Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Aichner, Bernhard · Kapitel 49 von 52

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Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Achtundvierzig

MONA BRONSKI & ALBERT LAUFENBERG

– Frau Bronski. Schön, dass ich Sie erreiche.

– Wer spricht da?

– Ein Freund der Familie, würde ich sagen. Wir beide haben einiges zu

besprechen.

– Was soll das? Wie kommt das Telefon in meine Handtasche? Wer zur

Hölle sind Sie? Und woher kennen Sie meinen Namen? – Ich möchte Sie zu einem kleinen Spaziergang einladen. Unterwegs werde

ich gerne all Ihre Fragen beantworten.

– Ein Spaziergang?

– Sie sind gerade am Alexanderplatz, richtig?

– Woher wissen Sie das?

– Sie werden jetzt Richtung S-Bahnhof gehen und dann die Karl-

Liebknecht-Straße entlang. Bis vor zur Torstraße. – Warum sollte ich das tun?

– Weil Sie neugierig sind. Weil Sie unbedingt wissen wollen, was ich Ihnen

gleich erzählen werde. Also gehen Sie los. Sie werden sehen, wir werden

uns bestens verstehen, alles wird sich in Wohlgefallen auflösen. – Ich werde jetzt auflegen.

– Werden Sie nicht. Außer es ist Ihnen egal, was mit Ihrer Tochter passiert. – Mit meiner Tochter?

– Das Mädchen in dem Café. Ich muss Ihnen wirklich ein Kompliment

machen, es ist unglaublich, dass Sie sie unter all den Millionen Menschen

da draußen erkannt haben. Ist eigentlich unmöglich. Aber man sagt

Müttern ja so einiges nach. Faszinierend ist das. – Was passiert hier?

– Wie gesagt, wir unterhalten uns. Wichtig ist aber, dass Sie dabei nicht

stehen bleiben. Nur wenn Sie weitergehen, werden Sie die Wahrheit

erfahren. Sie dürften nach all der Zeit ja ziemlich neugierig sein, oder? – Was haben Sie mit meinem Baby gemacht?

– Ich? Sie waren es doch, die sich gegen ein Leben mit Ihrer Tochter

entschieden haben. Muss schlimm sein, wieder daran erinnert zu werden,

dass man als Mutter gescheitert ist.

– Sie mieses Schwein.

– Ich verstehe, dass Sie wütend sind. Trotzdem wird alles, was nun passiert,

Konsequenzen haben. In den nächsten Minuten haben Sie das Schicksal

Ihrer Tochter in der Hand. Sie entscheiden, ob Ihr kleines Mädchen leben

oder sterben wird.

– Was reden Sie denn da? Wer sind Sie überhaupt? – Ich bin der Mann, der Ihre Tochter töten wird, wenn Sie nicht tun, was ich

Ihnen sage. Also beruhigen Sie sich bitte. Ansonsten lege ich auf, und Sie

werden es sein, die für alles verantwortlich ist, was passieren wird. Sie

werden sich ein Leben lang Vorwürfe machen, dass Sie es nicht

verhindert haben.

– Dass ich was nicht verhindert habe?

– So weit sind wir noch nicht, Mona. Wir sollten erst über ein paar

grundsätzliche Dinge reden.

– Welche Dinge denn? Ich verstehe das alles nicht. – Ich habe mich über Sie informiert. Schrecklich, was Sie durchmachen

mussten. Wie man mir berichtet hat, haben Sie anscheinend sehr darunter

gelitten, dass Sie Ihre Tochter damals weggegeben haben, oder? – Ich habe sie nicht weggegeben.

– Doch, Mona. Sie haben das Liebste, das Sie hatten, einfach einer

wildfremden Frau in die Hände gedrückt. Sie haben Ihr Baby im Stich

gelassen, ihm das Schlimmste angetan, das man jemandem antun kann.

Sie haben Ihre Tochter ausgesetzt wie ein Tier, das man nicht mehr haben

will.

– Das stimmt nicht. So war das nicht.

– Sie sollten akzeptieren, dass Ihre Tochter großes Glück hatte. Sie konnten

sich ja selbst davon überzeugen, dass eine schöne Frau aus ihr geworden

ist. Etwas störrisch und eigensinnig zwar, aber klug. Sie hat sich

ordentlich entwickelt, meine Frau und ich, wir haben uns liebevoll um Ihr

Kind gekümmert, während Sie sich Ihren Stimmungsschwankungen

hingegeben haben. Es ist wohl eine Tatsache, dass wir durch unseren

Einsatz und unsere Fürsorge das Schlimmste verhindert haben. Wir

haben Ihrer Tochter auf gewisse Art und Weise das Leben gerettet und ihr

eine unbeschwerte Kindheit ermöglicht. Wenn ich mich daran erinnere,

wie viele Nächte wir nicht geschlafen haben, werde ich ganz wehmütig.

Wir haben unsere Kleine mit Liebe überschüttet, ihr gegeben, was sie von

Ihnen leider nicht bekommen hat.

– Arschloch.

– Wenn wir es nüchtern betrachten, muss man einfach sagen, dass Sie eine

jämmerliche Mutter waren. Sie haben auf allen Linien versagt. – Ich höre mir das nicht länger an. Ich werde jetzt zur Polizei gehen. Sie

werden für all das bezahlen, was Sie uns angetan haben. – Ach, kommen Sie. Warum zeigen Sie nicht einfach Größe und nehmen es

hin, wie es ist. Sie sind nicht geschaffen für dieses Leben. Ich denke

wirklich, dass es besser für Sie ist, einen Schlussstrich unter alles zu

ziehen. Sie belasten Ihre Umwelt, Ihr Mann leidet darunter, dass Sie so

labil sind. Er hat doch bestimmt schon lange die Nase voll, oder? All die

Jahre an der Seite einer psychisch kranken Frau, das hält niemand auf

Dauer aus. Keiner erträgt das. Nur aus Mitleid ist er bei Ihnen geblieben. – Es reicht. Ich lege jetzt auf.

– Das werden Sie nicht. Und Sie werden auch nicht stehen bleiben. Immer

schön weitergehen, Mona. Oder wollen Sie, dass ich wütend werde? Ihre

Tochter müsste dann nämlich für Ihr egoistisches Verhalten bezahlen. – Wo ist sie?

– Sie hat Hausarrest. Ich musste sie leider einsperren. Sie kam ja völlig

aufgelöst aus Berlin zurück, das Treffen mit Ihnen hat sie völlig verwirrt.

Sie hat mir erzählt, dass Sie ihr Flöhe ins Ohr gesetzt haben. War keine

gute Idee, Mona. Sie stören nämlich das natürliche Gleichgewicht. Die

Ordnung in unserer Familie. Deshalb ist es so wichtig, dass Sie mir jetzt

gut zuhören.

– Was wollen Sie von mir?

– Ich hätte gerne, dass Sie eine Entscheidung treffen. Aus freien Stücken.

Ich mache Ihnen ein Angebot, und Sie entscheiden, ob Sie es annehmen

wollen. Sie können den Schaden begrenzen, ein kleines Opfer bringen

und dafür sorgen, dass Ihre Tochter weiterhin ein halbwegs gutes Leben

führt. Wäre nur fair, finde ich. Sie wären das Ihrem kleinen Mädchen

eigentlich schuldig.

– Wem ich etwas schuldig bin und wem nicht, entscheide nur ich. – Nicht so bockig, bitte. Sie haben sich schließlich selbst in diese Position

gebracht. Sie hätten es auf sich beruhen lassen können, aber nein, Sie

mussten ja unbedingt nach Leipzig kommen und herumschnüffeln. Das

alles könnte sich zu einem großen Problem für mich auswachsen, wenn

wir beide nichts dagegen unternehmen.

– Was Sie von mir wollen, will ich wissen.

– Ich hätte gerne, dass Sie sich umbringen.

– Bitte was?

– Wenn Sie an der Ecke Torstraße – Mollstraße ankommen, werden Sie dort

einen Club besuchen. Am Eingang werden Sie einen Freund von mir

treffen. Schulte heißt er. Ist ein etwas ruppiger Kerl, aber sehr verlässlich.

Er wird Sie als Begleitung mit nach oben nehmen, Sie werden sehen,

tolles Ambiente, ein Ort zum Wohlfühlen. Sehr exklusiv und diskret, nur

für Mitglieder.

– Haben Sie eben gesagt, dass ich mich umbringen soll? – Ja. Es ist wirklich die beste Lösung. Außerdem würde Ihnen die

Alternative noch weniger gefallen. Das schlechte Gewissen, mit dem Sie

weiterleben müssten, würde Sie kaputt machen. – Wovon reden Sie?

– Noch einmal ganz langsam, damit es keine Missverständnisse gibt.

Entweder Sie sterben, oder Ihre Tochter stirbt. – Das meinen Sie nicht ernst, oder?

– Doch, das tue ich. Ich bin sehr klar in meinen Vorstellungen. Deshalb ist

es auch wichtig, dass Sie mir jetzt ganz genau zuhören, ich werde das

alles kein zweites Mal sagen.

– Sie sind doch völlig verrückt.

– Aber nein. Machen Sie sich keine Sorgen. Die Sache ist ganz einfach.

Sollten Sie nicht kooperieren, werde ich Ihre Tochter töten. Sie lassen

mir dann keine andere Wahl.

– Was Sie da sagen, ist ungeheuerlich.

– Ist es nicht.

– Sie sind ja geisteskrank.

– Na ja. Das ist vielleicht etwas übertrieben. Wobei ich zugeben muss, dass

es ein durchaus krasser Schritt wäre. Ich denke aber, es wird mir

leichtfallen. Es wird mir sogar Freude bereiten. Trotz all der Jahre, die

wir zusammen verbracht haben, sind Rebecca und ich uns nie wirklich

nahe gekommen. Sie blieb mir immer fremd. Wäre also kein allzu großer

Verlust für mich. Ich wollte es früher ja nie wahrhaben, aber es macht

tatsächlich einen Unterschied, ob es ein leibliches Kind ist oder nicht.

Meiner anderen Tochter könnte ich so etwas nämlich niemals antun. Bei

Rebecca hingegen werde ich wie gesagt keine Sekunde zögern. – Warum machen Sie das mit mir?

– Weil ich mir ausgemalt habe, was passieren wird, wenn Sie sich dafür

entscheiden, Ihrem Mann oder der Polizei von unserem Gespräch zu

erzählen. Die ganze Sache wird dann nicht länger geheim bleiben

können. Rebecca wird auf einem Gentest bestehen, sie wird

herausfinden, dass wir sie ein Leben lang angelogen haben.

Selbstverständlich wird sie sich dann von uns abwenden und die Polizei

auf mich und meine Frau hetzen. Wie Sie sicher verstehen werden, muss

ich dieses Szenario mit allen Mitteln verhindern. Also entweder Sie lösen

das Problem und verschwinden für immer aus dem Leben Ihrer Tochter.

Oder ich lasse Ihre Tochter verschwinden. – Nein.

– Doch. Sollten Sie in fünfzehn Minuten nicht tot sein, werde ich nach

Hause eilen, in Rebeccas Zimmer gehen und sie bitten, mit mir einen

kleinen Ausflug zu machen. Ich werde einen Schürhaken einpacken und

mit ihr in den Grunewald fahren. Dort werde ich sie in unserer

wunderhübschen Jagdhütte erschlagen. Ich werde mit dem Schürhaken so

lange auf sie eindreschen, bis sie sich nicht mehr rührt. Einmal, zweimal,

dreimal, wenn nötig auch zehnmal. Niemand wird sie da schreien hören.

Und niemand wird sehen, wie mein Freund Schulte und ich die Leiche

später in den Kofferraum seines Wagens laden werden. Ich verspreche

Ihnen, Ihre Tochter wird in einer Müllverbrennungsanlage in Polen

enden, wenn Sie nicht tun, was ich von Ihnen will. – Bitte nicht.

– Das Kind, das Sie lieben, wird tot sein. Und Sie werden es sein, die sie

auf dem Gewissen hat. Sie werden keinen glücklichen Tag mehr in

diesem Leben haben.

– Wie können Sie nur so grausam sein.

– Ist ganz leicht.

– Sie werden Ihre Strafe dafür bekommen.

– Glaube ich nicht. Ich bin bisher in meinem Leben immer ganz gut

durchgekommen mit meinen Schweinereien. Und das wird sich auch jetzt

nicht ändern. Ich habe wirklich an alles gedacht. Und nicht das Geringste

zu befürchten.

– Ich kann das nicht.

– Doch, Sie können. Wie ich sehe, sind Sie bereits vor dem Club

angekommen. Schulte erwartet Sie bereits. Der Mann in der hübschen

Lederjacke links von Ihnen.

– Wo sind Sie, verdammt noch mal?

– Das ist nicht wichtig. Es ist nicht vorgesehen, dass wir beide uns

kennenlernen. Schulte übernimmt ab hier. Wir werden uns jetzt – Bitte, nicht.

verabschieden, Sie werden ihm das Telefon geben und mit ihm nach oben

gehen. Sie werden nicht auffallen, mit niemandem sprechen, und sobald

Sie den Club betreten haben, werden Sie so tun, als hätten Sie auch mit

Schulte nichts zu schaffen. Sie werden das ganz alleine durchziehen,

gelassen und entspannt auf die Dachterrasse gehen, Sie werden dort über

die Brüstung steigen und springen. Sie werden nicht darüber nachdenken,

ob Sie es tun sollen oder nicht. Dafür haben Sie keine Zeit, Mona. Wenn

Sie nämlich nicht in fünf Minuten hier unten auf der Straße liegen, werde

ich mich auf den Heimweg machen, und Ihre Tochter wird sterben. – Bitte, bitte nicht.

– Sie bekommen nur diese eine Chance. Das Einzige, das Ihre Tochter

retten kann, ist Ihr Suizid. Ist im Vergleich zu dem, was Sie Ihrem Kind

sonst antun würden, eigentlich halb so schlimm. Außerdem warten im

Grunde doch alle schon längst darauf. Ihr Mann fragt sich bestimmt

schon seit Jahren, wann es so weit ist. Es wird eine Erleichterung für ihn

sein, wenn Sie endlich verschwinden und ihm die Chance auf ein

normales Leben ermöglichen.

– Nein. Das ist nicht wahr. So ist das nicht.

– Doch, Mona. Und tief in Ihrem Inneren wissen Sie, dass ich recht habe.

Sie tun allen einen Gefallen, wenn Sie das Drama jetzt beenden. – Ich will nicht sterben.

– Augen zu und durch, Mona. Sie werden dieses kleine Opfer nicht umsonst

bringen. Rebecca wird unversehrt bleiben, sie wird nichts von alldem

mitbekommen, das verspreche ich Ihnen.

– Judith. Sie heißt Judith.

– Von mir aus. Wenn es Ihnen wichtig ist, dann eben Judith. Fakt ist, sie

wird leben, wenn Sie springen.

– Ich kann das nicht.

– Wie Sie wollen. Dann werden Sie eben beide sterben. Ich werde Ihr

kleines Mädchen töten, und Schulte wird sich um Sie kümmern. So oder

so ist hier die Reise für Sie zu Ende.

– Machen Sie´s gut.

– Nicht auflegen, bitte.

– Sie haben exakt fünf Minuten.

– Nein, nein, nein.

– Die Zeit läuft, Mona.

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