Leandro & Nanni, Bis zu den Sternen
Lenas Geheimnis
Nach dem Essen ging ich raus.
In meinem dunkelblauen Anorak war es auch an kühlen Herbsttagen noch angenehm warm und ich genoss die frische Luft, die mir durchs Gesicht strich. „Fellow!“, hörte ich eine Stimme hinter mir rufen. Ich sah Lena in der Tür des TPA’s stehen.
„ Warte! Kann ich mitkommen?“ Ich runzelte die Stirn. Eigentlich wollte Lena abends nie mit mir raus.
„ Klar, meinetwegen!“, rief ich zurück und sah wie sie sich ihren Mantel schnappte und mir entgegeneilte. „Gehen wir ne Cola im Bancover trinken?“, fragte sie mich japsend. „Geht nicht, ich hab mein Geld vergessen.“ Entschuldigend sah ich sie an.
„Macht nichts. Ich lad dich ein!“ Ihre braunen Augen leuchteten. „ Cool, danke. Dann natürlich gerne!“
Zusammen machten wir uns auf den Weg in die Innenstadt. Mein Dad hatte mir als ich kleiner war immer erzählt, wenn ich je zum Nordpol wollte, müsse ich einfach nur dem Polarstern folgen. In Städten war es ähnlich. Wenn man in die Innenstadt wollte, musste man einfach nur den Bahngleisen folgen. Der Bahnhof lag immer in der Innenstadt, das war eine Tatsache.
An den Nordpol zu kommen, wenn man dem Polarstern folgte war auch eine Tatsache.
„Lena?“
„Mh?“, sie blickte mich an.
„ Hast du jemals überlegt abzuhauen? Einfach weg, nach Alaska zum Beispiel?“ Sie balancierte auf dem Bürgersteig. „ Weiß nicht, ich glaub nicht. Du? „
„ Ja, schon.“, gab ich zu und schaute zum Mond hinauf. „Irgendwann will ich hier weg. Ganz weit weg. Nach Alaska vielleicht.“ Meine Freundin blinzelte und lächelte. „ Dann gehst du nach Alaska und lebst mit deinem komischen Brieffreund Jacob mitten in der Wildnis von Alaska in einer Blockhütte. Und dann werde ich nie mehr von dir hören, weil du da weder Telefon noch Internet hast.“ Ich lachte. „ Na ganz so schlimm wird’s ja schon nicht werden! Lena lachte auch und summte: „Allein, allein. Allein, allein.“ „Komm schon.“, ich zog sie am Ärmel. Vor uns lag das Bancover Cafe.
„ Was wollt ihr trinken?“ Der Kellner, der vor uns stand war ungefähr mitte zwanzig und ziemlich unfreundlich. „ Zwei Cola.“, bestellte Lena und der Kellner zog wieder ab.
Ich schaute sie genauer an. Eigentlich war ich sicher, dass sie heute abend nicht ohne Grund mit mir ins Bancover gegangen war. Sie wirkte ein wenig..unsicher.
„Also, was ist los?“, fragte ich sie. Sie seufzte und bestätigte mir nur noch einmal dass ihr etwas auf dem Herzen lag. „Ich verlass das TPA. Meine Tante und mein Onkel haben sich bereiterklärt mich aufzunehmen.“
Mit vielem hatte ich gerechnet, aber mit so etwas ehrlich nicht. Geschockt sah ich sie an.
Das konnte doch nicht sein, jetzt wo wir zwei Jahre zusammen im Jugendheim gelebt hatten. Sie konnte doch nicht einfach gehen. Ich musste schlucken und blinzelte meine Tränen weg. „ Wann?“, fragte ich sie.
„In zwei Wochen.“, antwortete sie.
„Zwei Wochen.“, murmelte ich. Keine lange Zeit um sich auf einen Abschied für immer vorzubereiten.
„ Hast du auch schon gehört, dass Lena weggeht, Nanni?“, bestürmte mich Martin am nächsten Morgen beim Frühstück. „ Mhh, ja, das habe ich auch schon gehört.“ Lena war heute morgen noch in ihrem Zimmer geblieben, weil sie Baumschmerzen hatte. Vielleicht, weil sie selber Angst vor dem Abschied hatte. Vielleicht hatte sie aber auch einfach nur ihre Regel. „Ich find’s schade, dass sie geht.“ Martin zog einen Flunch. „Was machst du denn, wenn sie geht, Nanni? Dann bist du ja ganz allein auf einem Zimmer.“
Ich zuckte mit den Schultern. Der elfjährige Junge schaute mich mit großen Augen an.
„Wenn du willst, kannst du mit mir und Luke auf ein Zimmer, dann bauen wir eine Luftmatratze auf und dann schläfst du bei uns!“ Ich lächelte schwach. „Ich glaub nicht, dass Bella das erlaubt.“ Ich nahm meinen Teller vom Tisch und stellte mich beim Büffet an. Der Geruch von frischen Brötchen stieg mir in die Nase. Ich nahm mir gleich zwei Brötchen und zwei Päckchen Erdbeermarmelade; vielleicht würde Lena ja doch noch Hunger bekommen. Am Ende des Frühstücks rief mich Bella zu sich, um mit mir, wie ich schon erwartet hatte, über Lenas Abreise zu reden. Es stellte, sich heraus, dass ich entweder zu den kleinen Zwillingen Clarice und Nadja aufs Zimmer könne oder mein Zimmer behalten könne. Ich zog das alleinige Zimmer vor und fragte ebenfalls nach Lenas neuer Adresse.
„ Keine Sorge, Kleine. Die werde ich dir so bald wie möglich geben.“ Ich nickte dankbar. Dann würden Lena und ich uns also schreiben können.