Dunkelkammer, ein Bronski Krimi
Drei
Es war das Einzige, was ich wirklich wollte.
Meine Bilder entwickeln. Die Negativstreifen im Dunklen aus dem Gehäuse holen, sie auf eine Spule wickeln und in die Entwicklerdose legen. Chemie einfüllen, warten, fixieren, spülen. Nichts machte ich lieber. Weit weg sein von der Welt. In meiner rot beleuchteten Kammer darauf warten, bis die Bilder, die ich aufgenommen hatte, zum Leben erwachten. Etwas Schönes auf Papier gebannt, behutsam belichtet, es war jedes Mal wie ein Wunder. Zuzusehen, wie aus dem Nichts etwas entstand. Mein Glück in Schwarz und Weiß.
Altmodisch und längst überholt.
Ich war ein analoger Spinner, wie Kurt sagte.
Einer, der einfach stehengeblieben war, den digitalen Weg nur zum Teil beschritt. Alles, was ich beruflich fotografierte, landete natürlich auf einer Speicherkarte, das musste schnell gehen, noch am Unfallort saß ich in meinem Wagen und schickte die Bilder von meinem Notebook in die Redaktion. Wenn es noch schneller gehen musste, jagte ich sie ohne Bearbeitung direkt von der Kamera ins Netz. Ohne Liebe fürs Detail, ohne Anspruch, ich fotografierte einfach nur das Unglück der anderen, ich dokumentierte es. Wie ein Arzt vielleicht, der am Operationstisch steht, ein Rettungssanitäter, ein Feuerwehrmann. Ich war bei den Ersten am Unfallort. Am Tatort. Ich ging dorthin, wo Menschen starben. Wo es brannte, wo eingebrochen wurde, wo geraubt und geprügelt wurde, wo die Natur gegen den Menschen gewann. Katastrophen, Unruhen, Ausschreitungen. Ich machte Fotos.
Zuerst die, die ich machen musste.
Dann die anderen.
Meine Fotos.
Analog. Nur für mich. Mit einer alten Olympus 10, meiner allerersten Kamera und einem Ilford Film, 400 Iso. So hatte ich es vor einer Ewigkeit gelernt, so machte ich es immer noch. Auch wenn man mich auslachte. Kollegen, die mich fragten, was ich mit dem alten Ding wollte, warum um Himmels willen ich analog fotografierte. Sie verstanden es nicht. Und ich erklärte mich auch nicht. Für sie war ich ein Freak. Anfangs sprachen sie noch darüber, irgendwann ließen sie mich aber einfach in Ruhe, es interessierte niemanden, warum ich zusätzliche Bilder machte. Es blieb mein Geheimnis.
Alles, was in meiner Dunkelkammer passierte. Niemand wusste davon. Der Einzige, der vielleicht hätte ahnen können, was ich dort machte, war Kurt. Er kannte mich noch von früher. Mit ihm hatte ich darüber geredet vor vielen Jahren, er hatte mich nicht verurteilt, er hatte nur gegrinst. Gesagt, dass wohl jeder auf seine Art ein bisschen durchgeknallt sei. Er wunderte sich, aber er mischte sich nicht ein. Kurt Langer.
Nach so vielen Jahren rief er mich an.
Was er sagte, schockierte mich. Machte mich neugierig. Er wusste, welche Tasten er drücken musste, damit ich zu laufen begann. Kurt kannte mich. Und ich kannte ihn. Es war ein Anruf aus einer anderen Welt, aber ich erinnerte mich. Kurt war kein Freund, aber er war immer einer von den Guten gewesen. Wir hatten viel zusammen erlebt, über zehn Jahre lang hatten wir uns gemeinsam auf der Straße herumgetrieben, er war so etwas wie mein Mentor gewesen, als ich damals ganz neu im Geschäft war. Kurt war immer kollegial, nicht so neidzerfressen und egoistisch wie andere Kollegen, ihm ging es immer nur um den Nervenkitzel, darum, dieses Gefühl mit jemandem teilen zu können.
Meistens war ich das.
Wir hatten Spaß an der Arbeit, wir tranken zusammen. Kurt mehr als ich. Er hatte immer schon einen Hang zum Übertreiben. Wo es hinführen sollte, interessierte ihn nicht, er wollte leben, aus dem Vollen schöpfen, solange es ging. Ein Leben im Rausch. Dass es irgendwann so enden musste, wusste er. Trotzdem berührte es mich.
Dass er jetzt obdachlos war.
Ich hörte es an seiner Stimme, dass er tatsächlich ganz unten angekommen war. Keine Arbeit mehr, keine Wohnung, da war nur noch dieser Spürsinn, für den er bekannt gewesen war. Sein Händchen für die ganz großen Geschichten und ein letzter klarer Blick, bevor er sich ins Delirium soff. Kurt hatte meine Nummer gewählt. Wahrscheinlich weil er wusste, dass ich ihm glauben würde. Auch wenn es noch so verrückt klang, was er sagte. Ich wusste, dass er mich nicht umsonst nach Innsbruck holen würde. In die Stadt, in der ich aufgewachsen war, in der ich mich verliebt hatte. Obwohl ich alle Brücken abgebrochen hatte, trieb es mich dorthin. Zurück in die Vergangenheit.
Mein Leben spielte sich in Berlin ab, es gab nichts mehr, das mich mit früher verband. Da war nichts mehr, worüber ich hätte reden müssen. Ich hatte alles verloren und nicht wiedergefunden. Hatte mir erfolgreich eingeredet, dass ich es aufgearbeitet hatte, dass alles Bestimmung war, was geschehen ist. Ich hatte mich damit abgefunden, dass so etwas wie Glück auf Dauer für mich nicht vorgesehen war.
Tirol gab es für mich bis zu diesem Moment nicht mehr. Doch dann stieß Kurt diese Türe wieder auf.
Mit seinem Anruf riss er mich aus meiner Welt dumpfer Behaglichkeit. Die Milliardärin, die damals verschwunden war, das Kopfgeld, das auf sie ausgesetzt war. Es war alles wieder da, Kurt hatte auf die richtige Taste gedrückt.
Meine Anfänge fielen mir wieder ein.
Mitte der neunziger Jahre.
Vom Kunststudenten wurde ich zum Bluthund. Von jetzt auf nachher verdiente ich mein Geld mit dem Unheil von anderen. Ich machte Bilder davon. Rund um die Uhr war ich im Einsatz, immer wartete ich darauf, dass etwas passierte. Wenn andere weinten, freute ich mich. Wenn sie entsetzt waren, verdiente ich Geld. Ich war der Geier, der über den Toten kreiste. Mehr als zwanzig Jahre später war ich es immer noch.
Fotos: David Bronski.
Ich hatte irgendwann damit begonnen und konnte nicht mehr aufhören. Wie eine Sucht war es. Ganz harmlos fing es an, dann wurde ich von diesem Gefühl verschluckt. Ich hatte alles vergessen, was vorher gewesen war. Die Finsternis zog mich an, mehr als das Licht. Ich war wie ferngesteuert. Alles passierte einfach.
Am Ende des vierten Studienjahrs begann es. Ich musste Geld verdienen im Sommer, arbeitete als Aushilfe im Büro einer großen Zeitung in Innsbruck. Es war ein Job in der Bildredaktion, ich scannte Fotos ein, beschriftete und archivierte sie, es war ein langweiliger Sekretariatsjob, aber ich mochte, was ich tat. Es war schön, wieder eine Zeit lang in meiner Heimat zu verbringen, ein paar Wochen lang Wien den Rücken zu kehren. Die Stadt, in der ich studierte. Die Stadt, die im Sommer unerträglich war. Ich freute mich, die Berge wiederzusehen.
Und Mona.
So lange war ich schon verliebt in sie gewesen, doch es hatte sich nie ergeben, dass wir uns näherkamen. Ich war nach Wien gegangen, sie war in Innsbruck geblieben. Nur in den Ferien sahen wir uns hin und wieder. Bis sie mir diesen Job vermittelte. Mit dem Chefredakteur sprach und sich für mich einsetzte. Mona nahm das Ruder in die Hand und steuerte. Obwohl sie erst fünfundzwanzig war, hatte ihr Wort Gewicht, insgeheim war sie die Seele der Redaktion, alle konnten sich auf sie verlassen, sie war die Sonne, die jeden Morgen aufging. Zumindest für mich. Für so lange Zeit war es mein größter Wunsch gewesen, sie in die Arme zu nehmen, sie zu berühren, sie zu küssen. Ich wollte es. So wie Mona auch. Deshalb bin ich nicht in mein Studentenleben zurückgekehrt, als der Sommer vorbei war. Ich brach meine Zelte in Wien ab, nahm die Einladung zu bleiben, an. Alles ergab sich einfach so, ich hatte eine Chance bekommen und sie genutzt. Der damals fest angestellte Pressefotograf war schwer erkrankt, von heute auf morgen nicht mehr aufgetaucht, ein Loch wurde in die Redaktion gerissen, das ich füllen sollte. Der Chefredakteur hatte mich gefragt, ob ich Freude daran hätte, einzuspringen. Ich hatte plötzlich ein Jobangebot, einen Grund zu bleiben. Dass man es mir zutraute, freute mich. Alle wussten, dass ich Kunst studierte, Schwerpunkt Fotografie, ich hatte die Ausrüstung, war technisch versiert, alles sprach dafür, dass es funktionieren konnte. Sie motivierten mich, verführten mich, obwohl ich damals noch absolut keine Ahnung von diesem Geschäft hatte, traute man es mir zu.
Ich sprang ins kalte Wasser.
Und ich genoss es.
Vom ersten Tag an war ich begeistert. Ich war plötzlich im ganzen Land unterwegs, ich fotografierte bei Pressekonferenzen, Eröffnungen, Verleihungen, ich machte Bilder von Unfällen, Polizei- und Rettungseinsätzen. Da waren keine leeren Worte mehr, alles, was ich auf Film bannte, passierte wirklich, aus Theorie wurde Praxis. Ich schrieb keine Arbeiten mehr, ich belichtete Filme und entwickelte sie, ich fühlte mich zuhause im Redaktionslabor, die Universität vermisste ich nicht. Den Wunsch, Künstler zu werden, verwarf ich. Das schnelle Geld lockte mich, ich verdiente plötzlich in einer Woche mehr, als ich als Redaktionsassistent in einem Monat verdient hatte. Ich hatte einer künstlichen Welt den Rücken gekehrt und war in der Realität angekommen. Und ich hatte Freude daran. Da war das Lächeln von Mona bei der Redaktionskonferenz. Die neuen Aufträge, die ich jeden Morgen bekam. Die Wertschätzung der Kollegen.
Ich fühlte mich wie ein Cowboy, der gut bewaffnet durch die Gegend ritt, ich fotografierte alles, ich füllte das Archiv mit Landschaftsaufnahmen, Architekturfotos, ich machte Portraits von Menschen, die es irgendwann garantiert in die Zeitung schaffen würden, Wirtschaftstreibende, Kulturschaffende, Politiker aus allen Reihen, irgendwann wurden all diese Bilder gebraucht. Jeder Schuss ein Treffer. Landeshauptleute und Minister in unvorteilhaften Posen, Fotos von Gerichtsprozessen, Angeklagte, Richter und Staatsanwälte. Ich war richtig gut in meinem Job. Wenn jemand mit dem Auto verunglückte, wenn es brannte, wenn eine Tankstelle überfallen wurde, wenn ein Reisebus eine Schlucht hinunterstürzte, ich fotografierte es. Alles, was irgendwann gedruckt werden konnte. Ich machte jeden Moment zu Geld, der wichtig zu sein schien, ich dokumentierte jedes Unglück, jeden Tropfen Blut.
Ich gierte danach.
Der Chefredakteur sprach von einem Glücksfall. Regelmäßig hob er bei den Sitzungen die Zeitung hoch und schwärmte von meinen Bildern. Er streute mir Rosen, motivierte mich, immer noch mehr zu geben, ich schlief neben dem Polizeifunk, vierundzwanzig Stunden am Tag war ich auf Abruf, bis der Sommer vorbei war, war ich unabkömmlich geworden. Ich verdiente jede Menge Geld, Mona und ich kamen uns näher. Wir waren unzertrennlich, wir arbeiteten zusammen, wir schliefen im selben Bett, wir liebten uns. Weil wir uns tatsächlich geküsst hatten irgendwann. Alles, was ich mir gewünscht hatte, war in diesem Sommer in Erfüllung gegangen. Ich stellte mir vor, dass ich mit Mona bei der Zeitung alt werden würde. Ich wollte unbedingt daran glauben. Die Zwischenrufe meines Professors aus Wien ignorierte ich, seine Versuche, mich dazu zu bringen, meine Entscheidung noch einmal zu überdenken. Ich überhörte seine gut gemeinten Ratschläge, widersprach ihm in Gedanken, als er sagte, ich würde mein Talent verschwenden, meine Gabe nicht richtig nutzen. Ich wollte nicht, dass er an meiner Entscheidung rüttelte, alles sollte so bleiben, wie es war. Es fühlte sich gut und richtig an. Der neue Job. Das neue Leben mit Mona.
Fünf Jahre lang war ich der König der Welt.
Zufrieden mit allem.
Wunschlos, weil ich alles hatte.
Bis mir irgendwann alles genommen wurde.
Mein Glück.
Das Leben in Tirol.
Plötzlich war es zu Ende.
Aus der Traum.
Nachdem das Entsetzliche passiert war, fanden wir nicht zu einer gemeinsamen Sprache zurück. Mona und ich. Wir verdrängten es. Liefen einfach davon. Nach Berlin.
Ein Anfang in einer neuen Stadt hatte es sein sollen. Wir wollten es beide. Wir taten alles dafür, damit wir es schaffen. Neue Jobs, neue Wohnung, neue Landschaft. Aber es funktionierte nicht. Wir hatten es uns leichter vorgestellt. Hofften, dass sich die dunklen Wolken über uns verziehen würden, aber so kam es nicht.
Wir scheiterten.
Und Berlin blieb mir fremd.
Obwohl ich mittlerweile schon seit vierzehn Jahren dort lebte, war ich immer noch nicht zuhause an diesem Ort. Obwohl ich mich wahrscheinlich besser in dieser Stadt auskannte als viele, die dort geboren wurden, fand ich keinen Zugang zu ihr. Ich kannte jeden Stadtteil in- und auswendig, in den ersten Wochen war ich jeden Meter mit dem Rad abgefahren. Mit dem Stadtplan in der Hand erarbeitete ich mir jeden Winkel, ich lernte die Straßennamen. Prägte mir alles ein. Ämter, Behörden, alle öffentlichen Gebäude, schnelle Wege, Parks, Rotlichtviertel, Touristenhotspots, ich las Bücher über diese Stadt, besuchte Museen.
Ich lernte Berlin auswendig.
Ich sollte für eine von Deutschlands erfolgreichsten Zeitungen arbeiten, man hatte mich zum Vorstellungsgespräch geladen. Ich war perfekt vorbereitet, als ich zum ersten Mal das Büro der Chefredakteurin betrat. Regina hieß sie. Coole Frau, mein Alter, Beine am Schreibtisch, ich mochte sie. Und sie mochte mich. Regina brauchte keine zwei Minuten, um mich einzustellen, sie sagte, dass sie sich darüber freue, einen so erfahrenen Fotografen an Bord begrüßen zu dürfen. Sofort bot sie mir das Du an, wir tranken ein Glas von dem Tiroler Schnaps, den ich ihr mitgebracht hatte, dann schüttelte sie meine Hand und stellte mich der Redaktion vor. Alles war ganz einfach. Dieser Moment, vor dem Mona und ich uns so gefürchtet hatten. Neue Menschen. Neue Namen. Neues Leben. Ich fotografierte.
Mona arbeitete in einer Kneipe in Berlin Mitte. Wir gaben uns Mühe.
Doch am Ende scheiterten wir.
Die Arbeit blieb die einzige Konstante. Der Tresen, hinter dem Mona stand. Und die Bilder, die ich machte. Alltag war es, der uns Sicherheit gab. Beinahe fühlte es sich an wie früher. Wir waren abgelenkt, schoben das eigentliche Problem zur Seite, verdrängten es. Wir wollten beide nicht wahrhaben, dass unsere Beziehung wie ein Buch war, das wir zu Ende gelesen hatten.
Wir vermieden es, darüber zu reden.
Judith. Unser Schmerz. Die Leere, die laut war. Mona schenkte Bier aus, ich drückte auf den Auslöser. Tat, was ich am besten konnte.
Fotos machen. Jahrelang.
Bis Kurt anrief.
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