Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Aichner, Bernhard · Kapitel 12 von 52

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Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Elf

 

Er war ein arroganter, selbstgefälliger Drecksack. Alles, was Svenja Spielmann über Bronski gehört hatte, bestätigte sich. Er war frustriert und leer, ein Bluthund, der in die Jahre gekommen war. Svenja mochte ihn nicht.

Er war kalt und abweisend, er hatte sie gedemütigt, ihr freundliches Entgegenkommen ignoriert, ihre Bereitschaft friedlich zusammenzuarbeiten in den Wind geschlagen. Svenja war ihm entgegengekommen, gebracht hatte es nichts.

Bronski ist völlig kaputt, hatten die Kollegen gesagt. Er war wie eine Uhr, die irgendwann auf den Boden gefallen ist. Sie solle sich nicht zu viel erwarten, hatte man zu ihr gesagt. Bronski sei zwar ein guter Fotograf, aber sozial eine Zumutung, völlig unfähig mit Menschen umzugehen, Beziehungen zu pflegen. Svenja verachtete ihn vom ersten Augenblick an, trotzdem war sie neugierig geworden. Sie wollte wissen, wer dieser Mann war, ein Bauchgefühl trieb sie an, sie duldete seine schroffe Art, bot ihm Paroli. Svenja war angestachelt, es ärgerte sie, dass Bronski sie nicht respektierte, dass er sich benahm wie ein Tölpel. Sie war wütend, wollte ihn beschimpfen, ihm erklären, was sie konnte, wozu sie fähig war, was sie im Laufe ihres Berufsalltags schon alles erlebt hatte, sie wollte es ihm an den Kopf werfen, doch sie entschied sich dagegen. Du bist es nicht wert, Bronski.

Svenja zischte es ihm zu und stieg aus dem Wagen. Er wollte sie aufhalten, ihr wahrscheinlich noch weitere Tipps geben, wie sie ihre Arbeit zu machen hatte, aber sie ertrug es nicht. Die Vorstellung noch eine weitere Minute lang mit ihm in diesem Wagen sitzen zu bleiben, verursachte ihr Schmerzen. Deshalb ließ sie ihn zurück, versaute ihm seinen Kurzschlaf, zwang ihn, sich selbst darum zu kümmern, den richtigen Moment nicht zu verpassen. Svenja hörte, wie Bronski fluchte. Sie schaute ihm aus sicherer Distanz dabei zu, wie er sich auf die Lauer legte, wie er seine Objektive auspackte, wie er begann aus dem Hinterhalt seine Bilder aufzunehmen. Der ankommende Streifenwagen, die Beamten, die ausstiegen, klingelten, im Haus verschwanden. Er hielt alles fest. Das volle Programm, so wie Bronski es angekündigt hatte. Erneut hatte er eine große Geschichte an Land gezogen. Der verrückte Fotograf, über den es hieß, dass er bereit war, alles für ein gutes Bild zu tun. Svenja hatte das nie verstanden. Dass sich Menschen in Gefahr brachten, nur um beruflich zu glänzen, dass ihnen die Arbeit über alles ging, dass sie alles dafür opferten. Kein Privatleben, keine Beziehung, keine Freunde, so wollte Svenja nicht enden, dafür war sie nicht Journalistin geworden. Egal, wie brisant die Geschichte war, sie hatte irgendwann beschlossen, nicht über ihre Grenzen zu gehen, sie würde nichts tun, das ihre Zukunft gefährdete. Das war es nicht wert. Bronski war es, der eine Menge Geld verdienen würde, nicht sie. Ihr würde man für ihre Geschichte, so gut sie auch sein mochte, nur auf die Schulter klopfen. Svenja hatte keinen Deal mit Regina. Sie spielte nur Feuerwehr, musste sich mit diesem sexistischen Proleten herumschlagen, sie war nicht in Tirol, weil sie das unbedingt wollte. Sie hatte einfach nur Ja gesagt, weil sie Angst um ihren Job hatte. Eine engagierte Mitarbeiterin wollte sie sein, eine, die sich mit Elan der Kündigungswelle entgegenstemmte und bereit war, die Komfortzone zu verlassen. Svenja Spielmann, die seit einigen Jahren nur noch über die deutsche Hochkultur berichtete, hatte sich dazu überreden lassen, über Mord und Totschlag in der Provinz zu schreiben. Die Kultur war tot. Es wurde zu wenig Platz im Blatt dafür freigemacht, fix angestellte Redakteure standen vor der Kündigung. Um ihren Job zu retten, schlich sie also rund um das Haus, in dem die prominente Leiche lag. Sie machte sich vertraut mit ihrem neuen Aufgabenbereich, freundete sich mit der Tatsache an, Bronski noch länger an der Backe zu haben.

Du bleibst im Wagen, hatte er gesagt. Vergiss es, hatte Svenja gesagt.

Es war eine Kampfansage.

Sie würde ihm nichts schenken. Sie hatte beschlossen, Respekt von ihm einzufordern. Sie wollte sich wehren. So lange bis dieser Prolet es begreifen würde. Sie war diejenige, die studiert hatte, Kunstgeschichte, sie war mit einem Architekten verheiratet gewesen, sie wusste, wie man Konversation führte, wie man mit Worten umging, sie füllte die Zeitung mit Inhalt, nicht er. Sie sorgte dafür, dass man verstand, worum es ging. Sie erklärte den Leuten, was auf seinen Bildern zu sehen war. Sie übersetzte, unterhielt die Menschen, brachte es auf den Punkt. Sie arbeitete für eine ordentliche Zeitung, man bemühte sich um Seriosität. Trotzdem musste man Auflage machen. Deshalb schrammte man manchmal gerne an der Grenze zum Boulevard entlang. Und deshalb waren auch gute Titel wichtig. Horrorfund im idyllischen Tirol.

Mumie ohne Kopf im Alpenparadies.

Vermisste Millionärin aufgetaucht.

Svenja spann bereits herum, während sie darauf wartete, dass die Show richtig losging. Sie tippte in Gedanken die ersten Zeilen, sie überlegte, wie sie die Geschichte erzählen und was unter Bronskis Fotos stehen sollte. Sobald Regina mit der Staatsanwaltschaft einen Deal gemacht hatte, sollte es schnell gehen, sie musste vorproduzieren, auf Knopfdruck hatte sie zu liefern, alle Hintergrundinformationen musste sie vorher sammeln, dann aufbereiten und konsumierbar portionieren. Svenja wusste, wie das Spiel funktionierte, auch wenn sie es sich nicht gerne eingestand, aber am Ende war es egal, ob sie über die Eröffnung der Elbphilharmonie berichtete oder über einen brutalen Mord in der österreichischen Pampa. Es ging um das Handwerk, und das beherrschte sie zweifelsfrei perfekt. Den richtigen Moment abwarten.

Mit den richtigen Leuten reden.

Svenja beobachtete alles.

Wie Polizisten das Haus stürmten.

Und wie Bronski sie beim Stürmen fotografierte.

Ruhig und gelassen wartete sie auf den richtigen Augenblick, dann setzte sie ihr schönstes Lächeln auf und warf sich in die Schlacht. Svenja Spielmann zückte ihren Notizblock und stellte sich den Beamten entgegen, die sie daran hindern wollten, das Haus zu betreten. Sie zeigte ihren Presseausweis, sprach davon, dass sie zufällig in der Gegend war und dass sie gehört habe, dass hier ein Mord passiert sei. Sie überrumpelte die Beamten, sammelte ein Zitat nach dem anderen, Svenja war in Hochform. Irgendwie gelang es ihr, sich an den Uniformierten vorbei ins Haus zu schleichen. Ganz selbstverständlich stieg sie die Treppen nach oben in den zweiten Stock, klingelte wahllos an Türen, und verschaffte sich Einlass. Nach kurzer Zeit schon öffnete ihr eine ältere Dame die Tür. Rainer stand auf dem Türschild.

Svenja erklärte, was passiert war, warum die Polizei im Haus war, sie stellte der neugierigen Frau in Aussicht, in der Zeitung zitiert zu werden, vielleicht würde man sogar ein Foto von ihr drucken. Svenja bat sie um ein Interview. Es war ganz einfach. Sie grub bereits tief im Dreck, als die Polizei im Penthouse noch dabei war, zu begreifen, was passiert war. Klatsch und Tratsch, Geschichten vom Hörensagen, Frau Rainer begann aus dem Nähkästchen zu plaudern. Intime Details einer Hausgemeinschaft. Lange her sei das alles gewesen, sagte sie. Aber sie erinnerte sich. An die Dame, der das Penthouse gehörte. Eine sehr reiche Deutsche, vor einer halben Ewigkeit sei sie ihr ein paarmal im Treppenhaus begegnet. Frau Rainer berichtete, dass die Wohnung vor dreißig Jahren gekauft worden war, dass sie seitdem aber meistens leer stand. Nur manchmal sei jemand da gewesen. Irgendein Verwalter. Und dann die Besitzerin selbst. Meistens mit einem Mann. Was die beiden da oben getrieben hatten, wusste Frau Rainer nicht. Nur Vermutungen habe sie angestellt. Ein geheimes Liebesnest sei es wohl gewesen, immer nur für ein paar Tage wurde die Wohnung benutzt. Ein Strohfeuer war es wohl, denn irgendwann blieb die Wohnung verschlossen, keiner mehr kam. Die Betriebskosten wurden bezahlt, niemand wunderte sich. Noch drei andere Wohnungen im Haus standen leer. Das sei völlig normal, sagte sie.

Herta Rainer plauderte vor sich hin.

Svenja musste sie nur anstupsen, ihr das Gefühl geben, dass alles, was sie sagte, es wert war, in einer großen deutschen Zeitung abgedruckt zu werden. Svenja machte Fotos mit dem Handy, sie wollte Bronski nicht extra bemühen, es war ihr Volltreffer, nicht seiner. Es war ein Glück, dass sie genau an diese Frau geraten war. Vor mehr als zwanzig Jahren war Frau Rainer nämlich in Frühpension gegangen, sie hatte Zeit, sich um die Dinge im Haus zu kümmern, Informationen zu sammeln, sich mit den anderen Mietern und Besitzern auszutauschen. Sie war der Blockwart, das vierte Auge, ihr entging nichts. Und deshalb hatte sie auch eine Antwort auf Svenjas letzte Frage parat. Wer dieser Geliebte war, wollte sie wissen. Mit wem hatte sich die Besitzerin im Penthouse getroffen. Wie sah er aus. Frau Rainer musste lachen.

Sie war stolz darauf, dass das Wissen, das sie in all den Jahren angesammelt hatte, noch einmal von Nutzen sein konnte.

Ich habe den Vornamen , sagte sie. Das ist ja großartig, meinte Svenja. Konstantin hieß er.

Die alte Dame erzählte, wie sie einmal mit ihm Lift gefahren war. Er hatte sie nicht angesehen, den Kopf gesenkt gehabt, er wollte wohl nicht erkannt werden. Frau Rainer war ausgestiegen, im Treppenhaus aber noch stehen geblieben. Sie hörte, wie er oben klingelte, wie die Tür aufging und wie Zita Laufenberg ihn begrüßte, ihn bei diesem exotischen Vornamen nannte. Sie erinnerte sich auch daran, dass sie ihn gefragt hatte, ob er direkt aus seinem Restaurant gekommen sei. Frau Rainer hatte zwar den Namen des Lokals vergessen, aber sie war sich sicher, dass es sich um ein Restaurant in der Innenstadt gehandelt hatte.

Svenja schrieb mit.

Sie jubelte. Bedankte sich.

Dass es so einfach sein würde, hatte sie nicht gedacht. Dass sie beim ersten Gespräch schon etwas Relevantes erfahren würde. Natürlich war ihr klar, dass vieles von dem, was Frau Rainer von sich gab, Unsinn sein konnte, aber die Möglichkeit bestand, dass sie daraus etwas machen konnte. Aus dem Vornamen und dem Wissen, dass er ein Speiselokal in der Stadt geführt hatte. Die Chance bestand, dass sie ihn vor der Polizei finden würde. Den Mann, der sich mit Laufenberg vor ihrem Tod getroffen hatte. Wenn Svenja Glück hatte, war es sogar der Jackpot und tatsächlich der Mörder. Svenjas Gedanken rasten.

Sie hatte Feuer gefangen.

Dieser Kotzbrocken mit der Kamera hatte sie angestachelt. Sie wollte ihm zeigen, was sie konnte.

Es war ein Spiel. Und sie hatte Spaß daran.

Sie bedankte sich bei Frau Rainer und klingelte an der nächsten Tür. Dann an der nächsten. Svenja machte ihren Job. Und sie machte ihn richtig gut.

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