Leandro & Nanni, Bis zu den Sternen

Anna K. · Kapitel 32 von 35

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Leandro & Nanni, Bis zu den Sternen

Washington

 

Leandro

Ich saß nun schon eine halbe Stunde in der Wagontür, doch noch immer war von dem per Lautsprecher angekündigtem Halt nichts zu sehen oder zu spüren.

„Nun komm doch rein.“, verdrehte Nanni die Augen. „Wenn der Zug hält, wirst du es merken.“

Etwas widerwillig schloss ich die Tür wieder. Wahrscheinlich hatte sie Recht, aber nach zwei Tagen Zugfahren konnte ich es nunmehr kaum erwarten, endlich nach draußen ins Freie zu kommen. Der blaue Himmel pries einen wunderschönen Tag und die Sonnenstrahlen tauchten die Berglandschaft, die wir durchquerten in ein gelb-goldenes Licht.

Das Thermometer zeigte knappe zwei Grad über Null. Der Winter würde nicht mehr auf sich warten lassen. Es war bereits der 16. Dezember, die Zeit, die ich normalerweise zuhause mit Mama und Pablo verbrachte. Weihnachtszeit mit Plätzchen und Zimtsternen, Weihnachtsmarkt und Schnee.

„Wie gerne hätte ich jetzt heißen Kakao.“, bemerkte ich und malte Muster in die beschlagene Scheibe.

„Am Kiosk gibt’s welchen. Frisch aus dem Automaten.“ Ich verzog die Lippen. „Richtigen Kakao!“ „Ich schätze, auf den wirst du noch ein Weilchen warten können.“, bemerkte Nanni, offensichtlich um neutrale Konversation bemüht. „Und ich möchte endlich hier raus!“, fügte ich ein wenig trotzig hinzu. Das Eingesperrtsein machte auf die Weile müde und langweilig war mir auch.

Wie hatte ich die Hinreise solange nur überlebt? – Andererseits, die Hinreise war auch meine erste Reise überhaupt gewesen. Nanni zog ihre rote kleine Bürste heraus und begann systematisch ihre Haare von vorne nach hinten zu entknoten und zu kämmen. „Brauchst du die Bürste auch mal?“, fragte sie mich. Ich schüttelte den Kopf. „Sehe ich etwa so aus?“ Einen Moment Stille dann ein wages Nicken. „Ein wenig.“ „Na gut.“ Widerwillig griff ich nach der Bürste und fuhr damit durch meine schwarzen Haare.

Bis sie stecken blieb. Ein bisschen entnervt riss ich an ihr und bezweckte damit nichts anderes, als dass die Bürste nur noch tiefer in meine Haare rutschte und sich verknotete. „Mist.“, fluchte ich riss an meinen Haaren. Das hatte mir gerade noch gefehlt: Langeweile bis zum Umfallen und eine rote kleine Bürste, die in meinen Haaren steckte wie festgewachsen. „Hilfst du mir mal?“ Mein bittender Blick galt Nanni, die sich köstlich über mein Massaker zu amüsieren schien. „Du hast schlechte Laune.“, stellte sie sehr helle fest. „Ja.“

„Du bist süß, wenn du dich aufregst.“

„Nanni!“, sagte ich mit entnervter Stimme. „Könntest du mir bitte diese Bürste aus den Haaren holen?“

„Wie lautet das Zauberwort?“

„Bitte.“ Ich seufzte. Dann stand sie endlich auf und begann einzelne Strähnen aus der Bürste zu ziehen. Ich unterdrückte ein Jammern, für wen sollte sie mich denn halten? , und biss die Zähne zusammen, bis sie die letzte Strähne gelöst und die kleine Bürste aus meinen Haaren befreit hatte.

„Deshalb wurde ich nicht als Mädchen geboren!“, jammerte ich und rieb mir meine wunde Kopfhaut.

„Ja klar.“, fiel sie mir ins Wort. „Würdest du sie öfter bürsten, wären sie nicht so verknotet.“

Bürsten? Um Himmels Willen, wie würde das denn bitte aussehen, wenn ich mir ständig und überall die Haare kämmen würde? „Das ist Schicksal.“; stellte ich sachlich fest. Sie warf mir einen ungläubigen Blick zu. „ Wenn du weiterhin deine Haare nicht bürstest, dann ist Deren Schicksal auch besiegelt!“, warf sie ein.

„Unsinn.“

„Dann musst du sie abschneiden.“

„Bekomm ich die Bürste noch einmal?“ Diesmal ging ich ein wenig vorsichtiger zu und zog das kleine rote Ungetüm durch jede Strähne einzeln.

Zehn Minuten und ungefähr dreihundert gefühlte Knoten, war die Hälfte meiner Haare ausgerissen und die andere Hälfte endlich gekämmt.

Der Lautsprecher verkündete passend zum Ende meiner Quälerei den Ausstieg in fünf Minuten und meine schlechte Laune verflüchtigte sich schneller, als sie gekommen war.

Nanni und Ich hatten uns Schals angezogen und Winterjacken angelegt.

Die frische Luft hinterließ weiße Wölkchen, wann immer wir lachten oder etwas sagten.

Auch Chuppine, die sonst die Kälte aus Alaska gewöhnt war, schien sich erst wieder an das kühle Klima gewöhnen zu müssen und tapste mit hochgezogenen Pfoten über den kalten Stein. Im Stehcafé Mc. Blank hatten wir uns beide einen Kakao gegönnt-einen Richtigen.

Schlürfend und bibbernd saßen wir auf der Bordsteinkante. Gerne hätte ich mich gewaschen, aber der Bahnhof hatte außer einer Imbissbude und einem Toilettenhäuschen nichts Nützliches zu bieten.

„Tonder, Lucy!“, hörte ich Nanni plötzlich rufen. Sie hatte ihren blauen Anorak fest um sich geschlungen und die Haare unter der Kapuze zu einem strubbeligen Knoten notdürftig zusammengesteckt. Als ich nun das Paar mit Baby auf dem Arm kommen sah, wank ich ebenfalls.

„Ich erfriere!“; begrüßte uns Tonder mit den Zähnen klappernd. Lucy warf ihm einen vernichtenden Blick zu. „Wie geht es euch?“, fragte sie.

Nanni zuckte mit den Schultern. „Den Umständen entsprechend. Verdammt eingeengt.“

Lucy warf ihr einen mitfühlenden Blick zu. „Ja, so geht es uns auch.“ Sie hielt inne. „Und Luna hält uns ordentlich auf Trapp. Sie hat die letzte Nacht kaum geschlafen.“

„Haben wir mitbekommen.“, sagte ich spitz und schaute auf das schlafende Baby.

Keine Sekunde später spürte ich Nannis ordentlichen Tritt auf meinen Fuß.

„Ich meine“, ergänzte ich. „Die erste Zeit wird die Anstrengenste sein.“

Lucy tat, als hätte sie von meinem ersten Kommentar nichts mitbekommen.

„Nun ja. Wo habt ihr denn euren Kakao her?“ Ich wies in Richtung Stehcafé.

„Könnet ihr kurz auf Luna aufpassen?“

„Ja.“

Vorsichtig legte sie mir das Baby in die Arme. Zum ersten Mal sah ich das Mädchen richtig. Es war wirklich klein, wie Nanni beschrieben hatte und hatte dunkelblonde Haare. „Wir sind gleich zurück.“, nickte mir Tonder zu und lief schnellen Schrittes mit Lucy über den Bahnsteig.

Nanni neben mir blickte die Kleine verträumt an. „Du hast dich schon jetzt in sie verliebt.“, stellte ich fest und ließ sie dabei nicht aus den Augen.

Ein nachdenklicher Blick auf Luna. „Ich hätte gerne ein Baby.“ „Wenn wir in Alaska sind und alles beim Alten ist, bekommst du von mir so viele Babys, wie du willst.

Sie lächelte. „Wir haben noch Zeit.“

Ja, da hatte sie Recht. Immerhin waren wir beide erst sechzehn. Immerhin kannten wir uns erst seit eineinhalb Monaten. Wir würden in Alaska Arbeit suchen und uns ordentliche Jobs beschaffen. Vielleicht würde ich die Autowerkstatt von meinem Vater übernehmen.

Sicherlich würde Nanni gerne ihren Schulabschluss nachmachen. Die Chancen, im Armenviertel Alaskas auf ordentliche Arbeit zu stoßen, waren gering und ohne Schulabschluss... gleich null sozusagen.

Plötzlich gähnte Luna in meinen Armen. Sie gab ein leises Jaulen von sich, bis sie wieder ruhig weiter schlief. Ich gab sie an Nanni. Das blonde Mädchen drückte Luna fest an sich. „Wir werden in zwei Stunden in Washington ankommen.“

„Wenn wir Glück haben sind wir an Heilig Abend schon bei mir Zuhause.“

„Ja, das wäre schön.“

„Oh mein Gott, Leandro.“, schrie Nanni und zog mich stürmisch zum Fenster. „Es schneit!!!!“

„Wuhu.“, gab ich euphorisch zu.

Sie presste ihr Gesicht ungläubig an die Scheibe. „Ich kann es nicht fassen! Es schneit WIRKLICH!“ Ich brach in Gelächter aus. „Wir fahren Richtung Alaska und es ist Winter!“

„Ist der Schnee in Alaska auch so wunderschön?“ „Nun ja...“, sagte ich. „Eigentlich schon. Es schneit den ganzen Tag.“ „Wo bin ich nur den Rest meines Lebens gewesen?“, murmelte Nanni mit großen Augen.

„Du gewöhnst dich an den Schnee.“, fügte ich überaus sachlich hinzu.

„Du gewöhnst dich daran?“, fragte sie empört. „Chuppine auch.“, wies ich unschuldig auf den Hund. Ein entgeistertes Kopfschütteln. „Ich glaub’s ja nicht!“ Sie ließ ihren Blick keine Sekunde von der Scheibe hinter der in immer stärker werdendem Schneefall die weißen Flocken wild durcheinander flogen.

„Schade, dass wir das Fenster nicht öffnen können.“, bemerkte Nanni.

„Hast du Lust aufs Freideck zu gehen?“

Ihr Gesicht erhellte sich. „Stimmt ja!“, und griff nach ihrer Jacke. Wir wanderten die Abteile entlang, bis wir die rote Tür zum Freideck erreichten.

Sie stand einen Spalt offen und ich hörte Menschengemurmel. „Da hatten Andere wohl zuerst die Idee.“, sagte ich und schob Nanni an der Taille durch die Tür.

Auf der Plattform empfing uns wirres Treiben. Bestimmt zwanzig Leute waren gekommen, um den Neuschnee zu bewundern und Kinder rannten ausgelassen umher.

Ich ließ ausnahmsweise Chuppie von der Leine. Sie würde den Kindern nichts tun und die Plattform war sicher umrandet und geschützt.

Ausgelassen stob meine Alaskahündin davon und rutschte über die Plattform den Kindern hinterher.

Nanni schien ebenfalls den Schnee zu genießen. Mit geschlossenen Augen und ausgestreckter Zunge versuchte sie Schneeflocken zu fangen. Ich tat es ihr nach.

„Mh, lecker.“, lachte ich. „Ganz was Feines.“ „Die hier schmeckt nach Erdbeere!“

Ich warf ihr einen ungläubigen Blick zu. „Tut sie gar nicht!“ „Doch, tut sie. Du musst nur genau hinschmecken!“ Sie fing erneut eine Schneeflocke. „Ananas!“

„Ganz normal bist du aber auch nicht?“

„Schoko.“

Ich seufzte. Spaß beiseite. Vielleicht sollte ich ihr von Pablos letztem Anruf erzählen.

„Nanni?“

„Ja?“, lachte sie.

„Ich muss dir etwas Wichtiges erzählen.“

„Nur zu.“

Ich zog sie zu mir und sie öffnete verwirrt die Augen. „Es ist ernst.“, sagte ich.

Das Lachen auf ihrem Gesicht erlosch.

„Pablo hat angerufen.“, begann ich. „Er hat Mama gesehen und es geht ihr gut.“ ‚Noch’ fügte ich im Stillen hinzu. Nanni warf mir einen Blick zu. „Ehrlich? Freut mich!“ „ Nun ja. Pablo hat Ihnen gesagt, dass die Reise einige Zeit dauern würde. Sie werden noch drei Wochen warten, dann wird es eng.“ „Hast du nicht gesagt, wir wären an Heilig Abend wieder zuhause?“ „Hoffentlich!“, bemerkte ich.

„Bis dahin sind es nur noch knapp über eine Woche.“ Ich runzelte die Stirn. „Nur wenn wir den letzten Zug von Grenze Kanada bis Alaska bekommen. Und zwar rechtzeitig.“ „Wenn wir es nicht rechtzeitig schaffen?“, fragte sie und warf mir einen unsicheren Blick zu.

Mir schwirrte der Kopf. „Dann“, sagte ich und fuhr fort: „Nehmen wir den Fußweg und schaffen es nicht in drei Wochen.“ Sie biss sich auf die Lippe. „Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit?“ „Nicht so hoch.“

Ein erleichtertes Lachen stahl sich aus ihrem Mund. „Ich möchte nicht wissen, was die Banditen mit eurer Mutter anstellen, wenn sie das Geld nicht bekommen.“

Ich nickte bestätigend. Ja, das würde sie ganz sicher nicht wissen wollen.

Und ich wollte nicht wissen, was geschah, wenn sie Pablo zum Dienst in der Gang zwangen.

Ich hatte mir nicht ohne Grund neun Jahre wortwörtlich den Asch aufgerissen, um Pablo zu schützen, um ihn jetzt zu verlieren. „Mistkerle.“, murmelte ich.

„Hast du was zu mir gesagt?“

„Nein, ist schon okay.“, sagte ich.

Dann pfiff ich Chuppine zu mir. „Ich gehe wieder rein.“, ergänzte ich. „Kommst du mit?“

„Nein, ich bleib noch ein wenig.“

„Meinetwegen.“ Ich band Chuppie die Leine um und flüchtete mit ihr ins Warme Trockene.

Auf dem Weg zu unserem Wagon schaute ich im Kiosk vorbei. Vielleicht würde Dorys mir ein Handtuch für Chuppie borgen. Ich wollte ungern meines oder Nannis für das nasse Hundefell benutzen.

Vorsichtshalber klopfte ich einmal an die Tür, bevor ich den dunklen Kiosk betrat. „Hallo?“, fragte ich.

Ein Räuspern von hinten. Ich drehte mich um. Dorys saß, Kopf auf die Hände gestützt, an der provisorisch aufgebauten Bar-Ecke und blätterte in einem Reise-Katalog.

„Komm her.“; forderte mich die alte Dame mit rauer Stimme auf. Sie trug ihre weißen Haare offen über die Schultern und eine weinrote Bluse über ihrem beigen Gehrock.

Langsam trat ich näher. Das leichte Licht von der Stehlampe warf nur einige zuckende Schatten auf ihr Gesicht. „Ich wollte eigentlich nur fragen, ob sie ein Handtuch für mich hätten.“, sagte ich verlegen.

„Nun komm schon!“ Ungeduldig wank mich Dorys zu ihr und wies auf einen freien Stuhl neben ihr. „Setzen!“ Ich wollte schon die Augen verdrehen. Typisch Dorys, unterließ es dann aber doch lieber.

Ich rückte den Stuhl neben ihr beiseite und setzte mich. Dorys klappte nun endlich ihren Reisekatalog zu und setzte einen ernsten Blick auf. „Ihr habt noch einen weiten Weh vor euch.“, fing sie an.

„Ähm, ja?“, ergänzte ich.

„Ihr werdet noch weit reisen müssen.“

Ich warf ihr einen verwirrten Blick zu. War sie psychisch nicht mehr ganz normal oder war sie über Nacht zum Prediger mutiert? Angenehm fand ich Beides nicht.

„Eure Mutter ist gefangen, dein Bruder alleine und du machst dir Sorgen.“, fuhr sie mit monotoner Stimme fort. DAS, war definitiv nicht mehr okay. Woher wusste sie all meine Informationen? Ich griff schon innerlich wieder nach der Kehrschaufel neben der Theke, um sie zu erschlagen, als sie plötzlich meinen Blick zu erkennen schien und sagte: „Ich habe mit Nanni geredet.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Wir haben uns nett unterhalten.“

Ich seufzte empört auf. Klasse. Das hatte Nanni ja mal wieder toll hinbekommen!

Wir wollen anonym verreisen, und sie verriet unseren gesamten Lebenslauf der Kioskfrau eines Zuges!

„Ich habe nachgedacht.“ Ich richtete meine Aufmerksamkeit wieder auf Dorys.

„Ja?“, hakte ich mit hochgezogenen Augenbrauen nach. „Ich wollte euch das hier geben.“ Sie griff unter den Tisch und zog einen kleinen braunen Stoffbeutel hervor. „Ich hoffe, das hilft euch ein wenig.“

Ich ahnte es, bevor ich mit zitternden Fingern nach dem Säckchen griff und es auffriemelte.

Ordentlich zusammen gebunden, enthielt das Geschenk mehrere Bündel zwanzig Euro Scheine.

Ich nahm einen heraus und hielt ihn gegen das Licht. Keine Frage, das Geld war echt.

„Das können wir nicht annehmen.“, hauchte ich und gab kopfschüttelnd den Schatz wieder an Dorys. „Ihr müsst.“ Sie schob das Säckchen zu mir. „Nun komm schon. Schau nicht so entgeistert!“

Mit Unbehagen griff ich erneut danach.

„Ich werde nicht mehr lange leben.“, sagte Dorys. „Ich habe dieses Geld zusammengespart. auf das ich einmal glücklich werde.“ Ich lauschte gebannt ihren Worten.

„Ich hebe gelernt, dass glücklich sein nicht Geld zu haben bedeutet.“ Ein letzter tiefer Atemzug. „Ich hoffe aber, dass ihr durch das Geld nach Alaska findet, um dort ein glückliches Leben zu beginnen.“, schloss sie.

Ich traute meiner Stimme nicht, deshalb nickte ich bloß. „Du solltest gehen und Koffer packen.“, bemerkte Dorys schon wieder ganz die Alte. „Der Zug hält in zwanzig Minuten in Washington.“

Nanni

„Als würde Dorys uns verraten!“, fauchte ich ihn an. „Vielleicht möchte ich auch einfach mal mit jemandem reden außer dir! „Nanni!“, redete er mir ein. „Das hier ist kein Kinderspiel! Hier geht es um meine Zukunft! Was soll ich machen, wenn sie uns schnappen?“

„Sie hat uns Geld gegeben!“, brüllte ich ihn wutentbrannt an. „Wir haben Geld!“

Mir standen fast die Tränen in den Augen, so wütend war ich. „Hier geht es nicht nur um deine Zukunft!“ Ich gestikulierte wild mit den Händen. „Ich brauch einen Schulabschluss! Wo soll ich in Alaska denn das Geld herbekommen?!“

„Nanni!“, schrie er mich an. „Hier geht es nicht um einen einfachen Schulabschluss, hier geht es um Menschenleben!“ „Dann ruf die Polizei!“

„Jetzt fang nicht wieder mit diesem Thema an!“ Seine grünen Augen blitzten wutentbrannt.

„Du bist so egoistisch!“, schnaubte ich. „Warum helfe ich dir überhaupt? Mach deinen Scheiß doch alleine!“ Ich griff nach meinem Anorak und stürmte hinaus. Ich ließ ihn hinter mir, bis ich die Tür zum Freideck erreichte. Glücklicherweise war ich alleine, als meine Tränen kamen. Schniefend vergrub ich meinen Kopf in meinen Armen und missachtete den Schnee, der sich in meinen Haaren festsetzte. Ich war zu aufgewühlt. Ich konnte das Beben in meinem Inneren nicht verhindern, als mir widerstandslos die Tränen über die Wangen liefen.

„Nanni, bitte.“, hörte ich seine Stimme hinter mir. Er war mir aufs Freideck gefolgt. „Nun sei doch nicht gleich eingeschnappt!“, flehte er.

„Nicht eingeschnappt?“, empörte ich mich. „Ich habe keine Zukunft und wegen mir haben wir fast eintausend Euro geschenkt bekommen!“

„Wir wollten anonym bleiben!“

„Und wenn du stirbst, bleibe ich lieber anonym!“, schrie ich zurück. Mit zusammengezogenen Augenbrauen blickte er mich wütend an. „Das ist doch nicht dasselbe!“

„Natürlich ist es das! Anonym auf die Weise oder auf eine Andere, wo liegt denn da bitte schön der Unterschied?!“ „Man, es tut mir doch leid!“, fauchte er mich an. „Ich mach mir doch nur Sorgen!“

„Dann lass diese Sorgen nicht an mir aus!“ „Du warst der Auslöser für diese Sorgen!“ „Ich wollte doch nur helfen!“ Mein Wutausbruch legte sich langsam wieder. In seinen Augen spiegelte sich ein bitterer Ausdruck. „Es tut mir auch leid.“; gab er zu. „Ich wollte nicht so hart zu dir sein.“ „Du warst gemein!“, ergänzte ich erbittert. „War ich.“ Er setzte seinen Hunde- Blick auf. „Wieder vertragen?“ Er streckte mir seine ausgestreckte Hand hin. Ich zögerte einige Sekunden. Sein Blick wandelte sich in Enttäuschung. Erst als er die Hand wieder sinken ließ, griff ich danach. „Angenommen.“

Ein seichtes Lächeln stahl sich auf seine Lippen. „Es tut mir ehrlich leid.“

„Wir sollten die Koffer packen.“, bemerkte ich spitz. So ganz hatte ich ihm die Nummer noch nicht verziehen. „Du warst diejenige, die weggerannt ist!“

„Und du bist der Grund dafür!“

Mit großen Schritten ging Leandro voraus. Ich folgte ihm ein wenig stolpernd.

Mensch, manchmal fragte ich mich, warum ich diesem Kerl quer durch die Welt nach Alaska folgte.

Mit den gepackten Koffern standen wir bereits in der Tür, als der Ankunftston ertönte und die Ankunft in Washington ankündigte. Wir waren nicht die Einzigen. Von überallher tönten Stimmen und Geschrei, Kinderweinten und Chuppine winselte, weil sie Angst vor der Unruhe hatte.

„Bitte nehmen sie all ihr Gepäck mit. Warten sie auf die Öffnung der Türen. Drängeln sie nicht und bleiben sie ruhig.“, schallte es aus den Lautsprechern, dessen Ansagen im Trubel fast untergingen. Dann endlich begann der Zug sein Tempo zu zügeln und wir fuhren in den Hauptbahnhof von Seatlle, Washington ein. Als die Türen von außen aufgeschoben wurden, strömten die Menschenmassen nach draußen.

Leandro und Ich verweilten noch die erste Minute, bis der Großteil den Zug verlassen hatte und stiegen dann selber aus. Der Bahnhof, der vor uns lag war größer als all die anderen Bahnhöfe, an denen wir passiert hatten. Den Bahnsteig vom ersten Schnee bedeckt, die Cafés und Imbissbuden hell erleuchtet und mit Glitter beschmückt, einen großen bunten Tannenbaum mitten auf dem Platz, hatte der Bahnhof etwas von winterlichem Wonder-Land an sich.

Hier und dort lachten Kinder, Koffer standen kreuz und quer und überall, Familien wurden umarmt und gedrückt. Weihnachtszeit- Zeit der Liebe schoss es mir durch den Kopf. Auch Lucy und Tonder sah ich, die gerade aus dem Zug kamen. „Wollen wir Tschüss sagen?“, murmelte ich unauffällig Richtung Leandro.

„Klar, warum nicht?“ Wir warfen uns die Taschen über den Rücken und stapften durch den frischen Schnee.

„Ich fürchte es ist Zeit Lebewohl zu sagen.“, sagte ich, als wir endlich alle beisammen standen. Luna auf Lucys Arm quengelte Leise und grapschte mit ihren Händen in Lucys dunkelblonde Haare. „Es war eine schöne Zeit mit euch.“, erwiderte Tonder. „Und wir werden dir auf ewig dankbar sein, dass du Luna gerettet hast.“, ergänzte Lucy ernsthaft.

„Danke.“, antwortete ich zaghaft. „Wir werden noch oft an euch denken.“

Diesmal war es Tonder, dem eine leichte Röte ins Gesicht stieg. Leandro schien sich unsicher zu sein, was er wirklich sagen wollte. Er streckte Tonder als Erster die Hand entgegen. „Gute Weiterreise.“ „Dir auch.“, und klopfte Leandro auf die Schulter. Lucy und Ich umarmten uns kurz. „Danke nochmal.“, flüsterte sie. Dann gab Lucy Leandro und Ich Tonder die Hand. „Macht’s gut!“, verabschiedete sich Tonder. An dieser Stelle trennten sich unsere Wege und ich wollte ihnen auch nicht hinterher gucken, als sie mit der kleinen Luna auf dem Arm den Bahnhof verließen.

„Ich hätte sie gerne noch ein wenig länger um mich gehabt.“, bemerkte ich mehr zu mir, als zu Leandro. „Du auch?“

Ich nickte. „Sie waren abwechslungsreich.“ „Du hast sie kennengelernt, weil Lucy vorzeitig ihre Wehen hatte.“ „Komisch nicht?“

In seinen grünen Augen glitzerte Etwas, dass ich nicht definieren konnte.

„Das ist Schicksal?“, riet ich.

„Genau.“, lachte er.

Dann schlang er seinen Arm um meine Taille und schob mich einige Meter vorwärts. „Wollen wir uns nicht erkundigen gehen, wann der nächste Zug fährt?“

„Stimmt ja.“ Schelmisch hielt ich seinem Blick stand. Die Informationsstelle war nicht weit entfernt, jedoch von einer ganzen Schlange Leute besetzt, die auch alle ihren nächsten Zug erwischen wollten.

Leandro und Ich stellten uns hinten an.

Ich ließ meinen Blick auf Chuppine schweifen, die sich zu Leandros Füßen in den Schnee gesetzt hatte. Ob sie wohl fror? Ich verwarf den Gedanken wieder, immerhin war dieser Hund nicht Irgendeiner, sondern ein echter Alaskahund. Die waren Kälte gewohnt- ganz im Gegensatz zu mir.

Ich gähnte und blies weiße Wölkchen in die Luft. „Wie viel Uhr haben wir eigentlich?“, erkundigte ich mich bei Leandro.

Er warf einen kurzen Blick auf seine Armbanduhr. „ Halb fünf.“ „Ganz schön spät schon.“

Endlich löste sich die Schlange vor uns auf, bis wir endlich vor der Informationsstelle standen.

Die Frau, die vor dem Fenster saß, war gutaussehend. Schlank, blonde Haare, gemachte Fingernägel und eine Bluse mit Ausschnitt. Ich blickte nach links zu Leandro, dessen Blick auf der Frau kleben zu schien. Idiot!

„Wir würden gerne wissen, ob und wann hier ein Zug bis nach Dawson, Grenze zu Alaska fährt.“, fragte ich die Frau übertrieben höflich.

Sie warf mir einen Blick zu, der Bände sprach, warf einen Blick auf Leandro und tippte etwas in ihren Computer ein. „Tut mir leid.“, sagte sie spöttisch. „Der nächste Zug fährt nur bis nach Fort Franklin.“

Ich presste Lippen zusammen. „Und wann?“ „Übermorgen um neun Uhr.“

Ich warf Leandro, der seinen Blick mittlerweile gelöst hatte, einen fragenden Blick zu.

„Und wenn wir einen Zug von Vancouver ab nehmen?“, ergänzte er. „Sehe ich aus, als ob ich für den Vancouver-Bahnhof zuständig wäre?“ Sie verzog ihren Mund zu einem zynischen Lächeln. In meinem Inneren begann es zu brodeln. „Also gibt es nur diesen einen Zug nach Port F.?“ „Korrekt.“

„Wann fährt er ab?“

„Hast du Alzheimer? Übermorgen um neun Uhr!“ „Nein, ich habe kein Alzheimer!“, fauchte ich sie an. „Nanni.“, sagte Leandro und schob mich beiseite. Ja klar, jetzt kam der Gentlemen, wie immer! Ich warf ihm einen bösen Blick zu.

„Wie lange fährt der Zug?“, fragte er die Blondine ohne mit der Wimper zu zucken.

„Dreiundzwanzig Stunden.“

„ Also kommen wir, wenn wir am Mittwoch den Zug um neun Uhr nehmen, am Donnerstag um acht Uhr morgens an?“

Ein spöttischer Blick ihrerseits. „Scheint so.“ „Können wir die Tickets hier kaufen?“, warf ich ein. „Wenn ihr Geld habt.“

Sie hantierte einige Griffe am Computer und das Druckgerät neben ihr summte. Sie drückte Leandro die Tickets in die Hand. „Macht vierzig Mäuse.“

Leandro kramte in seiner Jackentasche und gab ihr das Geld. „Hunde fahren frei?“

„Das ist ein Hund?“

„Sehr witzig.“, spottete Leandro und zog mich am Ellenbogen und Chuppines Leine in der anderen Hand, vom Informationscenter weg. „Was war das denn?“, fragte er mich mit hochgezogenen Augenbrauen.

„Sie war neidisch.“

„Auf wen?“

Ich schaute ihn kurz an, um zu schauen, ob er die Frage ernst meinte. „Auf mich. Weil du mein Freund bist!“ „Du hast mich deinen Freund genannt? Oh mein Gott!“, lachte er und drückte mich ein wenig stürmisch an sich. „Stopp!“, keuchte ich, die unter seiner Umarmung fast erdrückt wurde.

„Du dachtest ehrlich, sie wäre neidisch auf mich?“, fragte er kichernd.

„Voll und ganz.“

„Nie im Leben!“

Ich antwortete ihm nicht mehr. Er war mein Freund. Und den würde ich bestimmt nicht an irgendeine blonde Bahnhoftussi abgeben. „Und was machen wir jetzt?“, fragte ich.

„Lass dich überraschen. Ich habe da eine geniale Idee!“