Leandro & Nanni, Bis zu den Sternen
Falsche Eindrücke
Leandro
Sie erinnerte ihn ein wenig an Chuppine, seine grau weiße Husky-Dame, als sie mit wehenden Haaren in den Frühstücksraum stürzte. Nachdenklich beobachtete er sie. Sie war...wild. Er konnte es kaum anders beschreiben. Sie war nicht das, was man unbedingt als Typ Mädchen bezeichnen konnte.
Keine auffälligen Klamotten, engen Tops. Keine unechte Frisur, kein zimperliches Verhalten.
Okay, er schmunzelte. Vielleicht war sie ihm ein wenig zickig gekommen, aber es hatte ihm aufrichtig Spaß bereitet sie ein wenig an der Nase herumzuführen.
Als sie nun in den Raum stürzte warf er ihr ein gut gemeintes Hallo zu, aber sie schien ihn in ihrer Eile nicht zu hören. Er guckte auf seinen Teller, der bereits wieder leer war und dann auf die Uhr. „ Das ist mein Platz.“ Um zu erkennen wessen Stimme das war, brauchte sich Leandro nicht umzudrehen. „ Guten Morgen, Nanni. Gut geschlafen?“ Er hörte sie einen Moment zögern, bis sie antwortete.
„Ja, habe ich. Selbst?“ Ihr immer noch leicht beleidigter Unterton amüsierte ihn. Er drehte sich um.
„Ja, eigentlich habe ich auch ganz gut geschlafen, die Betten sind nur ein wenig zu hart, aber ich denke ich gewöhn mich dran.“ Sie zog die Augenbrauen hoch. Er lächelte schief. „Ähm..!“, sie wies auf seinen Platz.
Ups, das hatte er vergessen! Schnell rückte er einen Platz weiter. „ Da sitz aber ich!“. Martins kleiner Finger zeigte auf den Stuhl, den Leandro gerade besetzt hatte.
Seufzend erhob er sich zum zweiten Mal um einen Platz weiter zu rücken.
„ Versuchs erst gar nicht.“, meldete sich nun Lena zu Wort. „Da sitz ich!“
Grummelnd erhob er sich zum dritten Mal. „Soll ich vielleicht im Garten frühstücken?“
Lena lachte. „Gerne, wenn du willst.“
Aber er blieb trotzdem sitzen. Lena konnte er gut leiden. Sie war nicht sein Typ Mädchen, aber schien dennoch lustig drauf zu sein. Martin fand er eigentlich auch ganz niedlich. Der Elfjährige schien an Nanni zu hängen wie ein kleiner Bruder. Und Nanni? Wie fand er sie? Er überlegte, kam aber zu keiner schlüssigen Antwort. Sie schien sich für ihn zu interessieren, zeigte aber kaum etwas von sich selbst. Sie war in gewisser Hinsicht ein wenig unnormal. Wenn Mädchen ihn sahen, stürzten sie sich praktisch auf ihn. Aber er ließ sich schon lange nicht mehr auf solche Spielchen ein. Eine Zeit lang hätte er das vielleicht getan, aber in seinem Alter? Seine Mum hatte Recht gehabt, als sie ihn hierher geschickt hatte. Er musste endlich erwachsen werden, sonst könnten die Folgen seiner Familie in Alaska über früh oder spät den Kopf kosten.
Nanni
Ich sitze im Park auf der Bank und genieße die Landluft. Ich habe die Schuhe ausgezogen, weil ich gerne den Sand und die frische Erde an meinen Füßen fühle. Sie lassen mich glauben, dass die Welt immer noch völlig normal ist. Ich atme tief ein und rieche frische Luft, die ein wenig salzig schmeckt. Ich mag den Park wenn es frisch geregnet hat, die Luft ganz sauber ist und alles nach Bäumen und Blättern und grünem Sommergras riecht. Plötzlich sehe ich am Rande meines Sichtfeldes Bewegungen. Seltsam, eigentlich kommt selten jemand um diese Urzeit noch in den Park! Ich drehe mich um und sehe zwanzig Meter entfernt Leandro durch den Park laufen. Die untergehende Sonne spiegelt sich in seinen Haaren und beleuchtet sein von der Sonne gebräuntes Gesicht. Auch er bemerkt mich und winkt. Er wirft noch einen Blick auf den Parkeingang- dann kommt er im Laufschritt auf mich zu. „ Abends an der frischen Luft zu sein, Gras zu riechen und in den Himmel schauen ist das beste Mittel seine Gedanken zu ordnen und Klarheit über seine Gedanken zu bekommen.“, begrüßt er mich und lächelt schief.
„Mit meinen Gefühlen ist alles in Ordung.“, entgegnete ich ihm. „Kann ich mich zu dir setzen?“
Widerwillig nickte ich.
„Hör zu, Nanni. Unsere erste Begegnung war ein Missverständnis.“, fing er an.
Ich hob die Augenbrauen.
„ Ich wollte mich doch gar nicht über dich lustig machen. Ehrlich, sein nicht mehr sauer. Es tut mir leid.“ Aus Unschuldsaugen guckte er mich an.
„Verziehen.“, grummelte ich.
Auf seinem Gesicht breitete sich ein Lächeln aus. „Wollen wir vielleicht noch einmal von vorne anfangen?“