Leandro & Nanni, Bis zu den Sternen

Anna K. · Kapitel 20 von 35

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Leandro & Nanni, Bis zu den Sternen

Ärger am See

 

 

Es war Montagnachmittag und ich hatte einiges an Arbeit im Café zu erledigen.

Die knappen 430 Euro, Trinkgeld mit einbezogen, waren zwar ein guter Start, für die drei Wochen, die ich schon im Geschäft war, aber noch reichlich weit entfernt von den 2000 Euro, die Leandro und Ich bis zu unserem Aufbruch nach Alaska brauchen würden. Gar nicht mal gesprochen von den Kosten für die Zugtickets, die wir brauchen würden.

Ich hatte keine Ahnung, wie viel Geld Leandro besaß, um unsere Reise zu finanzieren, aber da er meine Unterstützung nicht abgeschlagen hatte, konnte es für ihn nicht besonders gut stehen. Würde ich annehmen, er hätte ebenfalls 400 Euro zusammengespart (was ich aber für unwahrscheinlich hielt ), würde das zusammen mit meinen 400 Euros und den 800 Euro, die ich in den zwei Jahren vom Jugendsozialamt gespart hatte, nur 1600 Euro ergeben.

Ich seufzte. Von wem hatte ich nur meinen Sinn für Naivität? Mit sechzehn mit dem Traumprinzen nach Alaska, oder was? Ja, beantwortete ich mir meine Frage selbst. Denn genau danach sah es im Moment aus: Ich würde mit meinen sechzehn Jahren heimlich aus einem Jugendhaus abhauen, um einer Gang im wilden Alaska 2000Euro zu bringen und um meinem ebenfalls sechzehnjährigem Lover, den ich gerade vier Wochen kenne, einen Gefallen zu tun. Einfach ausgedrückt und realitätsnah: Meine Zukunft.

 

Leandro

Als ich endlich fertig war, bemerkte ich als erstes die Uhrzeit: Es war bereits fünf Uhr!

Als zweites bemerkte ich meine Hände, die vollkommen schwarz waren und verdammt nach Auto rochen. Naja, kein Wunder! Stolz betrachtete ich den roten Bmw, den ich soeben mit ein wenig Hilfe wieder auf Vordermann gebracht hatte. „Hier!“ Die Stimme gehörte Alex, der mir gerade ein Bier in die Hand gedrückt hatte.

„Für dein erstes Mal hast du dich echt gut angestellt. Woher wusstest du den ganzen Mist überhaupt schon?“ „Mein Dad hatte früher eine Autowerkstatt. Nichts großes, aber es reichte um uns über Wasser zu halten.“, antwortete ich wahrheitsgemäß.

Mein 23-jähriger Arbeitgeber nahm einen kräftigen Schluck aus der Flasche und prostete mir zu. „ Auf deinen ersten Tag!“ Ich hob ebenfalls meine Flasche: „Auf meinen ersten Tag!“, und trank ebenfalls.

Ich verzog ein wenig den Mund, als ich das bittere Gebräu kostete. „Noch nie Bier getrunken?“, lachte Alex mit rauer Stimme. Ich schüttelte den Kopf und lachte ebenfalls ein wenig. „ In Alaska ist es einfach süßer. Das bittere Zeug hier...ist einfach nicht so mein Geschmack.“

„Willst du ne Cola?“, fragte er mich und deutete auf den kleinen elektrischen Kühlschrank im hinteren Teil der Garage. „Geht schon.“, murmelte ich und stellte die Flasche ab. „Was macht dein Vater denn sonst noch so, wenn er nicht in der Werkstatt ist?“, fragte er mich neugierig.

Damit hatte er bei mir einen wunden Punkt getroffen; mein Dad war vor drei Jahren an einem Schlaganfall gestorben. Als Alex mein betroffenes Gesicht sah sagte er: „Tut mir leid, ich wollt nicht unhöflich sein...“

„Nein, das ist okay.“, sagte ich und unterbrach. „ Es ist nur so...er ist vor drei Jahren ums Leben gekommen.“ Schmerzlich holte mich die Erinnerung wieder ein.

„Das tut mir leid.“

„Dir brauch nichts leid tun, das du nicht getan hast.“, entgegnete ich ihm.

„Na dann.“, meinte er und zog zwei zerknitterte Zehner aus seiner Tasche und gab sie mir.

„Wir sehn uns dann morgen.“

Mir blieb noch Zeit bis zum Abendbrot, deshalb beschloss ich kurzer Hand, Chuppine auf einen kurzen Spaziergang zu nehmen. Die grau weiße Hündin trottete gemütlich neben mir her und schnüffelte die Gegend ab.

 

„Wollen wir mal einen anderen Weg versuchen?“, fragte ich sie. Ich führte sie eine kurze Strecke durch den Wald und zog genüsslich die frische Luft ein.

Ich nahm Chuppie die Leine ab. Hier im Wald drohte keine Gefahr und ich verließ mich darauf, dass sie zurückkehren würde. Schwanzwedelnd stürzte sie davon und sprang bockend über die umherliegenden Baumstämme. Die Bäume waren mittlerweile fast kahl und der Boden unter einer hohen Schicht bunten Blättern versteckt.

Ich schlurfte durch die Blätter und es raschelte laut. Chuppie kam zurückgelaufen und trug hechelnd einen Riesen-Stock im Mund.

Sie stupste mein Bein an. „Hier, nimm den Stock.“, sollte das heißen. Ich lachte und schob ihr Hundeschnauze weg. „Sorry, Chuppie, ich will deinen Stock nicht.“, sagte ich zu meiner Husky-Dame. Doch Chuppie schien mich nicht zu verstehen und stieß mir erneut den Riesen-Stock ins Bein.

„Autsch!“, jammerte ich, als ich fühlte, wie sich die Splitter in mein Bein gruben.

Ergeben griff ich nach ihrem Fundstück und trug den vollgesabberten Stock durch den Wald.

Ich horchte auf. Hörte ich etwa Plätschern? Ich ging weitere zehn Schritte und das Plätschern wurde lauter. Tatsächlich, hier musste irgendwo ein See sein!

Als mein Hund triefend vor Wasser und schlammverschmiert um die Ecke stürzte, brauchte ich keine Bestätigung mehr. „Chuppie!“, rief ich entsetzt.

Aber mein Hund schien die helle Freude an der neuen Entdeckung zu haben und stürzte wieder davon. „Wer soll dich denn wieder sauber kriegen?“, rief ich ihr hinterher.

Kopfschüttelnd bog ich um die Ecke und sah nun auch endlich den See. Schönes blaues Wasser, ein schmaler Uferstreifen und überall um den Uferstreifen grünes Gewächs.

Ich las das Schild, das im Gras steckte: Boston Sea. Ich pfiff und rief Chuppie wieder zu mir. „Komm schon, Kleine. Wir müssen.“

Von links sah ich ebenfalls eine junge Mutter und ihr Kind auf die Anlegestelle zu halten.

Lachend lief der Knirps mit seinen stummeligen Beinchen über den Uferstreifen und beschaute wundernd das Wasser. „Tja, so klein waren wir alle mal.“, dachte ich mir und riss keine Sekunde später meinen Kopf herum, als Chuppine zurück zum Wasser auf den Kleinen zu stürzte. „Chuppie, NEIN!“, rief ich, aber es war schon zu spät.

In ihrer Überfreude warf sich mein Hund auf den Knirps im Wasser. Von Links hörte ich die Mutter schreien.

Der Knirps, der nun im Wasser vor meinem helchenden Hund lag, heulte.

„Können sie nicht auf ihren Hund aufpassen, sie Trottel.“, schrie sie hysterisch und stürzte auf ihr Kind zu.

Jetzt wurde ich auch sauer. Wütend rief ich zurück: „Können sie nicht auf ihr Kind aufpassen, sie Tollpatsch!“ Mit diesen Worten machte ich auf den Fersen kehrt und stolzierte Richtung Wald zurück, während ich die Mutter am See fluchen hörte. Mit einigem Abstand folgte mir Chuppine. „Toll gemacht.“, fauchte ich sie an und sie wich ängstlich ein paar Schritte zur Seite.

Aber ich konnte ihr nicht lange Böse sein; am Tierheim angekommen fragte ich nach einem Handtuch und rubbelte sie zärtlich trocken. „Macht nichts.“, tröstete ich meinen Hund und gab ihm ein Leckerchen. „Bald kommst du wieder nach Alaska.“ Als sie trocken war, übergab ich sie schweren Herzens an den Tierwächter.

„ Ich hole den Hund in drei Tagen abends ab. Ihr Geld bekommen sie dann ebenfalls.“

Der dicke Mann lachte durch seinen Bart und nuschelte: „Dann erwarte ich euch.“