Leandro & Nanni, Bis zu den Sternen
Stopp in Nashville
Leandro
Dass Nanni schon binnen zehn Minuten eingeschlafen war, wunderte ihn kaum.
Der Tag war anstrengend gewesen und hatte Beide geschafft. Auch er hätte gerne geschlafen, aber er zwang sich zum Wachbleiben; der Ticketkontrolleur musste innerhalb der nächsten halben Stunde kommen.
Mit der Zeit wurde es auch im Zug leiser. Sie standen noch im Bahnhof, die letzten Passagiere suchten sich ihre Wagons, der Tank wurde aufgefüllt. Er vermutete eine Familie im Nebenwagon, denn durch die verspiegelten Plexiglasscheiben hörte er ab und an die Stimme eines kleinen Mädchens.
Es klopfte an der Tür, dann wurde sie geöffnet. „Tickets?“, verlangte ein junger Chauffeur in blauer Uniform. Ich reichte sie ihm und er riss sie durch.
„Einen angenehmen Aufenthalt wünsche ich ihnen.“, sagte er und sein Blick streifte die schlafende Nanni deren Kopf mir auf die Schulter gerutscht war.
„Dankeschön.“, erwiderte ich.
Der Chauffeur zog sich zurück und steckte den Kopf noch einmal in den Wagon.
Er nickte der schlafenden Nanni zu. „Wecken sie die Kleine und sagen sie ihr, dass sie sich anschnallen sollte.“ Dann schob er die Wagontür endgültig zu und verschwand.
Ich brauchte Nanni nicht wecken, als gerade der Warnton des Zuges durch unseren Wagon schallte. Ein Lautsprecher machte erneut auf das dringende Anschnallen aufmerksam. Nanni rieb sich ein wenig verschlafen die Augen. „Wir fahren noch gar nicht?“
Ich schüttelte den Kopf. „Gleich geht’s los.“ Auch ich griff nach meinem Anschnaller und ließ ihn einrasten.
Mit einem lauten Ruckeln uns Tuckern setzte sich der Zug in Bewegung.
„Wir fahren!“, rief Nanni begeistert aus und presste ihr Gesicht gegen die Scheibe.
Tatsächlich fuhren wir aus dem Bahnhof aus und beschleunigten, bis wir die Landschaft draußen nicht mehr erkennen konnten. Tschüss Boston!
Dann versuchte auch ich zu schlafen. Den Kopf an das Fenster gelehnt und Nannis Kopf auf meiner linken Schulter nickte ich langsam im stetigen Ruckeln des Zuges ein.
Ich musste einige Stunden geschlafen haben, denn als ich aufwachte, hing gerade die Sonne auf. Nanni saß wach am Fenster. „Ich wünschte, ich hätte einen Fotoapparat dabei.“, bemerkte sie als ich aufwachte.
Die Landschaft war wirklich wunderschön. Ich hatte selten einen Sonnenaufgang gesehen, meistens nur die Untergänge. Unter mir kuschelte sich Chuppie an die Sitze.
„Willst du einen Kaffee?“, fragte ich sie.
Ein Nicken ihrerseits. Ihr blondes Haar fiel ihr leicht über die Schulter, als sie sich wieder gegen das Fenster lehnte. „Bin gleich wieder da.“, sagte ich, schob die Wagontür auf und verschwand nach draußen.
Das Neonlicht der Zuglampen warf unangenehme Schatten auf den Boden und die Luft roch nach Schweiß und Abgasen. Geräusche zu hören waren kaum noch. Selten ein Husten – der Großteil der Zuginsassen schien zu dieser frühen Morgenstunde noch zu schlafen.
Während er langsam an den anderen Abteilen vorbeiging, passte er auf nicht hinzufallen, denn es ruckelte ab und zu so heftig, dass es im Zug von allen Seiten ordentlich schepperte. Der Kiosk war relativ klein und nicht sehr geräumig. An der linken Wand stand ein Regal mit vielerlei Zeitschriften, ein kleiner Souvenierständer stand direkt neben der Tür, an der rechten Seite stand eine kleine Theke und ein Coffee-to-go-Automat. Hinter der Theke saß, in einen Sessel versunken, eine alte Frau mit weißem Haar.
Als er den Laden betrat schreckte sie auf und begann hektisch über die Theke zu wischen, als hoffte sie, er würde denken, der Kiosk sei makellos sauber und gepflegt.
Sie selber trug ihr Haar in Strähnen über ihren Rücken fallend, bekleidet mit beigen Rock und violetter Blümchenhose. „Was kann ich für dich tun?“, stammelte sie und zupfe ihre Bluse zurrecht.
Ich ließ meinen Blick auf den Kaffeeautomaten schweifen, dann wieder zurück zu ihr.
„Ich wollte mir eigentlich gerade einen Kaffee zapfen.“, antwortete ich kühl.
Mit ihrem Lappen wischte sie ebenfalls hektisch über den Automaten. „Mach das, Junge.“, sagte sie und verzog den Mund. „Aber beeil dich, ich bin müde und brauche meinen Schlaf.“ Ich setzte zu einer Erwiderung an und hatte den Mund schon geöffnet, als die Frau mir barsch einen Pappbecher in die Hand drückte. „Wird’s bald?“, keifte sie und stemmte die Hände in die Hüften.
„Ja, ja!“, erwiderte ich ärgerlich und stellte meinen Becher unter den Kaffeetropf.
Heftiger als beabsichtigt drückte ich die Cappuccinotaste und wartete, bis die Maschine brummend und surrend endlich den Kaffee in den Becher presste.
Ich inspirierte das Schild, das neben dem Automaten stand: Ein Euro siebzig für den Becher!
Ein wenig unwillig zog ich mein Portemonnaie heraus und warf der Verkäuferin das Geld auf die Theke.
Dann griff ich sich das Getränk und verließ den Laden so schnell wie möglich.
Als ich wieder in Nannis und seinen Wagon schlüpfte, war der Kaffee schon wieder fast kalt.
Aus meiner Reisetasche zog er eine Dose Trockenfutter für Chuppine und stellte dem Hund das Frühstück auf den Boden. Mir selbst gönnte ich eins der geschmierten Brötchen, die wir mitgenommen hatten. Nicht besonders nobel, aber satt wurde ich allemal.
Gegen sieben Uhr begann auch langsam der Zug wieder zum Leben zu erwachen- Aus einzelnen Wagons erklangen Stimmen und im Wagon neben ihnen lachte ein Kind.
Die Landschaft hatte sich von städtischer Atmosphäre in endlos weite Hügellandschaft verwandelt und offenbarte nichts als Hügel, einige Bäume und manchmal von Ferne eins der altmodischen Bauernhäuser.
Der Lautsprecher über ihrer Tür verkündete hin und wieder ihren Aufenthaltsort und hin und wieder Warnungen. Der Morgen zog wie Watte an mir vorbei und schien endlos. Nanni neben mir hatte sich Chuppie geschnappt und kraulte der Hündin das Fell.
Oft hatte er seinen Hund damals mit in die Berge genommen. Sie hatten zusammen gejagt, wie ein eingespieltes Team. Während Chuppie die Beute erschnüffelte und aufscheuchte, war es an ihm, allerlei Vögel und Kleintiere zu erschießen. Eine Aufgabe, die er nie gern getan hatte, allerdings überlebensnotwenig war. Abends hatte ich mit ihr auf den Felsen gesessen. - Mit Blick auf die Weiten meines Heimatdorfes und sie gestreichelt und ihr Dinge erzählt, die ich sonst niemandem anvertraut hätte. Chuppine war eine treue Zuhörerin. Keine Kommentare oder Missachtungen- sie war Balsam für meine enttäuschte Seele. Sie verstand mich besser, als es ein Mensch je hätte tun können. Meine Gefühle waren für sie ein offenes Buch, in dem sie freimütig lesen konnte, ohne mich zu verletzen.
Natürlich war ihr Verhalten oder Charakter niemals mit dem eines Menschen zu vergleichen, aber wir lernten einander zu verstehen und zu vertrauen.
Diese schönen Tage hatten aufgehört, als sie sich eines Nachts an einem Rudel Wölfe vergriffen hatte, die überall in Alaska ihre Territorien verteidigten.
Meine Husky-Dame hatte ihr Augenlicht beim Kampf verloren. Wie sie nun auf Nannis Schoß lag, die Augen geschlossen, machte mich glücklich.
Ich streichelte sie ebenfalls.
„Als ich jünger war hatte ich auch einen Hund.“ Sie verstummt und rieb sich das Gesicht. „Es ist schon lange her, aber ich erinnere mich gerne an die Zeit, die wir zusammen hatten.“
Ich nickte zustimmend. „Er hört dir zu wenn du Sorgen hast.“ „Ja, das tat er wirklich. Zumindest hat es sich so angefühlt...“, schüttelte sie den Kopf.
„Woran ist er gestorben?“, hakte ich vorsichtig nach. Ich wollte nicht zu neugierig sein.
Düster sagte sie: „Er ist an Darmkrebs gestorben. Wir waren im Urlaub... und da ging es im plötzlich so schlecht.“ „Ich möchte nicht, dass Chuppie stirbt.“
„Ich auch nicht.“
Als der Mittag anbrach machte unser Zug einen Halt. Der Lautsprecher verkündete eine zwanzig- minütige Mittagspause. Aus dem Zug strömten die Massen: Im Inneren war es stickig und schlecht beleuchtet, die Menschen sehnten sich nach frischer Luft und dem Wunsch, ihrer Körperpflege nachzugehen. Zehn Meter entfernt sah ich eine Gruppe junger Mädchen auf die Toilettenhäuschen zu eilen.
Auch Nanni, Ich und Chuppie waren ausgestiegen. Nanni bestand auf ein wenig Frischluft und auch Chuppie hatte die letzte Stunde geklungen, als müsse sie mal dringend. Zwar besaß unser schwarzes Gefährt eine kleine Abteilung mit sogenannten „Boxings“, allerdings waren die Tierwagons dreckig, stanken und sahen aus, als hätte jemand sich nicht die Mühe gemacht, die Wagons über Monate von Reisen sauber zu machen. Ich ließ meine Hündin nicht von der Leine; hier draußen am Bahnsteig schien es mir zu riskant, sie frei laufen zu lassen, vor allen Dingen, weil sie blind war.
Während Chuppie nun also in einigen Metern Abstand zwischen den kleinwüchsigen Bäumen herumrannte, teilte ich mir mit Nanni das letzte Brötchen.
Gemeinsam vertrieben wir uns die Zeit mit Wortspielen und joggten einige Meter auf und ab.
Die Bewegung tat gut und lockerte unsere verspannten Muskeln. „Wenn wir erst Mal in den Wäldern Alaskas sind, dann bringe ich dir Bogenschießen bei.“. keuchte ich.
„Bogenschießen?“, lachte sie. „Ihr jagt mit Pfeil und Bogen?“ Ich schaute die erstaunte Nanni an und musste Grinsen. „Nun ja, wir könnten auch Pistolen benutzen, aber... wir sind sehr traditionsbewusst. Eigentlich verbietet uns unser Gott den Umgang mit Waffen.“
„Euer Gott? Ich würde sagen, ihr seit einfach zu arm, euch die Munition zu leisten!“
„Wie kommst du darauf?“
Als sie kichernd auf meine Schuhe zeigte, musste ich unwillkürlich den Blick senken und wurde rot. „ Nicht schon wieder das Thema mit meinen Alaska- Mokkasins.“
„Dann nicht.“ Sie zog mich am Ärmel zum Waschhäuschen hinüber, dass sich mittlerweile halbwegs geleert hatte. Mit einem Pfiff rief ich Chuppine zu mir, die immer noch die Gegend erkundete.
Am Waschhaus warfen Nanni und Ich uns Beide eine ordentliche Portion Wasser ins Gesicht.
„Puh, das tut gut!“, rief Nanni erleichtert und auch ich warf mir unterstützend noch eine Ladung Wasser ins Gesicht. Als Chuppie winselte, hob ich sie ins Waschbecken und drehte den Wasserhahn erneut auf, doch mein Hund schien nur trinken zu wollen. Dann ertönte ein Piepton: Unsere Waschzeit war abgelaufen. Wir kehrten zum Zug zurück, passend zum Abfahrt aus Nashville.