Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Aichner, Bernhard · Kapitel 32 von 52

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Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Einunddreissig

 

Ich zwang mich, nicht an Mona zu denken.

Das schlechte Gewissen, das ich ihr gegenüber hatte, verdrängte ich. Dieses Gefühl, sie betrogen zu haben. Ich wusste, dass es absurd war, doch ich konnte mich nicht dagegen wehren. Eine Stimme in mir sagte, dass ich aufhören sollte, Svenja zu berühren, sie zu küssen, Zeit mit ihr zu verbringen. Ich war verunsichert und glücklich zugleich. Ich zwang mich, meine Vergangenheit auszublenden. Wie ein verliebter Teenager benahm ich mich. Ich ignorierte Annas Anrufe.

Schrieb ihr nur eine Kurznachricht. Informierte sie, dass wir auf dem Weg nach Leipzig waren, um an Rebeccas Uni mit ein paar Leuten zu sprechen. Mein Akku sei bald leer, log ich. Ich verschwieg ihr, dass Svenja meine Hand hielt, insgeheim hatte ich Angst, Anna könnte es mir ausreden oder mich dafür verurteilen. Ich verheimlichte, was ich fühlte. Musste mich zwingen, klar zu denken, meine Arbeit zu machen und Svenja nicht ständig mit leuchtenden Augen anzusehen.

Jetzt konzentrier dich endlich, sagte sie. Wir gehen da jetzt rein und finden heraus, wo Rebecca ist. Kann ja nicht so schwer sein, das Mädchen aufzustöbern. Ich salutierte. Grinste. Dann betraten wir die Universität. Zeigten Fotos herum. Sprachen mit einigen von Rebeccas Kollegen, Professoren und Verwaltungsangestellten. Wir verrieten ihnen, dass Rebecca verschwunden war, und dass sich ihre Familie große Sorgen um sie machte. Wir sammelten Informationen. Viel Belangloses, wenig Interessantes, Klatsch und Tratsch, wir machten uns ein Bild, bekamen bestätigt, was wir bereits wussten.

Die ältere Tochter von Albert Laufenberg war genauso eine Ausnahmestudentin wie Sophie, sie fiel durch ihren Fleiß und ihre Zielstrebigkeit auf. Rebecca war scheu, ging nicht aus, Freundschaften zu Mitstudenten pflegte sie nicht. Sie kam in die Uni und ging wieder, die wenigen Studentinnen und Studenten, die mehr mit ihr zu tun hatten, hatten trotz der heiklen Situation nichts Gutes über sie zu sagen. Wenn Sie mich fragen, ist die nicht ganz richtig im Kopf. Keinen Spaß am Leben hat die.

Spooky, was mit der Großmutter passiert ist.

Eine Psychofamilie ist das.

Keiner wusste, wo sie war.

Schlimmer noch. Es war allen egal.

Rebecca war verschwunden. Und niemand wusste wohin. Da waren nur die Dinge, die Laufenberg über sie gesagt hatte, als wir ihn auf seinem Schloss besucht hatten. Mit Svenja ging ich alles noch einmal durch. Ich hatte ihn nach Rebeccas Hobbies gefragt, nach Dingen, die sie mochte, von denen sie geträumt hatte. Er hatte nur Belangloses aufgezählt, von Rebecca geschwärmt, sie in ein schönes Licht gestellt. Nichts von dem, was er gesagt hatte, half uns wirklich weiter.

Fast nichts.

Da war nämlich etwas, das er ganz am Ende unseres Gesprächs erwähnt hatte. Was Svenja aufhorchen ließ, als ich ihr davon erzählte. Rebecca war ein paar Monate lang immer wieder nach Hamburg gefahren. An den Wochenenden. St. Pauli. Sie hatte dort in einer Kneipe gearbeitet. Laufenberg war offensichtlich dagegen gewesen. Er hatte die Nase gerümpft, als er mir gegenüber davon gesprochen hatte. Der Gedanke, dass seine Tochter sich als billige Schankkraft verdingen sollte, anstatt ihr Studium zu beenden, war völlig abwegig für ihn gewesen. Laufenberg hatte die Möglichkeit, dass sie in Hamburg sein könnte, vom Tisch gewischt. Klar und deutlich gab er zu verstehen, dass er seine Tochter wieder auf Schiene gebracht und alles unter Kontrolle hatte. Rebecca hat irgendwann eingesehen, dass sie sich verrannt hat. Sie hat verstanden, dass sie als Kellnerin keine Karriere macht.

Hamburg ist kein Thema mehr für sie.

Da müssen Sie nicht suchen.

Trotzdem fuhren Svenja und ich dorthin.

Sie war sich sicher, dass wir Rebecca dort finden würden. Egal, was Laufenberg sagt.

Sie ist dort, ich weiß das.

Wir liefen über den Kiez und klapperten eine Kneipe nach der anderen ab. Wieder zeigten wir Rebeccas Foto herum, teilten uns auf, fragten uns durch. Ich stellte mir vor, was in dem Mädchen vorgegangen war, ich fragte mich, was ich getan hätte, wenn mir zuhause die Decke auf den Kopf gefallen wäre. Wenn ich Streit gehabt hätte mit meinem Vater. Ich wäre so weit weggelaufen wie möglich, irgendwohin, wo er keinen Einfluss gehabt hätte, wo er sich nicht auskannte.

Und genau das hatte Rebecca auch getan.

Hamburg. Kiez. Kneipe.

Zum Silbersack.

Volltreffer.

Ein redseliger Stammgast erkannte sie auf dem Foto. Ein Freund des Besitzers, ich stieß mit ihm an. Spendierte ihm ein Bier. Bereitwillig gab er Auskunft über das hübsche Mädchen aus dem Osten. Offenherzig plauderte er Dinge aus, die mich nichts angingen. Sie habe sich in diese Stadt verliebt, sagte er. Nicht wegen eines Mannes käme sie immer wieder hierher, sondern wegen diesem Viertel. Das Kaputte, Verruchte und Verdorbene gefielen ihr. Man freute sich, wenn sie kam und einen Dienst übernahm, Rebecca war hier jederzeit willkommen, die Gäste mochten sie, und der Wirt auch. Sie schlief in einem der Personalzimmer im Hinterhof, war aber wohl im Moment in der Stadt unterwegs.

Ist ein gutes Mädchen, sagte er.

Aber warum willst du das eigentlich alles wissen, fragte er. Ich lächelte ihn nur an und verabschiedete mich.

Das lange Warten begann.

Wir saßen im Auto vor der Kneipe.

Redeten. Schwiegen. Küssten uns.

Immer wieder klingelte das Telefon.

Anna.

Insgesamt vierzehn Anrufe in Abwesenheit.

Ich konnte sie nicht länger ignorieren. Musste abheben. Mit ihr reden. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Svenja mich dazu zwang. Wenn du jetzt nicht abhebst, bin ich weg.

Du benimmst dich wie ein Kind, Bronski.

Sie hatte recht. Recht. Annas Stimme kam aus der Freisprecheinrichtung. Ich bat sie um Entschuldigung und erklärte ihr, dass ich mit Svenja im Wagen saß. Ich sagte ihr, dass ich sie eingeweiht hatte. Aus dem Bauch heraus entschied ich mich für die Wahrheit.

Svenja weiß Bescheid, sagte ich.

Du kannst offen reden, Anna.

Ich habe ihr alles erzählt.

Anna verstand sofort.

Sie kannte mich.

Kombinierte.

Klingt, als wärst du glücklich , sagte sie. Gut, dass du endlich wieder unter den Lebenden weilst. Aber jetzt vergiss mal kurz die Liebe und hör mir gut zu. Hier ist nämlich die Kacke am Dampfen, Bronski. Ich wollte mich rechtfertigen, doch Anna würgte mich ab. Sie war aufgeregt, hatte Dinge in Erfahrung gebracht, die sie unbedingt mit mir teilen wollte.

Es brach förmlich aus ihr heraus.

Das ist jetzt wirklich wichtig, David.

Wir lagen völlig falsch.

Dieser Drecksack hat uns verarscht.

Von Anfang an.

Anna erzählte mir, was passiert war, während ich mit Svenja im Bett lag. Sie berichtete von Schulte, erzählte mir alles, was der über Laufenberg gesagt hatte. Beschrieb dieses völlig andere Bild, das er von ihm gezeichnet hatte. Sie sprach über Alberts Alibi für den Mord an seiner Mutter. Sie beschwor mich, sie ernst zu nehmen.

Annas plötzlicher Meinungsumschwung verunsicherte mich. Konnte ich mich so in Laufenberg getäuscht haben? Es wollte mir einfach nicht in den Kopf.

Warum wollte er, dass Anna ermittelte, wenn er selbst der Täter war? Warum hatte er mich so nahe an sich herangelassen, wenn er etwas mit der Entführung von Judith zu tun gehabt hatte?

Warum die Exklusivinterviews?

Ich verstand es nicht.

Anna musste sich irren. Ich versuchte sie zu beruhigen. Doch sie hörte nicht auf, redete weiter auf mich ein. Sie erzählte mir, dass Schulte bei einem Unfall getötet worden war. Kurz nachdem sie mit ihm gesprochen hatte.

Das kann kein Zufall sein, David.

Er sagte mir, dass damals eine Geburtsurkunde gefälscht worden war. Und dass Albert Laufenberg davon gewusst hat.

Du weißt, was das bedeuten könnte.

Ich wusste es.

Anna versuchte mir klarzumachen, dass Judith all die Jahre einfach irgendwo unter einem anderen Namen gelebt hatte. Sie wollte, dass ich hinsehe.

Es könnte doch sein, sagte sie.

Kann es nicht, sagte ich.

Ich wehrte mich.

Hielt das Foto von Rebecca in der Hand, das wir überall in St. Pauli herumgezeigt hatten. Ich starrte es an.

Die junge Frau mit ihren traurigen Augen.

Braune Augen.

Kein grünes. Kein blaues.

Laufenbergs Tochter, nicht meine.

Anna musste sich täuschen.

Alles, was sie sagte, war an den Haaren herbeigezogen. Sie hatte auf das völlig unsinnige Geschwätz eines Kriminellen vertraut. Es war unlogisch, was sie da sagte. Was hätte Laufenberg für einen Grund gehabt, mich auf Rebecca anzusetzen? Warum hätte er mich zu ihr führen sollen, wenn es wirklich Judith war, auf die Svenja und ich vor dieser Kneipe in Hamburg warteten.

Du musst dich irren, sagte ich.

Was, wenn nicht, fragte Anna.

Genau in diesem Moment stieg eine junge Frau von ihrem Fahrrad und kettete es direkt vor uns an eine Straßenlaterne. Es war die Frau auf dem Foto, das ich in der Hand hielt. Ich muss jetzt auflegen, sagte ich. Dann drückte ich auf den Knopf, und Anna war weg. Vor uns sahen wir, wie Rebecca Laufenberg eine Packung Zigaretten aus ihrem Rucksack holte und sich eine anzündete. Sie stand fünf Meter von uns entfernt, sie bemerkte uns nicht. Bekam nicht mit, wie ich sie anstarrte. Ihr Gesicht. Ihre Stirn, ihre Haare, ihren Mund. Ich wünschte mir in diesem Moment nichts mehr auf der Welt, als dass Anna recht hätte. War Mona die Mutter dieser jungen Frau gewesen? War ich ihr Vater?

Ich wusste, dass es nicht sein konnte.

Aber ich wollte einen Augenblick lang daran glauben.

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