Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Aichner, Bernhard · Kapitel 29 von 52

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Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Achtundzwanzig

INGO SCHULTE & ANNA DRAGIC

– Du bist also Anna Dragic?

– Ja.

– Schon viel von dir gehört.

– Was denn zum Beispiel?

– Dass du in Berlin für die Libanesen arbeitest. – Schmeichelt mir, dass sich das bis nach Leipzig herumgesprochen hat. – Mutig von dir, hier aufzutauchen und mir meine Zeit zu stehlen. Mich mit

diesem ganzen Dreck in Verbindung zu bringen. Denkst du wirklich, dass

das klug von dir ist?

– Muss man klug sein, wenn man in dieser Kneipe ein Bier trinken will?

Die Jungs, die hier mit dir abhängen, schauen nicht besonders clever aus,

im Gegenteil, die machen einen sehr debilen Eindruck auf mich. Die

hübschen Lederjacken ändern leider auch nichts daran. – Du kommst hier rein und pisst mich an?

– War nur ein Scherz. Wollte nur das Eis brechen. – Könnte schmerzhaft für dich werden, wenn du so weitermachst. – Das glaube ich nicht. Die Leute, von denen du gesprochen hast, wissen

nämlich, dass ich hier bin. Wie du richtig vermutest, haben die Leipzig

genauso auf dem Schirm wie Berlin. Du wirst also nichts tun, das die

Libanesen wütend macht. Du willst schließlich nicht, dass deine

Geschäfte gestört werden, oder? Einen Konflikt mit der Konkurrenz

kannst du dir nicht leisten. Deshalb schlage ich vor, wir unterhalten uns

ganz einfach gepflegt. Du drohst mir nicht, und ich mache keine dummen

Witze mehr über deine Mitarbeiter. Einverstanden? – Du hast gar keine Angst?

– Nein. Denke nicht, dass das nötig ist. Am Ende geht es doch nur um ein

bisschen Spaß. Ist doch unter euch Jungs so üblich, oder? Dass man sich

gegenseitig anmacht, den harten Kerl rauslässt. Ich habe es einfach mal

versucht. Wollte dich beeindrucken.

– Ist dir gelungen.

– Das freut mich, Ingo. Ich darf doch Ingo sagen, oder? – Du gefällst mir, Dragic. Falls du mal die Schnauze von den Libanesen

voll hast, kannst du dich jederzeit bei mir melden. Ist gar nicht so

einfach, Leute mit Charakter zu finden.

– Gut, dass du so gut mit meiner vorlauten Art umgehen kannst. Ihr Biker

seid ja wirklich tiefenentspannt. Was unser Gespräch auch bestimmt

einfacher machen wird.

– Dann leg mal los. Was willst du denn so dringend von mir wissen? – Es geht um das Baby.

– Um welches Baby denn?

– Zita Laufenberg war damals in eine Kindesentführung verwickelt. – Sagt wer?

– Sage ich.

– Dann weißt du wohl mehr als alle anderen. Kompliment. – Du hattest vor ihrem Tod mehrere Termine mit Frau Laufenberg, worum

ging es denn bei diesen Treffen?

– Wie du sicher weißt, hatten wir vor über fünfundzwanzig Jahren

geschäftlich miteinander zu tun. War sehr lukrativ, diese Zeit. Deshalb

wollte Zita an die damaligen Erfolge anschließen und unsere

Geschäftsbeziehung zu meiner Freude wiederbeleben. Wir haben über ein

paar gemeinsame Projekte gesprochen, Ideen gesponnen, manche dieser

Vorhaben hätten richtig gutes Geld gebracht.

– Aber?

– Leider hat Zita das Zeitliche gesegnet, bevor wir die Verträge

unterzeichnen konnten. Sehr bedauerlich war das. Ich müsste das alles

hier wahrscheinlich nicht mehr machen, wenn wir unsere Pläne

umgesetzt hätten.

– Was hat Albert Laufenberg zu diesen Plänen gesagt? So wie ich das

verstanden habe, war ihm die Verbindung seiner Mutter zu dir ein Dorn

im Auge. Es heißt, er wollte den guten Ruf der Firma schützen und hat

eine Zusammenarbeit mit dir abgelehnt. Ist das richtig? – Stimmt so nicht ganz. Albert und ich haben uns eigentlich ganz gut

verstanden. Ich hatte zwar mit seiner Mutter zu tun, aber es lief auch mit

ihm nicht schlecht. Obwohl er schon immer ein kranker Spinner war. – War er?

– Der Typ ist doch völlig wahnsinnig. Wenn du mit ihm zu tun hast, müsste

dir doch schon längst aufgefallen sein, dass mit dem was nicht stimmt. – Inwiefern?

– Ich würde sagen, das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn war sehr

speziell. Sie waren sehr eng miteinander. Manchmal hatte ich wirklich

das Gefühl, dass die beiden etwas miteinander hatten. – Sexuell?

– Ich kann das nicht beschwören, aber der kleine Albert war besessen von

seiner Mama. Er hat sie angebetet, ich glaube, das war so ein Ödipus-

Ding. Er war eifersüchtig auf jeden, der in ihre Nähe kam. Irgendwie hat

er mir leidgetan.

– Erzählst du mir jetzt erotische Bikergeschichten? – Glaub, was du willst. Tatsache ist, der gute Mann hat Dreck am Stecken. – Zita hatte einen Geliebten in Tirol, wusstest du davon? – Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass die gute Zita nichts hat anbrennen

lassen. Sie hat sich genommen, was sie wollte. War irgendwie cool. – Was denkst du, wer sie umgebracht hat?

– Ihr Sohn natürlich.

– Echt jetzt? Du traust ihm wirklich einen Mord zu? – Natürlich. Wenn nicht ihm, wem sonst? Der kann das. – Könnte aber auch sein, dass du es warst, oder? – Das ist lächerlich.

– Warum?

– Jetzt denk doch mal nach, Mädchen. Dass sie damals verschwunden ist,

war eine Katastrophe für mich. Ich wollte Geld mit ihr verdienen, wenn

es nach mir gegangen wäre, hätte sie hundert werden sollen. – Und was soll ihr Sohn für einen Grund gehabt haben? Warum hätte er sie

töten sollen, wenn er sie doch so geliebt hat?

– Vielleicht weil er die Firma unter seine Kontrolle bringen wollte. Weil

ihm die Alte nichts zugetraut hat. Zita hat damals zu mir gesagt, dass sie

ihn für einen Vollidioten hält. Und dass sie mit allen Mitteln verhindern

will, dass er die Kontrolle über die Firma bekommt. – Interessant.

– Vielleicht hat ja die Geldgier am Ende über Ödipus gesiegt. – Klingt sehr intellektuell.

– Ich gebe mir Mühe.

– Nicht alle Biker sind Proleten, oder?

– Punkt für dich, Dragic.

– Es ist durchaus nachvollziehbar, was du sagst. Könnte wirklich sein, dass

Albert es war. Die Frage ist nur, wie er es gemacht hat. Laufenberg hat

nämlich leider ein Alibi. Als Zita damals umgebracht wurde, war er in

Russland.

– Wie wollen die nach so langer Zeit denn wissen, wann genau sie

gestorben ist? Kann man doch unmöglich feststellen. Den Bullen muss

doch klar sein, dass das mit der Zeitung Schwachsinn ist. – Warum Schwachsinn?

– Die Zeitung lag auf dem gedeckten Frühstückstisch. Die Polizei geht

davon aus, dass der Erscheinungstag auch der Todestag ist, richtig? – Richtig.

– Und das soll das einzige Indiz sein, das ihn entlastet? Dieser Psychopath

ist wegen einer beschissenen Zeitung aus dem Schneider? Sind die

Polizisten auf dieser Welt heutzutage wirklich so dämlich? Hätte nicht

gedacht, dass es so einfach ist, mit einem Mord davonzukommen. – Erklärst du es mir?

– Liegt doch alles auf der Hand. Albert hat sie umgebracht und sich dann

ganz geschmeidig aus der Affäre gezogen. Zugegebenermaßen genial,

aber am Ende durchschaubar.

– Erklär mir mehr.

– Die Leiche war doch mumifiziert, oder?

– Ja.

– Das war ein Glücksfall für ihn.

– Und warum?

– Der debile Biker soll dir also verraten, was da gelaufen ist? – Das wäre sehr freundlich von dir. Würde mir viel Arbeit ersparen. – Na gut. Wir gehen also davon aus, dass dieser Spinner in Innsbruck seine

Mama kaltgemacht hat. Sie geraten in Streit, er tötet sie und haut ab. Er

fährt zurück nach Leipzig und wartet darauf, dass die Leiche von einem

der Nachbarn gefunden wird. Aber das passiert nicht. Keine Fäulnis, kein

Gestank, niemand bemerkt, dass die gute Zita im Penthouse einen auf

Pharao macht. Das Verbrechen bleibt im Verborgenen. – Und?

– Genau da sieht der junge Laufenberg seine Chance. Nach ein paar

Wochen oder Monaten fährt er nämlich zurück nach Tirol, er will wissen,

was da in seiner Wohnung los ist, warum niemand Alarm geschlagen hat.

Er betritt das Penthouse und sieht, dass seine Mama mumifiziert ist.

Jackpot, denkt er.

– Wie hätte ihm das nützen können?

– Er hat sich das perfekte Alibi gebastelt.

– Wie?

– Er macht einen kleinen Spaziergang um den Block. Er durchwühlt die

Altpapiercontainer in der Gegend, sucht nach einer Zeitung, die an einem

Tag erschienen ist, an dem er nicht im Land war. Dann legt er die alte,

vielleicht vor vielen Wochen erschienene Zeitung auf den

Frühstückstisch und hofft, dass der Mord noch länger unentdeckt bleibt.

Er will, dass sich Staub auf die Dinge legt. Und genau das passiert.

Einundzwanzig Jahre dauert es, bis seine Mutter entdeckt wird. Durch

Zufall wird sie gefunden, niemand zweifelt daran, dass das Datum auf

der Zeitung den Todeszeitpunkt angibt.

– Wow. Klingt großartig.

– Zita verschwand, und er hat sofort die Geschäftsführung übernommen. Er

hat den besorgten Sohn gespielt, sich medial schockiert und entsetzt

gezeigt, er hat sogar eine Belohnung ausgesetzt. Ich würde sagen, er hat

alles richtig gemacht.

– Etwas stört mich.

– Was?

– Warum sollte er seiner Mutter den Kopf abgetrennt haben? – Gute Frage, Dragic.

– Wäre doch nicht nötig gewesen, oder? Warum sollte er sich solche Mühe

machen? Er hatte keinen Vorteil dadurch. War bestimmt eine

Riesensauerei, so etwas macht man nicht einfach so zum Spaß. – Vielleicht war es ja so ein ethnologisches Ding. – Was für ein Ding?

– In Papua-Neuguinea schneiden die Eingeborenen ihren Feinden die Köpfe

ab, weil sie glauben, dass sie das stark macht.

– Du meinst, er hat sich eine Trophäe mit nach Hause genommen? – Entweder das, oder es ging um Respekt vor den Toten. Wenn ich mich

richtig erinnere, haben die Jungs dort auch die Schädel ihrer Angehörigen

abgeschnitten. Sie haben sie aufbewahrt, um sich für immer an sie zu

erinnern. So eine Art Ehrerbietung war das. Ist hochinteressant, was da

so abging.

– Beeindruckend, was du alles weißt. Aber auf die Gefahr hin, dass ich

mich wiederhole, du würdest als Mörder die wesentlich bessere Figur

abgeben. Der Neuguinea-Style passt zu dir und nicht zu ihm. Könnte

doch auch so ein Biker-Ding gewesen sein, oder? – Du bist witzig, Dragic. Aber wenn du wirklich einen Mörder suchst, dann

geh zu Laufenberg. Er war es, nicht ich.

– Bin mir nicht sicher. Er trauert so schön. Zelebriert so beeindruckend – Ich weiß nicht, ob der Typ noch lebt, aber ich schreib dir gerne auf, wo du

seine Unschuld in den Medien, außerdem hat er jetzt auch noch seine

Frau verloren. Das alles macht ihn zum Opfer, nicht zum Täter. – Ob du es glauben willst oder nicht, er ist schuldig. Genauso wie alle

anderen in dieser Familie. Nicht umsonst hat sich Laufenbergs Frau

umgebracht. Die hatte genauso Dreck am Stecken wie die Alte und ihr

Sohn. Vertrau mir, ich weiß, wovon ich rede.

– Das ist jetzt die Stelle, an der das Baby ins Spiel kommt, richtig? – Könnte sein.

– Ich wäre dir wirklich dankbar, wenn du mir sagen könntest, was du weißt.

Absolut vertraulich. Niemand wird jemals erfahren, woher ich die

Informationen habe.

– Was hätte ich davon?

– Nichts. Trotzdem bitte ich dich, uns zu helfen. Für meinen Bruder und

mich ist es sehr wichtig herauszufinden, was mit dem Kind passiert ist. – Dein Bruder? Was hat er damit zu tun?

– Er ist der Vater des Kindes, das damals entführt wurde. Judith heißt das

Mädchen. Wir haben nach einundzwanzig Jahren endlich eine Spur

aufgenommen. Seit ein paar Tagen wissen wir, dass die Laufenbergs

irgendetwas mit ihrem Verschwinden zu tun haben. – Krass.

– Kannst du mir weiterhelfen?

– Dein Bruder ist nicht zu beneiden. Ein Kind zu verlieren. Auf diese Art.

Muss schrecklich gewesen sein.

– War es. Ist es immer noch.

– Zita hat es mir gegenüber erwähnt damals.

– Was hat sie erwähnt?

– Dass es da ein kleines Mädchen gibt, das ein Zuhause sucht. Sie hat mich

nach einem Kontakt gefragt. Nach jemandem, der Geburtsurkunden

fälschen kann. Ich habe ihr gesagt, an wen sie sich wenden kann, mehr

wollte ich nicht damit zu tun haben.

– Hast du einen Namen für mich?

ihn finden kannst.

– Wusste Albert davon?

– Was glaubst du denn?

– Danke, Ingo. Vielleicht scheiß ich ja doch auf die Libanesen und heuere

bei dir an. Scheinst ein guter Kerl zu sein.

– Meistens. Aber halt die Schnauze, ja. Von mir weißt du das alles nicht. Ich

habe nie mit dir darüber gesprochen, klar?

– Klar, Ingo.

– Hau ab jetzt, Dragic.

– Siehst du mich etwa noch?

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