Dunkelkammer, ein Bronski Krimi
Achtundvierzig
MONA BRONSKI & ALBERT LAUFENBERG
– Frau Bronski. Schön, dass ich Sie erreiche.
– Wer spricht da?
– Ein Freund der Familie, würde ich sagen. Wir beide haben einiges zu
besprechen.
– Was soll das? Wie kommt das Telefon in meine Handtasche? Wer zur
Hölle sind Sie? Und woher kennen Sie meinen Namen? – Ich möchte Sie zu einem kleinen Spaziergang einladen. Unterwegs werde
ich gerne all Ihre Fragen beantworten.
– Ein Spaziergang?
– Sie sind gerade am Alexanderplatz, richtig?
– Woher wissen Sie das?
– Sie werden jetzt Richtung S-Bahnhof gehen und dann die Karl-
Liebknecht-Straße entlang. Bis vor zur Torstraße. – Warum sollte ich das tun?
– Weil Sie neugierig sind. Weil Sie unbedingt wissen wollen, was ich Ihnen
gleich erzählen werde. Also gehen Sie los. Sie werden sehen, wir werden
uns bestens verstehen, alles wird sich in Wohlgefallen auflösen. – Ich werde jetzt auflegen.
– Werden Sie nicht. Außer es ist Ihnen egal, was mit Ihrer Tochter passiert. – Mit meiner Tochter?
– Das Mädchen in dem Café. Ich muss Ihnen wirklich ein Kompliment
machen, es ist unglaublich, dass Sie sie unter all den Millionen Menschen
da draußen erkannt haben. Ist eigentlich unmöglich. Aber man sagt
Müttern ja so einiges nach. Faszinierend ist das. – Was passiert hier?
– Wie gesagt, wir unterhalten uns. Wichtig ist aber, dass Sie dabei nicht
stehen bleiben. Nur wenn Sie weitergehen, werden Sie die Wahrheit
erfahren. Sie dürften nach all der Zeit ja ziemlich neugierig sein, oder? – Was haben Sie mit meinem Baby gemacht?
– Ich? Sie waren es doch, die sich gegen ein Leben mit Ihrer Tochter
entschieden haben. Muss schlimm sein, wieder daran erinnert zu werden,
dass man als Mutter gescheitert ist.
– Sie mieses Schwein.
– Ich verstehe, dass Sie wütend sind. Trotzdem wird alles, was nun passiert,
Konsequenzen haben. In den nächsten Minuten haben Sie das Schicksal
Ihrer Tochter in der Hand. Sie entscheiden, ob Ihr kleines Mädchen leben
oder sterben wird.
– Was reden Sie denn da? Wer sind Sie überhaupt? – Ich bin der Mann, der Ihre Tochter töten wird, wenn Sie nicht tun, was ich
Ihnen sage. Also beruhigen Sie sich bitte. Ansonsten lege ich auf, und Sie
werden es sein, die für alles verantwortlich ist, was passieren wird. Sie
werden sich ein Leben lang Vorwürfe machen, dass Sie es nicht
verhindert haben.
– Dass ich was nicht verhindert habe?
– So weit sind wir noch nicht, Mona. Wir sollten erst über ein paar
grundsätzliche Dinge reden.
– Welche Dinge denn? Ich verstehe das alles nicht. – Ich habe mich über Sie informiert. Schrecklich, was Sie durchmachen
mussten. Wie man mir berichtet hat, haben Sie anscheinend sehr darunter
gelitten, dass Sie Ihre Tochter damals weggegeben haben, oder? – Ich habe sie nicht weggegeben.
– Doch, Mona. Sie haben das Liebste, das Sie hatten, einfach einer
wildfremden Frau in die Hände gedrückt. Sie haben Ihr Baby im Stich
gelassen, ihm das Schlimmste angetan, das man jemandem antun kann.
Sie haben Ihre Tochter ausgesetzt wie ein Tier, das man nicht mehr haben
will.
– Das stimmt nicht. So war das nicht.
– Sie sollten akzeptieren, dass Ihre Tochter großes Glück hatte. Sie konnten
sich ja selbst davon überzeugen, dass eine schöne Frau aus ihr geworden
ist. Etwas störrisch und eigensinnig zwar, aber klug. Sie hat sich
ordentlich entwickelt, meine Frau und ich, wir haben uns liebevoll um Ihr
Kind gekümmert, während Sie sich Ihren Stimmungsschwankungen
hingegeben haben. Es ist wohl eine Tatsache, dass wir durch unseren
Einsatz und unsere Fürsorge das Schlimmste verhindert haben. Wir
haben Ihrer Tochter auf gewisse Art und Weise das Leben gerettet und ihr
eine unbeschwerte Kindheit ermöglicht. Wenn ich mich daran erinnere,
wie viele Nächte wir nicht geschlafen haben, werde ich ganz wehmütig.
Wir haben unsere Kleine mit Liebe überschüttet, ihr gegeben, was sie von
Ihnen leider nicht bekommen hat.
– Arschloch.
– Wenn wir es nüchtern betrachten, muss man einfach sagen, dass Sie eine
jämmerliche Mutter waren. Sie haben auf allen Linien versagt. – Ich höre mir das nicht länger an. Ich werde jetzt zur Polizei gehen. Sie
werden für all das bezahlen, was Sie uns angetan haben. – Ach, kommen Sie. Warum zeigen Sie nicht einfach Größe und nehmen es
hin, wie es ist. Sie sind nicht geschaffen für dieses Leben. Ich denke
wirklich, dass es besser für Sie ist, einen Schlussstrich unter alles zu
ziehen. Sie belasten Ihre Umwelt, Ihr Mann leidet darunter, dass Sie so
labil sind. Er hat doch bestimmt schon lange die Nase voll, oder? All die
Jahre an der Seite einer psychisch kranken Frau, das hält niemand auf
Dauer aus. Keiner erträgt das. Nur aus Mitleid ist er bei Ihnen geblieben. – Es reicht. Ich lege jetzt auf.
– Das werden Sie nicht. Und Sie werden auch nicht stehen bleiben. Immer
schön weitergehen, Mona. Oder wollen Sie, dass ich wütend werde? Ihre
Tochter müsste dann nämlich für Ihr egoistisches Verhalten bezahlen. – Wo ist sie?
– Sie hat Hausarrest. Ich musste sie leider einsperren. Sie kam ja völlig
aufgelöst aus Berlin zurück, das Treffen mit Ihnen hat sie völlig verwirrt.
Sie hat mir erzählt, dass Sie ihr Flöhe ins Ohr gesetzt haben. War keine
gute Idee, Mona. Sie stören nämlich das natürliche Gleichgewicht. Die
Ordnung in unserer Familie. Deshalb ist es so wichtig, dass Sie mir jetzt
gut zuhören.
– Was wollen Sie von mir?
– Ich hätte gerne, dass Sie eine Entscheidung treffen. Aus freien Stücken.
Ich mache Ihnen ein Angebot, und Sie entscheiden, ob Sie es annehmen
wollen. Sie können den Schaden begrenzen, ein kleines Opfer bringen
und dafür sorgen, dass Ihre Tochter weiterhin ein halbwegs gutes Leben
führt. Wäre nur fair, finde ich. Sie wären das Ihrem kleinen Mädchen
eigentlich schuldig.
– Wem ich etwas schuldig bin und wem nicht, entscheide nur ich. – Nicht so bockig, bitte. Sie haben sich schließlich selbst in diese Position
gebracht. Sie hätten es auf sich beruhen lassen können, aber nein, Sie
mussten ja unbedingt nach Leipzig kommen und herumschnüffeln. Das
alles könnte sich zu einem großen Problem für mich auswachsen, wenn
wir beide nichts dagegen unternehmen.
– Was Sie von mir wollen, will ich wissen.
– Ich hätte gerne, dass Sie sich umbringen.
– Bitte was?
– Wenn Sie an der Ecke Torstraße – Mollstraße ankommen, werden Sie dort
einen Club besuchen. Am Eingang werden Sie einen Freund von mir
treffen. Schulte heißt er. Ist ein etwas ruppiger Kerl, aber sehr verlässlich.
Er wird Sie als Begleitung mit nach oben nehmen, Sie werden sehen,
tolles Ambiente, ein Ort zum Wohlfühlen. Sehr exklusiv und diskret, nur
für Mitglieder.
– Haben Sie eben gesagt, dass ich mich umbringen soll? – Ja. Es ist wirklich die beste Lösung. Außerdem würde Ihnen die
Alternative noch weniger gefallen. Das schlechte Gewissen, mit dem Sie
weiterleben müssten, würde Sie kaputt machen. – Wovon reden Sie?
– Noch einmal ganz langsam, damit es keine Missverständnisse gibt.
Entweder Sie sterben, oder Ihre Tochter stirbt. – Das meinen Sie nicht ernst, oder?
– Doch, das tue ich. Ich bin sehr klar in meinen Vorstellungen. Deshalb ist
es auch wichtig, dass Sie mir jetzt ganz genau zuhören, ich werde das
alles kein zweites Mal sagen.
– Sie sind doch völlig verrückt.
– Aber nein. Machen Sie sich keine Sorgen. Die Sache ist ganz einfach.
Sollten Sie nicht kooperieren, werde ich Ihre Tochter töten. Sie lassen
mir dann keine andere Wahl.
– Was Sie da sagen, ist ungeheuerlich.
– Ist es nicht.
– Sie sind ja geisteskrank.
– Na ja. Das ist vielleicht etwas übertrieben. Wobei ich zugeben muss, dass
es ein durchaus krasser Schritt wäre. Ich denke aber, es wird mir
leichtfallen. Es wird mir sogar Freude bereiten. Trotz all der Jahre, die
wir zusammen verbracht haben, sind Rebecca und ich uns nie wirklich
nahe gekommen. Sie blieb mir immer fremd. Wäre also kein allzu großer
Verlust für mich. Ich wollte es früher ja nie wahrhaben, aber es macht
tatsächlich einen Unterschied, ob es ein leibliches Kind ist oder nicht.
Meiner anderen Tochter könnte ich so etwas nämlich niemals antun. Bei
Rebecca hingegen werde ich wie gesagt keine Sekunde zögern. – Warum machen Sie das mit mir?
– Weil ich mir ausgemalt habe, was passieren wird, wenn Sie sich dafür
entscheiden, Ihrem Mann oder der Polizei von unserem Gespräch zu
erzählen. Die ganze Sache wird dann nicht länger geheim bleiben
können. Rebecca wird auf einem Gentest bestehen, sie wird
herausfinden, dass wir sie ein Leben lang angelogen haben.
Selbstverständlich wird sie sich dann von uns abwenden und die Polizei
auf mich und meine Frau hetzen. Wie Sie sicher verstehen werden, muss
ich dieses Szenario mit allen Mitteln verhindern. Also entweder Sie lösen
das Problem und verschwinden für immer aus dem Leben Ihrer Tochter.
Oder ich lasse Ihre Tochter verschwinden. – Nein.
– Doch. Sollten Sie in fünfzehn Minuten nicht tot sein, werde ich nach
Hause eilen, in Rebeccas Zimmer gehen und sie bitten, mit mir einen
kleinen Ausflug zu machen. Ich werde einen Schürhaken einpacken und
mit ihr in den Grunewald fahren. Dort werde ich sie in unserer
wunderhübschen Jagdhütte erschlagen. Ich werde mit dem Schürhaken so
lange auf sie eindreschen, bis sie sich nicht mehr rührt. Einmal, zweimal,
dreimal, wenn nötig auch zehnmal. Niemand wird sie da schreien hören.
Und niemand wird sehen, wie mein Freund Schulte und ich die Leiche
später in den Kofferraum seines Wagens laden werden. Ich verspreche
Ihnen, Ihre Tochter wird in einer Müllverbrennungsanlage in Polen
enden, wenn Sie nicht tun, was ich von Ihnen will. – Bitte nicht.
– Das Kind, das Sie lieben, wird tot sein. Und Sie werden es sein, die sie
auf dem Gewissen hat. Sie werden keinen glücklichen Tag mehr in
diesem Leben haben.
– Wie können Sie nur so grausam sein.
– Ist ganz leicht.
– Sie werden Ihre Strafe dafür bekommen.
– Glaube ich nicht. Ich bin bisher in meinem Leben immer ganz gut
durchgekommen mit meinen Schweinereien. Und das wird sich auch jetzt
nicht ändern. Ich habe wirklich an alles gedacht. Und nicht das Geringste
zu befürchten.
– Ich kann das nicht.
– Doch, Sie können. Wie ich sehe, sind Sie bereits vor dem Club
angekommen. Schulte erwartet Sie bereits. Der Mann in der hübschen
Lederjacke links von Ihnen.
– Wo sind Sie, verdammt noch mal?
– Das ist nicht wichtig. Es ist nicht vorgesehen, dass wir beide uns
kennenlernen. Schulte übernimmt ab hier. Wir werden uns jetzt – Bitte, nicht.
verabschieden, Sie werden ihm das Telefon geben und mit ihm nach oben
gehen. Sie werden nicht auffallen, mit niemandem sprechen, und sobald
Sie den Club betreten haben, werden Sie so tun, als hätten Sie auch mit
Schulte nichts zu schaffen. Sie werden das ganz alleine durchziehen,
gelassen und entspannt auf die Dachterrasse gehen, Sie werden dort über
die Brüstung steigen und springen. Sie werden nicht darüber nachdenken,
ob Sie es tun sollen oder nicht. Dafür haben Sie keine Zeit, Mona. Wenn
Sie nämlich nicht in fünf Minuten hier unten auf der Straße liegen, werde
ich mich auf den Heimweg machen, und Ihre Tochter wird sterben. – Bitte, bitte nicht.
– Sie bekommen nur diese eine Chance. Das Einzige, das Ihre Tochter
retten kann, ist Ihr Suizid. Ist im Vergleich zu dem, was Sie Ihrem Kind
sonst antun würden, eigentlich halb so schlimm. Außerdem warten im
Grunde doch alle schon längst darauf. Ihr Mann fragt sich bestimmt
schon seit Jahren, wann es so weit ist. Es wird eine Erleichterung für ihn
sein, wenn Sie endlich verschwinden und ihm die Chance auf ein
normales Leben ermöglichen.
– Nein. Das ist nicht wahr. So ist das nicht.
– Doch, Mona. Und tief in Ihrem Inneren wissen Sie, dass ich recht habe.
Sie tun allen einen Gefallen, wenn Sie das Drama jetzt beenden. – Ich will nicht sterben.
– Augen zu und durch, Mona. Sie werden dieses kleine Opfer nicht umsonst
bringen. Rebecca wird unversehrt bleiben, sie wird nichts von alldem
mitbekommen, das verspreche ich Ihnen.
– Judith. Sie heißt Judith.
– Von mir aus. Wenn es Ihnen wichtig ist, dann eben Judith. Fakt ist, sie
wird leben, wenn Sie springen.
– Ich kann das nicht.
– Wie Sie wollen. Dann werden Sie eben beide sterben. Ich werde Ihr
kleines Mädchen töten, und Schulte wird sich um Sie kümmern. So oder
so ist hier die Reise für Sie zu Ende.
– Machen Sie´s gut.
– Nicht auflegen, bitte.
– Sie haben exakt fünf Minuten.
– Nein, nein, nein.
– Die Zeit läuft, Mona.
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