Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Aichner, Bernhard · Kapitel 9 von 52

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Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Acht

ALBERT LAUFENBERG & FRANZ WEICHENBERGER

– Ich will sie sehen.

– So einfach ist das leider nicht, Herr Laufenberg. – Jetzt sofort. Sie lassen mich jetzt in meine Wohnung, sonst drehe ich

durch. Ich will sie endlich wiedersehen.

– Beruhigen Sie sich, Herr Laufenberg. Ich möchte doch nur, dass Sie

vorbereitet sind. Der Leichnam Ihrer Mutter ist, wie soll ich sagen, in

einem besonderen Zustand. Der Anblick kann durchaus verstörend sein.

Denken Sie noch einmal darüber nach, ob Sie das wirklich wollen. – Ich warte seit zwanzig Jahren auf diesen Moment. Ich möchte endlich

damit abschließen. Endlich Gewissheit haben. – Das Bild, das Sie von ihr in Erinnerung haben, hat aber nichts mit dem zu

tun, was Sie gleich sehen werden.

– Ich habe keine Angst vor ein paar Knochen. Ich habe schon wesentlich

Schlimmeres gesehen, glauben Sie mir.

– Keine Knochen. Ihre Mutter ist nicht verwest. Durch die besonderen

klimatischen Verhältnisse in dieser Wohnung ist sie mumifiziert. – Wie bitte?

– Die Fenster müssen gekippt gewesen sein, es herrschte ständiger Luftzug.

Zudem war Ihre Mutter nackt. Sie ist quasi vertrocknet, anstatt zu

verwesen. Kommt immer wieder mal vor.

– Was reden Sie denn da?

– Das hier ist kein normaler Tatort. Das ist etwas ganz Besonderes, so etwas

ist mir in all den Jahren noch nicht untergekommen. – Man erkennt sie also noch? Nach der ganzen langen Zeit? Ihr Gesicht? Es

ist alles noch da?

– Nein. Das ist genau der Punkt, an dem es heikel wird. Es ist nämlich so,

dass der Mörder Ihrer Mutter den Kopf abgetrennt hat. Und so wie es – Verzeihen Sie, aber ich muss hier raus.

aussieht, hat er ihn dann auch mitgenommen, wir konnten ihn bisher

nirgendwo finden.

– Was erzählen Sie mir denn da?

– Ich erzähle Ihnen, dass das hier der Tatort eines Gewaltverbrechens ist.

Und dass es klüger wäre, wenn Sie nicht darauf bestehen würden, diese

Wohnung zu betreten.

– Bitte sparen Sie sich das. Ich möchte jetzt endlich da rein. – Sagen Sie nachher nicht, dass ich Sie nicht gewarnt hätte. Kann einen

ordentlich mitnehmen, so etwas. Aber wenn Sie unbedingt wollen, dann

kommen Sie. Die Spurensicherung ist zwar schon beinahe fertig,

trotzdem bitte ich Sie, nichts zu berühren. Gehen Sie ausnahmslos auf der

ausgebreiteten Folie, und fassen Sie die Leiche nicht an. Klar? – Klar.

– Na dann. Hier ist Ihre Mutter.

– Um Gottes willen.

– Wir werden die DNA noch abgleichen, aber aufgrund der Sachlage hier am

Tatort, gehen wir mit sehr großer Wahrscheinlichkeit davon aus, dass es

sich bei der Toten tatsächlich um Zita Laufenberg handelt. – Das ist grausam.

– Ja, das ist es.

– Wer hat sie gefunden?

– Das war wohl ein Zufall. Jemand hat hier eingebrochen und zweifelsohne

auch hier übernachtet. Wir gehen davon aus, dass es ein Obdachloser

war, der es auf Wertsachen abgesehen hatte. Dass er hier eine Tote findet,

damit hat er wohl nicht gerechnet.

– Das kann doch alles nicht wahr sein.

– Sie haben recht, ist etwas bizarr, das alles.

– Wer macht so etwas?

– Das werden wir herausfinden, versprochen. Wir sind zwar

Provinzpolizisten, aber den einen oder anderen Fall haben wir auch schon

gelöst. Sie können also ganz beruhigt sein.

– Wie Sie meinen. Ich muss Ihnen draußen allerdings noch ein paar Fragen

stellen.

– Welche Fragen denn?

– Ich suche einen Mörder, da drängen sich bestimmte Dinge einfach auf. – Sie machen sich doch nicht ernsthaft Hoffnungen, dass Sie den Täter nach

so langer Zeit noch finden werden? Was ich damals mit meinen Mitteln

nicht möglich machen konnte, wird Ihnen heute wohl auch nicht

gelingen.

– Abwarten. Ich kann sehr beharrlich sein. Außerdem habe ich ein gutes

Gefühl bei der Sache. Es gibt zahlreiche Hinweise in der Wohnung, die

uns weiterhelfen. Mit großer Wahrscheinlichkeit wissen wir, wann genau

Ihre Mutter getötet wurde. Wir gehen außerdem davon aus, dass sie mit

ihrem Mörder Sex hatte. Wir suchen also nach ihrem damaligen

Geliebten. Können Sie mir da weiterhelfen?

– Das ist doch absurd. Meine Mutter hatte doch keinen Geliebten. Schon

gar nicht in Tirol. Sie hat das alles gehasst hier. Die Berge, die Menschen.

Zumindest hat sie das mir gegenüber immer behauptet, wenn ich sie mit

in den Skiurlaub nehmen wollte.

– Sie hatten also keine Ahnung, dass sie hier in Tirol war? – Nie im Leben wäre ich darauf gekommen. Es ist völlig verrückt, dass sie

die ganze Zeit in dieser Wohnung war.

– So wie es aussieht, ist sie also damals gar nicht entführt worden. Sie hat

hier heimlich jemanden getroffen, ist höchstwahrscheinlich mit dem

Täter in Streit geraten, die Situation ist eskaliert, und er hat ihr den

Schädel eingeschlagen.

– Ihr wurde der Schädel eingeschlagen?

– Ich rate nur. Scheint mir aber irgendwie naheliegend zu sein. Über die

genaue Todesursache können wir aber erst reden, wenn die Leiche Ihrer

Mutter obduziert wurde.

– Ich glaube, ich muss mich übergeben.

– Tun Sie sich keinen Zwang an. Ich habe schon viele kotzen sehen. Man

sollte sich dafür wirklich nicht schämen.

– Haben Sie ein Taschentuch für mich?

– Leider nein. Aber noch eine Frage habe ich. Warum waren Sie eigentlich

so schnell hier? Sie leben doch in Leipzig, oder? Ist ein interessanter

Zufall, dass Sie genau dann hier unterwegs sind, wenn die Leiche Ihrer

Mutter gefunden wird.

– Wir sind im Skiurlaub hier.

– Wir?

– Meine Frau und ich.

– Privat oder im Hotel?

– Hotel.

– Warum gehen Sie in ein Hotel, wenn Sie doch eine schicke Wohnung hier

in der Stadt haben?

– Diese Wohnung war nie dafür vorgesehen, bewohnt zu werden. – Sondern?

– Investment.

– Ich verstehe. Trotzdem frage ich mich, wie es sein kann, dass das

Apartment in all den Jahren nie betreten wurde. Warum hat niemand die

Leiche entdeckt? Und wie kann es sein, dass Sie nicht wussten, dass Ihre

Mutter die Wohnung nutzt?

– Wir haben viele Wohnungen.

– Das heißt?

– Vielleicht achthundert insgesamt. Vierzig allein in Tirol. Ich liebe dieses

Land, wir haben sehr früh hier investiert. Hat sich rentiert. – Sie lassen die Immobilien leer stehen?

– Ja. Ist einfacher für uns, als zu vermieten. Und der Wertsteigerung tut das

keinen Abbruch. Wir kaufen die Wohnungen und verkaufen sie

irgendwann weiter.

– Ihre Mutter hat die Firma aufgebaut, richtig? – Meine Mutter war eine sehr tüchtige Frau.

– Sie haben nach ihrem Verschwinden die Firma übernommen, korrekt? – Ja.

– Verzeihen Sie, dass ich es so direkt anspreche. Aber es schaut so aus, als

hätte sich das Ganze für Sie trotz all der Tragik rentiert? – Ich weiß, worauf Sie hinauswollen. Und ich bin Ihnen auch gar nicht

böse, dass Sie mir das einfach so ins Gesicht sagen. Ich würde an Ihrer

Stelle wahrscheinlich genau dasselbe denken. Aber um es Ihnen gleich in

aller Offenheit zu sagen, ich habe mit alldem hier nichts zu tun. Ich

bringe keine Menschen um. Und ich schneide auch keine Köpfe ab. – Sie hätten aber ein sehr schönes Motiv.

– Stimmt. Aber ich war das nicht. Ich habe meine Mutter geliebt. – Ich soll Ihnen das einfach so glauben?

– Ja.

– Fällt mir schwer.

– Früher oder später werden Sie herausfinden, dass ich die Wahrheit sage.

Es ist mir genauso wichtig wie Ihnen, dass der wahre Täter gefunden

wird. Wenn ich Ihnen also irgendwie weiterhelfen kann, dann sagen Sie

es bitte. Derjenige, der ihr das angetan hat, soll dafür bezahlen. – Das wird er.

– Wenn Sie für den Moment keine weiteren Fragen an mich haben, würde

ich jetzt gerne gehen. Das alles nimmt mich sehr mit. – Ich möchte Sie bitten, in Innsbruck zu bleiben. – Selbstverständlich. Seien Sie versichert. Ich werde bleiben, solange es

nötig ist.

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