Dunkelkammer, ein Bronski Krimi
Zweiundvierzig
DAVID BRONSKI & FRANZ WEICHENBERGER
– Was wollen Sie denn noch? Ich habe Ihnen doch bereits alles erzählt. – Zuerst möchte ich mich bei Ihnen dafür bedanken, dass Sie uns gestattet
haben, Ihre Wohnung zu durchsuchen. Hat alles sehr beschleunigt. Hier
in Berlin einen Durchsuchungsbefehl zu bekommen, ist um einiges
komplizierter als in Innsbruck.
– Sie haben den Schädel also gefunden?
– In Ihrer Dunkelkammer, so wie Sie es gesagt haben. – Das ist doch Beweis genug, oder?
– Es ist auf alle Fälle ein Schritt in die richtige Richtung. Der Besuch in
Ihrem Labor war absolut hilfreich. Sehr interessante Aufnahmen, die Sie
da machen. Der Tod scheint es Ihnen angetan zu haben. – Ich bin nicht hier, um über meine Fotos zu reden. – In Ordnung. Lassen Sie uns wieder über den Schädel sprechen. Zur
Stunde wird ein Zahnabgleich gemacht. Dürfte also nicht mehr lange
dauern, dann haben wir die Gewissheit, dass es sich bei dem Schädel um
jenen von Zita Laufenberg handelt.
– Sie haben daran gezweifelt? Was wollen Sie denn noch? Ich präsentiere
mich Ihnen auf einem Silbertablett, und Sie vergeuden Ihre Zeit damit,
Protokolle zu schreiben und unnötige Fragen zu stellen. – Das ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit. So ein Geständnis sollte ja später
vor Gericht wasserdicht sein, die Staatsanwaltschaft verlässt sich auf
mich. Es wäre also gut, wenn wir alles noch einmal von vorne
durchgehen könnten.
– Wenn es sein muss.
– Sie wirken sehr nervös auf mich. Fast scheint es mir, als hätten Sie es
eilig. Was mich bei dem, was Sie in den nächsten Jahren vorhaben, doch
etwas wundert. So oft wird sich für Sie demnächst nicht die Gelegenheit
ergeben, ein gepflegtes Gespräch zu führen.
– Können wir jetzt endlich anfangen?
– Sie wollen wirklich auf das Recht verzichten, einen Anwalt zu diesem
Gespräch hinzuzuziehen?
– Ich brauche keinen Anwalt.
– Wie Sie möchten. Dann können wir ja loslegen. – Ich kann es Ihnen gerne noch hundertmal sagen. Ich habe Zita Laufenberg
umgebracht. Ich habe sie mit einem Kissen erstickt. – Warum haben Sie das getan? Woher kannten Sie sie? – Ich dachte, dass sie etwas mit der Entführung meiner Tochter zu tun hatte.
Ich war damals überzeugt davon.
– Sind Sie es jetzt nicht mehr?
– Nein.
– Wie sind Sie auf Frau Laufenberg gekommen? Woher wussten Sie, wo sie
wohnt? Was hatten Sie herausgefunden? Was wussten Sie, was die
Polizei damals nicht wusste? Hatten Sie Streit mit ihr? Wie kam es zu
dem Mord?
– Ich weiß es nicht mehr.
– Ernsthaft? Sie wissen es nicht mehr?
– Ich kann mich an gar nichts mehr erinnern, was kurz vorher passiert ist.
Ich weiß nur, dass ich sie getötet habe. Ich habe wohl alles erfolgreich
verdrängt. Anscheinend gibt es so etwas. Ich habe im Netz recherchiert.
Dissoziative Abspaltung, muss eine Schutzfunktion sein. Ein Trauma
wird nicht verarbeitet, es wird abgespalten, irgendwo im
Unterbewusstsein abgelegt, um ein normales Leben möglich zu machen. – Habe ich schon mal gehört.
– Erst vor zwei oder drei Wochen fielen mir bestimmte Dinge wieder ein.
Ich habe Bilder vor mir gesehen. Flashbacks. Innsbruck. Die Wohnung.
Ihr Schlafzimmer. Und all das Blut.
– Muss schrecklich gewesen sein.
– War es. Ich konnte es nicht glauben. Ich musste herausfinden, ob ich das
wirklich getan hatte oder ob alles nur ein Traum war. – Klingt spannend. Fast so wie in einem Roman, den ich kürzlich gelesen
habe. Ein Thriller von einem Tiroler Autor. Kennen Sie bestimmt.
Bösland heißt das Buch.
– Kenne ich nicht.
– Sollten Sie lesen.
– Ich bin nicht hier, um mit Ihnen über Bücher zu reden. Ich bin hier, weil
ich Ihnen sagen will, dass ich nach Tirol gefahren bin, um Gewissheit zu
bekommen. Ich bin in die Wohnung eingestiegen und habe die Leiche im
Bett liegen sehen. Da wusste ich, dass es wirklich passiert ist. Dass ich
damals zum Mörder geworden bin.
– Können Sie mir auch sagen, warum Sie der Toten den Kopf abgeschnitten
haben?
– Ich war wütend. Ich dachte, dass sie mir mein Baby weggenommen hat.
Dass sie es war, die unsere Familie zerstört hat. Ich muss durchgedreht
sein. Habe die Kontrolle verloren.
– Und warum haben Sie den Schädel aufbehalten? – Ich weiß es nicht.
– Wenn Sie in den letzten Jahren in Ihrer Dunkelkammer standen und den
Schädel zwischen den Flaschen mit den Chemikalien haben stehen sehen,
müssen Sie sich doch gefragt haben, was es damit auf sich hat, oder? Der
Schädel muss Sie doch daran erinnert haben, was Sie getan haben. – Nein, das hat er nicht. Ich dachte immer, ich hätte ihn von einem
Flohmarkt mitgenommen. So hatte ich das abgespeichert. – Von einem Flohmarkt also?
– Ja.
– Wir haben keine Fingerabdrücke auf dem Schädel gefunden. – Und?
– Wie kann das sein? Wenn Sie aufgrund einer dissoziativen Abspaltung
nicht gewusst hätten, worum es sich dabei gehandelt hat, hätten Sie wohl
kaum einen Grund gehabt, Ihre Fingerabdrücke abzuwischen.
– Ich habe keine Ahnung, wovon Sie da reden. Was Sie von mir wollen. – Ich möchte, dass Sie mir erklären, wie Sie das damals gemacht haben.
Wie haben Sie es angestellt, den Kopf abzutrennen. Wie lief das ab? – Ich habe ihn abgesägt.
– Womit? Axt oder Säge?
– Säge.
– Welche Art von Säge? Handsäge? Fuchsschwanz? Japansäge?
Elektrosäge?
– Fuchsschwanz.
– Sicher?
– Was soll das? Warum stellen Sie mir solche Fragen? – Das sind entscheidende Fragen, wie ich finde. Die Antworten auf diese
Fragen entscheiden darüber, ob Sie die nächsten zwanzig Jahre in einer
Zelle verschwinden oder weiterhin hübsche Fotos für Ihre Zeitung
machen. Deshalb weiter. Sie hatten die Säge also mitgebracht? – Ja.
– Sie wussten also schon vorher, dass Sie Zita Laufenberg enthaupten
werden? Sie haben sie in ihrer Wohnung aufgesucht und sie zur Rede
gestellt. Sie wollten sie dazu bringen, die Wahrheit zu sagen. Dann ist das
Ganze aus dem Ruder gelaufen, und Sie haben sie mit einem Kissen
erstickt. Richtig?
– Ja, genau so war es.
– Das mit dem Ersticken kann ich nachvollziehen. Aber das mit dem Kopf
macht leider wirklich absolut keinen Sinn.
– Ich habe mir damals bestimmt keine Gedanken darüber gemacht, ob es
Sinn macht oder nicht. Ich war außer mir, so wütend, dass ich nicht mehr
wusste, was ich da eigentlich tat. Ob Sie das nachvollziehen können oder
nicht, spielt keine Rolle. Tatsache ist, dass ich einen Menschen
umgebracht habe und dass ich nicht mehr mit meinem schlechten
Gewissen leben will.
– Wir wissen beide, dass das völliger Unsinn ist.
– Unsinn?
– Das klingt alles so, als hätten Sie den Text eines schlechten Drehbuchs
auswendig gelernt. Mit so einem Auftritt überzeugen Sie wirklich
niemanden davon, dass Sie ein Mörder sind.
– Ich muss Sie überzeugen? Was stimmt nicht mit Ihnen? Sie sollten doch
eigentlich Luftsprünge machen, oder? Froh und dankbar sein, dass ich zu
Ihnen gekommen bin.
– Das bin ich nicht. Wenn ich nämlich alles ernst nehmen würde, was Sie
mir so erzählen, würde ich mir sehr viel Arbeit für nichts machen. Ich
würde mein Herzblut in die Sache legen, nur um am Ende festzustellen,
dass Sie mich angelogen haben.
– Ich lüge nicht.
– Doch, tun Sie. Sie sind kürzlich zwar in Zita Laufenbergs Wohnung
eingestiegen und haben dort die Tatortfotos gemacht, aber Sie haben
nichts mit dem Mord zu tun. Sie haben sie weder erstickt, noch haben Sie
ihr den Kopf abgeschnitten. Da bin ich mir sicher. Das einzige Rätsel, das
es für mich hier noch zu lösen gibt, ist das, warum Sie eigentlich hier
sind. Warum zur Hölle gestehen Sie einen Mord, den Sie nicht begangen
haben?
– Ich kann mich gerne an Ihre deutschen Kollegen wenden. So wie es
aussieht, ist die Tiroler Kriminalpolizei hier eindeutig überfordert. – Da muss ich Ihnen widersprechen. Ich habe sehr große Freude an diesem
Fall. Macht wirklich Spaß, mich zu fragen, was hinter den Kulissen wohl
passiert sein mag. Wer oder was Sie dazu bewogen hat, dieses kleine
Theaterstück für mich aufzuführen. Ich nehme mal an, dass es
Laufenberg war. Aber warum? Was will er von Ihnen? Warum hat er Sie
bei mir angeschwärzt? Und weshalb verschwindet seine Tochter? Hat er
etwas gegen Sie in der Hand? Erpresst er Sie? Worüber haben Sie am
Friedhof mit ihm gesprochen? Was haben Sie sich da in seinem Wagen
angesehen? Vielleicht wollen Sie sich ja doch dafür entscheiden, mit mir
darüber zu reden.
– Sie wollen mich also nicht einsperren?
– Nein.
– Dann werde ich jetzt gehen.
– Es geht um Ihr Kind, richtig?
– Ich habe Ihnen nichts mehr zu sagen.
– Warten Sie bitte noch einen Moment. Ich kann Ihnen helfen. Sagen Sie
mir, was Laufenberg getan hat. Ich werde dafür sorgen, dass er dafür zur
Rechenschaft gezogen wird. Aber ich brauche Ihre Hilfe. – Sie hatten Ihre Chance.
– Ich bin auf Ihrer Seite, Bronski.
– Schaut nicht so aus. Wenn Sie mir nicht glauben wollen, werde ich mein
Problem eben anders lösen. Das war’s dann. Schönen Tag noch. – Bitte machen Sie jetzt nichts, das Sie später bereuen werden. – Das kann ich Ihnen leider nicht versprechen.
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