Leandro & Nanni, Bis zu den Sternen
Sturz aus der Höhe?
Als ich zum ersten Mal wieder auf meine Handyuhr schaute, staunte ich nicht schlecht, als wir schon viertel nach zehn hatten. „Du, Nanni. Wir haben schon viertel nach zehn.“ „Nicht ehrlich.“
„Doch.“
Ihre Augen weiteten sich. „Was? Schon so spät?“ „Lass uns rennen, vielleicht schaffen wir es noch rechtzeitig.“, schlug ich vor.
Wir rannten quer durch den Park, stolpernd und durch die Dunkelheit. Nanni fluchte, als sich irgentetwas in ihrer Hose verfing und ein Reißen erklang.
Nach Atem ringend erreichten wir endlich die Straße. Die gelb leuchtenden Straßenlaternen waren bizarre Schatten auf uns. „Stopp, einen Moment!“, keuchte Nanni und rang nach Luft. Ich hustete.
Abermals rannten wir weiter, an alten Häusern vorbei und neben Bahngleisen entlang; bis wir endlich in kleiner Entfernung das TPA ausmachen konnten.
Die letzten Meter waren die schlimmsten. Als wir durchgeschwitzt, hechelnd, endlich vorm Jugendhaus standen, war die Eingangshalle in Dunkelheit getaucht.
„Wir sind zu spät.“, sagte Nanni unnötiger Weise. Ja, das hatte ich wohl auch bemerkt. Erschöpft ließ ich mich die Hauswand hinunter sinken.
Neben mir tat Nanni genau dasselbe. „Wir könnten ganz laut klopfen, vielleicht hört uns Bella noch.“, machte sie den Vorschlag. „Damit sie tobt wie ein Sturm?“
„Wir sind doch eh den letzten Tag hier.“, erwiderte sie. „Okay, versuchen wir’s.“, lenkte ich ein uns wir begannen mit beiden Fäusten gegen das Glas zu schlagen.
„Aua!“, jammerte Nanni, aber sie klopfte weiter. Entweder konnte uns niemand hören, oder uns wollte niemand hören- letztenendes gaben wir unsere Versuche erfolglos auf. „Wir werden erfrieren.“, jammerte Nanni weiter. „Erbärmlich, nur durch eine Scheibe Glas getrennt!“ Sie zog einen Flunch. „Aber du als Erster, nur mit deinem T-Shirt bekleidet.“ Sie zog sich meine Jacke fester um die Schultern, und auch mir wurde langsam kalt, nachdem die erste Wärme vom Rennen verbraucht war.
Eine geschätzte Stunde saßen wir auf diese Art und Weise vorm Jugendhaus.
Plötzlich sprang ich auf. Ich hatte doch mein Fenster offen stehen gelassen, bevor ich gegangen war!
„Komm!“, rief ich Nanni aufgeregt zu. „Ich glaub, ich weiß, wo wir noch reinkommen! und zog sie um das Gebäude herum. Ich hoffte nur, die Putzfrau hatte zwischenzeitlich nicht vorbeigeschaut und das Fenster zugemacht. Aber als wir die Fensterseite des TPA’s erreichten, stand mein Fenster immer noch sperrangelweit offen. „Du willst da jetzt nicht ehrlich hochklettern?“, fragte Nanni mich und fixierte den Punkt, der geschätzte sechs Meter über uns lag. Ich zuckte mit den Achseln. „Hast du eine andere Idee hineinzukommen?“
Kein Nicken.
„Also versuchen wir’s?“, hakte ich nach.
„Meinetwegen.“, sagte sie. „Aber du als Erstes.“ Ich beschaute die Wand. Das Gestein war frisch verputzt und warf keinerlei Stützpunkte auf, aber an der Regenleiter waren gelegentliche Trittstangen angebracht. Ich rüttelte an einer. Sie schien fest zu sein. Mit beiden Händen an der Regenrinne und den Füßen auf den Trittsprossen suchte ich mir vorsichtig meinen Weg nach oben.
Bloß nicht nach unten gucken, sagte ich mir und kletterte weiter. Kurz vor meinem Balkon stoppte ich. Ich versuchte ihn mit einer meiner Hände zu berühren, aber er war zu weit weg. Ich nahm die Hand wieder zurück, klammerte mich an das Rohr und versuchte das Gleiche mit meinem Fuß. Tatsächlich konnte ich ihn ganz knapp in eine Lücke im Balkongelände stellen. Nun würde ich mit den Händen hinterher müssen. Ich schaute doch nah unten und es schwindelte mir, als ich die Höhe sah.
Ich sah nur eine Möglichkeit, jetzt auf den Balkon zu kommen. Ich holte tief Luft, fasste all meinen Mut zusammen und sprang. Einen erschreckenden Moment hing ich in der Luft, bevor meine Hände das Geländer zu fassen bekamen. Schnell zog ich mich über das Geländer auf den Balkon und seufzte innerlich tief, als ich endlich auf sicherem Boden saß.
„Jetzt du.“, rief ich hinunter, wo Nanni immer noch ein wenig skeptisch vor der Regenrinne stand.
„Du schaffst das!“, rief ich um ihr Mut zu machen. Vorsichtig setzte sie ihren Fuß auf die erste Sprosse. „Gut, so Nanni. Und jetzt ganz langsam eine Sprosse nach der nächsten.“
Sie nickte ängstlich und klammerte sich fest um das Rohr. Mein Herz schlug heftig, als sie abrutschte. Ein hysterischer Schrei entwischte ihr.
„Ganz ruhig.“, verordnete ich ihr und versuchte dabei meine eigene Stimme im Zaun zu halten. „Versuch’s noch einmal.“ Ein verängstigtes Nicken; dann setzte sie erneut ihren Fuß auf die Sprosse.
Als sie nicht abrutschte, atmete ich erleichtert auf. Uns trennten nun nur noch etwa sechzig Zentimeter. Unsicher schaute Nanni auf den Balkon, der nun einen halben Meter vor ihr in der Luft hing. „Mach es wie ich.“, schlug ich vor und sie schob vorsichtig ihren Fuß nach vorne und stellte ihn schräg in das Balkongelände. Es erschien mir bei ihr riskanter, weil sie ein ganzes Stück kleiner ist als ich und trotzdem diese Entfernung überbrücken musste. „Jetzt die Hand.“, flüsterte ich ihr beruhigend zu. Ihr ängstlicher Blick schwenkte zwischen sicherem Balkon, Regenrohr und meinen ausgestreckten Händen. Ein ängstliches Wimmern kam von ihr.
„Ich fang dich.“, sprach ich ihr zu.
Sie nickte, dann sprang sie.