Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Aichner, Bernhard · Kapitel 21 von 52

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Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Zwanzig

ANNA DRAGIC & DAVID BRONSKI

– Wir haben ein Problem, David.

– Was ist los?

– Eigentlich ist es diese kaputte Familie, die ein Problem hat, und nicht wir.

So wie es aussieht, eskaliert das Ganze hier in Tirol. – Was ist passiert?

– Genau das, wovor Robert immer Angst hat. Dass ich in solche Dinge mit

hineingezogen werde.

– Welche Dinge, Anna? Du wirst doch nicht auf deine alten Tage noch

vorsichtig? Klingst ja beinahe panisch. Passt gar nicht zu dir. – Halt die Klappe, Bronski. Das hier ist nicht lustig. – Was ist nicht lustig? Du musst schon mit mir reden, wenn ich dich ernst

nehmen soll.

– Zwei Leichen innerhalb weniger Tage, das ist mindestens eine zu viel,

verstehst du? Dafür bin ich nicht hergekommen. Ich bin wegen dir hier,

David. Wegen Judith. Und nicht wegen diesen Wahnsinnigen. – Wovon redest du, Anna?

– Das ganze verfluchte Ding hier fliegt uns um die Ohren. – Beruhige dich, Anna.

– Ich will mich nicht beruhigen.

– Du sagst mir jetzt sofort, was passiert ist.

– Sie ist tot. Und ich habe sie gefunden.

– Wen hast du gefunden? Und wer ist tot, Anna? Komm schon, jetzt mach

bitte endlich deinen Mund auf.

– Margit Laufenberg.

– Was? Das ist jetzt nicht wahr, oder? Warum sollte sie tot sein? Ihr Mann

hat gesagt, sie freut sich auf das Gespräch mit dir. Sie will uns helfen,

Anna.

– Du begreifst es nicht, oder? Die wird niemandem mehr helfen. Sie ist

verfickt noch mal tot. Liegt hier vor mir in ihrer verschissenen

Badewanne. Und sie rührt sich nicht. Ihr Gesicht ist ganz weiß. – Wo bist du, Anna?

– In ihrem Hotelzimmer.

– Ganz langsam, Anna. Bitte von Anfang an. Erzähl mir, was passiert ist. – Ich habe an der Tür geklopft, aber sie hat nicht aufgemacht. Obwohl man

mir an der Rezeption gesagt hat, dass sie das Haus noch nicht verlassen

hat. Also habe ich mir eine Zimmerkarte besorgt. – Wie?

– Vom Zimmermädchen.

– Geklaut?

– Das ist doch jetzt völl ig egal, David. Ich wollte sehen, wie es in ihrem

Zimmer aussieht, ich dachte, dass ich vielleicht etwas finden kann, das

uns weiterhilft. Und da lag sie dann. Die Pulsadern aufgeschnitten. Die

Wanne ist voller Blut, David.

– Selbstmord?

– Schaut so aus.

– Wie lange liegt sie da schon?

– Woher soll ich denn das wissen, verdammt noch mal? Ich glaube aber

nicht, dass sie schon länger als vierundzwanzig Stunden tot ist.

Außerdem hat sie doch gestern noch mit ihrem Mann telefoniert. – Denkst du, dass sie etwas mit Judiths Verschwinden zu tun hatte? – Schon möglich. Nach allem, was Konstantin Freund erzählt hat, liegt das

nahe. Irgendjemand hat dein Kind entführt, und ich vermute mal, dass sie

es war. Margit Laufenberg wusste, dass die ganze Sache jetzt ans Licht

kommen wird, deshalb hat sie es wohl vorgezogen, rechtzeitig

abzugehen.

– Ich will wissen, was mit Judith passiert ist.

– Wir werden es herausfinden, David. Wir sind so nah dran wie noch nie.

Irgendjemand hier weiß, was mit ihr passiert ist. Und diesen Jemand – Und das sagt mein abgebrühter Bruder. Du verwirrst mich, Bronski. Bist

werden wir finden.

– Du denkst, dass sie tot ist, oder?

– Soll ich ehrlich sein? Ich weiß es nicht. Natürlich wünsche ich mir, dass

sie noch lebt, aber wir wissen beide, dass das nicht sehr wahrscheinlich

ist. Trotzdem sind wir hier. Nach all den Jahren hoffen wir immer noch.

Ich finde, das muss belohnt werden.

– Ja.

– Du darfst jetzt nicht ungeduldig werden, David. Wir stehen erst am

Anfang. Wir wissen noch gar nichts. Müssen die Unterlagen abarbeiten,

die wir von Laufenberg bekommen haben. Wir geben erst auf, wenn wir

alles getan haben, was möglich war, einverstanden? – Einverstanden. Danke, Anna.

– Und was jetzt?

– Ich werde Laufenberg anrufen. Ich muss es ihm selber sagen. Ich will

nicht, dass die Polizei das macht. Das fühlt sich falsch an. – Verstehe. Dann werde ich mal ein paar hübsche Fotos machen, bevor die

hier auftauchen.

– Nein. Keine Fotos.

– Warum nicht? Ich bin dein verlängerter Arm, weißt du doch. Meine Bilder

sind deine Bilder, es wird niemand mitbekommen, dass ich sie gemacht

habe.

– Das ist ein Selbstmord, Anna. Es geht nicht, dass davon Bilder

veröffentlicht werden. So etwas machen wir nicht. – Ist das jetzt so ein ethisches Ding? Bist ja sonst nicht so, oder? Kannst mir

vertrauen, ich weiß, wie das funktioniert. Keine Solo-Bilder von der

Leiche, viel Umgebung, Stimmungsbilder, ich mach das nicht zum ersten

Mal, David.

– Du sollst gar nicht fotografieren.

– Aber warum denn nicht?

– Das können wir ihm nicht antun. Wir arbeiten für ihn. Er hat gerade seine

Frau verloren, wir sollten Rücksicht nehmen.

ja sonst auch nicht so sensibel. Was ist los mit dir? – Er will das nicht in der Zeitung sehen, glaub mir. – Zu spät. Ich habe Svenja bereits angerufen, sie müsste gleich da sein. – Verdammt.

– Sie lässt sich bestimmt nicht von mir abbringen, darüber zu schreiben.

Und im Grunde kannst du dankbar dafür sein. Wir erledigen hier deine

Arbeit und retten dir den Arsch. Wenn es nach Regina geht, solltest du

nämlich hier in Tirol sein und nicht in Berlin.

– Mach doch einfach, worum ich dich bitte.

– Kann ich nicht. Ich will ihr nicht sagen müssen, dass sie hier nicht rein

darf. Ich habe sie am Telefon eben noch heißgemacht, ich werde jetzt

nicht zurückrudern, David.

– Doch, das wirst du, Anna. Wir dürfen jetzt nämlich keinen Fehler

machen. Ich möchte Laufenberg jetzt nicht gegen uns aufbringen. Er hat

gerade erst Vertrauen gefasst. Nur wenn er auf unserer Seite steht,

werden wir etwas erfahren, das uns wirklich weiterhilft. – Wir verschenken also diese Geschichte? Dir ist doch klar, dass dann nicht

nur Svenja auf dich sauer sein wird, auch Regina wird dir den Arsch

aufreißen, wenn sie davon erfährt.

– Um Svenja kümmere ich mich. Auch um Regina. Ich nehme das auf

meine Kappe, aber hör jetzt auf mich. Bitte lass sie nicht in dieses

Zimmer.

– Na gut. Sie ruft mich gerade an. Steht wahrscheinlich schon vor der Tür.

Ich werde jetzt also auflegen und sie nach Hause schicken. Ich werde ihr

Grüße von dir ausrichten und ihr sagen, dass du dafür verantwortlich bist.

Und dann?

– Rufst du diesen Weichenberger an. Der scheint in Ordnung zu sein. Sag

ihm einfach, dass du mit Margit Laufenberg verabredet warst. Dass die

Türe offen stand, du geklopft und ihren Namen gerufen hast, sie sich aber

nicht gemeldet hat. Dann hast du das Zimmer betreten und sie gefunden.

– Das wird er mir nicht glauben.

– Er hat keinen Grund, es nicht zu tun.

– Das wird nicht gut ausgehen, David.

– Doch, Anna, das wird es.

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