Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Aichner, Bernhard · Kapitel 34 von 52

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Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Dreiunddreissig

 

Innerhalb von Sekunden veränderte sich alles. Allein vom Zusehen bekam Svenja Gänsehaut. Hätte sie live darüber berichten müssen, so wie es die Online-Kollegen vom Sport bei Großevents taten, ihr hätten die Worte gefehlt.

Rebecca holte die Linsen aus ihren Augen.

Bronski wurde blass.

Jemand warf eine Münze in die Jukebox.

Svenja hatte von der Bar aus zugesehen, wie sich die beiden unterhielten. An Rebeccas Körperhaltung las sie ab, wie sich das Gespräch entwickelte. Anfangs wehrte sich Rebecca, sie versuchte es zu beenden, aber langsam begann sie sich zu öffnen. Ihre Mimik und ihre Gesten verrieten, dass sie neugierig war, dass sie wissen wollte, warum Bronski in der Kneipe aufgetaucht war. Sie näherten sich an.

Vorsichtig. Behutsam.

Bronski hatte Sie gebeten, allein mit Rebecca reden zu dürfen. Er wollte sie nicht verschrecken, ihr keine Angst machen. Sie sollte sich vorerst nur um den Wirt kümmern, ihm irgendeine Geschichte erzählen, damit er Rebecca kurz in Ruhe mit Bronski reden ließ. Svenja hielt sich zurück. Die Geschichte, dass Rebecca Bronskis Tochter sein könnte, glaubte sie nicht.

Doch sie irrte sich.

Bronskis Mund stand weit offen.

Genauso wie Rebeccas Augen geweitet waren. Zwanzig Sekunden lang.

Alles war irgendwie in der Schwebe.

Svenja beobachtete. Staunte.

Verfolgte diesen unglaublichen Moment.

Und sah in den Augenwinkeln, wie dieser Mann den Raum betrat. Wie er sich gelassen Richtung Bar bewegte. Sich umschaute. Und Bronski bemerkte, der kurz seinen Blick von Rebecca abgewandt hatte. Die beiden Männer schauten sich an.

Kurt, schrie Bronski.

Panisch drehte der Fremde sich um. Wollte die Kneipe so schnell wie möglich verlassen. Er rammte die Kellnerin. Das Tablett fiel zu Boden. Kurt taumelte. Und lief los.

Bronskis Kollege von früher.

Der Obdachlose, der eingebrochen war.

Bronski hatte Svenja von ihm erzählt.

Von Kurts Anruf damals. Von dem Tipp, den Bronski bekommen hatte. Svenja begriff sofort, warum Bronski noch blasser wurde, als er es ohnehin schon war. Ihm waren zwei Gespenster erschienen. Innerhalb von dreißig Sekunden waren zwei unmögliche Dinge passiert. Rebecca hatte sich in Judith verwandelt. Und der Mann war aufgetaucht, der ihn nach Tirol geholt und ihn in die Wohnung der Toten gelockt hatte. Zu viel Information war es für einen Moment.

Bronski brüllte.

Bleib stehen.

Warte.

Kurt.

Alkoholkrank. Spielsüchtig. Verwahrlost.

So hatte Bronski ihn beschrieben. Ein Mann am Ende. Davon konnte nun keine Rede mehr sein. Kurt trug einen karierten Anzug. Eine protzige Goldkette hing um seinen Hals, er wäre sofort als Zuhälter durchgegangen, der kurz bevor er seine Mädchen abkassierte, im Silbersack noch auf ein Astra vorbeischaute. Da war keine Spur von Obdachlosigkeit. Von Verwahrlosung. Wenn er getrunken hatte, sah man es ihm nicht an. Er wankte nicht, im Gegenteil, er rannte.

Bronski war jetzt aufgesprungen.

Rebecca Laufenberg schaute ihm nach.

Mit einem blauen und mit einem grünen Auge. Wo wollen Sie hin, rief sie.

Es konnte kein Zufall sein, dass dieser Penner in Hamburg aufgetaucht war. Genau in dieser Kneipe. Hunderte Kilometer von dort, wo er eigentlich sein sollte. Irgendetwas war da faul , hatte Anna gesagt. Und sie hatte recht gehabt. Wie immer.

Das alles stank zum Himmel.

Bronski stürzte hinaus auf die Straße. Svenja folgte ihm. Außer Atem liefen sie diesem verlogenen Drecksack hinterher. Rannten durch frequentierte Gassen und verlassene Hinterhöfe, sie waren ganz dicht an ihm dran. Hin und her, quer durch St. Pauli ging es. Immer wieder wollte Bronski ihn mit Worten zwingen, stehen zu bleiben. Kurz sah es auch tatsächlich so aus, als würden sie ihn einholen, doch plötzlich war Kurt verschwunden. Sie drehten sich in alle Richtungen, liefen die Straßen auf und ab. Aber sie fanden ihn nicht.

Bronski schüttelte den Kopf.

Svenja fluchte.

Sie schaute zu, wie Bronski frustriert und wütend auf eine Hauswand einschlug. Er schien zu begreifen, was das alles bedeutete. Svenja zählte eins und eins zusammen, während Bronski sich abreagierte. Alles war geplant gewesen.

Dass er Bronski angerufen und ihn in diese Wohnung gelockt hatte. Wahrscheinlich hatte Kurt auch das Babyfoto dort deponiert. Er hatte ihn und Anna auf Judiths Spur gesetzt. Kurt war ein Arschloch.

Ein Arschloch, das von jemandem beauftragt worden war. Albert Laufenberg.

Aber warum?

Bronski schlug sich ins Gesicht.

Svenja musste ihn davon abhalten, sich wehzutun. Sie versuchte ihn zu beruhigen, doch er war nicht zu stoppen. Während sie zurück zum Silbersack gingen, erklärte er ihr, wie naiv er gewesen war. Wie sehr er sich hasste dafür, dass er Laufenberg vertraut hatte. Dass er ihn sogar zu sich nach Hause eingeladen hatte. Mit ihm getrunken und ihm seine Arbeiten gezeigt hatte.

Ich bin ein Idiot , sagte er.

Bist du nicht, erwiderte Svenja.

Sie stoppte ihn. Brachte ihn dazu, seine Wut nicht mehr gegen sich selbst zu richten. Svenja legte ihm ihren Zeigefinger auf den Mund. Nahm ihn in den Arm. Flüsterte.

Alles ist gut, David.

Deine Tochter wartet auf dich.

Svenja erinnerte ihn daran, dass die Welt sich gedreht hatte. Dass im Silbersack eine junge Frau auf ihn wartete, die mit großer Wahrscheinlichkeit seine Tochter war. Sie machte ihm klar, dass das Wunder, auf das er so lange gewartet hatte, passiert war. Rebecca.

Judith.

Svenja konnte sich nicht im entferntesten vorstellen, was das für Bronski bedeuten mochte. Wahrscheinlich hatte er es noch gar nicht richtig begriffen. Er war einfach davongelaufen, hatte die Bar verlassen, den Moment des Wiedersehens unterbrochen, ihn aufgeschoben. Bronski zögerte.

Ich weiß nicht, ob ich das kann, sagte er. Ich habe Angst, Svenja.

Was soll ich ihr sagen?

Wir sind uns doch völlig fremd.

Was ist, wenn wir uns nicht verstehen.

Svenja küsste ihn auf die Stirn.

Du schaffst das schon, sagte sie.

Svenja nahm seine Hand und zog ihn zurück zur Kneipe. Sie wollte, dass er aufhörte, nachzudenken, dass er das Geschenk einfach annahm, das ihm das Schicksal an diesem Abend machte. Doch der Tisch, an dem sie gesessen hatten, war leer. Von einem Moment zum anderen war alles wieder so, wie es einundzwanzig Jahre lang gewesen war.

Judith war nicht mehr da.

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