Leandro & Nanni, Bis zu den Sternen
Shampooduft
Leandro
Als sich die Tür nach vier Stunden endlich wieder öffnete, war ich erleichtert Nanni zu sehen.
Ihre Haare klebten ihr ein wenig an der Stirn und ihre Wangen waren gerötet.
„Lebt sie noch?“, fragte ich sie, sobald sie sich auf die Sitzbank fallen ließ.
„Ja, tut sie. Es war knapp.“
„Die Nachricht hat sich wie ein Feuer über den ganzen Zug ausgebreitet.“
„Ehrlich?“ Ein wenig Ehrfurcht war in ihren Augen erschienen. „Nun ja.“, stoppte ich. „Ihr wart ja auch nicht gerade leise...“ Sie warf mir einen wütenden Blick zu und strich sich die feuchten Haare hinter die Ohren. „Immerhin war ich nicht zu feige, ihr zu helfen!“
Ich merkte, wie ich ein wenig rot wurde. Ihr Kommentar hatte mich getroffen. „Ich war noch nie bei einer Geburt dabei!“, versuchte ich mich zu rechtfertigen.
„Ich auch nicht.“, fauchte sie und ihre Augen glitzerten erbost. „Ich hab ne ganze Menge Mut gebraucht, um das Baby im Muttermund umzudrehen!“
Vorsichtig warf ich einen Blick auf ihre Hände, die aber keine Blutspuren mehr aufwiesen. „Okay.“, lenkte ich ein. „Das war wirklich mutig von dir.“
Ihre Falten glätteten sich wieder und ein Lächeln kehrte in ihr Gesicht zurück. „Sie hat ihr Baby Luna genannt.“ Luna? Ein interessanter Name. Ich musste zugeben, ihn bisher nur einmal gehört zu haben. „Bedeutet das nicht Mond auf Spanisch?“, fragte ich.
Ein nachdenklicher Blick. „Ja, ich glaube schon. Tonder und Lucy sind auch Beide Spanier.“
Ich nickte. Die Beiden mussten schon lange unterwegs sein. Von Spanien bis in die Vereinigten Staaten von America war es ein langer Weg.
Ich fragte mich, warum die Beiden gerade jetzt so eine große Reise unternahmen. Und dann noch, wo Lucy doch schwanger war. „Ist die Kleine süß?“
Sie lachte. „Nun ja, sie ist sehr klein und sieht aus wie ein Baby.“ Ich lachte mit ihr. „ Knautschig, klein und knuffig.“ Einige Minuten später gab unser Lautsprecher ein Knacken von sich und verkündete eine Ansage: Der Zug pausiert für etwa eine Stunde. Wir befinden uns in Poncha City, Oklahoma. Ich band Chuppine ihr Halsband um und verließ mit ihr und Nanni unseren Wagon.
Draußen wehte eine frische Luft. Der Nachmittag ging zu Ende und schon jetzt gingen vier Uhr, begann sich der Himmel dunkel zu färben.
Die Bahnstation, an der wir gehalten hatten war relativ klein. Ich sah einige Meter entfernt zwei Imbissbuden und ein Waschhaus. „Willst du duschen?“, fragte ich Nanni, die sich nun ungefähr zum hundertstem Mal die wirren Haare aus dem Gesicht strich. „Auf jeden Fall!“, erwiderte sie. „Aber wir brauchen Handtücher und Shampoo. Ich geh sie kurz holen.“
Dann verschwand sie zurück in den Zug und kehrte mit zwei blauen Handtüchern und einer kleinen Flasche Shampoo zurück. „Du hast das Geld?“, fragte sie.
„Klar.“ Ich band Chuppine auf einer kleinen Grünfläche an einen Baum.
Im Waschhaus hingen schon die Nebelschwaden, bevor wir die Duschräume betreten hatten. Der Boden war feucht und es roch stickig und nach Keller. In den wahrscheinlich mal weiß gewesenen Fliesen zogen sich dunkle Risse und an den Wänden blätterte die Weiße Farbe ab.
Als Nanni die grüne Tür öffnete, schlug mir ein Schwall Shampooduft entgegen. Das Waschhaus sah aus wie das Abbild einer Dampfsauna. Im mittleren Gang stand eine junge Frau, Handtuch fest um den Körper gebunden, und fuhr mit den Händen behelfsmäßig durch die knotigen Haare. Bis auf die letzte Kabine schienen alle anderen belegt zu sein.
„Du kannst als erstes duschen.“, bat ich Nanni an. „Willst du nicht?“
„Ich geh nach dir.“
Sie warf das blaue Handtuch über die Kabinentür und verschloss die Tür hinter sich.
Mein Blick wanderte durch den Waschraum. Er erinnerte mich ein wenig an die Thermen, die die Römer früher immer benutzt hatten. Dann höre ich ein Prasseln aus dem Inneren der Kabine. Nanni schien unter der Dusche zu stehen. „Dorys scheint allerdings doch ganz okay zu sein.“, rief sie.
„Sie ist total intolerant, unsozial und unfreundlich ist sie auch.“, protestierte ich.
Kichern aus der Duschkabine. „ Und du ein Idiot.“ „Passt doch.“, murmelte ich, aber so leise, dass sie es nicht hören konnte.
Dann hörte das Prasseln auf und eine nasse Hand griff nach dem Handtuch.
Fünf Minuten später kam Nanni in fertiger Montur angezogen aus der Kabine.
Ich zog eine meiner Augenbrauen hoch und blickte vielsagend auf ihr blaues Top hinunter, das gerade das Nötigste verdeckte. Sie warf mir einen ärgerlichen Blick zu und ich fing an zu lachen. „Manchmal frage ich mich ehrlich, ob du so unschuldig bist, wie du tust.“ Sie wurde verlegen und verkreuzte die Arme vor der Brust. „Wolltest du nicht duschen gehen?“
Ich warf meiner beleidigten Prinzessin einen amüsierten Blick zu. „Richtig, ich wurde nur kurzzeitig abgelenkt.“ Doch sie schob mich in die Dusche und zog geräuschvoll die Tür hinter mir zu. „Du hast fünf Minuten!“, reklamierte sie durch die Tür und ich streifte mir das T-Shirt über den Kopf.
Tatsächlich stand ich angezogen erst zehn Minuten später wieder draußen.
Wir verließen das dampfende Waschhaus mit nassen Haaren und setzten uns bei den letzten Sonnenstrahlen nach draußen auf die noch angewärmten Strahlen und genossen die letzte Helligkeit dieses Tages.
„Wenn wir Glück haben sind wir morgen um diese Uhrzeit schon an der Grenze zu Kanada.“, gähnte ich. Nanni hielt die Augen geschlossen und murmelte ein „Mh.“.
Chuppine turnte um uns herum in Gras und erschnüffelte die Gegend.
Ich griff einen Stock aus dem Gras auf und warf ihn einige Meter von mir.
In freudiger Erwartung stürmte meine Husky-Dame hinterher, schnüffelte nach dem Objekt und brachte ihn zurück. Dann legte sie sich zwischen Nanni und mich, den Kopf auf den Pfoten.
Als eine halbe Stunde später der Abfahrtston unseres Zuges ertönte, war die Sonne schon fast am Horizont verschwunden. Wir kehrten zurück zum Wagon. „Ich glaube, ich werde noch einmal nach Dorys schauen.“, sagte sie zu mir.
„Meinetwegen.“
Sie schien ja wirklich einen Narr an dieser alten Dame gefasst zu haben.
Ich saß im Wagon schon fast eingeschlafen, als plötzlich etwas in meiner Hosentasche vibrierte. Mein Handy? Ich zog es heraus und ging dran: „Hallo, Leandro hier?“
„Leandro!“, tönte es mit der Stimme meines kleinen Bruders heraus. „Pablo, wie geht es dir und Mum?“
Ein erleichtertes Lachen am Ende der Leitung. „ Mum geht es noch gut. Ich durfte sie heute sehen. Sie scheint’s so schlecht nicht zu haben.“, antwortete er.
„Schön.“, sagte ich. „Wir haben ja auch noch 4 Wochen Zeit. Machen die Black Stone Edges Druck?“
Mit Absicht benutzte ich den vollen Namen meiner ursprünglichen Gang.
Räuspern am Ende der Leitung. „Ich hab ihnen gesagt, du brauchst Zeit, um von Amerika mit dem Zug hierher zu kommen. Sie meinten sie würden darauf vertrauen, dass ich die Wahrheit sage.“ Seine kindliche Stimme klang voll Überzeugung. „Gut so. Ist mit Tante Gwenny alles in Ordnung?“, fragte ich nach. „Sie macht sich Sorgen um dich und Mum und zwingt mich jeden Abend zum Beten, aber sonst geht’s ihr gut.“, lachte er leise. „Schön.“, sagte ich und unterbrach. „Ich befinde mich in Oklahoma. Ich komme so schnell ich kann, okay?“
„Ich hab dich lieb.“, flüsterte Paco.
„Ich dich auch.“
„Darf ich deine alte Steinschleuder benutzen?“ „Sie liegt unter meiner Matratze.“ Ich hustete. „Ich weiß.“
Ein kurzer Moment verging, bis ich seine Worte verstand. „Paco, du weißt genau, dass du nicht in mein Zimmer darfst!“, fauchte ich in den Hörer.
„Ich hab in deinem Bett geschlafen und sie bemerkt.“, sagte seine kleinlaute Stimme. „Ich konnte nur nicht einschlafen.“ Ich gestattete mir einen Seufzer und fuhr mir mit den Händen durch die Haare.
„Du bleibst aber ab jetzt aus meinem Zimmer fern, verstanden?“, knurrtee ich.
„Ja man.“, erwiderte Pablo trotzig.
„Ich verlass mich darauf. Schlaf gut.“
„Du auch.“
Dann knackte die Leitung und er hatte aufgelegt. Ich war froh, dass es Mama noch gut ging. Ich hatte Schlimmes erwartet, aber vielleicht würde die Gang diesmal Rücksicht nehmen. Nicht zuletzt wegen Fabio, der immer ein Auge auf meinen kleinen Bruder gehabt hatte.
Nanni
Dorys saß wie immer in ihrem Sessel hinter der Theke, als ich den Kiosk betrat.
Der kleine Fernseher an der Decke lief und zeigte Auszüge aus einer Comedy-Show.
Neben Dorys stand eine dampfende Tasse auf dem Tischchen. „Wie geht es Lucy?“, begrüßte ich sie, als ich den Raum betrat. Erst jetzt schreckte sie hoch und schaute ein wenig erschrocken, als sie mich in der Tür stehen sah. „Ich habe dich nicht kommen gehört!“, rief sie entrüstet. „Und Lucy geht es besser, ich war vor einer halben Stunde bei ihr.“, fügte sie etwas ruhiger hinzu.
„Schön.“, nicke ich. „Ich hatte auch vor, gleich noch einmal bei Ihnen vorbei zu schauen.
„Warst du duschen?“, fragte Dorys und deutete auf meine immer noch feuchten Haare, die ich provisorisch am Kopf verknotet hatte. „Vorhin.“
„Willst du auch einen Kaffee?“
„Gerne.“, erwiderte ich und blinzelte durch das Fenster, dass das Neonlicht des Raumes reflektierte.
Dorys stand auf und setzte einen Top mit frischem Wasser auf den Herd.
Eine unbeharrliche Stille füllte den Raum und nur das Gas gab unterm Topf ein leises Pfeifen von sich. „Ist dieser Leandro dein Freund?“, fragte Dorys mich urplötzlich.
„Nun ja.“, stotterte ich ein wenig verlegen. „Ich glaube schon.“ Nun war es endlich raus. Erleichterung durchströmte mich. Ich hatte Leandro das erste Mal meinen Freund genannt. „Er ist ziemlich jung, um ein Mädchen mit auf Reisen zu nehmen.“, bemerkte sie spitz.
Ich nickte. „Es war nicht geplant gewesen.“ „Er hat dich gezwungen?“, fragte sie und zog verblüfft ihre Augenbrauen hoch.
„Nein.“; kicherte ich. „Ich habe ihn mehr oder weniger überredet.“ „Der Charme der jungen Frauen.“
„Es war wichtig.“
Nun war es Dorys, die sich ein großmütterliches Lächeln erlaubte. „Sei bloß vorsichtig, Kleine. Liebe tut manchmal ganz schön weh.“ „Ich pass auf.“
„Das will ich hoffen.“, antwortete sie und drückte mir eine Tasse mit dampfendem Kaffee in die Hand. „Warum geht ihr überhaupt nach Alaska?“
„Nun ja.“ Ich rieb mir die Stirn. „Leandro wurde zu mir ins Jugendheim nach America geschickt, weil er in seiner Heimat Probleme gemacht hat.“
„Drogendealen und so etwas?“
„Etwas Ähnliches. Jedenfalls wurde er schon früh Mitglied in einer Gang und drehte illegale Spielchen im Gegenzug, dass die Gang ihm die Sicherheit seiner Familie in Alaska garantierte.“
Ich nahm einen Schluck aus der Tasse und schaute Dorys in die Augen. „Er wurde vernünftig und ist vor seiner Reise aus der Gang ausgetreten.“
„Wo liegt das Problem?“, fragte Dorys. „Ich meine, ist doch schön, wenn er vernünftig geworden ist.“
„Ist es ja auch.“, antwortete ich wahrheitsgemäß. „Aber die Gang fordert Strafgeld. Sie haben seine Mutter gefangen genommen.“ Ich verschwieg mit voller Absicht den eigentlichen Betrag. Dorys schlug sich die Hand vor den Mund. Sie sah aus, als könnte sie der Geschichte nicht so recht glauben. „Dass so etwas heute noch passiert!“, empörte sie sich.
Dann verstummte sie wieder und ihr Blick kehrte ins Leere. „Er will nach Alaska und das Geld zahlen?“
„Ja.“, sagte ich. „Sein kleiner Bruder wohnt bei seiner Tante.“ „Ihr müsst der Polizei bescheit sagen“
Ich folgte ihrem Blick zum Telefon. „Leandros Tante hat sie bereits alarmiert; die Polizei scheint sich einen feuchten Dreck um die Armenviertel zu scheren.“
Ich verzog keine Miene, als ich den Satz aussprach. Auch Dorys schwieg einen Moment und fuhr verloren die Falten ihres roten Sessels nach. „Wie viel müsst ihr zahlen?“ Ich schwieg. Sollte ich ihr diese Frage wirklich beantworten? Allerdings würde ihr Wissen an unserer Allgemeinsituation auch herzlich wenig ändern. „2000 Euro.“, antwortete ich. „Ordentliche Summe.“
„Ja.“
„Habt ihr genug Geld?“ Ein fragender Blick in meine Richtung. „Kaum, aber es reicht, um nach Alaska zu kommen.“ Sie nickte.
Auf meinem Rückweg schaute ich bei Lucy und Tonder vorbei. Dorys hatte mir eine Kanne Pfefferminztee für die Beiden mitgegeben. Als ich an die Tür klopfen wollte, stand diese bereits offen. „Hallo?“, rief ich leise und schob die Tür ein Stückchen weiter auf. Mit der kleinen Luna auf dem Bauch lag Lucy im Bett. „Komm rein.“, sagte sie und wank mich herein. Das Bettenlager stand immer noch, aber im Zimmer roch es wieder angenehm.
„Ich wollte euch nur kurz eine Kanne frischen Pfefferminztee bringen.“, sagte ich und schaute mich nach Tonder um. Lucy bemerkte meinen Blick. „Er ist auf dem Heck Luft schnappen gegangen.“
„Achso.“, erwiderte ich ein wenig enttäuscht. Gerne hätte ich ihn gesehen.
„Willst du die Kleine einmal halten?“, schlug Lucy plötzlich vor und lächelte mich an.
Überrascht lächelte ich zurück. „Gerne.“ Lucy zögerte einen Augenblick, dann reichte sie mir das Baby. Luna schlief. Ich wog das kleine weiße Bündel ruhig in meinen Armen. „Luna ist ein schöner Name.“
„Ja, nicht?“, erwiderte sie. „Der Name ist Spanisch und bedeutet Mond.“ Glücklich betrachtete sie das kleine Mädchen. „Wenn du noch ein Mädchen bekommst, musst du es Stella nennen.“, murmelte ich.
„Stella?“
„Nun ja, Mond und Stern gehören doch wohl zusammen.“ Ich lächelte bei dem Gedanken.
„Du hast Recht, Stella ist wirklich schön.“
Ich gab ihr das schlafende Mädchen zurück. „Ich gehe dann wohl besser.“, sagte ich und wünschte Lucy eine gute Nacht. „Ich dir auch.“, antwortete sie, dann verließ ich Wagon Nummer acht und kehrte in meinen Wagon zurück.
Als ich zurückkehrte schlief Leandro schon. Seine Armbanduhr zeigte mir zehn Uhr an.
Auch Chuppine hatte sich neben Leandros Füßen schlafen gelegt, wurde aber durch mein Kommen aufgeweckt. Nach einigen Sekunden Schnüffelns jaulte sie leise und rieb begrüßend ihren Kopf an meine Beine. Da Leandro immer noch schlief, griff ich nach der Leine und nahm Chuppine mit nach draußen. Ich war noch nicht müde genug, um schlafen zu gehen und Lucys Bemerkung über das Heck im Zug hatte mich neugierig gemacht. In gemächlichem Schritt trottete die Husky- Dame neben mir her. Auf dem Zugplan schaute ich mich nach der gesuchten Stelle um. „Freideck“ stand dort und wies auf das Ende des Zuges. Im grellen Neonlicht streiften Chuppie und ich die Abteilungen entlang. Es war leise im Zug geworden. Das Tuckern des Zuges hatte die Geräuschkulisse übernommen.
Nach einigen Minuten Laufens standen wir am Ende der letzten Abteilung vor einer rotgestrichenen Tür.
Als ich auf die Türklinke drückte, schwang sie mit leisem Knatschen auf und gab tatsächlich ein 5 mal 5 großes Freideck auf. Die erhöhte Plattform war vollkommen leer.
Ich schloss die Tür hinter mir und ging über die Plattform bis zu der Balustrade, die vor dem Herunterfallen schützte. Mit atemberaubender Geschwindigkeit flogen die Bahngleise unter mir davon und hinterließen eine Wolke aus Staub und trockener Erde. Ich setzte mich hin und ließ die Beine durch die Stäbe baumeln. Kühle Luft sauste um meine Fußknöchel und wehte mir in einer frischen Brise um den Kopf.
Der Himmel war sternenklar. „Luna.“, flüsterte ich. Der Name hätte kaum passender sein können. Chuppie spitzte überrascht die Ohren, als sie meine Stimme hörte.
„Nicht du.“, lachte ich leise und kraulte der Hündin gedankenverloren das Fell.
Plötzlich hörte ich ein Knatschen hinter mir und drehte mich um. Ein kleiner Junge, vielleicht neun Jahre alt mit aschblonden Haaren stand in der Tür. Als er mich sah, zuckte er erschrocken zurück und zog die Tür wieder zu.
„Du kannst ruhig hoch kommen.“; rief ich ihm freundlich zu. Die Tür ging wieder auf. Etwas scheu trat der Junge hindurch. „Hallo.“; sagte er und streckte mir die Hand entgegen. Etwas konfus streckte ich ihm auch meine entgegen.
„Stimmt etwas nicht?“, wollte er wissen.
Ich bemerkte, dass ich ihn anstarrte und schüttelte den Kopf. Etwas verwirrt senkte er den Blick und kehrte mir den Rücken zu, als er sich über die Balustrade lehnte. „Die Aussicht ist fenomenal!“, hauchte er überrascht.
„Ja, das ist sie.“, antwortete ich, auch wenn ich nicht wirklich wusste, ob ich mich angesprochen fühlen sollte.
„Du kommst aus America?“, stellte er fest. „Ja.“, antwortete ich überrascht. „Woher weißt du das?“ „Ich höre es an deinem Akzent.“
„Echt?“ Mir war bisher nie aufgefallen, dass die Menschen hier so sonderlich anders sprachen, als in Boston. Auch bei mir selber konnte ich keinen Akzent feststellen.
Chuppie neben mir winselte. „Ich muss gehen.“, sagte ich und griff nach ihrer Leine.
Den geheimnisvollen Jungen ließ ich zurück.
Mit dem Kopf an die Scheibe gelehnt, döste ich vor mich hin. Leandro neben mir schnarchte leise.
Er sah schlafend wirklich süß aus. Nicht so angespannt wie tagsüber, sonder einfach mal sanft. Fast schon niedlich. Ich schalt mich selbst für mein dummes Denken und schloss die Augen, in dem Versuch endlich einzuschlafen.
„Du schläfst nicht.“ Ich blinzelte durch die Augen. Leandro war aufgewacht und strich sich die wuscheligen Haare aus dem Gesicht. „Aber fast.“; informierte ich ihn und schloss erneut die Augen. „Hast du gar nicht geschlafen bis jetzt?“
„Ich war mit Chuppie auf dem Freideck und bei Lucy.“ Verschlafen blickte er mich an. „Kommst du noch einmal mit aufs Freideck?“
„Warum?“
„Bitte.“
Ich nickte ergeben und streckte mich. Dann tapste ich hinter ihm aus dem Wagon.
Er griff nach meiner Hand und schlenkerte sie hin und her. Schweigend liefen wir den stillen Flur entlang. „Ist dir nicht kalt?“, fragte er mich leise und bezog sich darauf, dass ich immer noch im Top herumlief.
„Nein, mir ist warm.“, antwortete ich verlegen. Warum war ich ihm immer noch so schüchtern gegenüber?
Wir erreichten das Ende des 12. Abteils und passierten die rote Tür. Nachtluft umfing uns, das Deck war leer.
Leandro zog mich neben ihn auf den Boden. Sein Blick wanderte über die nächtliche Landschaft. In der Ferne leuchteten einige Lichter, vermutlich ein Dorf und um uns herum ging die Landschaft unmerklich in Gestein über.
„Du weißt gar nicht, wie verdammt sehr ich dich liebe.“, flüsterte er. „Bis zum Mond und wieder zurück. Tausend Mal.“ „Und ob ich das weiß.“
„Tust du?“
Ich nickte und zog in zu mir, bis ich ihm ins Ohr flüstern konnte. „Ich liebe dich auch. Bis zum Mond und wieder zurück. Tausend Mal und noch mehr.“
Sein trauriges Lächeln tat mir weh. „Du bist das Beste, was mir je passiert ist.“, murmelte ich.
„Und du bist das dümmste und dickköpfigste...“ Er unterbrach und schluckte. „Und verdammt noch mal süßeste Mädchen, das ich kenne..“
Seine Worte umfingen mich in einer weichen Wolke, die mein Denken aussetzten ließ.
„Ich lass dich niemals mehr los.“, sagte er. „Brauchst du auch nicht.“
Dann kamen seine Lippen näher. Unsere Nasenspitzen berührten sich fast und ich schaute ihm tief in seine unglaublich grünen Augen. Einen Moment hielt ich seinem Blick stand, bis er seine Lippen auf meine senkte.
Wieder dieses wunderbare Gefühl, als ich ihn so nah bei mir spürte. Ich strich ihm eine tiefschwarze Haarsträne aus dem Gesicht. Er griff nach meinem Handgelenk. „Versprich mir, dass du mich nicht verlässt. Nicht auf dieser Reise.“, flüsterte er eindringlich. Er war so nah, dass ich seinen Atem auf meiner Wange spüren konnte. Ich versuchte mein Handgelenk seinen Fingern zu entziehen. „Versprich es mir, Nanni.“
Ich holte tief Luft und blickte ihm fest in die Augen, als ich sagte: „Ich verspreche es.“