Leandro & Nanni, Bis zu den Sternen
Leandro
Für einen Moment erstarrte mein Herz, dann stieß Lena mich an und ich senkte erschrocken den Blick.
„ Was bitte schön ist das denn?“, fragte sie mich und schaute mich entgeistert an.
„Ähm, ein Junge?“ Mein Hirn schien Probleme zu haben, meinen deutschen Wortschatz wiederzufinden.
„Hallo!“ Meine Freundin schaute mich an, als wäre ich ein Schaf. „Das ist ein Kerl, der Kerl ist süß, er sieht gut aus und was mache ich?“, fragte sie mich.
Ich schaute Leandro immer noch völlig verblüfft an. „ Ähm, keine Ahnung?, versuchte ich ihre Frage zu beantworten. „Ich muss weg. Ich muss zu meiner Tante auf Land, während es hier gerade richtig interessant wird.“
„Achso!“. Ich nickte. „Tja, das ist...schade.“ Und während ich meinen Blick endlich lösen konnte, stürmte meine aufgeregte Freundin zu Bella; wahrscheinlich um ihr über den Neuen in den Bauch zu fragen. Ich sah wie Bella schon entnervt meine Freundin betrachtete und bat sie auf einen Stuhl.
Scheinbar konnte ihr Gespräch noch ein Weilchen dauern. Ich machte mich auf den Weg in mein Zimmer.
Hey, Jacob. Ich weiß, mein letzter Brief ist schon eine Weile her, aber es ist einiges passiert und jetzt, wo ich gerade Zeit habe, schreibe ich dir davon.
Im TPA läuft gerade alles drunter und drüber. Als erstes habe ich erfahren, dass Lena -meine Zimmernachbarin weggeht. Das heißt, eigentlich haben ihr Onkel und ihre Tante ihr angeboten, zu ihnen aufs Land zu ziehen. Lena findet das ziemlich öde, aber ich glaube, auch sie ist froh hier endlich einmal raus zu kommen. Wahrscheinlich kann sie dann endlich eine richtige öffentliche Schule besuchen und bekommt ein eigenes Zimmer. Sie fährt leider schon in zwei Wochen. Das macht mir den Abschied leider nicht unbedingt einfacher. Aber wir haben versprochen uns zu schreiben. Dann hab ich sogar schon zwei Brieffreundschaften; wo soll das bloß enden? Vielleicht werde ich ja Autorin?
Außerdem hat unser nettes Haus heute ein neues Mitglied willkommen geheißen.
Er heißt Leandro und dürfte eigentlich so alt wie ich sein. Naja, er kann schließlich nicht älter sein, weil das TPA nur für Leute bis sechzehn ist, also?!
Er sieht eigentlich ganz gut aus, aber ich kann dir kaum etwas erzählen, weil er sich weder vorgestellt hat, noch ich mit ihm selbst gesprochen habe.
Ich hoffe ich mache dich nicht neidisch;) ? Wie läufst denn sonst so in Alaska? Sind die Schlittentuniere mittlerweile vorbei und hast du gewonnen?
Alles Liebe, Nanni.
Ps: Irgendwann komme ich dich wirklich besuchen und dann fahren wir zusammen Schlitten!
Leandro
Na super! Da war ich wohl versehentlich im Kindergarten gelandet. Ungefähr sechs von den Knirpsen zerrten an meiner Jacke und an meinen Armen und überhäuften mich mit so vielen Fragen, dass ich sie kaum verstehen konnte. Ein wenig hilflos stand ich in ihrer Mitte und versuchte eine gute Mine zu machen. Endlich kam eine mollige Frau mittleren Alters zu mir und scheuchte die Knirpse zurück auf ihre Plätze .
Die Frau hatte sich mir bereits als Bella die Hauswirtin vorgestellt und schien mir ganz in Ordnung zu sein. Ihrer Figur nach schien sie ein Faible für Essen zu haben, also schien es hier wenigstens zu schmecken. Ich zählte das Essen als den ersten Pluspunkt, den ich im TPA entdecken konnte; denn das Zimmer, dass Bella mir zugewiesen und gezeigt hatte war schlicht und einfach der nötigste Komfort, den man zum Leben brauchte:
Ein kleines weiß gestrichenes Zimmer mit zwei Betten, einem Schreibtisch, einem kleinen Mülleimer, ein altmodisches Radio, eine Dusche und ein kleines Waschbecken.
Nichts Großartiges, aber das hatte ich auch nicht erwartet. Ich brauchte keinen großen Komfort. Ich würde ihn nicht brauchen. Ich würde nicht lange bleiben.