Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Aichner, Bernhard · Kapitel 30 von 52

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Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Neunundzwanzig

 

Rebecca Laufenberg wollte nie wieder zurück. Zurück in das Schloss, in dem sie aufgewachsen war. Zurück in die hübschen Kleider, in die man sie jahrelang gesteckt hatte. Zurück in diese verlogene Welt, in der sie bis vor ein paar Tagen gelebt hatte. Sie wollte einen Schlussstrich ziehen. Endlich in diesem anderen Leben ankommen, von dem sie schon so lange geträumt hatte.

Obwohl es wehtat, fühlte es sich richtig an.

Mit Tränen in den Augen war Rebecca davongelaufen. Weil sie ihre Mutter vermisste.

Weil sie ihren Vater hasste.

Er hatte ihr die Nachricht von Mutters Tod überbracht. Hatte sie ihr einfach entgegengeschleudert, ohne Vorwarnung hatte er Rebecca gesagt, dass sie sich in Tirol die Pulsadern aufgeschnitten hatte. In einer Badewanne wäre sie verblutet.

Kein Abschiedsbrief, kein Wort, keine Zeile.

Mutter war für immer verschwunden.

Jetzt bist du allein, hat er zu ihr gesagt. Wie konnte er so etwas aussprechen?

Warum war er so grausam?

Wie konnte es sein, dass er ohne Mitgefühl war? Sie war seine Frau gewesen. So viele Jahre lang an seiner Seite, der Schlossherr und seine Gattin. Gefangen in Schönheit. Weil niemand wusste, wie es wirklich war, wie es sich anfühlte, wie schwer es war, diesen Schein aufrechtzuerhalten, immer so zu tun, als wäre alles perfekt. Die heile Familie, der Laufenbergsche Kosmos, in dem Rebecca und ihre Schwester immer wieder zu ersticken drohten. Da war oft keine Luft mehr zum Atmen gewesen, unerträglich war es an manchen Tagen, so oft wäre Rebecca am liebsten geflohen.

Doch sie blieb. Tat so, als wäre sie glücklich.

Alle taten das.

Er verlangte es von ihnen.

Albert Laufenberg.

Der Mann, der ihr das Fahrradfahren beigebracht hatte. Der Mann, der ihnen Geschichten vorgelesen hatte als Kind. Rebecca erinnerte sich. Sie und Sophie, Hand in Hand durch den Schlosspark. Sie hatte damals noch daran geglaubt, dass es das Paradies sei, in dem sie aufwuchsen. Rebecca wollte es jahrelang nicht wahrhaben, dass es eigentlich die Hölle war. Sie schaute nicht hin, sie redete sich ein, dass das alles ganz normal war. Die Art und Weise, wie er mit ihr sprach, seine Blicke. Wie sehr sie sich auch bemühte, er lehnte sie ab. Obwohl sie alles machte, um ihm zu gefallen, sie war nie genug. Die Sehnsucht nach Anerkennung lähmte sie.

Was ihre Schwester bekam, vermisste sie.

Sophie Laufenberg.

Er bevorzugte sie. Sie war das bessere Kind.

Als Rebecca sechs Jahre alt war, war sie auf die Welt gekommen. Und ab diesem Tag veränderte sich alles. Das Glück der ersten Jahre verschwand, Rebecca konnte sich noch daran erinnern, die Veränderung war spürbar. Es passierte schleichend, jedes Jahr wurde sie weniger wert. Sie war wie ein Wertpapier, für das sich niemand mehr interessierte. Das Spielzeug, das in der Ecke stand, sich aber danach sehnte, in die Hand genommen zu werden. Von heute auf morgen verlor Rebecca die Liebe ihres Vaters. Er entzog sie ihr einfach. Seine Zuneigung verschwand.

Ohne Erklärung.

Für das kleine Mädchen war es der Weltuntergang, Papa spielte nicht mehr mit ihr, Rebecca musste zusehen, wie ihre Schwester die Hauptrolle in seinem Leben übernahm. Nur noch sie war wichtig. Vater war erbarmungslos. Und Mutter duldete es. Sie versuchte zwar auszugleichen, wollte Rebecca trösten, sie aufrichten, aber es gelang ihr nicht. Was vorher ganz gewesen war, war nur noch halb.

Eine Tragödie war es. Langsames Sterben.

Sie hatte sich oft gefragt, warum sie das alles ertrug, warum sie ihrem Vater hinterherlief wie ein geschlagener Hund, warum sie bei ihm blieb. Warum sie sich nicht von ihm abgewandt hatte, als sie alt genug dafür gewesen war. In all den Jahren hatte sie sich einfach an dieses Gefühl gewöhnt, nichts wert zu sein, nie zu genügen.

Anstatt endlich auszuziehen, blieb sie im Schloss. Anstatt mit Studienkollegen in eine Wohngemeinschaft zu ziehen, zog sie es vor, weiterhin die Prinzessin zu sein, die in Wirklichkeit keine war. Ihre Not wurde Alltag, irgendwann wusste sie nicht mehr, dass es einmal anders gewesen war. Albert Laufenberg ignorierte seine Tochter, erwartete aber Respekt, sie sollte funktionieren und keine Probleme machen. Studieren, Ärztin werden und für sich selbst sorgen.

Ich habe mich lange genug um dich gekümmert, hat er gesagt. Kurz bevor sie davonlief, musste er ihr noch einmal wehtun. Hau doch endlich ab, hat er gesagt. Oder mach es wie deine Mama und bring dich um. Ein letztes Mal wollte er sie demütigen, ihr klarmachen, dass er endgültig auf sie verzichten konnte.

Du hast alles kaputt gemacht, hat er gesagt. Für ihn war nämlich sie schuld an allem.

Rebecca hatte in den letzten Wochen eine Lawine ausgelöst. In seinen Augen hatte sie etwas Unverzeihliches getan, sie hatte Geheimnisse gelüftet, die für immer hätten verborgen bleiben sollen. Durch Zufall hatte sie alles ins Rollen gebracht. Ohne dass sie bewusst danach gesucht hatte, fand sie plötzlich eine Erklärung für alles, was in ihrem Leben geschehen war.

Rebecca erfuhr die Wahrheit.

Eine Wahrheit, die ihr den Boden unter den Füßen wegriss. Es war kurz vor Weihnachten.

Vier Wochen bevor Zita gefunden wurde.

Rebecca hatte im Rahmen ihrer Dissertation in einem DNA -Labor gearbeitet. Schon früh hatte sie ein Thema gewählt und sich einen Betreuer gesucht. Sie forschte im Bereich der Forensischen Genetik und führte, von Labormitarbeiterinnen und einem Gerichtsmediziner betreut, DNA -Analysen durch. Rebecca erledigte ihre Arbeit zur Zufriedenheit aller, sie war immer pünktlich, höflich und interessiert, sie war eine Vorzeigestudentin. Studium in Mindestzeit, sie zählte zu den Besten, deshalb verließ man sich auf sie, ließ sie selbstständig arbeiten. Nachdem sie eingeschult worden war, schaute ihr nur noch selten jemand über die Schulter, keiner wäre je auf die Idee gekommen, dass sie das Labor für ihre eigenen Zwecke nutzen würde. Dass sie etwas Verbotenes tun könnte. Nach einem Streit im Schloss war alles eskaliert. Der leise Zweifel, der sie seit Jahren begleitet hatte, war plötzlich laut geworden. Sie hat es gespürt. Die Wut ihres Vaters. Die Hilflosigkeit ihrer Mutter. Und diese Fremdheit. Zum ersten Mal in ihrem Leben fragte sie sich, ob der Mann, der sie großgezogen hatte, auch wirklich ihr Vater war. Wahrscheinlich wäre sie nie auf die Idee gekommen, es zu hinterfragen, hätte sie nicht in diesem Labor gearbeitet und tagtäglich inkubiert, zentrifugiert und ihre Referenzproben analysiert. Ein Wink des Schicksals war es gewesen.

Nur ein bisschen Spucke von sich selbst und ein Rasierer von ihm waren nötig gewesen. Rebecca war in sein Badezimmer gegangen und hatte mit einem Wattestäbchen die schmierigen Auflagerungen im Bereich der Klinge abgerieben. Sie hatte sich genommen, was sie brauchte. Rebecca generierte eine Serie und hängte ihre Proben einfach dazu. Ganz schnell ging es, niemand hat es mitbekommen, dass sie DNA ihres Vaters mit ins Labor genommen hatte, keiner bemerkte, dass sie zwei Proben mehr analysierte, die im System nicht erfasst waren. Sie war sich sicher, dass es ohne Folgen bleiben würde. Trotzdem riskierte sie ihren Studienplatz. Rebecca wollte es unbedingt wissen.

Auch wenn sie nicht wirklich damit rechnete, dass der Test ihn als Vater ausschließen würde, insgeheim wünschte sie es sich. Sie wollte ihn nicht mehr lieben müssen, sie wollte daran glauben, dass er sie deshalb ablehnte, weil seine Frau ihn damals betrogen hatte.

Rebecca war aufgeregt.

Tat etwas, das alles veränderte.

Sie hielt die Luft an, als sie das Ergebnis vor sich sah. Überprüfte es wieder und wieder.

Aber kein Irrtum war möglich.

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