der Schaum hatte auf Leandros Lippe einen Ring hinterlassen. „Ich bin der Weihnachtsmann.“, nuschelte er belustigt. „Du hörst dich an, wie ein betrunkener Weihnachtsmann, wenn du so nuschelst!“

Amüsiert nahm er noch einen tiefen Schluck aus dem Glas. „Bin ich ja gleich auch.“

„Wehe!“

Dann wurde sein Gesicht wieder ernst. „Bist du wegen deiner Mutter so vorsichtig?“

Ich hob unsicher die Schultern. So sicher war ich mir da selbst nicht. „Mag sein.“, antwortete ich deshalb. Er betrachtete mich noch einen Moment, sprach das Thema aber nicht wieder an. Es tat mit leid, als wir nach zwanzig Minuten wieder aufbrechen mussten, doch der Zug würde keine Ausnahmen machen. Leandro führte mich am Arm. - Nein, ich war nicht betrunken! und hielt in der anderen Hand Chuppines Leine. Im Wagon fielen mir die Augen zu, kaum dass ich mich hingelegt hatte.

Und während der Alkohol noch meine Hirnzellen vernebelte, schlief ich traumlos ein.