Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Aichner, Bernhard · Kapitel 23 von 52

PDF-Seiten

Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Zweiundzwanzig

SVENJA SPIELMANN & DAVID BRONSKI

– Was ist los mit dir, Bronski?

– Was soll sein?

– Ich versuche seit Stunden, dich zu erreichen. Warum schaltest du dein

verdammtes Telefon aus, wenn ich mit dir reden will? – Wir müssen uns nicht unterhalten, Svenja. Unsere Aufgaben sind klar

verteilt. Es gibt genügend Fotomaterial, um deine Geschichten zu

bebildern, du hast also keinen Grund, Stress zu machen. Wir machen es

so wie besprochen, ich mache meinen Job und du machst deinen. – Das ist genau der Punkt, über den ich mit dir reden will. Du hast es

versemmelt, Bronski. Aus der Nummer kommst du so schnell nicht mehr

raus. Wenn ich Regina sage, dass ich quasi am Tatort war, du mir aber

den Zugang verwehrt hast, wird sie ziemlich ausflippen. – Du hast es ihr noch gar nicht gesagt?

– Nein.

– Das ist nett von dir. Danke.

– Du musst dich nicht bedanken, du sollst dich einfach nur benehmen wie

ein normaler Mensch.

– Wenn das so leicht wäre. Bin völlig aus der Übung, glaub mir. Aber weil

du es bist, versuch ich es. Ich wollte dir sagen, dass deine Stories bisher

ziemlich auf dem Punkt waren. Hätte nicht gedacht, dass du das so

hinbekommst.

– Schleimst du jetzt?

– Nein.

– Du schmierst mir Honig ums Maul, damit ich dich nicht mehr nerve,

oder? Damit ich dich nicht frage, warum du so etwas absolut

Beschissenes tust? Ich stand wirklich schon vor der Tür, Bronski. Wir

hätten noch genügend Zeit gehabt, bis die Polizei kommt. Anna war – Ich denke, er will sich die Presse vom Leib halten. – Indem er sie kauft?

gerade erst dabei, das Ganze zu melden, sie hätte mir nur die Tür

aufmachen müssen. Fünf Minuten in dem Zimmer hätten mir gereicht. – Anna kann nichts dafür. Ich habe sie darum gebeten. – Dass sie mir eine Mörderstory versaut?

– Ja.

– Das war absolut unprofessionell von dir, Bronski. Ich hätte das alles

wunderbar atmosphärisch einfangen können. Ich hätte Bilder machen

können. Mit dieser Geschichte hätten wir es wieder auf die Titelseite

geschafft. Die zweite Laufenberg-Leiche innerhalb weniger Tage, Regina

hätte das richtig groß spielen können. Wäre für uns alle gut gewesen.

Nicht nur für dich.

– Was soll das heißen?

– Du hast deine Kohle ja bereits, oder? Hast groß abkassiert, also Scheiß

auf die anderen.

– So ist das nicht.

– Wie ist es denn dann? Erklär es mir. Warum machst du so etwas? Bist du

immer so ein asozialer Drecksack?

– Ich bin nicht asozial.

– Was bist du dann?

– Es tut mir ja leid. Aber ich hatte wirklich meine Gründe. – Welche?

– Ich wollte nicht, dass diese Bilder in die Zeitung kommen. Geschrieben

oder fotografiert. Suizid in der Wanne, das ist kein schöner Anblick,

glaub mir. Schon gar nicht, wenn man betroffen ist. Wenn es die eigene

Frau ist, die dann in ganz Deutschland zur Schau gestellt wird. – Ach, komm schon. Da ist doch noch was anderes im Busch, oder? – Was meinst du?

– Warum hat Laufenberg deine Schwester engagiert? Ist doch seltsam. Sie

kennt diesen Typen doch gar nicht. Und er kennt sie auch nicht. Warum

macht der so was? Warum Anna? Warum lässt er euch so nahe an sich

heran?

– Ja.

– Und da spielst du einfach so mit?

– Das kann uns helfen. Er vertraut mir.

– Das ist doch absurd. Irgendetwas stimmt da nicht, Bronski. – Er will einfach, dass der Mord an seiner Mutter so schnell wie möglich

aufgeklärt wird, nur deshalb hat Anna diesen Auftrag bekommen. Er will

das Ganze abkürzen, sich nicht nur auf die Polizei verlassen. An seiner

Stelle würde ich vielleicht dasselbe tun.

– Vielleicht ist er ja doch schuldig? Können wir uns hundertprozentig sicher

sein, dass er mit dem Tod seiner Mutter nichts zu tun hat? Wer weiß,

vielleicht ist sein Alibi gefälscht? Ist doch möglich, oder? – Ist es nicht, und das weißt du. Die Polizei hat das mittlerweile alles

überprüft. Er kann es nicht gewesen sein, das müssen wir akzeptieren. – Müssen wir das? Wer sagt das? Wir sollten mit allem rechnen. Es ist unser

Job, die Dinge zu hinterfragen.

– Du hast ja recht, Albert würde als Täter die beste Figur machen. Er hat am

meisten profitiert von ihrem Tod. Aber er war es nicht. – Albert? Du duzt ihn? Das ging aber schnell.

– Wen ich duze oder nicht, kann dir völlig egal sein. – Du hast ihn also getroffen?

– Ja. Gerade eben.

– Und?

– Ich habe ihm gesagt, dass sich seine Frau umgebracht hat. – Wie hat er reagiert?

– Das werde ich dir nicht sagen, Svenja. Das ist nichts, worüber wir

berichten werden. Schreib über den Geliebten von Zita. Das ist die

bessere Geschichte. Selbstmord wird in unserem Blatt nie groß

aufgeblasen.

– In Fällen wie diesen schon. Ich komme zwar aus der Kultur, aber ich lese

die Zeitung auch, bei der ich arbeite. Sobald an einer Geschichte

irgendwo ein bisschen Fleisch an den Knochen hängt, sind wir in der

ersten Reihe dabei. In so einem Fall würden wir normalerweise das volle

Programm fahren, wir würden die beiden Leichenfunde in Verbindung

zueinander bringen, wir würden uns tolle Schlagzeilen ausdenken und

eine Mörderauflage machen, und das weißt du auch. – Bitte, Svenja.

– Du bittest mich? Ich soll also einfach meinen Mund halten? So tun, als

würde ich es nicht auf die Reihe bringen? Ich soll dich Regina gegenüber

aus dem Spiel lassen, nichts davon erzählen, dass du die

Berichterstattung blockiert hast? Du willst, dass ich einfach mache, was

du sagst?

– Ja. Es wäre gut, wenn du mir vertraust.

– Dir? Dafür hatten wir einen zu schlechten Start. Also vergiss es, Bronski.

Aus welchen Gründen auch immer du glaubst, dass das der richtige Weg

ist, ich habe einen Job zu erledigen. Außerdem solltest eigentlich du mir

entgegenkommen und nicht ich dir. Nach der Nummer in Innsbruck wäre

es nur fair, wenn du mir jetzt ein paar Details verraten würdest. Wir

könnten einen knackigen Stimmungsbericht aus Leipzig bringen. – Ich bin in Berlin.

– Ach so? Ich dachte, du hast gerade mit ihm geredet? – Er war bei mir zuhause.

– In deiner Wohnung? Drehst du jetzt völlig durch? – Lass gut sein, Svenja. Das ist absolut meine Sache. Du musst dir keine

Gedanken darüber machen, was ich in meiner Freizeit tue. – Oh doch, das muss ich. Wenn du willst, dass ich mich für dich zum Affen

mache, dann sagst du mir jetzt besser, warum du mit einem der

Verdächtigen in diesem Fall privat auf ein Bier gehst. – Wie oft denn noch, er ist kein Verdächtiger.

– Du sagst mir jetzt, warum du das alles machst. Sonst hast du ein Problem,

Bronski. Ich will wissen, warum du mich boykottierst. Warum hältst du

dich nicht an die Regeln?

– Weil sich meine Frau auch umgebracht hat.

– Deine Frau?

– Ja. Ich weiß, wie sich das anfühlt. Ich wollte nicht, dass irgendein

Scheißbulle es ihm sagt. Ich wollte nicht, dass er seine Frau in diesem

Blutbad sieht. Es ist auch so schon schlimm genug für ihn. – Das mit deiner Frau wusste ich nicht. Das tut mir leid. – Ist schon gut.

– Wann ist es passiert?

– Vor sechs Jahren. Sie ist von einem Hochhaus gesprungen. Ein Kollege

hat es sich damals nicht nehmen lassen, Fotos zu machen. Völlig verrenkt

und kaputt lag sie da auf der Straße. Überall war Blut. Ich kann diese

Bilder nicht vergessen. Es war ein Fehler, sie mir damals anzusehen. – Ich verstehe.

– Auch wenn ich diesen Mann nicht kenne, ich wollte ihn schützen. So wie

ich damals gerne geschützt worden wäre.

– Ich weiß nicht, was ich sagen soll.

– Du musst nichts sagen. Wenn du es schaffst, mir das Ganze nicht übel zu

nehmen, dann wäre das schon mehr, als ich von dir erwarten kann. – Das kostet dich aber ein paar Drinks.

– Deal.

– Vielleicht bist du ja doch nicht so ein Ekel, wie du es die Leute glauben

lassen willst.

– Täusch dich da mal nicht.

– Mein Bauchgefühl sagt mir, dass es einen Versuch wert wäre, es

herauszufinden.

– Du bist ganz schön mutig, Svenja Spielmann. Übertreib mal nicht. Ein

Date muss noch ein bisschen warten.

– Schade.

– Kannst ja mit Anna ein Gläschen trinken. Ich werde inzwischen zu

Laufenberg nach Leipzig fahren. Ich schaue mir die Familie an, ich

möchte sehen, wie sie leben. Albert war so freundlich, mich einzuladen. – Zu sich nach Hause?

– Ja.

– Mit Fotoapparat oder ohne?

– Mit.

– Eine Homestory?

– Ja.

– Warum um Himmels willen macht er das?

– Er will sich damit bei mir bedanken. Dafür, dass wir seine Frau aus dem

Spiel lassen. Mit einer Homestory kann er leben, sagt er. Die

Journalistenmeute kampiert ohnehin vor seiner Villa. Er will es so

beenden. Wir bekommen die Geschichte exklusiv. – Wann?

– Übermorgen.

– Ich werde da sein.

– Musst du nicht, Svenja.

– Doch, ich muss. Erstens wird irgendjemand auch einen Text zu deinen

Fotos schreiben müssen, und zweitens würdest du nicht damit leben

können, dass du auf meine Kosten den nächsten Volltreffer landest. Nur

weil ich meine Selbstmordgeschichte nicht bekommen habe, bekommst

du die Homestory. Das ohne mich zu machen ist keine Option, Bronski. – Stimmt.

– Ich sehe, du hast verstanden. Wir beide werden das gemeinsam machen.

Du wirst mir jetzt Zeit und Ort sagen, dann treffen wir uns dort. – Ich habe keine Wahl, oder?

– Nein, Bronski. Hast du nicht.

OceanofPDF.com