Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Aichner, Bernhard · Kapitel 35 von 52

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Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Vierunddreissig

SVENJA SPIELMANN & DAVID BRONSKI

– Wir wissen, dass sie vor der Kneipe geraucht hat. Ein Gast, der neben ihr

stand, hat alles beobachtet. Ein Kerl im karierten Anzug kam angelaufen

und hat sie an den Haaren die Straße entlang gezerrt. – Warum hat ihr niemand geholfen?

– Keiner dachte sich etwas dabei. Es war eine Alltagsszene am Kiez. Ein

Zuhälter sammelt sein Mädchen ein.

– Kurt.

– Tut mir so leid für dich, David. Ich hätte es dir wirklich gewünscht, dass

der Alptraum endlich ein Ende hat.

– Mir ist schlecht.

– Brauchst du was? Kann dir eine Tablette geben. – Dagegen hilft nichts, glaub mir.

– Hast du Anna angerufen?

– Ja. Sie ist ebenso fassungslos wie wir.

– Diese Story ist wirklich völlig verrückt.

– Story? Das ist keine beschissene Geschichte, Svenja. Das ist die

Wirklichkeit. Verdammt, wo ist sie?

– Wir werden sie finden. Mach dir keine Sorgen, es geht ihr bestimmt gut.

Bald wirst du sie wiedersehen.

– Sie war die ganze Zeit über da. In Leipzig. Ist dort aufgewachsen. Hat in

einem verfickten Schloss gewohnt. Mit einem Psychopathen als Vater.

Ich schwöre dir, wenn ich ihn in die Hände kriege, garantiere ich für

nichts. Das überlebt er nicht. Genauso wenig wie Kurt. – Bleib ruhig, Bronski. Wir müssen jetzt nachdenken, herausfinden, wie das

alles zusammenhängt. Warum Laufenberg das gemacht hat. Es ergibt

immer noch keinen Sinn für mich. Warum er dich gebeten hat, nach

Rebecca zu suchen.

– Judith.

– Natürlich. Aber warum hat er das gemacht? Warum gibt er sie dir zurück?

Und nimmt sie dir dann sofort wieder weg? Was will er? Und welche

Rolle spielt dieser Kurt?

– Wir fahren jetzt nach Leipzig und prügeln es aus Laufenberg heraus. – Das mit dem Prügeln ist keine gute Idee, das mit Leipzig schon. Regina

ist zwar begeistert von unserer Homestory, aber sie macht Druck. Wenn

wir beide unseren Job nicht verlieren wollen, dann sollten wir morgen die

perfekte Geschichte von der Beerdigung abliefern. Sie wird viel Platz für

die Geschichte frei machen, wir sollten sie nicht enttäuschen. – Ich soll zu diesem Begräbnis gehen? Am Grab der Menschen stehen, die

mir das angetan haben? Vielleicht soll ich ihm sogar noch mein Beileid

aussprechen und Betroffenheit vorgaukeln?

– Du sollst nur Fotos machen.

– Laufenberg hat Glück, wenn ich nicht in das Grab der beiden pisse. – Du musst dich zusammenreißen, Bronski. Wir werden nicht auffallen. Wir

bringen zuerst die Beerdigung hinter uns, danach bringen wir Laufenberg

zum Reden.

– Ich will wissen, wo dieser Wichser meine Tochter hingebracht hat. – Vielleicht ist sie ja dort. Wäre doch möglich, dass er sie von Kurt hat nach

Hause bringen lassen. Er hat einfach noch jemanden damit beauftragt, sie

zu suchen. Und Kurt war schneller.

– Unsinn.

– Könnte aber doch sein, dass Laufenberg unbedingt mit beiden Töchtern

am Grab stehen will. Das ist es doch, was er in der Öffentlichkeit

transportieren will. Er trauert. Zeigt Bilder der heilen Familie. Kommt

nicht gut, wenn nur eine Tochter an den Start geht. – Die heile Familie gibt es nicht mehr. Zwischen den beiden ist es aus.

Keine Ahnung, was da vorgefallen ist, aber Judith hasst ihn. Sie war so

wütend, als sie über ihn gesprochen hat. Hilflos irgendwie. Ohnmächtig. – Sie wird dir alles erzählen, David. Ihr werdet noch viel Zeit haben, das – Er wird uns um diese Uhrzeit kaum empfangen. Bis wir in Leipzig sind,

alles zu besprechen. Aber vorher erledigen wir unseren Job. – Okay. Du hast recht. Vielleicht ist sie ja wirklich da, und das Problem löst

sich von allein.

– Ich wünsche es dir. Muss sich krass anfühlen, dass du sie nach so langer

Zeit wiedergefunden hast.

– Das tut es, ja. Ich begreife es immer noch nicht. – Sag mir, wenn ich etwas für dich tun kann.

– Ich würde sie so gerne in den Arm nehmen.

– Das wirst du.

– Was ist, wenn er ihr etwas antut?

– Das wird nicht passieren. So weit wird es nicht kommen. – Ich weiß, dass du es gut meinst, Svenja. Aber uns ist mittlerweile beiden

klar, dass dieser Typ ein verlogener Psychopath ist. Er hat das alles für

uns inszeniert.

– Wozu?

– Es hat mit dem Mord an seiner Mutter zu tun. Da bin ich mir sicher. Anna

sagt, er erbt jetzt alles. Bisher war er nur Geschäftsführer. Da Zita aber

immer noch nicht für tot erklärt worden war, hatte er keinen Zugriff auf

das Vermögen. Er hat all die Immobilien zwar verwaltet, aber sie

gehörten ihm nicht. Vielleicht brauchte er ja dringend Geld, deshalb

musste endlich die Leiche gefunden werden.

– Dazu hätte er definitiv wissen müssen, wo die Leiche war. – Das hat er, Svenja. Darauf wette ich. Ansonsten macht das mit Kurt und

mir keinen Sinn. Sein Auftauchen hier. Was er mit Judith gemacht hat. – Und da sind wir schon wieder genau am Punkt. Es sind immer dieselben

Fragen, die am Ende unbeantwortet bleiben. Warum sollte Laufenberg

wollen, dass du hinter sein Geheimnis kommst? Warum klärt er dich auf

und bringt sich damit selbst in Gefahr? Das ergibt doch keinen Sinn. – Ich weiß. Am Ende gibt es eine ganz einfache Erklärung für sein

Verhalten. Und wir werden herausfinden, welche das ist. Warum nicht

gleich jetzt, wir könnten direkt zu ihm fahren.

ist es nach Mitternacht. Es ist wirklich klüger, wenn wir bis morgen

warten. Sobald die Beerdigung vorbei ist, schnappen wir ihn uns. In der

Öffentlichkeit kann er sich uns nicht entziehen. Er muss mit uns reden,

wenn er nicht will, dass ich die Reportage über das Begräbnis mit ein

paar Spekulationen würze. Gerüchte über eine mögliche Beteiligung

seinerseits am Mord an seiner Mutter.

– Das könnte funktionieren.

– Aber?

– Was ist, wenn Judith noch hier in Hamburg ist und Hilfe braucht? – Diese Stadt ist groß. Sie könnte überall sein, ohne Laufenberg haben wir

keine Chance, sie zu finden.

– Er will also, dass wir angekrochen kommen. – Schaut so aus.

– Von mir aus. Aber ich kann dir nicht versprechen, ob es mir gelingt, mich

zurückzuhalten.

– Komm her. Lass dich umarmen.

– Nein.

– Warum nicht?

– Ich kann das jetzt nicht.

– Wegen Mona?

– Vielleicht.

– Du wirst dein schlechtes Gewissen nicht los, oder? – Nein.

– Ich verstehe das, David. Du kannst dir Zeit lassen, so viel du willst. Ich

verspreche dir, ich werde nicht davonlaufen.

– Danke, Svenja. Aber das schlechte Gewissen habe ich nicht wegen dir. Es

geht um mich. Ich war nicht für sie da, als sie mich gebraucht hat. Ich

habe sie nicht ernst genommen, wollte ihr nicht glauben. Eine Woche

später hat sie sich umgebracht.

– Klingt nicht gut.

– Wenn ich ihr vertraut hätte, wäre sie vielleicht nicht gesprungen. – Das kannst du nicht wissen. Wenn jemand wirklich Suizid begehen will,

dann schafft er das auch. Du hättest nichts tun können, um es zu

verhindern.

– Was, wenn doch?

– Solche Gedanken solltest du dir nicht machen. So sehr du es auch

möchtest, du wirst nicht mehr erfahren, was damals in ihr vorging. Was

sie gedacht hat. Warum sie es getan hat. Konzentriere dich lieber auf die

Zukunft, anstatt in der Vergangenheit herumzustochern. – Das versuche ich seit sechs Jahren. Aber irgendwie will mir das nicht

gelingen. Ich kann das einfach nicht, Svenja.

– Verstehe. Du bist noch nicht bereit für etwas Neues. Trotzdem musst du

das mit uns beiden nicht beenden. Nicht bevor, wir es miteinander

versucht haben.

– Du gibst nicht auf, oder?

– Nein. Mich wirst du so schnell nicht wieder los. Ich ziehe das mit dir

durch. Und anschließend werden wir dort weitermachen, wo wir

aufgehört haben. War nämlich schön mit dir. Sehr sogar. – Du glaubst wirklich, dass wir das schaffen?

– Wir haben keine andere Wahl, Bronski.

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