Dunkelkammer, ein Bronski Krimi
Siebzehn
Anna hat den Auftrag mit einem Lächeln angenommen. Sie hat sich darüber gefreut, dass sie jetzt für alles bezahlt wurde, was sie ohnehin tat. Dass sie offiziell von einem Angehörigen mit Ermittlungen betraut wurde, machte vieles einfacher. Weichenberger musste jetzt mit ihr reden, ihre Fragen beantworten, sie standen praktisch auf derselben Seite. Sie versuchte genauso wie er einen Mord aufzuklären. Dass sie in Wahrheit nichts anderes im Sinn hatte, als herauszufinden, was mit Judith passiert war, wusste keiner.
Nur Bronski und Albert Laufenberg.
Der Sohn der Toten. Er hatte ein Alibi für den Zeitraum, in dem der Mord passiert war. Svenja hatte ihn dazu gebracht, ihr die Beweise für seinen Russlandaufenthalt vorzulegen, sie hatten ein Faksimile davon in der Zeitung abgedruckt. Laufenberg hatte nichts mit dem Tod seiner Mutter zu tun, sein Entsetzen über die Tat war echt, Anna zweifelte nicht daran. Es hatte ihn erschüttert, seine Mutter so zu sehen, die Tatsache, dass jemand so grausam war, sie zu enthaupten, verstörte ihn. Laufenberg wollte wissen, wer das getan hatte, er wollte helfen, war kooperativ, verbarg nichts, er war glaubwürdig, hatte sogar darauf verzichtet, Bronski wegen des Einbruchs Probleme zu machen. Alles, was er sagte, klang ehrlich. Anna vertraute ihm.
Sie hatte ein langes Gespräch mit ihm geführt und war überzeugt davon, dass er nichts über Judith gewusst hatte, bevor Bronski ihm davon erzählt hatte. Nichts über das Foto in der Geldtasche. Darüber, was seine Mutter mit diesem Baby zu tun hatte. Laufenberg war sauber. Deshalb konzentrierte sie sich jetzt auf den Geliebten.
Konstantin.
Der Mann aus dem Aufzug, von dem die geschwätzige Nachbarin erzählt hatte. Anna hatte ihn aufgespürt, während Bronski schlief. Sie war durch die Stadt gelaufen und hatte herumgefragt, von Restaurant zu Restaurant war sie gerannt, bis sie endlich auf jemanden getroffen war, der vor zwanzig Jahren schon in der Innsbrucker Gastroszene aktiv war und sich auskannte. Man erinnerte sich. An seinen Namen und an ein indisches Lokal, das er geführt hatte. Nur ein oder zwei Jahre lang war es geöffnet gewesen, der Besitzer war dann wieder zurück in das Tal gegangen, aus dem er gekommen war.
Konstantin Freund hieß der Mann.
Anna und Svenja waren auf dem Weg zu ihm. Svenja hatte es sich nicht nehmen lassen, mitzukommen. Immerhin hatte sie Frau Rainer zum Reden gebracht. Deshalb ließ Anna es zu. Sie akzeptierte, dass Svenja sie begleitete, ließ sie aber im Dunklen darüber, warum sie eigentlich nach Tirol gekommen war. Nur von einem Besuch in der alten Heimat sprach sie, dass sie die Gelegenheit wahrgenommen hatte und mit Bronski mitgefahren war, um sich ein paar feine Tage zu machen. Während der Fahrt ins Paznauntal sprach sie nur über ihre Arbeit als Detektivin und über das Glück, das sie hatte, nun für Laufenberg arbeiten zu dürfen. Das Geld sei immer knapp, sagte sie. Eine gute Gelegenheit sei es, ein paar Euro dazuzuverdienen. Sie schwärmte von der Landschaft, versuchte Svenja in aller Kürze das eigenartige Gemüt der Tiroler zu erklären, bereitete sie auf das Gespräch mit dem Gastwirt vor.
Svenja sollte Freund zum Reden bringen.
Anna hatte insgeheim beschlossen, dass sie es sein würde, die das Gespräch führen sollte. Svenja hatte Freund am Telefon um ein Interview gebeten, ihn mit demselben Trick wie Laufenberg geködert. Der Hotelier sollte Gelegenheit erhalten, sich zu erklären, bevor die Meute über ihn herfiel. Svenja würde ihn ausquetschen, sie waren gemeinsam die Fragen durchgegangen, hatten die Strategie festgelegt. Anna wollte, dass Svenja ihn Schritt für Schritt in die Ecke drängte. Sie selbst gab sich als Fotografin aus, wollte sich im Hintergrund halten. Beobachten, Bilder machen. Ihr eigenes Equipment hatte sie für Überwachungen immer dabei, sie teilte die Leidenschaft für Fotografie mit ihrem Bruder, ihr Auftreten würde also glaubwürdig sein. Ihr Plan war gut. Sie waren Journalistinnen.
Recherchierten im Zusammenhang mit einem Mordfall. Anna parkte.
Svenja zog ihren Lidstrich nach.
Dann stiegen sie aus und marschierten direkt in die Hölle. Ischgl. Après-Ski.
Es war schlimmer, als Anna es sich vorgestellt hatte. Trinker und Proleten, wo man hinsah, es war Happy Hour in Connys Stadel, Frauen und Männer in Sportklamotten und Schischuhen soffen und sangen infantile Texte, sie grölten und kreischten, kippten Schnäpse. Anna und Svenja hatten zwar gewusst, was sie erwartete, trotzdem waren sie beeindruckt. Es war faszinierend, Menschen im Rausch zu beobachten, wenn man selbst vollkommen nüchtern war. Ein Gruppenbesäufnis in einem umgebauten Stall war es, Alpinromantik, ein DJ , eine Goldgrube. Konstantin Freund hatte das indische Restaurant in der Stadt damals geschlossen und war nach Ischgl zurückgekehrt. Hier war er aufgewachsen, hier hatte er den Betrieb seiner Schwiegereltern übernommen. Gemeinsam mit seiner Frau Helene führte er nun das Hotel und einen der beliebtesten Après-Ski-Hotspots des Dorfes.
Freund erntete mit einem Lachen im Gesicht die Früchte seiner Arbeit. Bestimmt rechnete er nicht damit, dass das Interview, dem er aus einem Bauchgefühl heraus zugestimmt hatte, sein Leben auf den Kopf stellen würde.
Anna sah es ihm an.
Er war unbedarft und ahnungslos.
Freundlich empfing er die beiden Damen von der Zeitung. Ging mit ihnen hinaus auf die beheizte Terrasse. Er ließ drei Schnäpse kommen.
Und der Geschichte seinen Lauf.
OceanofPDF.com