Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Aichner, Bernhard · Kapitel 27 von 52

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Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Sechsundzwanzig

DAVID BRONSKI & SVENJA SPIELMANN

– Arsch.

– Das sagtest du bereits.

– Ich kann es dir gerne noch hundert Mal sagen. Du bist ein kleiner

Drecksack, Bronski. Ich bin so verdammt wütend auf dich. – Ich verstehe dich ja, aber bitte beruhige dich endlich, bringt ja nichts,

wenn du mich weiter beschimpfst. Lass uns jetzt lieber anstoßen und das

Ganze vergessen.

– Wie kann man nur so ein Kollegenschwein sein. – Ich bin kein Kollegenschwein. Hätte ich dich sonst zu mir eingeladen? – Nachdem du auf der ganzen Fahrt deinen Mund nicht aufbekommen hast,

ist das wohl das Mindeste. Lässt der mich doch tatsächlich zwei Stunden

vor dem Haus warten. Das war so schäbig, Bronski. Echt letztklassig. – Ich habe mich doch schon entschuldigt. Wir könnten es jetzt einfach gut

sein lassen.

– Könnten wir nicht. Und weißt du auch, warum? Weil ich mich ärgere.

Über mich. Weil ich dumm genug war, dass ich da mitgespielt habe.

Anstatt einfach abzuhauen, sitze ich im Wagen und warte auf dich. Wie

blöd kann man eigentlich sein? Wie lange müssen wir Frauen uns von

euch Männern eigentlich noch vorführen lassen? – Ich sagte doch, dass ich nichts dafür kann. Der Mann ist völlig

zusammengebrochen, ich konnte nicht einfach gehen. – Als du endlich in den Wagen gestiegen bist, habe ich dich gefragt, was los

war, du erinnerst dich? Du hättest einfach nur mit mir reden müssen,

Bronski. Aber was machst du? Ignorierst mich von Leipzig bis Berlin.

Sagst kein Wort. Findest du, dass das normal ist? Macht man so etwas

mit Menschen, mit denen man zusammenarbeitet? – Ich musste nachdenken.

– Großartig. Der Herr Fotograf musste also nachdenken? – Ja.

– Dafür wirst du nicht bezahlt, Bronski. Du fotografierst, ich denke. – Autsch.

– Ich kann dir gerne noch weiter einschenken, wenn du nicht endlich deinen

Mund aufmachst. Ich schwöre dir, da geht noch mehr. – Komm schon, Svenja. Lass uns vernünftig miteinander reden. – Nein. Du bist ein kleiner, mieser Schmarotzer, Bronski. Du nimmst, ohne

etwas zu geben. Das läuft so nicht.

– Vielleicht doch einen Schnaps?

– Willst du mich gefügig machen? Hast du mich deshalb mit in deine

schäbige Wohnung genommen? Soll ich zu allem Ja und Amen sagen? – Das wäre schön, ja.

– Du spielst mit deinem Leben, das ist dir klar, oder? – Ach, komm schon. Lass uns anstoßen, dann erzähle ich dir alles. – Das würde ich dir auch raten, Bronski.

– Für eine aus der Kulturredaktion, die immer Kaviar statt Würstchen

gegessen hat, kannst du übrigens ganz schön derb sein. Diese

Kraftausdrücke passen gar nicht zu dir.

– Ich bin unter lauter Jungs auf dem Land aufgewachsen. Da lernt man so

was. Ist wirklich sehr praktisch, wenn man es mit Leuten wie dir zu tun

hat.

– Na dann, Prost, Svenja. Schöner Name übrigens. – Machst du mich jetzt an?

– Nein, ich wollte nur was Nettes sagen.

– Bravo. Aber jetzt sag schon, was er von dir wollte. – Es ging um seine andere Tochter. Rebecca. Er hat Probleme mit ihr. Er

dringt nicht mehr zu ihr durch, kann nicht mehr mit ihr reden, klang

ziemlich traurig.

– Und das erzählt er dir so einfach? Seinem besten Freund Bronski? – Sie hatten Streit. Rebecca ist abgehauen, Laufenberg macht sich große

Sorgen um sie. Er befürchtet, dass sie sich etwas antut. – Wie lange ist sie schon weg?

– Seit zwei Tagen. Seit er ihr vom Tod ihrer Mutter berichtet hat. Rebecca

ist völlig durchgedreht und verschwunden.

– Ist doch verständlich. Sie erfährt, dass sich ihre Mutter umgebracht hat,

sie ist völlig durcheinander, braucht Abstand und will alleine sein. Sie

will einfach ein paar Tage ihre Ruhe, ist doch völlig nachvollziehbar,

oder? Das Mädchen ist erwachsen, Bronski.

– Sie ist dreiundzwanzig.

– Eben.

– Albert möchte, dass wir uns darum kümmern. Wir sollen sie für ihn

suchen.

– Wir?

– Anna und ich. Er sagt, Rebecca ist labil, sie hat anscheinend immer

wieder Psychopharmaka genommen, er ist wirklich besorgt, Svenja. Es

wäre fatal für diese Familie, wenn noch jemand stirbt. – Verstehe.

– Das hier ist sie. Er hat mir ein Foto mitgegeben. – Hübsches Mädchen.

– Ja. Aber das ist auch beinahe schon das Einzige, was ich weiß.

Anscheinend hat sie keinen Freund, wohnt noch zuhause und hat wenig

Kontakt zu ihren Studienkollegen. Ich habe keine Ahnung, wo ich

anfangen soll zu suchen. Scheint so, als wüsste Albert nicht allzu viel

über seine Tochter.

– So wie du, oder?

– Wie meinst du das?

– Man hat mir mittlerweile erzählt, was damals passiert ist. Tut mir leid für

dich, Bronski. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie furchtbar das sein

muss. Wie sehr du sie vermissen musst.

– Ich denke jeden Tag an mein Kind. Wenn ich irgendetwas tun könnte, um

sie zurückzuholen, ich würde es tun. Egal was. Deshalb verstehe ich ihn – Ja. Ich frage mich nur, warum du immer noch allein lebst. Ist doch schon

auch. Laufenberg sorgt sich. Er hat Angst, dass er seine Tochter verliert. – Ziemlich beschissen, das alles.

– Ja, das ist es.

– Vielleicht sollten wir einfach noch mehr Schnaps trinken. – Ja, sollten wir. Ist manchmal das Einzige, das hilft. – Wie heißt sie? Deine Tochter.

– Judith.

– Sie ist bestimmt ein wunderbarer Mensch.

– Danke, Svenja.

– Wofür?

– Dass du nicht in der Vergangenheitsform von ihr sprichst. Alle anderen

machen das. Tun so, als wäre sie tot.

– Du glaubst, dass sie noch irgendwo da draußen ist, oder? – Nichts wünsche ich mir mehr auf der Welt. Aber wenn ich ehrlich bin,

weiß ich es nicht. Ob ich sie jemals wiedersehen werde. Vielleicht hoffe

ich ja schon zu lange. Und alles ist nur noch ein Traum. – Du solltest nicht damit aufhören zu träumen. – Sagt meine Schwester auch immer.

– Kluge Frau.

– Schau mal. Auf dem Foto ist sie vier oder fünf Monate alt. – Du hast immer noch ein Foto von ihr in deiner Geldtasche? – Nein. Das hier ist mir kürzlich in die Hände gefallen. – Was für ein reizendes Baby. Und diese Augen. Ist ja unglaublich. Ein

blaues, ein grünes, wie genial ist das denn.

– Sie war etwas Besonderes.

– War?

– Ist.

– Und deine Frau?

– Warum fragst du mich nach ihr? Du weißt doch, was passiert ist. Du hast

doch bestimmt so lange herumgefragt, bis dir jemand erzählt hat, was sie

gemacht hat. Ist doch so, oder?

lange her, es wäre doch endlich an der Zeit, neu anzufangen, oder? – Machst du mich jetzt an?

– Warum nicht? So wie es aussieht, haben wir beide nichts zu verlieren.

Zwei beziehungsunfähige Workaholics, könnte lustig werden. – Ich habe meine Frau sehr geliebt. Sie war der einzige Grund für mich

weiterzumachen, nach all dem, was passiert war. Wir haben nicht

aufgegeben. Vierzehn Jahre lang. Dann konnte sie nicht mehr. – Das ist traurig. Beinahe so wie bei mir. Klingt zwar ein bisschen so, als

stünde das jetzt in einem schlechten Drehbuch, aber mein Mann ist auch

gestorben.

– Wann?

– Vor neun Jahren.

– Wie?

– Krebs.

– Tut mir leid, Svenja.

– Lass uns auf die Toten trinken, Bronski.

– Ja. Auf die Toten.

– Hast du von ihr auch ein Foto in deiner Geldtasche? Von deiner Frau,

meine ich? Ich würde gerne wissen, wie sie ausgesehen hat. – Warum?

– Ich möchte sehen, was für ein Typ sie war. Wissen, ob das passen könnte

mit uns beiden. Ob es Sinn macht, mich hier mit dir zu besaufen. – Da hängt ein Bild im Wohnzimmer.

– Aber?

– Schaut ziemlich unordentlich aus da drin. Macht keinen guten Eindruck,

würde ich sagen. Wir sollten also besser hier in der Küche bleiben. Ist

auch wesentlich ungefährlicher. Auf den harten Stühlen kommen wir auf

keine dummen Gedanken.

– Ich geh da jetzt rein, Bronski.

– Keine gute Idee.

– Du hast mich neugierig gemacht. Außerdem ist es mir scheißegal, wie es

da drinnen aussieht.

– Warte. Bevor du die Tür aufmachst, muss ich dir noch was dazu erklären.

Ich möchte nicht, dass du erschrickst.

– Wie gesagt, ein unordentlicher Männerhaushalt schreckt mich nicht ab. – Das ist es nicht. Es geht um das Bild. Es ist nämlich ziemlich groß. Vier

Meter breit, zwei Meter hoch.

– Das ist mächtig. Musst ja wirklich ziemlich verliebt gewesen sein. – Das war ich, ja. Willst du es trotzdem noch sehen? – Unbedingt. Ich mache jetzt die Tür auf. Drei, zwei, eins und GO . – Das ist Mona.

– Wow.

– Ist alles, was mir von ihr geblieben ist.

– Wahnsinn.

– Es gefällt dir?

– Gefallen ist das falsche Wort. Das ist außergewöhnlich. Ich kenn mich

damit aus, glaub mir. Ich war in den letzten Jahren auf sehr vielen

Ausstellungen. Bevor ich über Leichen ohne Kopf berichtet habe, war die

Kunst mein Metier. Ich weiß also, wovon ich spreche. Das hier ist

beeindruckend, Bronski.

– Findest du wirklich?

– Ja.

– Du bist die Erste, der ich das zeige. Ich weiß auch nicht, warum. Meine

Tür steht in letzter Zeit etwas zu weit offen.

– Es ist wunderschön.

– Und warum starrst du dann so, wenn es dir so gefällt? Deine Stirn liegt in

Falten, kann nichts Gutes bedeuten, oder?

– Irgendetwas stimmt nicht. Ich weiß nicht was, aber es macht dieses Bild

besonders. Die geschlossenen Augen. Dieser Ausdruck. Wie sie daliegt.

Es ist so still auf diesem Bild. Ich frage mich, warum es so leer wirkt. – Weil sie bereits tot war, als ich es gemacht habe.

– Wie bitte?

– Ich war beim Bestatter, habe mich von ihr verabschiedet. Ihr Körper war

völlig zerstört, aber ihr Gesicht war unversehrt. Es schien, als würde sie

schlafen, als würde sie jeden Moment die Augen aufschlagen.

Stundenlang habe ich darauf gewartet. Aber ihre Lider haben sich keinen

Millimeter bewegt. Ihre Lippen. Kein Muskel unter ihrer blassen Haut.

Da floss kein Blut mehr, ihr Herz pumpte nicht mehr. Es war das Ende.

Und dieses Ende habe ich festgehalten.

– Jetzt gefällt es mir noch besser als vorher.

– Du findest das nicht seltsam?

– Doch, aber ich verstehe dich. Ich habe auch komische Dinge getan, als

mein Mann gestorben ist. Ich habe seine Klamotten behalten, sie

jahrelang einfach im Schrank hängen lassen. Jedes Mal, wenn ich ihn

geöffnet habe, dachte ich an ihn. Erst vor einem Jahr habe ich die Sachen

weggeworfen. Vorher konnte ich es nicht.

– Verstehe ich.

– Na dann sind wir uns ja einig. Ich würde also vorschlagen, wir trinken die

Flasche leer, und dann schlafen wir miteinander. – Ich weiß nicht, ob ich das kann.

– Du kannst.

– Und Mona?

– Sie ist tot.

– Ja.

– Wir aber leben.

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