Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Aichner, Bernhard · Kapitel 17 von 52

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Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Sechzehn

ALBERT LAUFENBERG & DAVID BRONSKI

– Setzen Sie sich doch. Glücklicherweise konnte ich mir doch noch etwas

Zeit für Sie nehmen.

– Das ist sehr freundlich von Ihnen.

– Meine Sekretärin sagte mir, Sie hätten über drei Stunden gewartet, muss

also ganz schön wichtig sein, was Sie mit mir besprechen wollen. – Ist es, ja.

– Ich habe mich über Sie informiert.

– Und?

– Normalerweise steht Bronski unter Ihren Fotos, richtig? – Richtig.

– Aber nicht immer, wie sich herausgestellt hat. – Wie meinen Sie das?

– Sie sind der Fotograf, der in meine Wohnung eingebrochen ist. Sie haben

all die grässlichen Fotos von meiner toten Mutter gemacht. Aber unter

keinem dieser Bilder stand Ihr Name.

– Woher wollen Sie wissen, dass ich das war?

– Ihre Kollegin hat es mir gesagt. Svenja Spielmann. – Bitte? Was hat sie?

– Sie hat es nicht direkt ausgesprochen, aber ich habe es zwischen den

Zeilen herausgehört. Als Gegenleistung dafür, dass ich sie mit all den

Informationen und intimen Details versorgt habe, hat auch sie ein wenig

aus dem Nähkästchen geplaudert.

– Das kann nicht sein.

– Ich habe ihr gesagt, wo ich damals war, als meine Mutter umgebracht

wurde, und sie hat mir verraten, wer so dreist war, in meine Wohnung

einzubrechen.

– Auf keinen Fall hat sie das getan.

– Na, gut, Sie haben recht. Sie hat tatsächlich keinen Namen genannt, aber

am Ende musste ich nicht besonders viel Zeit investieren, um auf Sie zu

kommen.

– Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden.

– Natürlich nicht. Ich verstehe Ihre Situation. Und ich garantiere Ihnen

auch, dass Sie sich keine Sorgen machen müssen. Ich bin Ihnen auch gar

nicht böse. Im Gegenteil. Wenn Sie meine Mutter nicht gefunden hätten,

würde dieses traurige Kapitel in meinem Leben noch länger dauern.

Jahrelang haben wir gewartet und getrauert, dieses Unglück lag wie eine

dunkle Wolke über unserer Familie. Nur sehr langsam haben wir uns

erholt und wieder begonnen ein halbwegs normales Leben zu führen.

Ganz ist dieses Gefühl aber nie verschwunden. Diese Ungewissheit. Es

ist kein Tag vergangen, an dem ich mich nicht gefragt habe, was mit ihr

passiert ist. Das hat an uns genagt, wie ein Geschwür war es, das Sie jetzt

auf gewisse Art und Weise herausgeschnitten haben. Und dafür bin ich

Ihnen dankbar.

– Sie würden es also auf sich beruhen lassen? Wenn tatsächlich ich es

gewesen wäre, der diese Bilder gemacht hat?

– Ja.

– Sie würden wegen des Einbruchs keine Anzeige erstatten? Mir keine

Probleme machen?

– Nein, Sie haben nichts zu befürchten. Wobei ich mich immer noch frage,

wie Sie überhaupt in diese Wohnung gekommen sind. Warum sind Sie

genau dort eingebrochen?

– Wie gesagt, ich habe keine Ahnung, wer diese Bilder gemacht hat. Ich

kann nur mutmaßen. Vielleicht hat der Fotograf ja einen Tipp

bekommen? Vielleicht von einem Obdachlosen, der dort Unterschlupf

gesucht und zufällig die Leiche Ihrer Mutter gefunden hat. Vielleicht

kannte er den Fotografen von früher und wusste, dass die Geschichte

einen Haufen Geld bringt.

– Ich verstehe. Für Sie ist das alles nur eine Geschichte, mit der man Geld

verdienen kann. Sie haben nicht die geringste Ahnung, was das alles für

mich bedeutet, oder? Wie schwer mich das trifft. – Natürlich habe ich das. So habe ich das nicht gemeint. Ich möchte Ihnen

wirklich nicht das Leben schwermachen, ich bin nur hier, um Ihnen ein

paar Fragen zu stellen.

– Eigentlich habe ich Ihrer Kollegin alle relevanten Fragen bereits

beantwortet. Völlig freiwillig habe ich das übrigens gemacht. Sie hat

neben dem Exklusivinterview auch alle Informationen bezüglich meines

damaligen Aufenthaltsortes bekommen. Ihre Chefredakteurin sollte

eigentlich glücklich sein, oder?

– Sie waren also in Moskau damals?

– Ja. Ich habe die Unterlagen auch der Polizei vorgelegt, die haben das

bereits geprüft. Ich war geschäftlich dort, neun Tage lang, kurz davor und

danach war ich in Leipzig. Ich wüsste also nicht, wie ich Ihnen jetzt noch

weiterhelfen könnte. Wenden Sie sich doch an diesen Herrn

Weichenberger, er kann Sie über den aktuellen Stand der Ermittlungen

auf dem Laufenden halten. Für mich ist diese tragische Angelegenheit

hoffentlich bald vorbei.

– Und Ihre Frau? Warum ist sie nicht mit Ihnen abgereist? Warum ist sie

immer noch in Tirol? Gibt es einen Grund dafür? – Ich muss mich in Leipzig um einige Dinge kümmern. Jemand muss die

Beerdigung vorbereiten, ich möchte meine Mutter endlich gebührend

verabschieden. Und ich möchte meine Frau damit nicht belasten. Es ist

schlimm genug, was passiert ist, oder? Es reicht, wenn sich einer von uns

beiden dieser Hölle aussetzt. Margit soll noch ein paar Tage von all dem

verschont bleiben. Die Beerdigung wird schlimm genug. – Ich habe versucht, mit ihr zu reden. Sie hat mich abgewiesen. – Was erwarten Sie denn? Nicht jeder ist so nachsichtig und kooperativ wie

ich. Wobei ich feststellen muss, dass auch mir langsam die Geduld

ausgeht. Das Zeitfenster, das ich für Sie reserviert habe, schließt sich

langsam. Meine Sekretärin wird Ihnen gerne einen neuen Termin geben.

Ich muss jetzt leider zum Bestatter.

– Was ich mit Ihnen besprechen will, hat nichts mit den offiziellen

Ermittlungen zu tun. Niemand weiß davon. Es wäre für uns beide von

Vorteil, wenn wir das diskret behandeln könnten. – Wovon reden Sie?

– Es geht um meine Tochter.

– Ihre Tochter?

– Sie ist vor zwanzig Jahren verschwunden. Als sie vier Monate alt war,

wurde sie entführt.

– Ich verstehe nicht ganz.

– Sie hieß Judith. Wir haben sie jahrelang gesucht, sie aber nie gefunden.

Die Polizei nimmt an, dass sie tot ist.

– Es ist schrecklich, was Sie mir da erzählen, mein Beileid, ich weiß, wie

sich das anfühlen muss, aber was hat das mit mir zu tun? Sagen Sie mir

bitte endlich, was Sie von mir wollen.

– Ich habe etwas in Ihrer Wohnung gefunden. Etwas, das da nicht hätte sein

sollen.

– Wunderbar, Sie geben also zu, dass Sie dort waren. – Darum geht es jetzt nicht. Es geht um dieses Foto hier. – Was ist das für ein Foto? Um Himmels willen, was soll das? – All die Jahre gab es keine Spur von Judith. Nichts, das mich ernsthaft

hätte hoffen lassen. Judith war nur noch eine verblasste Erinnerung. Ein

dumpfer Schmerz unter der Haut, der nicht wegging. Aber dann war sie

plötzlich wieder da. Ihr süßes kleines Gesicht. Es war wie ein Wunder. – Ich kann Ihnen immer noch nicht folgen.

– Das hier ist mein Baby. Ein Foto von meiner Tochter. Und ich habe es in

Ihrer Wohnung gefunden.

– Das kann doch nicht sein. Es muss sich um einen Irrtum handeln. Wie soll

denn ein Foto Ihrer Tochter dorthin gekommen sein? Bestimmt täuschen

Sie sich.

– Das Foto war in der Geldtasche Ihrer Mutter.

– Wie bitte?

– Sie muss meine Tochter gekannt haben.

– Nein, das ist unmöglich.

– Vielleicht hatte sie ja etwas mit der Entführung zu tun? – Unsinn. Das entbehrt jeder Grundlage. Keine Ahnung, was Sie sich hier

zusammenreimen, aber Sie irren sich.

– Warum sonst war sie im Besitz dieses Fotos? Sagen Sie es mir. – Das kann ich nicht. Aber es muss sich um ein Missverständnis handeln.

Es gibt bestimmt eine einfache Erklärung dafür. – Gibt es leider nicht. Sonst wäre ich nicht hier. – Sind Sie sich sicher, dass es sich bei dem Baby tatsächlich um Ihre

Tochter handelt? Das wäre doch ein wahnsinniger Zufall, oder?

Außerdem ist die Qualität des Fotos auch nicht besonders gut, vielleicht

täuschen Sie sich ja.

– Ich kann auch gerne zur Polizei gehen, wenn Sie wollen. Vielleicht sind

die ja bereit, mir zu glauben. Dieser Weichenberger freut sich bestimmt,

wenn er erfährt, dass sein Mordopfer in Verbindung mit einem

vermissten Kind steht. Ich würde sagen, der Ruf Ihrer Mutter steht auf

dem Spiel. So kurz vor dem Begräbnis würde ich das an Ihrer Stelle nicht

auf die leichte Schulter nehmen.

– Was wollen Sie denn von mir? Ich habe wirklich nicht die leiseste

Ahnung, was meine Mutter mit Ihrem Kind zu tun hatte. Warum sie

dieses Foto bei sich hatte. Ich wusste ja nicht mal, dass sie in Tirol war.

Wenn es etwas gäbe, das ich beitragen könnte, um die Sache aufzuklären,

ich würde nicht zögern. Ich tappe jedoch genauso im Dunklen wie Sie. – Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass Sie von der Entführung wussten.

Vielleicht waren Sie sogar selbst daran beteiligt. – Verzeihen Sie, dass ich lache. Interessant, dass Sie mir das zutrauen, aber

so viel verbrecherisches Potential habe ich wirklich nicht. Ich habe weder

jemanden entführt noch wusste oder weiß ich etwas davon. Ich habe

selbst zwei Kinder, kann mir also vorstellen, was Sie durchgemacht

haben. So etwas könnte ich einem Vater niemals antun. – Wie alt sind Ihre Kinder?

– Rebecca wird in diesem Jahr dreiundzwanzig. Und Sophie ist siebzehn.

Aus meinen beiden kleinen Mädchen sind zwei großartige junge Frauen

geworden, ich wüsste nicht, was ich ohne sie machen würde. Wenn ich

mir vorstelle, dass ihnen etwas passieren, dass ihnen jemand etwas antun

könnte, dreht sich mir der Magen um.

– Judith wäre jetzt einundzwanzig.

– Das tut mir alles sehr leid für Sie.

– All die Jahre habe ich mich gefragt, wo sie ist. Was mit ihr passiert ist. Ob

sie noch lebt. So viele Jahre habe ich gehofft, dass sie einfach wieder

auftaucht.

– Aber wie kann ich Ihnen helfen, wenn ich doch nichts darüber weiß? – Haben Sie die Sachen Ihrer Mutter noch? Terminkalender? Mails? Briefe? – Natürlich. Ich habe alles aufgehoben.

– Ich brauche auch die Telefonnummern und Adressen ihrer Freunde,

Leute, die sie regelmäßig getroffen hat, wir möchten nichts unversucht

lassen.

– Wir? Sie sagten doch, dass es hier um rein private Interessen geht. Für

eine weitere Story stehe ich leider nicht zur Verfügung. – Ich rede nicht von Frau Spielmann. Die Frau, die mir hilft, heißt Anna

Dragic. Und sie ist meine Schwester. Sie wird übrigens demnächst den

damaligen Geliebten Ihrer Mutter treffen. Sie hat herausgefunden, wer es

war. Wo er wohnt. Im Moment sind wir der Polizei noch einen Schritt

voraus.

– Was hat Ihre Schwester mit der Sache zu tun? – Sie hat eine Detektei in Berlin. Anna ist eine der Besten, sie kann das

Böse riechen. Sie hilft mir, meine Tochter zu finden. – Vielleicht kann sie ja auch mir helfen?

– Wie meinen Sie das?

– Sie wird sich ohnehin mit der Sache befassen, die Unterlagen durchsehen,

die ich Ihnen gerne zusammenstellen werde. Ich habe genauso ein

Interesse wie Sie, dass die Sache aufgeklärt wird. Ich will den Mörder

meiner Mutter finden. Sie Ihre Tochter. Wenn Ihre Schwester also

ohnehin schon im Dreck wühlt, kann sie es auch für mich tun. Ich könnte

sie engagieren. Wir wissen beide, wie schwerfällig der Polizeiapparat ist,

da sind Beamte am Werk, unmotivierte Leute wie dieser Weichenberger.

Wenn ich also etwas dazu beitragen kann, dass wir schneller

vorankommen, dann mache ich das sehr gerne. – Sie wollen, dass Anna für Sie arbeitet?

– Sie soll alles tun, was nötig ist. Geld spielt keine Rolle. – Dann wird sie aber auch mit Ihrer Frau sprechen müssen. Darum wird sie

nicht herumkommen. Wir werden auch ihr ein paar unangenehme Fragen

stellen müssen.

– Ich werde meine Frau anrufen und ihr sagen, dass sie mit Ihrer Schwester

reden soll. Wie gesagt, niemandem als mir liegt mehr daran,

herauszufinden, was damals passiert ist. Speziell nach dem, was Sie mir

gerade erzählt haben. Wenn meine Mutter irgendetwas mit dem

Verschwinden Ihrer Tochter zu tun hatte, will ich das wissen. Wer weiß,

vielleicht hängt das am Ende ja wirklich alles zusammen. Das

Verschwinden Ihrer Tochter. Und Mutters Tod. – Ich bin überzeugt davon.

– Hier ist meine Handynummer. Richten Sie Ihrer Schwester aus, dass sie

mich zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen kann. – Danke. Damit habe ich ehrlich gesagt nicht gerechnet. – Sie müssen sich nicht bei mir bedanken. Am Ende wollen wir doch beide

nur die Wahrheit erfahren, oder? Egal wie schmerzhaft sie vielleicht sein

mag.

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