Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Aichner, Bernhard · Kapitel 14 von 52

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Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Dreizehn

 

Ich wollte so tun, als hätte ich alles im Griff.

Ich hatte mich gewehrt, obwohl ich kaum noch die Augen offen halten konnte. Ich versuchte zu verbergen, dass ich verzweifelt war. Alles in mir war in Aufruhr, kaputt, zerrissen, angespannt. Was passiert war, hatte mich völlig aus der Bahn geworfen. Trotzdem hatte ich funktioniert. Obwohl alles in mir danach geschrien hatte, loszustürmen und Judith zu suchen, schoss ich Fotos, jedes Detail in der Wohnung hielt ich fest, jeden Zentimeter Haut fotografierte ich. Bilder von der Leiche. Bilder von der Wohnung. Von den Beamten. Ich dokumentierte ein Verbrechen. Reine Routine. Und doch schlug mein Herz so laut wie schon seit Jahren nicht mehr.

Es vibrierte.

Machte mir Hoffnung.

Das Polaroid, das ich gefunden hatte, elektrisierte mich. Anstatt zu schlafen starrte ich es die ganze Nacht lang an. Während ich auf Anna gewartet hatte, war alles in mir wieder in Bewegung geraten. Alles, was festgefroren war, was verklebt und ineinander verkeilt war, es rührte sich wieder. Meine Hilflosigkeit, meine Ängste, meine Wut, alles prasselte plötzlich auf mich ein. Nach so vielen Jahren spürte ich endlich wieder etwas, ich hatte nichts mehr unter Kontrolle.

Ich taumelte.

Dann brach ich zusammen.

Die Müdigkeit schlug mich zu Boden. Ich hörte auf mich zu wehren, tat, was Anna mir sagte. Ich fuhr in mein Hotel und sperrte mich auf meinem Zimmer ein. Legte mich hin und schloss die Augen. Ich versuchte es. Wollte schlafen, um endlich wieder klar zu denken, doch es ging nicht. Ich konnte es nicht. All die Gedanken einfach abschalten, das Bild von Judith für kurze Zeit einfach ausblenden, es funktionierte nicht.

Deshalb stand ich auf und öffnete die Minibar. Ich nahm all die kleinen Fläschchen heraus.

Setzte mich damit auf das Bett.

Ich trank wieder. Wollte mich betäuben, wegrennen, verschwinden. Ich wollte an nichts mehr denken, nichts entscheiden müssen, ich wollte einfach nur dasitzen und weiter dieses Foto anstarren. Judith.

So lange war es her, so unmöglich war es geworden, in diese Zeit zurückzufinden, in der ich glücklich war. Vor vielen tausend Tagen war alles abgestorben in mir. Und ich schämte mich dafür. Dass ich tief in meinem Inneren aufgehört hatte, an ein gutes Ende zu glauben. Ich hatte nicht mehr nach ihr gesucht. Insgeheim hatte ich sie aufgegeben. Nachdem Mona mich verlassen hatte, blieb nichts mehr von diesem Glück übrig, an dem ich mich so lange festgehalten hatte. Da war nur noch Selbstmitleid, ein normales Leben war unmöglich geworden. Eine neue Liebe. Weil die alte zerbrochen war.

Hinuntergefallen und auseinandergeschellt.

David und Mona.

Es hatte einfach aufgehört.

Obwohl wir all die Jahre gekämpft hatten. Unsere Liebe am Leben halten wollten. Wir waren gescheitert, obwohl wir gemeinsam nach Berlin gingen, um neu anzufangen. Ein Neustart war es, der alles andere hatte vergessen lassen sollen. Wir hatten es uns so sehr gewünscht, ich hatte darauf vertraut, dass Mona stark genug sein würde. Aber ein zweites Mal lag ich falsch, wieder bekam ich nichts davon mit. Was in ihr vorging, wie sehr sie immer noch alles belastete. Ich dachte, sie wäre über den Berg, zwei Jahre zuvor hatte sie ihre Medikamente abgesetzt.

Keine Antidepressiva mehr.

Es geht mir gut, hatte sie gesagt.

Und ich wollte ihr glauben.

Bis zum Schluss habe ich unserer Liebe vertraut. Keine Sekunde lang hatte ich damit gerechnet, dass etwas passieren könnte. Dass sie mir von einem Moment auf den anderen mein ohnehin schon beschädigtes Herz aus dem Leib reißen könnte. Mona hat es einfach getan. Still und leise hat sie meinen Brustkorb geöffnet, hineingegriffen, es herausgenommen und auf die Straße geworfen.

Mit ihr gemeinsam ist es unten auf dem Asphalt angekommen. Aufgeschlagen.

Auseinandergeplatzt.

An einem Dienstagabend ist es passiert.

Die Nachricht kam über den Polizeifunk.

Unfall in der Torstraße. Wahrscheinlich Selbstmord. Keine Namen wurden genannt, es hieß nur, dass Straßen gesperrt wurden, und dass zahlreiche Einsatzkräfte unterwegs waren. Wenn ich nicht frei gehabt hätte, wäre auch ich losgefahren. Wenn ich nicht auf Mona gewartet hätte. Wir wollten gemeinsam kochen, den Abend miteinander verbringen. Doch sie kam nicht.

Mona kam nie wieder.

Nur Bilder blieben.

Für immer in meinem Kopf.

Unauslöschlich.

Ein Kollege von einer anderen Zeitung zeigte mir die Fotos. Es waren Bilder, die niemals veröffentlicht worden wären, aber er hatte sie gemacht. Genauso wie ich sie gemacht hätte. Weil es mein Job war, weil man sie vielleicht doch noch irgendwann hätte verkaufen können. Eine Frau um die vierzig, mitten auf der Kreuzung. Sie war gesprungen. Musste sofort tot gewesen sein. Aber als wäre das nicht genug gewesen, war sie noch von einem LKW überrollt worden. Mona im freien Fall.

Zerschellt und zerquetscht.

Ich sah es immer noch vor mir.

So viele Jahre später.

In diesem Hotel in Innsbruck.

Ich öffnete ein Fläschchen nach dem anderen.

Erinnerte mich daran, wie sie mich anriefen damals. Polizisten, die am Unglücksort gewesen waren. Ein Beamter, den ich kannte. Er war erschüttert, wollte es mir schonend beibringen, ich konnte es in seiner Stimme hören, er suchte nach Worten. Ich spürte das Unheil. Es geht um deine Frau, Bronski.

Es ist etwas passiert.

Ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll.

Schaut nicht gut aus.

Sie ist tot, Bronski.

Mona hatte mich allein gelassen.

Sie hatte es nicht mehr ertragen. Immer wieder hatte sie mit dem Gedanken gespielt. Der Wunsch zu verschwinden begleitete uns beide. Doch ich blieb. Weil dieser unendlich kleine Funken Hoffnung, Judith irgendwann doch noch einmal wiederzusehen, mich am Leben hielt. Dieser Funke, den Mona an diesem Tag ausgelöscht hatte. Es war unerträglich. Zu begreifen, dass sie nie mehr neben mir aufwachen würde. Dass der Polizist, der mich angerufen hatte, einen Irrtum absolut ausschließen konnte. Ich bin mir absolut sicher, dass es Mona ist.

Sie ist vom Dach eines Hochhauses gesprungen, Bronski. Der LKW-Fahrer konnte nicht mehr bremsen. Du solltest dir das nicht anschauen, Bronski.

Ich zögerte.

Obwohl ich schon so viel gesehen hatte in meinem Leben. So viel Blut. So viele Tote. Trotzdem wusste ich nicht, ob ich es ertragen konnte. Ob ich zum Unfallort fahren sollte oder nicht. Ich hatte panische Angst davor, sie zu sehen, während der ganzen Fahrt zum Unfallort hoffte ich noch, dass sich vielleicht doch noch alles aufklären würde. Ich träumte, betete, raste durch Berlin.

Und dann sah ich sie.

Alles verlöschte.

Tat so furchtbar weh.

Sie zu berühren.

Neben ihr zu knien und ihre Hand zu nehmen. Zu weinen. Von den Beamten weggezerrt zu werden. Zuzusehen, wie man sie wegbrachte.

Dazustehen und zurückzubleiben.

Leer war plötzlich alles.

Und still.

Ich ertrug es nicht. Schob es von mir weg. Ein paar Minuten lang wollte ich noch so tun, als wäre es nicht passiert. Ich schaute mich um, redete mit dem Polizisten, der mich angerufen hatte, er zeigte mir, von wo sie gesprungen war, deutete mit gesenktem Kopf nach oben.

Ein angesagter Privatclub war es.

Ich fuhr mit dem Lift nach oben.

Während man Mona zur Gerichtsmedizin brachte, lenkte ich mich ab. Völlig sinnlos war es, was ich tat, aber ich wollte ihr noch einmal nahe sein, verstehen, warum sie es getan hat. Fühlen, was sie gefühlt hatte, bevor sie gesprungen war. Ich war hilflos. Unter Schock. Wie ferngesteuert bewegte ich mich durch die noblen Räumlichkeiten. Ich fragte mich, wie sie es geschafft hatte, dort hineinzukommen, nur die oberen Zehntausend hatten dort Zutritt. Nur für Mitglieder, hieß es. Trotzdem war man freundlich zu mir.

Man hatte mitbekommen, was passiert war, dass jemand gesprungen war. Die Mitarbeiter bemühten sich um mich, weil sie verstanden hatten, dass ich der Mann der Toten war. Die Polizei war bereits hier gewesen, hatte die Gäste befragt. Augenzeugen hatten sie springen sehen. Von einer Tragödie sprach man, sie sprachen mir mein Beileid aus, trotzdem wurde weitergetanzt, weitergetrunken. Mona hatte mit diesen Leuten nichts zu tun gehabt, sie war nur mit dem Lift nach oben gefahren, hatte sich einfach ein Gebäude ausgesucht, das hoch genug war.

Man zeigte mir die Dachterrasse.

Da war ein Pool, eine Bar, überall waren Menschen. Laute Musik.

Mona musste über die Brüstung geklettert sein. Keiner hatte es mitbekommen. Der DJ spielte Abba. Und ich begann zu weinen.

Mitten in Berlin.

In der Stadt, die mir fremd geblieben war.

Nur Anna und ihre Familie waren immer ein Lichtblick gewesen. Ihre Kinder. Ronja und Paul. Wie sehr sie sich freuten, wenn ich sie besuchen kam, wenn ich mit ihnen in ihrem Zimmer am Boden saß und spielte. Wie gut es tat, zu sehen, dass Liebe auch unbeschwert sein konnte. Dass Glück auch über lange Zeit möglich war. Anna und ihr Mann Robert lebten es mir vor. Sie machten mir Hoffnung. In den Tagen nach Monas Tod hielt sie mich davon ab, mich auch umzubringen. Rührend kümmerte sich Anna um mich, und auch in all den Jahren danach hörte sie nie damit auf, für mich da zu sein. Nur wegen ihr blieb ich am Leben.

Anna war so unendlich positiv.

Wenn es überall dunkel war, sah sie noch Licht, sie spornte mich an, motivierte mich. Als Mona schon längst begraben war, zwang sie mich, damit aufzuhören, mir selbst leidzutun. Ein zweites Leben sollte ich führen, einen Neuanfang wagen, eine andere Frau kennenlernen, vielleicht sogar noch ein Kind mit ihr bekommen. Anna und Robert redeten es mir ein. Auch die Kollegen in der Kneipe, meine Chefredakteurin, sie alle meinten es gut mit mir.

Ich sei zu jung, um allein zu bleiben, sagten sie. Du musst endlich loslassen.

Du bist nicht der einzige Mensch, der jemanden verloren hat. Reiß dich zusammen, Bronski.

Verlieb dich.

Ich versuchte es.

Weil ich wusste, dass sie recht hatten. Doch ich konnte es nicht. Ich wollte niemanden in meiner Nähe haben. Niemand anderen als Mona. Es ging nicht. Nur Mona hätte verstanden, was in mir vorging. Nur mit ihr wollte ich zusammen sein. Ich verbrachte meine Zeit mit einer Toten. Sechs Jahre lang nur die Gedanken an sie. An Judith.

Ich konnte nicht anders, ich war es Mona schuldig. Musste hinsehen.

Immer weiter dieses Foto anstarren.

In diesem Hotelzimmer in Tirol ihre Stimme hören. Hilf mir, Papa.

Du musst mich finden, Papa.

Bitte hör nicht auf, nach mir zu suchen, Papa. Mittlerweile die Stimme einer jungen Frau.

Ich trank.

Bis all diese kleinen Fläschchen mit Schnaps leer waren. Dann leerte ich die zwei Biere, die noch in der Minibar waren. Dann das Fläschchen Weißwein, den Rotwein, dann noch den Sekt. Ich stand nur auf, um auf die Toilette zu gehen.

Langsam begriff ich, was alle anderen längst wussten. Es war eine stille Erkenntnis.

Ich war am Ende.

Schon seit langem.

Eigentlich war ich gar nicht mehr am Leben.

An dem Tag, an dem Judith damals verschwunden war, hatte ich begonnen, mich aufzulösen.

Nichts mehr von mir war übrig.

Nichts mehr Gutes.

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