Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Aichner, Bernhard · Kapitel 25 von 52

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Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Vierundzwanzig

FRANZ WEICHENBERGER & ANNA DRAGIC

– Müssen Sie nicht nach Hause zu Ihrem Mann und zu Ihren Kindern? – Sieht man mir das an?

– Was meinen Sie?

– Dass ich Familie habe.

– Man sieht Ihnen an, dass Sie ein schlechtes Gewissen haben. Sie machen

den Eindruck, als hätten Sie das Gefühl, Sie sollten eigentlich woanders

sein. Sie wirken etwas getrieben. Ich kann mich aber natürlich auch

täuschen.

– Nein, nein, stimmt schon. Mein Mann ruft mich dreimal täglich an. Er

macht sich Sorgen um mich. Als ich ihm gesagt habe, dass ich es war, die

die Leiche in der Badewanne gefunden hat, wollte er sich schon ins Auto

setzen und zu mir kommen. Wenn es nach ihm ginge, sollte ich diesen

Job überhaupt nicht machen. Zu gefährlich, sagt er. – Sie scheinen einen klugen Mann zu haben.

– Fangen Sie jetzt auch noch damit an?

– Vielleicht ist es ja wirklich besser, Sie fahren nach Hause. Ich habe das

hier auch ohne Sie im Griff. Wenn es neue Ermittlungsergebnisse gibt,

werden wir das Herrn Laufenberg mitteilen. Er kann sich die Kosten für

eine Privatermittlung wirklich sparen.

– Und wovon soll ich leben? Wollen Sie mir die Butter vom Brot nehmen?

Es kann Ihnen doch egal sein, ob ich hier ein bisschen rumschnüffle,

oder?

– Angenehm ist es nicht.

– Nein?

– Aber Sie sind mir sympathisch. Ich werde mich also wohl daran

gewöhnen können, dass Sie in meinen Garten pinkeln. – Für einen Polizisten sind Sie ziemlich lustig.

– Das freut mich zu hören. Ich bemühe mich. Auch was diesen Fall betrifft.

Kommt ja in Tirol nicht so oft vor, dass wir von der Abteilung Mord

gleich zweimal hintereinander ausrücken müssen. – Na ja, die Arbeit wird sich wahrscheinlich in Grenzen halten, Nummer

zwei war ja wohl ein klassischer Selbstmord, oder? – Stimmt. Man hat sie schon obduziert. Die toxikologische Untersuchung

hat nichts ergeben, und auch sonst gibt es keine Spuren von

Fremdeinwirkung. Schaut also tatsächlich so aus, als wäre die junge Frau

Laufenberg freiwillig aus dem Leben geschieden. – Passt doch super zusammen, oder? Die Leiche ihrer Schwiegermutter

wird entdeckt, und sie bricht zusammen. Muss irgendwie so was wie ein

Schuldeingeständnis sein. Margit Laufenberg hatte etwas mit der

Ermordung von Zita zu tun. Jahrelang hatte sie damit leben müssen, nach

dem Fund sind dann alle Dämme gebrochen. Irgendwie so ähnlich muss

es doch gewesen sein, oder?

– Wer weiß.

– Sie glauben nicht daran?

– Die Fakten sprechen dafür. Aber trotzdem verstehe ich es nicht. Sie hatte

doch alles, was sich ein Mensch nur wünschen kann. Reichtum, Familie,

laut Gerichtsmediziner war sie gesund, kein Krebs, keine Drogen, keine

psychiatrischen Erkrankungen. Mir fiele also kein Grund ein, warum sie

sich hätte umbringen sollen. Was ihre Schwiegermutter betrifft, habe ich

da nämlich so meine Zweifel. Warum hätte sie Zita Laufenberg töten

sollen? Und was hätte sie dazu bewegen sollen, ihr den Kopf

abzutrennen? Eine Frau macht so etwas nicht, zumindest ist mir das in all

den Jahren noch nicht untergekommen.

– Vielleicht war sie ja nicht die Täterin, sondern nur eine Mitwisserin.

Möglicherweise gibt es ein dunkles Geheimnis in dieser Familie? Kann

ja sein, dass die Damen jemandem auf die Füße getreten sind damals. – Sie meinen das organisierte Verbrechen? Die ehemaligen

Geschäftspartner von Zita Laufenberg?

– Könnte doch sein, oder? Es gab da einen Kerl aus der Bikerszene, mit

dem sie damals regen Kontakt hatte. Ingo Schulte. In den Wochen vor

ihrem Tod hat sie ihn mehrmals getroffen, und das, obwohl ihr Sohn

versichert hat, dass die Familie Laufenberg mit diesen Leuten nichts

mehr zu tun hatte.

– Woher wissen Sie, dass es diese Treffen gab? – Ich habe den Terminkalender der Toten. Albert Laufenberg war so

freundlich. Ich bin alle Daten durchgegangen, aber außer diesem Ingo ist

da nichts Auffälliges. Sie hat gearbeitet, war regelmäßig im Büro,

niemandem ist etwas Ungewöhnliches aufgefallen. Ich habe mit einigen

Mitarbeitern telefoniert, die damals schon dort beschäftigt waren. Bis zu

Zitas Verschwinden war alles wie immer, sagen sie. – Gute Arbeit, Frau Dragic.

– Wir sollten mit diesem Ingo Schulte reden.

– Wir? Ich denke, es ist besser, wenn ich das übernehme. Wir wollen ja

nicht, dass sich Ihr Mann wieder Sorgen machen muss, oder? Außerdem

bin ich überzeugt davon, dass die deutschen Kollegen sich über

Unterstützung freuen werden. Ich werde also wohl demnächst eine kleine

Reise unternehmen.

– Denken Sie, dass Schulte etwas damit zu tun hat? – Keine Ahnung. Klingt aber schon etwas abwegig, dass einer aus der

Leipziger Halbwelt ins beschauliche Tirol kommt, nur um einer

ehemaligen Geschäftspartnerin den Kopf abzuschneiden. – Muss man hier wandern gehen, bevor man jemanden umbringt? – Tja, hier ticken die Uhren etwas anders, würde ich sagen, als in Berlin.

Aber das müssten Sie doch eigentlich wissen, oder? Sie sind doch hier

aufgewachsen und mit den Sitten und Bräuchen der Tiroler Bergwelt

bestens vertraut.

– Bravo, Sie haben Ihre Hausaufgaben gemacht. – Warum sind Sie von hier weg?

– Weil ich das Landleben schon immer gehasst habe. Berlin war eine

Befreiung für mich.

– Und Ihr Bruder?

– Ich habe gewartet, bis er alt genug war, um mit der Situation

fertigzuwerden. Unsere Mutter war Alkoholikerin. Sie hat es nicht

verkraftet, dass ihr der Mann davongelaufen ist. Als ich zehn war, hat er

uns verlassen.

– Sie haben sich immer gut mit Ihrem Bruder verstanden? – Ja. Wir haben aufeinander aufgepasst.

– Er ist Fotograf geworden. Einigermaßen erfolgreich, wie ich gehört habe.

Und er ist irgendwann so wie Sie nach Berlin gezogen. – Und?

– Er hat sein Kind und seine Frau verloren.

– Darüber möchte ich nicht reden.

– Möchten Sie über die Bilder reden?

– Welche Bilder?

– Ich gehe davon aus, dass es Ihr Bruder war, der in die Wohnung der

Laufenbergs eingebrochen ist. Dass er die Fotos gemacht hat, die

veröffentlicht wurden. Er war nämlich bereits am Tatort, unmittelbar

nachdem wir gerufen worden sind. Kann kein Zufall gewesen sein. – Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden.

– Ich werde dem nachgehen müssen. Sollten wir Fingerabdrücke oder DNA

von ihm am Tatort finden, wird er sich dafür verantworten müssen. – Klingt nicht gut. Aber wie gesagt, ich kenne meinen Bruder, ich würde

die Hand für David ins Feuer legen. Er hat nichts damit zu tun. – Und warum war er so schnell hier?

– Wir waren hier verabredet. Einmal im Jahr gehen wir zusammen Ski

fahren. Ist so ein Bruder-Schwester-Ding.

– Ski fahren also. Die Laufenbergs, Sie und Ihr Bruder, alle wollten nur ein

bisschen Winterspaß, alle kommen zufällig zeitgleich nach Tirol. Und

eins, zwei, drei, schon haben wir zwei Leichen am Start. Sie müssen

zugeben, dass das schon etwas zum Nachdenken anregt.

– Stimmt schon, klingt eigenartig. Helfen kann ich Ihnen bei Ihrem Problem

aber leider nicht. Wenn ich aber etwas herausfinde, das Sie weiterbringen

könnte, werde ich es Ihnen natürlich umgehend mitteilen. – Na, dann werde ich ja bestimmt bald von Ihnen hören. Sie scheinen mir

sehr effizient zu sein. Außerdem haben Sie ja beste Beziehungen zu

Herrn Laufenberg. Wird am Ende bestimmt nicht schaden. – So sehe ich das auch.

– Die beiden Leichen werden gerade freigegeben und nach Berlin überstellt.

Zwei Beerdigungen stehen an, ich nehme an, Sie werden also bald

abreisen, oder?

– Mal sehen. Vielleicht stirbt ja noch jemand. Aller guten Dinge sind

bekanntlich drei.

– Wer weiß? Kann ja sein, dass Sie Glück haben. Aus dem inneren Kreis

bliebe da aber nur noch Konstantin Freund. Wie Sie bereits wissen, war

das der Geliebte von Frau Laufenberg.

– Er ist Ihr Hauptverdächtiger, richtig?

– Seine Fingerabdrücke waren überall in der Wohnung. Er war dort, und er

leugnet das auch nicht. Aber er besteht darauf, mit dem Mord nichts zu

tun zu haben.

– Er wäre nicht der Erste, der lügt, oder?

– Stimmt. Aber mein Bauchgefühl sagt mir, dass das absolut keinen Sinn

machen würde. Ich denke, er ist unschuldig.

– Was hat er Ihnen denn erzählt?

– Dasselbe wie Ihnen, nehme ich an. Übrigens bin ich sehr beeindruckt,

dass Sie ihn vor uns gefunden haben. Respekt. – Das Lob gebührt Svenja Spielmann, ich habe nur ein paar Bilder gemacht. – Für Ihren Bruder, nehme ich an?

– Ja, wir arbeiten gerne zusammen.

– Darf ich Ihnen einen guten Rat geben?

– Gerne.

– Mir ist klar, dass man innerhalb der Familie zusammenhalten muss. Aber

ich befürchte, dass das in diesem Fall vielleicht nach hinten losgehen

könnte.

– Inwiefern?

– Meine Fühler sind bereits nach Ihnen ausgestreckt. – Sind sie?

– Nach Ihnen beiden, ja.

– Und was schlagen Sie vor?

– Sie sollten sich vom Acker machen. Und zwar schnell.

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