Dunkelkammer, ein Bronski Krimi
Neunundvierzig
Schlag endlich zu.
Ich habe Monas Stimme gehört.
Tu es einfach, hat sie gesagt.
Mach schon, David.
Schlag ihn tot.
Dann prügelte ich auf ihn ein.
Ich hatte ihre Stimme im Ohr. Und sah, wie sie tot vor mir lag. Monas wunderschönes Gesicht. Das Foto in meinem Wohnzimmer. Ich strich in Gedanken mit meinen Fingern über ihre Wange. Ich konnte ihre Haut riechen. Ihre Haare. Ich sah, wie sie aufwachte neben mir an einem Frühlingstag. Mona war schwanger, sie war glücklich und stolz auf ihren Bauch. Wir freuten uns auf das Leben zu dritt. Wir umarmten uns. Liebten uns. Für immer.
An dieses Gefühl erinnerte ich mich.
Und schlug ihn.
Ich wollte Mona zurück.
Mit jedem Schlag wollte ich ungeschehen machen, was er getan hatte, ich wollte ausradieren, was passiert war. Wie ein Rausch war es, in den ich mich flüchtete. Was ich fühlte, war plötzlich unendlich laut, es deckte alles zu, schaltete die Vernunft aus, legte die Menschlichkeit in mir lahm. Ich wollte ihm wehtun, ihm für immer sein dreckiges Maul stopfen, ich wollte, dass Laufenberg spürte, was ich in all den Jahren gespürt hatte. Schmerz. Ohnmacht. Verzweiflung.
Er sollte bluten und wimmern. Der Mann, der uns das alles angetan hatte, sollte sterben. Ich trat ihn. Annas verzweifelte Versuche, mich davon abzuhalten, mein Leben wegzuwerfen, scheiterten. Du bringst ihn um, schrie sie.
Hör auf damit, David.
Bitte tu das nicht.
Komm zu dir, verdammt noch mal.
Ich hörte sie nicht. Spürte sie nicht. Anna wollte mich von ihm wegziehen, doch ich stieß sie zur Seite. Meine Wut ließ sich nicht mehr einsperren, meine Fäuste bestraften ihn, verletzten ihn, trommelten auf ihn ein. Was ich mein ganzes Leben lang vermieden hatte, passierte plötzlich. Nie war ich in eine Prügelei verwickelt gewesen, noch nie zuvor hatte ich zugeschlagen. Jemandem absichtlich körperliche Schmerzen zuzufügen, war mir bis zu diesem Moment fremd gewesen. Dieses Gefühl kannte ich nicht, dass ich diese unsichtbare Grenze jemals überschreiten würde, war nicht vorgesehen gewesen. Schlag für Schlag verschwand ich im Abgrund. Es wurde dunkel um mich.
Da war nur noch Laufenberg. Seine Haut, die aufplatzte. Seine Rippen, die brachen. Die Ungeheuerlichkeiten, die er mir offenbart hatte, die mich dazu brachten, alles zu vergessen, was mir wichtig war. Ich wollte es nicht, aber ich tat es.
Laufenberg hatte etwas in Gang gesetzt. Es überrollte mich, drängte mich dazu, immer noch einen Schritt weiter zu gehen. Die letzten Zweifel daran, ob es richtig war, was ich tat, verwarf ich. Da war nur noch Hass. Offene Wunden, die klafften.
Erinnerungen. Und Gewalt.
Mona starb vor meinen Augen, während ich Laufenbergs Kopf an den Haaren nach oben zog, um ihn dann mit Wucht auf den Fliesenboden zu schlagen. Ich sah, wie sie auf der Straße lag, wie sie überfahren wurde. Ich sah sie springen, die Angst in ihren Augen, ihre Verzweiflung. Ich las ihre Gedanken und hörte, was sie noch sagen wollte, bevor sie über die Brüstung geklettert war.
Bevor sie aus meinem Leben verschwand.
Ich habe es für unser Mädchen getan.
Du schaffst das auch ohne mich, David.
Du musst sie finden. Sie beschützen.
Vor ihm.
Albert Laufenberg.
Nackt lag er vor mir.
Er wehrte sich nicht mehr. Er hatte beschlossen, das Opfer zu sein und mich zum Täter zu machen. Irrsinnigerweise spielte ich mit. Alles, was er gesagt hatte, trieb mich an. Was er getan hatte. Was er mir mit größtem Vergnügen erzählt hatte. Bis zum Ende manipulierte mich dieser Mann, er behielt nach wie vor die Kontrolle über alles, er zog die Fäden. Laufenberg wusste, dass es Anna irgendwann gelingen würde, mich zu überwältigen und davon abzuhalten, ihn zu töten. Bis auf ein paar Platzwunden und Prellungen hatte er nichts zu befürchten. Ich war es, der eingesperrt werden sollte, nicht er. Ich war es, der der Welt erklärt hatte, dass ich seine Mutter umgebracht hatte. Und ich sollte auch der Entführer seiner Tochter sein. Im besten Fall auch ihr Mörder. David Bronski.
Der Fotograf, der rotsah.
Es galten keine Regeln mehr, an die ich mich hielt. Alle Dämme waren gebrochen. Laufenberg sollte aufhören zu atmen. Nie wieder sollte er etwas sagen, jemandem etwas antun. Weil er geschwiegen hatte, sollte er bezahlen. Er hatte uns nicht verraten, wo Judith war. Anna und mir war irgendwann klar gewesen, dass er es um jeden Preis für sich behalten wollte. Laufenberg schützte seine Welt, er hatte mein Leben zerstört, um seines zu retten. Er war bereit, sich von mir halb totschlagen zu lassen.
Er pokerte. Grinste. Provozierte mich.
Ich prügelte weiter auf ihn ein.
Dachte kurz noch an Svenja.
Daran, dass sie mich verurteilt hätte, wenn sie mich so gesehen hätte. Nie wieder hätte sie ein Wort mit mir gesprochen, nie wieder hätte sie mich berühren wollen, Svenja hätte Angst vor mir bekommen, hätte diese Hände, mit denen ich Albert schlug, nie wieder auf sich spüren wollen. Ich sah vor mir, wie sie angewidert den Kopf schüttelte. Svenja, wie sie mich anflehte, damit aufzuhören.
Während mich Mona weiter antrieb.
Mach weiter, David.
Schlag zu.
Ich nickte nur.
Meine Hände zitterten.
Ich hatte mich von allem verabschiedet.
Was mit mir passieren würde, war mir egal.
Laufenberg sollte leiden.
An dem krepieren, was er verursacht hatte.
Er hatte mir alles genommen.
Ich wollte auch ihm alles nehmen.
Doch dann klingelte das Telefon.
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