Leandro & Nanni, Bis zu den Sternen
Lina
Dann schien Tonder aus seiner Starre zu erwachen. „Können wir nichts tun?“, startete er einen Versuch.
Lucy neben ihm stieß ein krampfhaftes Stöhnen aus. „Ist gut.“, murmelte er ihr beruhigend zu.
„Nun, es gäbe schon eine Möglichkeit.“, begann Dorys. „Aber sie ist riskant und sehr gefährlich.“
„Ich würde alles für sie tun. Alles.“, flehte Tonder inständig und griff Dorys beim Arm.
„Bitte. Bitte helfen sie ihr.“ Dann ließ er sie los. Dunkle Furchen erschienen erneut auf ihren Wangen. „Sie wollen nicht warten?“
Tonder schüttelte bestimmt den Kopf. Dorys seufzte. „Ich brauche sauberes Wasser und ein Paar Gummiehandschuhe.“ Da Tonder immer noch in Starre zu sein schien, platzte ich heraus: „Liegen die Sachen im Kiosk?“
„Hinter der Theke, dritte Schublade von rechts. Nehm einen Topf aus dem Regal und füll ihn mit Wasser. Beeil dich.“ Dorys wank mich zur Tür hinaus, während Lucy ein verbissenes Schreien von sich gab. Ich hatte Angst, als ich Richtung Kiosk rannte. Die Furcht in meinem Inneren drückte mir die Luft ab.
Im Kiosk angekommen, schnappte ich mir die Packung Handschuhe, füllte den nächstbesten Topf mit frischem Wasser und raste damit zurück.
Mein Weg hinterließ eine unverkennbar nasse Spur hinter mir. Aufgewühlt lief ich in Tonders Wagon und drückte Dorys die Handschuhe in die Hand.
Die Schüssel stellte ich neben Lucys Schlafstätte. Grimmig zog sich Dorys die Handschuhe über und straffte sich. „Ich werde versuchen, das Kind am Kopf zu erwischen und es in die liegende Position zu bringen.“
„Wenn Sie es nicht schaffen?“, fragte ich leise nach. „Dann wird Lucy diese Prozedur nicht überleben.“ Ich war dankbar für ihre Offenheit, aber ihre Bemerkung traf mich wie ein Faustschlag in den Magen.
Die schweißgebadete Lucy kämpfte verbissen gegen eine erneute Anfuhr von Wehen.
Mit eiserner Verbissenheit versuchte sie den Mund geschlossen zu halten und hielt die Augen zusammengekniffen. Als Dorys neben der geschwächten Frau niederkniete, schob Tonder ihr vorsichtig die Decke vom Bauch.
Mit verlegendem Blick schaute ich Richtung Boden, doch Dorys rief mich zu ihr. „Schau her Kleine und hilf mir.“ Etwas unsicher kniete ich nun ebenfalls neben Lucy nieder.
„Siehst du den Muttermund?“, fragte Dorys mich. Ich nickte.
„Er ist schon vollständig geöffnet. In normaler Lage müsste das Baby schon längst mit dem Kopf herausgekommen sein.“ „Aber weil es falsch liegt, versperren ihm die Beine den Weg nach draußen?!“, riet ich.
„Ja, genau so ist es.“
Mit behandschuhten Händen griff sie zwischen Lucys Beine und ertastete das Baby im Muttermund.
Ihr konzentrierter Blick war starr auf ihre Arme konzentriert. Ein falscher Griff oder zu fester Ruck konnten dem Baby ebenso wie der Mutter den augenblicklichen Tod bedeuten. Langsam verstummten Lucys Schreie und die Qual ersetzte ein hilfloses Wimmern.
Sie sah grausam aus und ich wünschte, ich hätte etwas für sie tun können.
Mit einem Lappen strich Tonder seiner Frau sachte den Schweiß von der Stirn und murmelte ihr Worte ins Ohr. Doch Lucy schien von dem Allen kaum mehr etwas zu registrieren. Mit geschlossenen Augen und verzerrtem Gesicht lag sie um Atem ringend auf dem Bettenlager und schien am Ende ihrer Kräfte zu sein. Dann zog Dorys ihre blutigen Hände zurück. „Ich schaffe es nicht.“, sagte sie ernst. „Es tut mir wirklich leid.“
Da begannen bei Tonder die Tränen zu fließen. „Nein!“, klagte er. „Das darf nicht sein!“
Er vergrub sein Gesicht in Lucys Haaren und schluchzte.
„Es tut mir wirklich leid.“, wiederholte Dorys leise. „Ich wünschte, ich hätte mehr für sie tun können.“
Tonders tränenüberströmtes Gesicht wandte sich in einem hilfesuchenden Blick an mich. „Kannst du es nicht versuchen?“, flüsterte er.
Als ich mir ein Paar neue Handschuhe überstreifte, fühlten sie sich falsch an meinen Händen an. „Ich schaffe das nicht Dorys. Ich habe so etwas noch nie gemacht!“
Ihr warmer Blick schaute mich mitleidsvoll an. „Du hast schmalere Hände, vielleicht schaffst du es. Wenn nicht.. stirbt Dorys auch ohne dich.“
Sie hatte Recht. Mein Herz pochte wie wild, als ich die Hände in den geöffneten Muttermund schob und das Baby ertastete. Aber ich konnte kaum etwas fühlen. Wärme und viel Glitschiges, aber vom Baby konnte ich nichts ausmachen. „Ich fühle nichts.“, sagte ich und verkrampfte meine Hände.
„Versuch es noch einmal.“, bat Dorys mich. Diesmal war ich mutiger. Mit beiden Händen fuhr ich die Gebärmutterhöhle entlang und ertastete schließlich etwas Hartes, Rundes. „Ich glaube ich habe den Kopf“, stieß ich aus. „Versuch die Beine zu ertasten.“
„Ich hab sie.“, rief ich aus.
Dorys gefesselter Blick geriet nicht von Lucys Bauch. „ Versuch das Baby umzudrehen. Halte es zwischen den Beinen und am Kopf.“, wies sie mich an.
Ich raffte meinen letzten Mut zusammen und drehte mich zittrigen Händen das Baby um.
„Sachte.“, murmelte Dorys.
Als ich den Kopf am Muttermund spürte, wäre ich vor Erleichterung am Liebsten zusammengebrochen. Mit zittriger Stimme presste ich ein „Es liegt richtig.“ heraus.
Hinter mir keuchte Tonder auf. „Du hast es?“ Mein schwaches Nicken bestätigte ihn.
Lucy wimmerte.
„Ich werde das Kind herausziehen.“, erklärte Dorys. Lucys Schreien, als Dorys langsam das Kind aus dem Muttermund zog, ging mir in Mark und Bein über.
Endlich sah ich den Kopf des Babys und keine Augenblicke später zog unsere behelfsmäßige Hebamme das Baby blutverschmiert heraus.
Mit einer Schere durchtrennte sie geübt die Nabelschnur. Es folgte qualvolle Stille, bis das Neugeborene lebend seinen ersten Schrei von sich gab.
Zufrieden klopfte Dorys ihm auf den Rücken und wickelte es in das weiße Tuch, das Tonder ihr reichte. Dann übergab sie das Kind dem Vater.
Lucys Wimmern verstummte als endlich mit einem letzten Schwall Blut die letzten Überreste der Schwangerschaft herausfloßen. Tonder drückte mir das Neugeborene in die Hand und eilte zu seiner Frau.
„Es ist vorbei.“, hörte ich Lucy mit kaum verkennbarer Stimmer flüstern.
„Ja.“. Tonders Stimmer war auch kaum mehr als ein Flüstern. „Du hast es geschafft.“
Lucys angestrengter Atem beruhigte sich wieder. Dorys nahm ihre schlaffe Hand und maß den Puls. „Im letzten Moment.“, murmelte sie erschöpft.
Erleichtert atmete ich auf. Das Baby in meiner Hand quäkte weinerlich. Es war super klein und hatte eine niedliche Stupsnase. Die Haut war noch ein wenig faltig und glänzte rosa. „Hier.“, übergab ich das Baby der geschafften Mutter. Lucy öffnete die Augen, als sie es entgegennahm und mit schwachem Lächeln an sich drückte. „Was ist es?“, fragte sie matt. „Es ist ein Mädchen.“, antwortete ich leise. Ein glückseliges Lächeln umspielte ihre Lippen. „Willkommen Zuhause, Lina!“