Dunkelkammer, ein Bronski Krimi
Vier
DAVID BRONSKI & REGINA MASEN
– Und?
– Was soll das, Bronski?
– Du hast die vielen schönen Bilder also bekommen. – Natürlich habe ich sie bekommen. Aber ich frage mich, was verdammt
noch mal du mir da geschickt hast?
– Du bekommst die Fotos exklusiv. Musst nur ein bisschen tiefer in die
Tasche greifen als sonst.
– Langsam, Bronski. Du sagst mir jetzt zuerst, wo du bist. Wer das ist auf
den Bildern. Und warum ich noch nichts davon gehört habe. Unsere
Polizeireporter wissen nichts über diese Leiche. – Niemand weiß davon. Noch nicht. Wir sind mehr oder weniger die
Einzigen, die wissen, dass diese Frau tot ist. Dass sie umgebracht wurde.
Und wo sie abgeblieben ist.
– Sprich nicht in Rätseln. Sag endlich, um was es da geht. – Verrückte Geschichte. Hat sich einfach alles so ergeben. Wenn du mir
gestern um diese Uhrzeit gesagt hättest, dass das alles passieren würde,
hätte ich dich ausgelacht. Ich fange tatsächlich gerade an, an das
Schicksal zu glauben. So viele Zufälle gibt es nämlich nicht im Leben. – Rede endlich, Bronski, oder ich reiß dir den Arsch auf. Wenn du uns mit
dieser Nummer in Schwierigkeiten bringst, hast du ein Problem mit mir,
versprochen.
– Ich kümmere mich nur darum, dass du Auflage machst. Kennst mich ja
mittlerweile, oder? Bronski hat alles unter Kontrolle. – Na dann, erzähl mal, du Genie.
– Ein alter Freund hat mich gestern Abend angerufen. Hat mich gebeten,
nach Tirol zu kommen. Hat mir gesagt, dass er da eine Story für mich
hat. Etwas, das gut in unser Blatt passen würde. Also habe ich alles
liegen und stehen lassen und bin sofort los. Berlin–Innsbruck in
sechseinhalb Stunden. Ich wurde zweimal geblitzt, aber es hat sich
gelohnt. Ich habe schon lange keine so unfassbaren Bilder mehr gemacht. – Du bist in Innsbruck?
– Ja. Fällt mir schwer diese Stadt zu hassen. Ist einfach wunderschön hier.
Du weißt ja, dass ich hier aufgewachsen bin, oder? – Es ist mir scheißegal, wo du aufgewachsen bist, Bronski. Ich will wissen,
was mit deinem Freund los ist. Wer ist der Mann? Was hat er damit zu
tun? Man findet doch nicht einfach so eine Leiche, oder? – Er ist obdachlos. Ist hier eingebrochen. Er war wohl kurz davor zu
erfrieren. Ist echt scheißkalt da draußen.
– Er hat sich also intuitiv genau die Wohnung mit der Leiche ausgesucht?
Scheint ein gutes Händchen zu haben, der Mann. – Ich sagte doch, dass das alles Schicksal ist. Es hat einen Grund, warum
ich hier bin. Warum er mich angerufen hat.
– Dich und nicht die Polizei. Genau das ist der Punkt. Hier hört nämlich der
Spaß auf, Bronski. Du hattest in der Wohnung nichts zu suchen. Du hast
dich strafbar gemacht, ich kann dir da nicht helfen, wenn dieser Schuss
nach hinten losgeht.
– Ob ich hier bin oder nicht, interessiert keine Sau. Die gute Frau ist schon
lange tot, ob sie noch ein bisschen länger hier unentdeckt rumliegt,
interessiert niemanden.
– Du willst mir jetzt aber nicht sagen, dass du immer noch in dieser
Wohnung bist, oder?
– Doch. Ich sitze im Wohnzimmer. Die Leiche liegt drüben im
Schlafzimmer.
– Was redest du da?
– Während ich hier noch ein Glas Wein trinke, kannst du ja schon mal
überlegen, wie viel du mir für diese Bilder bezahlen willst. – Drehst du jetzt völlig durch?
– Kurt hat Gott sei Dank noch eine Flasche für mich übrig gelassen. Ohne
Alkohol wäre das hier alles schwer zu verkraften. – Kurt?
– Der Freund von früher.
– Zuerst wird also jemand umgebracht, dann brecht ihr in die Wohnung ein,
du fotografierst alles, machst es dir am Tatort gemütlich und rufst mich
an. Ist ein bisschen viel auf einmal, findest du nicht? – Du hast vergessen zu erwähnen, dass ich Geld von dir will. Viel Geld. – Bist du betrunken?
– Nicht wirklich. Es ist nur so, dass ich so etwas in all den Jahren noch nie
gesehen habe. Die Frau ist völlig mumifiziert. Irgendein Psychopath hat
ihr den Kopf abgeschnitten. Ist schon krass, wenn man das so aus der
Nähe sieht.
– Wie lange liegt die Leiche schon da?
– Das kann ich dir genau sagen. Ich gehe davon aus, dass sie am Morgen
des 27.02.1999 umgebracht wurde.
– Du sprichst von der Zeitung am Frühstückstisch, oder? – Ja. Aufgrund der zwei Gedecke und der Klamotten am Boden nehme ich
an, dass sie vor dem Frühstück noch Sex hatte. Nach dem Kaffee musste
sie dann sterben. Pech für sie, Glück für den Mörder. Seit damals ist
nämlich niemand mehr in der Wohnung gewesen. Hier steht alles still. Ist
wie ein Museum. Könnte eine Kunstinstallation sein. – Ist es aber nicht, Bronski. Und deshalb musst du da raus. Man darf dich
da nicht finden, wenn irgendein Nachbar die Polizei ruft, dann war es das
für dich.
– Wie gesagt. Um mich musst du dir keine Sorgen machen. Du sollst mir
jetzt besser sagen, wie viel dir die Fotos wert sind. – Ach, komm schon, Bronski. Das sind nur Fotos von einer Leiche.
Zugegebenermaßen etwas Besonderes, aber am Ende können wir das
nicht drucken.
– Natürlich könnt ihr. Es gibt genügend Material, auf denen die Leiche
nicht ganz zu sehen ist. Nur Andeutungen, ein Bein, ein Arm, das blutige
Laken, sehr dezent alles, ich weiß doch, wie das Spiel funktioniert. – Was ist mit dem Kopf?
– Ist leider nirgendwo zu finden. Hat wohl jemand als Souvenir mit nach
Hause genommen. Aber das macht die ganze Sache nicht billiger für
dich.
– Wie viel willst du?
– Zwanzigtausend.
– Spinnst du?
– Ich kann die Bilder auch der Konkurrenz anbieten. – Kannst du nicht. Ich bin es nämlich, die seit vielen Jahren darauf schaut,
dass du nicht verhungerst. Ich bin die, die dich füttert, also werde auch
ich diejenige sein, die dir diese verdammten Bilder abkauft. Niemand
sonst, verstehst du das?
– Sie gefallen dir also doch?
– Fünftausend und keinen Deut mehr. Ich handle mir damit jede Menge
Schwierigkeiten ein, Polizei und Staatsanwaltschaft werden das gar nicht
lustig finden, dass wir am Tatort Spuren verwischt und Fotos gemacht
haben.
– Wir haben keine Spuren verwischt. Zumindest nicht allzu viele.
Außerdem musst du ja niemandem sagen, woher du die Bilder hast. Das
fällt unter Quellenschutz. Du wirst dich bestens mit der Kripo
arrangieren, niemand sonst wickelt die Pressesprecher so um den Finger
wie du. Kannst ja einen Deal mit denen machen. Veröffentlichung erst,
nachdem die Spurensicherung hier raus ist und sie die erste Meldung
rausgeben. Während die anderen nur Außenaufnahmen vom Haus zeigen,
bringst du die exklusiven Bilder vom Schlafzimmer und diesem
abgefahrenen Museum hier. Auf den Spuren des Totenkopfmörders. Dir
fällt sicher eine lustige Schlagzeile ein.
– Warum sollen wir über einen Mord in der österreichischen Provinz
berichten? Ich denke, wir haben genug Leichen hier in Deutschland. Ich
muss dir doch nicht unnötig Geld in den Rachen stopfen, um meine – Von mir aus, aber jetzt hau bitte von dort ab. Miete dich irgendwo ein und
Zeitung zu füllen.
– Doch, musst du. Erstens höre ich es an deiner Stimme, dass du richtig
heiß bist auf die Geschichte. Und zweitens haben wir hier einen
herrlichen Deutschlandbezug. Um genau zu sein, gibt es eine direkte
Verbindung zur Hauptstadt.
– Und welcher wäre das?
– Unser Opfer ist prominent. Ich habe einen Ausweis gefunden. Du wirst
Deutschland zum Staunen bringen, wenn das hier an die Öffentlichkeit
kommt.
– Jetzt mach endlich den Mund auf, Bronski.
– Fünfzehntausend.
– Zuerst will ich wissen, was du hast.
– Du erinnerst dich doch noch bestimmt an Zita Laufenberg. – Nein.
– Die Milliardärin, die vor zwanzig Jahren verschwunden ist. Da warst du
doch schon im Amt, oder? War eine große Geschichte damals, hat man
sogar hier in der Provinz mitbekommen.
– Natürlich erinnere ich mich. Ich kann nur nicht glauben, was du mir jetzt
hier auftischen willst.
– Die Frau auf den Fotos ist Zita Laufenberg. Nackt und ohne Kopf. Seit
zwanzig Jahren verschollen hier in ihrem Liebesnest in Tirol. – Wie kannst du dir so sicher sein, dass sie es ist? – Ich sagte doch, dass ich ihren Ausweis hier vor mir liegen habe.
Außerdem stehen ihre Initialen auf dem Türschild der Wohnung. Z L.
Kann kein Zufall sein. Außerdem ist sie genau in diesem Winter
verschwunden damals, eindeutiger geht es nicht. – Du verschwindest jetzt sofort aus der Wohnung, Bronski. Du warst
niemals dort, hast du das verstanden?
– Du gibst mir das Geld?
– Zehntausend.
– Zwölf.
halte die Augen offen. Ich möchte, dass du in der Nähe bleibst und
keinen Unsinn machst, bis die Verstärkung bei dir auftaucht. – Verstärkung?
– Svenja Spielmann.
– Das ist nicht dein Ernst, oder? Du schickst mir eine aus der
Kulturredaktion?
– Ich habe gerade niemand anderen. Aber Svenja macht das schon. – Sie auf diese Geschichte anzusetzen ist völliger Irrsinn. – Das lass mal meine Sorge sein. Sie schreibt und du fotografierst. Du wirst
meine Entscheidungen nicht in Frage stellen, Bronski. – Sag später nicht, dass ich dich nicht gewarnt hätte. – Halt jetzt die Klappe und mach dich vom Acker. Wenn Svenja da ist, dann
werdet ihr die Polizei anrufen und euch auf die Lauer legen. Ich will
Bilder von außen, ich will sehen, wie sie die Leiche wegschaffen, ich
will, dass ihr mit den Nachbarn redet, und dass ihr den Typen findet, für
den sie sich damals ausgezogen hat. Ihr spult das volle Programm ab,
verstanden?
– Wir sollen selbst bei der Polizei anrufen?
– Wer denn sonst, Bronski? Weiß ja keiner davon. Ich will die Fotos jetzt
veröffentlichen und nicht noch weitere zwanzig Jahre darauf warten
müssen. Ihr werdet einfach in eine Telefonzelle spazieren und einen
Einbruch melden. Die Polizei wird kommen und die Leiche finden. So
einfach ist das.
– Von mir aus.
– Guter Junge. Und bitte gib diesem Kurt genug von dem Geld, das ich dir
eben in den Rachen geworfen habe. Ich will nicht, dass der Typ
irgendwann auftaucht und sich verquatscht. Sag ihm, er soll am besten
eine Zeit lang verschwinden. Wäre unangenehm, wenn er erzählt, dass er
dich in die Wohnung gelassen hat. Ist also auch in deinem Interesse, dass
er den Mund hält.
– Schon erledigt. Von Kurt haben wir nichts zu befürchten. – Eins noch, Bronski.
– Was denn?
– Bitte sorg dafür, dass ich das hier nicht bereue.
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