Leandro & Nanni, Bis zu den Sternen
Fort Franklin
Ich hätte nicht gedacht, dass der Morgen so schnell vergehen würde. Ich saß mit baumelnden Beinen auf dem leeren Freideck des Zuges LJ 130 und hielt die Nase in den kalten Wind. Das Thermometer neben der Tür zeigte -3 Grad an. Chuppie schien der stetige Wind zu missfallen- Den Kopf in den Pfoten vergraben lag sie neben mit wie eine Hunde-Statue. Leandro hatte sich angeboten unsere Reisetasche startklar zu machen und mich für die letzte Stunde Zugfahrt nach draußen geschickt.
Ich trug meine Jacke und Seine darüber, trotzdem fror ich. Plötzlich summte und vibrierte etwas in meiner Jackentasche. Erschrocken zuckte ich zusammen und zog das Handy aus der Manteltasche.
Es war Leandros Handy. Auf dem Display stand: Pablo Handy Ich überlegte dranzugehen, als es zum dritten Mal klingelte. Die grüne Taste drückend, hielt ich mir den silbernen Apparat ans Ohr. „Leandro?“, tönte eine kindliche Stimme aus dem Hörer. „Ähm..“, machte ich. „Ich bin nicht...ich meine Leandro ist gerade nicht da.“
Knistern am anderen Ende der Leitung. „Was sagst du da?“ Ich hörte ihn Etwas rufen, dass sich anhörte, wie <Granny, schruck moj.>
Nanu? Sprachen alle in Alaska so komisch?! Der Hörer wurde weitergereicht.
„Währ ist da?“, fragte eine Frau mit alter müder Stimme. „Ar.“, stammelte ich. „Ähm, hier spricht eine Freundin von Leandro.“ „Kannst du ihn uns weiterreichen?“
Ihn weiterreichen? „Ich bringe ihm sein Handy.“, murmelte ich hastig und versenkte das gute Stück in seiner Manteltasche. Dann schnappte ich mir Chuppies Leine und flüchtete vom Deck Richtung unserem Abteil.
Als ich hereinplatze, schnürte er gerade den letzten Rucksack zu. „Nanni, ich hab doch gesagt, dass du...“, sagte er, bis er das Handy sah, das ich ihm entgegen hielt.
„Dein Bruder und deine... Granny.“, murmelte ich und drückte es ihm in die Hand.
Er schaute kurz auf den Display, dann hielt er sich das blaue Teil ans Ohr. „Granny, bist’e da?“
Ich schaute ihn verblüfft an. Scheinbar sprachen Leute in Alaska mit diesem komischen Akzent.
Wahrscheinlich hatte mich damals der seltsame Junge im ersten Zug auch so komisch angesehen. Ich sprach einfach anders. Während aus seinem Handy unverstehbare Geräusche klangen, nickte er verständlich mit dem Kopf. Zwischendurch murmelte er ein halbherziges: Ja, Ok, Mh.
Dann legte er auf.
„Na, das ging aber schnell.“, bemerkte ich. Er versenkte sein Handy in der Manteltasche. „In den Wettervorhersagen sind Schneestürme für morgen und übermorgen angesagt.“
Sein Blick wanderte ärgerlich durch den Raum. „Wir können doch trotzdem fahren?“
Er ließ die Frage unbeantwortet im Raum stehen. „Wir haben noch eine Woche.“
Toll, das wusste ich auch so. An meiner Unterlippe nagend starrte ich ihn an.
„Wir schaffen es doch trotzdem?“, startete ich einen letzten Versuch. „Könnte sein.“
Mein Herz machte einen kleinen Hüpfer nach unten. Er war sich nicht sicher, das hörte ich.
Ich mir auch nicht. Und das Maß eines Schneesturms... wie hätte ich mir das denn vorstellen können?
„Wir halten.“, riss er mich endlich aus meinen Gedanken und griff nach unseren Reisetaschen, die verschnürt und verpackt schon in der Wagontür standen.
Da er sich unser Gepäck vornahm, griff ich dankbar nach Chuppines Leine und führte die blinde Hündin hinter Leandro her den Gang hinunter.
An der Tür stand eine ordentliche Menschenmasse, als wir uns hinten anstellten.
Ich war froh, dass ich keine Platzangst hatte. Chuppine wahrscheinlich schon. Ich betrachtete die Husky-Dame, die eingequetscht zwischen all den Beinen und Füßen winselnd um ihr Stück Stehplatz kämpfte.
Als die Türen geöffnet wurden, strömten die Massen sofort hinaus. Mehr stolpernd als laufend gelangte ich nach draußen.
Wir liefen durch die Vorstadt von fort Franklin, während ich über unsere Pläne der nächsten Tage nachdachte. Am Bahnhofschalter hatten wir von einem Zug erfahren, der morgen Abend auf eine Fahrt durch Alaska starten würde. Ankunftsort gar nicht weit von Willow entfernt. Die Reise lief perfekt. Bis jetzt zumindest.
„Siehst du, da ist einer!“, rief Leandro und zog mich einmal quer über die Straße an den Passanten vorbei.
„Ui.“, staunte ich, als ich den Laden erblickte, dessen Schaufenster über und über mit Waffen vollgestellt war. „Und du bist sicher, das ist legal?“
Er schaute mich überrascht an. „Wir kaufen doch nur einen Bogen!“ „Nun ja.“, sagte ich. „Ist doch fast wie eine Pistole.“ Er grinste. „Du hattest noch nie einen Bogen in der Hand.“ „Ähm... Nein?“, riet ich.
„Merkt man.“ Er drückte die gläserne Ladentür auf. Ein leises Klingeln ertönte, als wir eintraten. Der Raum war klein und unordentlich und stickig und schlecht beleuchtet und...
„Kann ich euch helfen?“
Ich zuckte ein wenig zusammen, als mit einem Mal ein junger Man in den Zwanzigern hinter der Theke auftauchte. Er trug Kaki-Shorts und ein orangenes T-Shirt und sah aus wie ein Surfer.
„Wir suchen einen Bogen.“, antwortete ich. Seine Augen blitzen freundlich. „Welches Model?“ „Das...“ Mein Blick irrte hilfesuchend zu Leandro, der lässig grinsend im Türrahmen lehnte.
„Sie hatte noch nie einen Bogen in der Hand.“, entgegnete er dem jungen Mann.
„Oh.“, murmelte der Mann. „Interessant. Dann komm mal mit Kleine, ich zeige dir ein paar Modelle.“
Kleine?! Ich war fast genauso groß, wie er! Aber ich folgte ihm nach hinten. Ich staunte nicht schlecht, als an einer Wand von mindestens sieben Meter Ausmaß alle möglichen Arten von Bogen in allen Größen und Farben hingen. Er schien meinen Blick bemerkt zu haben. „Großartig, nicht?“ Ich blickte ihn betont gleichgültig an. „Interessant.“, sagte ich, seine dumme Stimme nachäffend.
Den immer noch dauergrinsenden Leandro ignorierte ich dabei. „Darf ich mir einen Aussuchen?“, fragte ich. „Klar, doch.“
Langsam ging ich die Reihe entlang. Es gab blaue Bögen und schwarzen Bögen und rote Bögen. Manche sahen aus wie von Indianern gefertigt- mit Federn und Perlen verziert. Einige waren aus einfachem Hellen Holz und Andere trugen schmuckvolle Gravierungen.
„Was für Einen hast du?“, fragte ich Leandro, der mittlerweile hinter mich getreten war.
„Sag ich dir nicht.“, raunte er mir zu. „Ich will dich doch nicht beeinflussen.“
„Außerdem musst du sie sowieso erst mal ausprobieren!“, tönte Surfer-Man’s Stimme hinter mir.
Was hatte der Mann für Ohren?!
Willkürlich griff ich nach einem schwarzen Bogen, der zwei rote Federn trug.
„Wo kann ich ihn testen?“, fragte ich.
Der Surfer lachte. „Na hier drinnen wohl kaum.“ „Witzig.“, kommentierte ich.
Er zeigte auf die offenstehende Hintertür. „Dort entlang.“
Das Holz des Bogens wog scher in meiner Hand. Ich stand auf einer Rasenfläche, die sich bestimmt zehn Meter in die Länge, aber nur einen Meter in die Breite erstreckte.
„Der Rasen ist umzäunt.“, bemerkte ich. Wahrscheinlich um Natur-Talente, wie mich davon abzuhalten, wild durch die Gegend zu schießen.
Wie hielt man den so einen Bogen? Ungelenk griff ich nach dem dickeren Ende und warf es mir über die Schulter. Gekicher hinter mir. „Weiß es einer besser?“, fauchte ich nach hinten.
„Allerdings.“, lachte Leandro. Gekicher vom Surfer. Dann griff Leandro nach dem Bogen und stellte sich neben mich. Nicht sehr angenehm, die Tatsache betrachtend, dass wir auf ungefähr zwei Meter Breite standen und ich... eineinhalb Meter davon einnahm.
„Du musst ihn so halten!“, wies er mich an und zeigte auf seine Hand.
Er hielt den Bogen mit Spannband zu sich (Falls es Spannband hieß) und hielt seine Finger fest um das untere dickere Ende umschlossen.
„Bekomme ich einen Pfeil?“, erkundigte er sich bei Surfer-Man. Der Mann reichte ihm gleich drei Stück, alle schwarz und einen Meter lang.
Ich schauderte ein wenig. Wie leicht man jemandem das Teil in den Magen rammen konnte....
„Nanni?“, rief Leandro und schüttelte die Hand vor meinen Augen. „Ich hab dich gesehen!“, rief ich und schlug seine Hand beiseite. Mit einem lauten Krachen schepperte der Boden zur Erde. Oh Shit! „Tut mir leid.“, murmelte ich und bückte mich nach dem im Gras liegendem Bogen.
Jetzt war auch Surfer-Man verstummt. Ich montierte das dicke Ende in der Linken Hand.
„Gut so.“, sagte Leandro. „Wenn du ihn so hältst, kannst du mit der rechten Hand jetzt den Pfeil nehmen...“ Er drückte mir einen schwarzen Pfeil in die Hand.
„Den Pfeil mit dem Band nach hinten ziehen?“, riet ich. Aus den Augenwinkeln sah ich ihn nicken. „Du musst die Pfeilspitze in die Einbuchtung des Nockpunktes stellen!“, rief Surfer mir zu.
Ich stellte die Pfeilspitze in die Einbuchtung vorne im Holz und spannte den Bogen.
„Kann ich schießen?“, fragte ich nervös. Meine Stimme zitterte ein wenig und auch meine Hände waren nasser, als ich es hätte gebrauchen können.
„Du kannst!“, antwortete er.
Ich spannte den Bogen weiter.
„3..... 2...“
Ich richtete die Pfeilspitze auf einen Blumentopf „1.... 0....“
Und ich schoss.
Der Pfeil raste nach vorne und blieb mit einem leisen Plopp im Zaun hängen.
Nicht mein Ziel, aber doch ganz beachtlich, oder? „Du hast ein Zauntier erlegt!“, kicherte Leandro hinter mir. Ich warf einen schrägen Blick nach hinten. „Versuch es noch einmal!“, wies mich Surfer an. „Und versuche DAS hier zu treffen!“
Bei seinen Worten holte er eine drei Meter große Plastikplane heraus und nagelte sie an den Zaun.
Ich strich mir eine nasse Haarsträne hinters Ohr und konzentrierte meinen Blick auf die Plane.
Dann legte ich den zweiten Pfeil ein, spannte den Bogen, richtete das Visier auf die Plane und...ließ los.
Der Pfeil sauste in hohem Bogen auf die Plane zu. Nur leider in zu hohem Bogen.
„Nicht schlecht.“, kommentierte Surfer und riss den Pfeil, der sein Ziel um nur sechs Meter verfehlt hatte, aus dem Zaun. „Noch ein Zauntier!“, jubelte Leandro. „Da bekommt man ja richtig Hunger auf Abendbrot!“
Ich warf ihm einen bösen Blick zu.
„Als hättest du das beim ersten Mal besser gemacht!“ Er warf mir einen amüsierten Blick zu.
„Wenn du nicht besser triffst, können wir in Alaska nur auf Elefantenherden Jagt machen.“
Ersticktes Gekicher vom Surfer, der mir den letzten Pfeil reichte. „Und wenn du nicht aufhörst so hysterisch zu kichern, kommen wir noch nicht einmal in die Nähe von Elefanten!“, rief ich empört aus. Der Mann in Badeshorts neben mir lachte noch lauter. Fast wie ein Orang-Utan. Ich schüttelte mich. War ja gruselig was ich dachte. „Gut gekontert, Kleine!“, lachte er. Kleine?! „Jetzt weiß ich, warum es nie jemand schafft, in Alaska Elefanten zu erlegen!“ Huch? Hatte ich etwas verpasst? Etwas pädophil blickte ich zu den zwei „Männern“, die sich mit dem Lachen gar nicht mehr einkriegen konnten.
„Elefanten... in..hahahaha...Alaska!“, japste Leandro. Langsam dämmerte mir der Verdacht. In Alaska gab es gar keine Elefanten!
Während sich mein Freund immer noch unaufhaltsam kichernd den Bauch hielt, maschierte ich kurzerhand selbstständig in den Laden zurück.
An der Wand hingen noch mindestens sechzig andere Bögen, die ich noch nicht ausprobiert hatte.
Diesmal griff ich nach einem kleineren.
Er hatte eine helle Holzfärbung und wog deutlich leichter in der Hand, als mein Letzter.
Die Pfeile, die daneben hingen, nahm ich ebenfalls wieder mit nach draußen.
Leandro und Surfer schienen sich wieder beruhigt zu haben. Lediglich die roten Flecken des Verkäufers zeugten vom Gelächter. „Na, einen Neuen ausgesucht?“, begrüßte er mich nun, als ich auf den Rasen trat.
Ich zuckte mit den Schultern. „Ich wollte einen Anderen ausprobieren.“
„Dann leg mal los.“ Ohne eine Grimasse zu ziehen, lehnte er sich an den Zaun und beobachtete mich, wie ich die Pfeile auseinander zog. Ich nahm den Bogen in die linke Hand und zog mit der rechten Hand das Zugband samt eingespanntem Pfeil zurück. „Du musst ihn auf Kinnhöhe halten.“, verbesserte mich Leandro. „So?“ Ich hob den Bogen höher.
„Ja.“, antwortete er. „Und jetzt richte das Visier auf die rote Folie.“ Konzentriert richtete ich nun meinen Blick auf die Folie und dann wieder auf das Visier.
„3,2,1“, zählte ich und schoss.
Der Pfeil schoss davon. Deutlich schneller als die letzten Beiden und beschrieb eine flache Linie.
Mit einem reißendem Geräusch bohrte er sich in die Folie und zeriss diese mittig.
Einen Moment blieb ich noch stehen, dann riss mich mein eigener Jubelschrei aus der Starre.
„Getroffen!“, schrie ich und rannte die Rasenfläche zu meinem Ziel herunter.
Mit großen Schritten folgte mir der Surfer. „Klasse gemacht!“, lobte er und streckte die Hand nach oben. Sollte ich ihm High Five geben?!
Als er mich auffordernd anblickte, schlug ich mit aller Kraft ein. „Ah...Mist!“, stöhnte er, als er sich die schmerzende Hand hielt. „Hat sie dich umgehauen, Dennis?“, lachte nun Leandro. Der Typ hieß Dennis? Woher wusste Leandro das denn schon wieder?
Dennis nickte, während er immer noch die Hand festhielt. Weichei! „Hat Kraft, wie ein Mann!“, sagte er.
„Das war das Adrenalin!“, mutmaßte ich.
„Definitiv zu viel!“
Leandro warf ihm einen fragenden Blick zu. „Es gibt Frauen, die haben schon Autos umgedreht, als das Baby drunter lag.“ Dennis grinste nervös und warf mir einen Seitenblick zu. „Jetzt können wir wenigstens sicher sein, sie hat den Richtigen Bogen!“
Ehrlich?, dachte ich.
Leandro warf ebenfalls einen Blick auf den zierlichen Bogen. „Sie sind sicher, er hält?“, fragte er den Verkäufer. „Hundertpro!“
Langsam wagte ich ein Lächeln. Also hatte ich nun einen echten Bogen.
„Nanni.“, warf Leandro ein. „Und du bist sicher, dass der Bogen der Richtige ist?“
Ich nickte glücklich. „Ja!“
„Was kostet er?“ Mein Freund wandte sich an Dennis, den Surfer. Ein nachdenklicher Blick. „Für euch nur 235.“ Ich hätte ihn gerne nach dem Originalpreis gefragt.
Tag der Veröffentlichung: 17.02.2013
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Sie haben Leandro & Nanni, Bis zu den Sternen zu Ende gelesen
Anna K.