Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Aichner, Bernhard · Kapitel 16 von 52

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Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Fünfzehn

 

Franz Weichenberger bemühte sich um Schadensbegrenzung. Bei ihm liefen die Fäden zusammen, er war der Ansprechpartner für alle Kritiker und Besorgten, er sollte das Schiff auf Kurs halten, bis der Sturm vorüber war. Weichenberger hatte sich freiwillig gemeldet, seine Gelassenheit ließ ihn die kleine Krise, in die seine Abteilung geraten war, mit Ruhe bewältigen.

Alles halb so schlimm, sagte er zu seinem Vorgesetzten. Er versprach, schon bald Ergebnisse in dem Fall zu liefern. Außerdem wollte er so schnell wie möglich herausfinden, wer für das Desaster verantwortlich war. Er wollte wissen, wie diese Fotos in die Zeitung gekommen waren. Es galt nicht nur einen Mord zu klären, sondern auch einen Einbruch. Eine Regelverletzung.

Die Bilder des Tatorts hätten niemals gedruckt werden dürfen. Weichenberger hat so etwas noch nicht erlebt, doch im Gegensatz zu seinen Kollegen war er ruhig geblieben. Die Fotos der Leiche hatten großes Aufsehen erregt. Die Mumifizierte, der Frühstückstisch, der Staub auf den Dingen, abgedruckt in einer der größten Zeitungen Deutschlands. Man konnte alles sehen, was eigentlich unter Verschluss hätte bleiben sollen. Es war ein Desaster.

Die Millionärin ohne Kopf zog alle Medien an. Alle Gaffer dieser Welt. Alle sprangen auf die Geschichte auf, belagerten das Haus, in dem es passiert war, stürmten die Pressekonferenzen, bei denen Weichenberger Rede und Antwort stehen musste. Sie wollten wissen, was wirklich passiert war, ob alles stimmte, was Svenja Spielmann geschrieben hatte. Wollten hören, woher die Fotos gekommen waren, wie es sein konnte, dass die Polizei zugelassen hatte, dass sie veröffentlicht worden waren. Ein Skandal war es. Bereitwillig ließ er alles über sich ergehen. Seine Vorgesetzten waren ihm dankbar, sie schauten zu, wie ihr bestes Pferd im Stall versuchte die Wogen zu glätten. Gelassen und mit einem Lächeln. Franz Weichenberger.

Geschieden, verschuldet, kompliziertes Privatleben. Im Gegensatz zu seinem Job hatte er dort auf allen Linien versagt. Beruflich aber glänzte er. Weichenberger war beharrlich, wenn er sich an einer Sache verbiss, ließ er nicht mehr los, bis er hatte, was er wollte. Einen Täter, eine Täterin. Auch in diesem neuen Fall würde er nicht scheitern, das wusste er. Weichenberger spürte, dass dieser Mord etwas Besonderes war. Brutal und bizarr.

Alles war ganz nach seinem Geschmack.

Schon seit einiger Zeit hatte es keinen Mordalarm mehr in Tirol gegeben, Weichenbergers Alltag war in den letzten Wochen unspektakulär verlaufen, er hatte seine Zeit im Büro abgesessen, alte Akten gewälzt. Meist waren es Beziehungstaten, um die er sich kümmern musste, häufig gestand der Täter, die Ermittlungsarbeit war überschaubar. In diesem Fall aber war alles anders. Schwieriger, geheimnisvoller, es war ein Rätsel, das er unbedingt lösen wollte. Bereits in dem Moment, in dem er die Wohnung betreten hatte, schossen ihm die ersten Fragen durch den Kopf. Vier Stunden lang studierte er den Tatort, kombinierte, dachte nach. Wo war der Kopf der Toten?

Was hatte der Sohn damit zu tun?

Mit wem hatte Zita Laufenberg damals Kontakt? Wer außer ihrem Sohn hatte noch ein Motiv, sie zu töten? Es waren Fragen, die sich aufdrängten. Ihn anspornten. Weichenberger nahm die Herausforderung an. Es rumorte in ihm. Es prickelte. Er genoss es. Jeden Augenblick, jedes Verhör, der Fall fesselte ihn. Von Anfang an.

Grauenhaft schön war es.

Genau aus diesem Grund hatte er damals zur Kripo gewollt. Das waren die Momente, für die er seine Beziehung geopfert hatte. Spannung. Verbrechen. Gut gegen Böse.

Die Arbeit war ihm immer über alles gegangen, zu jeder Tages- und Nachtzeit war Weichenberger abrufbereit, er liebte den Nervenkitzel, die Abgründe der Menschen, das Dunkle, dem er näher kam als irgendjemand sonst. Keine erfundenen Geschichten waren es, die er in einem Buch las, das alles passierte wirklich. Die Frau, die vor ihm auf dem Aluminiumtisch lag, war wirklich ermordet worden. Jemand hatte ihr den Kopf abgetrennt. Unfassbar, aber hochinteressant.

So oft hatte Weichenberger schon zugesehen, wie die Gerichtsmediziner Leichen öffneten, Organe entnahmen und sie untersuchten. Herz, Lungen, Leber, Nieren, Gehirn, Anatomie-Lehrstunden waren es, die Aufschluss über die geschehenen Taten gaben. Geheimnisse wurden dabei gelüftet. Im Fall von Zita Laufenberg sollte es auch so sein. Acht Menschen standen nun um den Tisch herum. Normalerweise wurde die Arbeit von einem Gerichtsmediziner und einem Obduktionsassistenten erledigt, in diesem speziellen Fall aber war das halbe Institut zusammengekommen. So eine Leiche gab es selten, den meisten waren solche Fälle nur aus den Lehrbüchern bekannt. Sie hatten zwar schon mumifizierte Menschen obduziert, die unter speziellen klimatischen Bedingungen ein paar Wochen lang tot in ihren Wohnungen oder auf Dachböden gelegen hatten, aber in dieser Ausprägung hatten sie so etwas alle noch nicht gesehen. Eine perfekt erhaltene Mumie war es, die ihnen Weichenberger da auf den Tisch gelegt hatte. Alle starrten gespannt auf die Leiche, verfolgten jeden Arbeitsschritt mit größter Aufmerksamkeit. Man ließ sich Zeit. Sieben Stunden lang dauerte es. Am Ende bekam Weichenberger erste Antworten. Doch es war unbefriedigend, was er hörte.

Der Gerichtsmediziner diktierte.

Die Leiche zeigt ein Bild von ausgeprägter Mumifizierung mit stark reduziertem Körpergewicht und einer weitgehend homogenen braunen Verfärbung der Haut sowie deutlichem Hervortreten der knöchernen Brustkorbstruktur.

Die noch vorhandenen Weichteile sind auf eine dünne Lederplatte reduziert und entziehen sich einer fundierten Beurteilung. Der Schädel und die ersten vier Halswirbel fehlen. An der Abtrennungsstelle des Kopfes vom Rumpf auf Höhe des fünften Halswirbels sind vertrocknete, braun-schwarz verfärbte, ledrige Weichteilereste mit unregelmäßigen, teils zackig geformten Wundrändern erkennbar, am fünften Halswirbelkörper und am Wirbelbogen dezente Schartenspuren. An der Leiche ergeben sich keine Hinweise auf sonstige äußere Verletzungszeichen wie Schusswunden, Stich- oder Schnittverletzungen. Die Todesursache kann aufgrund der starken Leichenveränderungen und dem gegebenen Verwesungszustand der Leiche morphologisch nicht mehr geklärt werden.

Weichenberger war enttäuscht.

Er bohrte nach. Stellte Fragen.

Man erklärte es ihm. Der fehlende Kopf und die viele Zeit, die verstrichen war, machten es unmöglich, etwas Genaueres zu sagen. Es waren nur Vermutungen, die man anstellte.

Durch toxikologische Untersuchungen wollte man klären, ob es Hinweise auf Betäubungsmittel oder andere Substanzen gab. Da es neben den vertrockneten Wundrändern, die bei der Abtrennung des Kopfes entstanden waren, keine weiteren Hinweise auf Verletzungen gab, konnten Betäubungsmittel im Spiel gewesen sein, möglich war auch ein Tod durch Ersticken, Gewalt gegen den Hals oder durch eine Kopfverletzung. Die unregelmäßig geformten Weichteilreste an der Abtrennungsstelle und die Schartenspuren am Knochen ließen darauf schließen, dass die Dekapitation mit einer Säge durchgeführt worden war. Ob zu Lebzeiten oder postmortal war nicht mehr zu klären.

Dekapitation. Seltsames Wort , dachte Weichenberger. Ein stiller Mord musste es gewesen sein.

Dann eine kaltblütige Gräueltat.

Verbunden mit Lustgefühlen oder tiefem Hass.

Jemand wollte unbedingt diesen Schädel.

Jemand hatte ihn abgetrennt und mitgenommen. Und diesen Jemand musste Weichenberger finden. Obwohl er sich mehr erwartet hatte, verließ er zufrieden die Gerichtsmedizin. Es konnte losgehen, er war hochmotiviert und würde diesen Fall um keinen Preis abgeben. Auch wenn die deutschen Kollegen in sein Revier drängen würden, hatte er beschlossen, weiterzumachen und sich nicht abfertigen zu lassen.

Das war sein Mord.

Seine Ermittlung.

Er würde den Mörder jagen.

Ihn finden und einsperren.

Daran war nicht zu rütteln.

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