Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Aichner, Bernhard · Kapitel 20 von 52

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Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Neunzehn

 

Anna fotografierte ihn auf einer Wiese oberhalb des Hotels. Blick auf die Berge, im Hintergrund der Familienbetrieb. Sie hatte zu Svenja gesagt, dass sie noch in Ruhe ein paar Aufnahmen machen wolle und sie gebeten, im Auto auf sie zu warten.

Anna musste unbedingt allein mit Freund reden. Es wurde Zeit, die Schrauben anzuziehen. Sie wollte wissen, wie er reagierte. Ob er nicht doch etwas zu verbergen hatte. Deshalb nahm sie ihr Handy aus der Tasche, öffnete das Foto und zeigte es ihm.

Sie konfrontierte ihn mit der Vergangenheit.

Das hier hat nichts mit der Zeitung zu tun.

Darüber wird niemand schreiben.

Aber ich will die Wahrheit hören.

Freund schwieg.

Starrte auf das Display.

Und versuchte erst gar nicht, es zu leugnen. Er nickte nur. Es war völlig klar, dass er das Foto schon einmal gesehen hatte. Dass er wusste, wer dieses Kind auf dem Foto war. Wo haben Sie das her , fragte er.

Aus der Geldtasche der Toten, antwortete Anna. Sie sah ihm dabei zu, wie er seine Optionen durchging. Anna spürte, dass er mit sich haderte, dass er sich nicht sicher war, ob er es ihr erzählen sollte. Sie wartete. Zwanzig Sekunden. Dann brach alles aus ihm heraus.

Sie werden mir das wahrscheinlich nicht glauben. Aber es war so. Sie hat mir das angeboten.

Zita wollte mir ein Kind schenken.

Das Kind auf dem Foto.

Er atmete schwer. Tat sich sichtlich schwer, darüber zu reden. Er sagte, dass Zita Laufenberg alles dafür getan hätte, damit er bei ihr blieb. Sie hätte ihn angefleht und irgendwann das mit dem Kind gesagt. Dass er es haben könne, wenn er wolle.

Anna ließ ihn einfach reden.

Freund sagte, dass er damals geglaubt habe, seine Geliebte würde sich über ihn lustig machen, dass sie vielleicht traurig darüber war, dass sie selbst bereits zu alt war, um schwanger zu werden. Er führte es auf den Wein zurück, den sie damals getrunken hatten, Zita redete Unsinn. Ich habe ihr nicht geglaubt, sagte er. Er sei zunächst davon ausgegangen, dass es das Kind ihres Sohnes war. Doch Zita belehrte ihn eines Besseren. Sie sagte ihm, dass sie keine Enkel habe, dass ihr Sohn keine Kinder mehr bekommen werde. Sie bestand darauf, dass es ihr gemeinsames Baby sein könnte. Sie bot ihm an, Adoptionsunterlagen zu besorgen. Versprach ihm, alles für ihn zu arrangieren.

Das, was er sich so sehr wünschte, wollte Zita für ihn wahr werden lassen. Widerwillig erinnerte er sich daran.

Freund schüttelte angewidert den Kopf.

Über das, was Zita Laufenberg gesagt hatte.

Er zitierte die Frau, die damals dabei war, den Verstand zu verlieren. Das Baby ist wie für uns gemacht.

Davon hast du doch immer geträumt.

Ich kann das für uns organisieren, Konstantin. Dann schwieg er.

Nach all den Jahren schien es ihn noch immer zu schockieren. Anna sah es in seinem Gesicht, hörte es in seiner Stimme, am liebsten hätte er das Gespräch abgebrochen und für immer geschwiegen. Doch sie ermutigte ihn, weiterzureden.

Er rechtfertigte sich.

Ich habe ihr gesagt, dass sie damit aufhören soll.

Dass ich nichts davon wissen will.

Ich drohte ihr, zur Polizei zu gehen.

Konstantin Freund hasste es, darüber zu reden. Anna spürte, wie sehr es ihn quälte. Wahrscheinlich war sie die Erste, der er erzählte, was er all die Jahre für sich behalten hatte. Das Wissen um dieses Kind. Die Möglichkeit, dass Zita in ein Verbrechen verwickelt gewesen war. Kindesentführung, Kinderhandel. Es lag auf der Hand, und doch schien er seine Augen immer noch davor verschließen zu wollen. Er verdrängte es, schob es von sich weg.

Die Tatsache, dass er zu allem geschwiegen hatte. Sie hat damals bestimmt nur Spaß gemacht , sagte er. Hat sie nicht, sagte Anna.

Dieses Kind wurde entführt.

Es ist bis heute nicht wieder aufgetaucht.

Anna verriet ihm keine Details, aber sie machte ihm klar, dass er dem Baby auf dem Foto hätte helfen können. Dass er mitverantwortlich dafür war, dass es bis heute verschwunden war.

Anna sprach aus, wovor sich Freund wahrscheinlich all die Jahre gefürchtet hatte. Sein Schweigen von damals holte ihn jetzt ein. Es tut mir leid, sagte er.

Dann schwieg er.

Biss sich auf die Lippen.

Und Anna ging. Ließ ihn mit seinen Schuldgefühlen zurück. Lief zurück zum Parkplatz und stieg zu Svenja in den Wagen. Sie bat sie, sie so schnell wie möglich zurück nach Innsbruck zu bringen. Anna musste in Ruhe ihren Bruder anrufen, ihm sagen, was sie herausgefunden hatte. Die Neuigkeiten mit ihm teilen.

Sie wussten jetzt, dass Zita Laufenberg mit der Entführung in Verbindung stand. Zita konnte zwar nicht die Frau gewesen sein, der Mona am Bahnhof das Baby in die Hand gedrückt hatte, aber sie hatte davon gewusst. Mona hatte von einer Frau in ihrem Alter gesprochen. Zita war damals aber schon Ende vierzig gewesen. Sie musste die junge Frau also gekannt haben. Sie vielleicht dafür bezahlt haben, ihr ein Kind zu besorgen. Völlig verrückt hörte sich das an.

Trotzdem glaubte sie es.

Freund hatte keinen Grund zu lügen. Er hätte gar nicht darüber sprechen müssen, hätte sagen können, dass er nicht wusste, wer das auf dem Foto war. Aber es war förmlich aus ihm herausgebrochen, so etwas hätte er niemals einfach so erfunden. Eine derartige Lüge hätte keine Vorteile für ihn gebracht.

Zita Laufenberg hatte ihren Geliebten nicht verlieren wollen. Sie konnte ihn nicht kaufen, also versprach sie ihm eine Familie. Absurder ging es nicht.

Aber es machte Sinn.

Annas Gedanken rasten. Während Svenja über die Autobahn donnerte, reimte sie sich alles zusammen. Irgendwer musste Zita geholfen haben. Eine Frau, die damals Anfang zwanzig war.

Margit Laufenberg.

Anna musste so schnell wie möglich mit ihr reden. David hatte ihr alle Türen geöffnet.

Anna musste sie nur noch aufstoßen.

Nachsehen, was dahinter verborgen lag.

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