Leandro & Nanni, Bis zu den Sternen

Anna K. · Kapitel 19 von 35

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Leandro & Nanni, Bis zu den Sternen

Schlaflose Nacht

 

Nanni

An diesem Abend lag ich auf meinem Bett. Das Zimmer fühlte sich ohne Lena seltsam leer an. Ihre bunte Bettwäsche war verschwunden, ihre Tierposter über dem Bett nicht mehr da und so starrte ich nur auf das weiße Bettlaken. Sie fehlte mir schrecklich.

Es war schon lange dunkel geworden und ich hätte eigentlich schlafen sollen, aber meine innere Unruhe zwang mich wachzubleiben.

Ich konnte meinen Kopf einfach nicht leer bekommen. Er war voll von Gefühlen, Plänen für die Zukunft und jeder Menge Hormone, die ich um Himmels Willen nicht unter Kontrolle kriegen konnte. Ich gähnte und rieb mir über die Augen, aber der ersehnte Schlaf wollte sich nicht einstellen.

Mir war kalt. Ich kuschelte mich weiter in die Bettdecke, hoffend mir würde warm werden.

Mir wurde nicht warm und ich schlief nicht ein. Sollte ich bei Leandro vorbeischauen? Aber vielleicht schlief er ja schon. Das Armaturenbrett auf meinem Nachtisch zeigte elf Uhr zweiundvierzig.

Ich schob die Bettdecke zur Seite. Mit nackten Füßen und nur meiner Pyjamahose und einem dunkelblauen Top bekleidet, lief ich auf Zehenspitzen den Flur entlang.

Mir war bewusst, das das nächtliche Aufsuchen des Jungentrakts ernste Folgen haben würde, wenn Bella mich erwischen würde. Andererseits war das hier ein besonderer Umstand und bekannterweise erfordern besondere Umstände besondere Situationen.

Als ich den Flur entlanglief brannte lediglich ein kleines rotes Warnlicht, das mir den Weg schwach beleuchtete. Ich würde das Licht nicht anmachen; es war zu riskant.

Endlich erreichte ich die gläserne Tür die den Eingang zum Jungentrakt bildete.

Ich drückte und atmete erleichtert auf, als sich die Tür ohne Quietschen öffnete und wieder schloss.

Interessiert lief ich an den Zimmertüren entlang und war bemüht die Namensschilder in der Dunkelheit zu entziffern. Ich war selten im Trakt der Jungen gewesen und ebenso wenig in Leandros Zimmer.

Ah, da war es ja! An der Tür hing in hölzernen Buchstaben Leandro D. .

Vorsichtig öffnete ich die Tür zu seinem Zimmer. Lediglich ein kleiner Lichtstrahl viel durch das Fenster an der hinteren Wand und beleuchtet spärlich das einzelne Bett, in dem er schlafen musste. Ich schob die Bettdecke ein wenig zur Seite, um mich zu vergewissern, dass er es wirklich war; dann rüttelte ich vorsichtig an seinem Arm. Mit einem Ruck erwachte er und stieß mich beinahe um, als er erschrocken hoch fuhr.

„Ich bin’s nur.“, wisperte ich.

„Nanni?“, fragte er verschlafen.

Ich nickte. „Ich konnte nicht einschlafen. Kann ich bei dir schlafen?“. Unschuldig guckte ich den gerade Erwachten an. Müde murmelte er: „Komm her.“, und rückte ein Stück zur Seite, damit ich auch Platz haben konnte.

In jeder Situation wäre mir desgleichen peinlich gewesen. Nachts heimlich durch die Flure zu schleichen um dann bei einem Jungen ins Bett zu steigen, aber Leandro sah so verschlafen und süß aus mit seinen schwarzen verstrubbelten Haaren, dass es mir leichter viel, neben ihm ins Bett zu rücken.

„Zu viel los gewesen heute was“, flüsterte er und fuhr mit seinem Finger sachte meine Lippen nach.

„Mh.“, murmelte ich. „Ich vermisse Lena ein bisschen, ohne sie ist das Zimmer so lehr.“

Eine Weile schwiegen wir. Dann sagte er: „Schlaf ruhig. Ich pass auf dich auf.“

Und ich kuschelte mich in seinen Arm und atmete seinen Duft ein. Langsam verspürte auch ich, wie ich müde wurde und meine Lider immer schwerer wurden.

Er würde auf mich aufpassen, ich konnte beruhigt einschlafen. Und mit einem leisen Seufzer schlief ich ein.

 

Wahrscheinlich wäre es schwierig gewesen, am nächsten morgen wieder aus Leandros Zimmer hinaus zu kommen, ohne das jemand es bemerkt hätte, aber glücklicherweise wachte ich rechtzeitig auf, um unbemerkt den Jungentrakt zu verlassen. Leise, um ihn nicht zu wecken schob ich mich seitlich aus dem Bett und deckte ihn dann wieder zu. „Bis zum Frühstück.“, flüsterte ich und schloss behutsam die Tür hinter mir.

Es war fünf Uhr 32, eine halbe Stunde vor regulärer Aufstehzeit, aber noch waren die Flure menschenleer. Einig Bella hörte ich, die wahrscheinlich schon unten in der Küche stand um das Frühstück vorzubereiten.

In meinem Zimmer angekommen, schlüpfte ich unter die Dusche und genoss das warme Wasser auf meiner Haut. In ein Handtuch gehüllt, föhnte ich mir die Haare, legte etwas Wimperntusche auf und zog mich anschließend an. Das Radio spielte die allbekannte Guten-morgen-Musik und stieg pünktlich um sechs auf die Nachrichten um. Wieder einmal nur berichte über Unfälle und Dramen; ich schaltete das Radio aus. Die großen Sender schienen von solchen Nachrichten zu leben. Jeden tag eine andere Story, jedes Mal ein kleines bisschen haarsträubender als die Letzte. Unsere Gesellschaft liebte Dramen-Unsere Gesellschaft lebte von Dramen.

So weit für den Tag gewappnet, beschloss ich frühzeitig Bella einen Besuch in der Küche abzustatten.

„Nanu? Unserer Langschläferin zu dieser frühen Stunde schon wach?“, begrüßte sie mich als ich in die Küche kam. „Hab nicht so gut geschlafen.“, antwortete ich und zuckte mit den Schultern.

Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus: „Na, wenn du schon einmal da bist, Kindchen, kannst du mir auch gleich beim Eindecken helfen.“

Bereitwillig holte ich die Teller aus dem Schrank und begann Besteck einzudecken.

Fast hätte ich auch für Lena eingedeckt; ihre Anwesenheit beim Frühstück war mir einfach zur Gewohnheit geworden. Als Bella endlich frischen Tee auf den Tisch stellte und den Brötchenkorb füllte, kamen schon die ersten Verschlafenen zum Frühstück.

Langsam füllte sich der Raum und angeregtes Stimmengewirr erklang; aber Leandro blieb verschwunden. „Hast du Leandro gesehen?“, fragte ich deshalb Martin, als dieser sich neben mich setzte.

„Ne, warte mal.“ Martin formte die Hände zum Trichter. „Luuuukkkeee! Hast du Leandro gesehen? Nanni sucht ihn!“ „Was ist los?“, rief er und kam zu unserem Tisch gelaufen. „Ob du Leandro gesehen hast?“, erwiderte Martin. „Ja.“, nickte Luke. „Ich hab ihn vorhin am Parkeingang mit seinem Hund gesehen.“

„Du hast ihn gesehen?“, fragte ich und hob verwirrt die Augenbrauen.

Martin lachte. „Luke hat ein Fernrohr in seinem Zimmer stehen. Er ist ein richtiger Spanner!“, kommentierte er.

Luke warf ihm einen bösen Blick zu. „Stimmt doch gar nicht!“, protestierte er. „Ich bin nur an Leuten interessiert.“ „Siehst du, Luke. Du bist wohl ein Spanner!“, zog Martin ihn auf und hielt sich lachend den Bauch.

„Jetzt hör mal auf, Martin.“, beschaute ich ihn mit strengem Blick. „Luke ist kein Spanner. Ein Spanner ist jemand, der an pornographischem Inhalt interessiert ist und nicht jemand, der ein Fernrohr in seinem Zimmer stehen hat.“

„Der an was für einem Inhalt interessiert ist?“, fragte Martin mich verwirrt.

„Vergiss das Wort einfach.“

„Warum?“

Ich lachte. „Das lernst du noch früh genug.“