Leandro & Nanni, Bis zu den Sternen
Mein erstes Treffen
Nanni
Ich hatte Jacobs Brief gerade in den Briefumschlag gesteckt, als jemand ins Zimmer platzte.
„Lebt sie noch?“, fragte ich meine Freundin und drehte mich voller Absicht nicht um.
„ Ähm, wer lebt noch?“, hörte ich eine ruhige Stimme hinter mir sagen.
Erschrocken sprang ich auf und drehte mich um. Vor mir stand Leandro. „Musst du so ins Zimmer platzen?“, fragte ich ein wenig zu laut und unhöflich als beabsichtigt.
Er hob beschwichtigend die Hände. „ Entschuldige, die Dame, dass ich so unhöflich ihr Zimmer betreten habe. Soll ich noch einmal anklopfen?“ Der ironische Ton in seiner Stimme war kaum zu überhören.
Ich funkelte ihn an, verkniff mir aber meinen Kommentar, der mir auf der Zunge lag, weil er neu war.
„Nanni.“, sagte ich kurz angebunden und streckte im widerwillig meine Hand entgegen. Seine grünen Augen glitzerten und er grinste als er ebenfalls meine nahm und schüttelte. „ Leandro. Dürfte ich fragen wo die Toiletten sind?“
Ich zog meine Hand aus seiner, er lachte immer noch. Ich antwortete.“ Den Flur hinunter dritte Tür links.“ „Okay, danke, schön dich kennen gelernt zu haben!“. Er deutete eine Verbeugung an, bis ich ihn einer plötzlichen Eingebung folgend hinaus schob und die Tür zuknallte.
Was für ein Idiot! Was dachte der eigentlich, könnte er sich erlauben? Wahrscheinlich gar nichts! , beantwortete ich mir meine Frage selber.
Immer noch wutschnaubend warf ich mich aufs Bett. Schön, dass ich mich gleich beim ersten Treffen blamiert habe! , schoss es mir durch den Kopf.
Was soll’s? Als würde mich der Kerl was interessieren? Wütend verwarf ich den Gedanken und steckte mir ein Stück Schokolade in den Mund.
Auf so Testosteron voll gepumpte sechzehnjährige Typen konnte ich verzichten!
Etwa zehn Minuten später kam Lena ins Zimmer gerauscht und warf sich neben mir aufs Bett.
Außer Atem strich sie ihren roten Pullunder glatt und schnappte nach Luft.
„ Rat mal was ich über ihn herausgefunden habe?“, fragte sie. „Mh..“, tat ich als würde ich raten und schaute betont lange an die Decke, als würde ich die Antwort genau dort finden. „ Er ist..sechzehn, ein Arschloch, hat keinerlei Benehmen, ist ein Idiot und weiß nicht wo die Toilette ist?“ Mit hochgezogenen Augenbrauen schaute ich sie an.
„Wie kommst du denn darauf?“, fragte Lena mich und runzelte die Stirn. „ Du hast ihn doch nicht schon etwa...!“ Ich seufzte. „ Doch. Er ist vorhin ins Zimmer geplatzt..“, und erzählte meiner Freundin die ganze Geschichte.
„Oh man!“, brachte sie heraus als ich geendet hatte. „Das ist ja mal ordentlich schief gelaufen!“, und schaute mich streng an. Ungläubich schaute ich zurück.
„ Was schaust du mich denn jetzt so an? Er ist doch derjenige, der ins Zimmer geplatzt ist und sich so scheiße benommen hat!!!“ Meine Freundin lachte und schlug mir vor, endlich zu erzählen, was sie von Bella erfahren hatte. Was ich erfuhr war folgendes: • Er stammt aus Alaska. ( Lena meint daher kämen die pechschwarzen Haare )
• Seine Mutter war mit Bella befreundet gewesen, deshalb wurde er bei uns und nicht irgendwo in der Arktis in ein Jugendhaus gesteckt. • Er ist sechzehn. ( Wie schon vermutet )
• Er hat einen Hund dabei, den er nicht in Alaska lassen wollte und welcher hier ganz in der Nähe im Hundeheim abgegeben wurde. Letzteres tat mir aufrichtig leid, denn bis ich elf war, hatte auch ich einen Hund gehabt. Leider starb mein kleiner Terrier im Herbst während eines Mallorca-Urlaubes an einem nicht rechtzeitig erkannten Darmkrebs.
„ Ich hab gehört sein Hund soll ein waschechter Siberian Husky sein!“, riss Lena mich aus meinen Gedanken. „ Ehrlich? Cool!“
Sie nickte. „ Die fahren Schlittenrennen mit Hunden über hunderte von Kilometern. Ist so eine Art Lieblingssport dort.“, meinte sie. „Ja.“, nickte ich. „ Hat mir Jacob auch schon von geschrieben.“
An diesem Abend lag ich noch lange Zeit wach. Wie würde mein Leben ohne Lena hier aussehen? In den zwei Jahren war mir das dreizehnjährige Mädchen fast zu einer kleinen Schwester geworden. Ich schloss fest die Augen. Und es war genau dieser Augenblick, indem ich beschloss zu leben. Ich würde ein richtiges Abenteuer leben. Eine Geschichte leben, die ich selber schreiben würde. Und meine Geschichte würde diesen Winter beginnen. Genau jetzt, genau in diesem Augenblick!
Leider endete das neue aufregende Gefühl in dem Moment, als Lena mir am nächsten Morgen die Decke wegzog. „Jetzt komm schon, Nanni. Du verschläfst noch das Frühstück!“ Was? Ich hatte verschlafen? Schon wieder? Grummelnd tastete ich auf meinem Nachttisch nach meiner Armbanduhr.
„ Oh nein!“, stöhnte ich, als ich auf die Anzeige sah. In zehn Minuten würde es Frühstück geben. Da blieb noch nicht einmal mehr Zeit unter die Dusche zu springen! Ich schlug die Bettdecke zurück und quälte mich aus dem Bett.
„ Warum hast du mich denn nicht eher geweckt?“ Klagend schaute ich meine Freundin an, die ordentlich wie immer bereits geduscht, geföhnt, frisiert und geschminkt war. Lena machte einen Schmollmund.
„Tschuldigung, ich dachte, du wolltest ausschlafen. Nach dem ganzen Trubel gestern und so.“
„Macht nichts. Ist schon okay.“, versuchte ich sie zu beruhigen und fuhr mit meiner Holzbürste durch meine widerwilligen zotteligen Haare.
„ Warte. Lass mich das machen.“
Lena schob mich ein Stück beiseite, setzte sich neben mir aufs Bett und fuhr vorsichtig mit der Bürste durch meine blonden Haare. Erleichtert dankte ich ihr und zog mir zu meiner dunkelblauen Jeans ein schwarzes T-Shirt und einen hellblauen Schal an. Kurz Zähne geputzt, ein bisschen Wimperntusche aufgelegt und keine fünf Minuten später stürmte ich hinter meiner Freundin in den Gemeinschaftsraum.