Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Aichner, Bernhard · Kapitel 41 von 52

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Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Vierzig

KURT LANGER & JUDITH BRONSKI

– Hör auf zu schreien.

– Du sollst mich losbinden.

– Aufhören, habe ich gesagt. Sonst muss ich dich anders ruhigstellen. Ist

zwar nicht meine Art, aber ich hau dir eine runter, wenn du mir weiter

auf den Sack gehst.

– Was hast du mit mir gemacht? Wo sind wir hier? – Du sollst still sein. Macht mich nervös, wenn du redest. Ich klebe dir den

Mund zu, wenn du nicht sofort still bist.

– Bitte nicht. Ich werde nicht mehr schreien. Nicht den Mund zukleben. Ich

werde ganz ruhig sein. Ich mache, was du sagst. – Sehr gut. Ich kann sonst nicht denken. Kann mich nicht konzentrieren.

Irgendetwas ist da schiefgelaufen.

– Sag mir bitte, was du von mir willst. Wir können über alles reden. – Ich will nicht reden. Du solltest eigentlich schlafen. Nichts von dem

ganzen Scheiß mitbekommen. Das war so nicht geplant. Die Dosierung

war falsch, hätte eigentlich reichen müssen. Ich verstehe das nicht. – Was gibst du mir da? Was ist das da in dem Beutel? Bist du Arzt? Du hast

keine Ahnung von dem, was du da tust, stimmt’s? – Ich war früher Krankenpfleger.

– Und wie lange ist das her? Es ist stümperhaft, wie du mir die Leitung

gelegt hast. Ein Wunder, dass ich überhaupt noch lebe, du kannst mir

doch nicht einfach Anästhetikum nach Gefühl verabreichen. Das ist doch

irrsinnig.

– Du sollst den Mund halten, habe ich gesagt.

– Warum machst du das? Bitte sag mir einfach nur, warum du mich hierher

gebracht hast. Und was du von mir willst.

– Ich bin nicht hier, um Fragen zu beantworten.

– Ich möchte doch nur wissen, was hier los ist. – Und ich will nur mein Geld. Dann hau ich ab, und ihr könnt euren Scheiß

alleine ausmachen.

– Erpressung? Du willst Geld? Er soll Lösegeld für mich bezahlen? – Schwachsinn.

– Was ist Schwachsinn? Warum sollte ich sonst hier sein? – Dein Vater bezahlt mich für das hier. Er ist es, der will, dass du hier bist. – Albert Laufenberg? Er hat dir gesagt, dass du mich an den Haaren aus

Hamburg wegzerren, mich betäuben, irgendwo fesseln und in ein

künstliches Koma versetzen sollst?

– Ja.

– Dieses Schwein ist nicht mein Vater.

– Genau da liegt wahrscheinlich der Hund begraben. Darum macht er das

wohl. Er scheint die Schnauze voll von dir zu haben. – Was will er? Warum sollst du mich hier festhalten? – Ich bin nicht die Auskunft, Mädchen. Wenn du wissen willst, was in

seinem kranken Hirn vorgeht, frag ihn und nicht mich. – Ich habe Durst. Gib mir Wasser bitte.

– Kannst auch Schnaps haben. Das hilft, glaub mir. – Wasser reicht, danke.

– Wie du meinst. Prost.

– Kannst du mir eine Hand freimachen? Damit ich trinken kann. Bitte. Ich

schwöre dir, ich mache keine Probleme.

– Das ist genau das, was ich nicht wollte. Keine Komplikationen, keine

Fragen, kein Losbinden, kein Gejammer, kein Geschrei. – Ich werde nicht schreien. Ich will nur etwas trinken. Bitte. Nur einen

Schluck. Mein Mund ist völlig ausgetrocknet.

– Von mir aus. Aber ich werde dich nicht losbinden. Also mach deinen

Mund auf. Trink, oder lass es.

– Danke.

– Ich will nur meine Ruhe. Ich habe mit der ganzen Sache eigentlich nichts

zu tun. Das ist nicht mein Krieg hier. Wir bringen das jetzt einfach

friedlich hinter uns, dann verschwinde ich.

– Was ist, wenn ich zur Toilette muss?

– Einfach laufen lassen.

– Und wie lange sollst du mich hier festhalten? – Weiß ich nicht. Wir beide sind so lange hier, bis dein richtiger Vater tut,

was Laufenberg von ihm will.

– Du kennst ihn? Meinen richtigen Vater?

– Ja.

– Woher?

– Wir waren Arbeitskollegen vor zwanzig Jahren. – Wirklich? Du bist auch Fotograf? Erzähl mir davon. – Wir haben uns sehr gut verstanden damals. Bronski war einer von den

Guten. Das hier hat er eigentlich nicht verdient. – Was soll er für Laufenberg tun? Was will er von ihm? – Kann ich dir nicht sagen.

– Bitte. Ich möchte es nur verstehen. Ist doch nur fair, dass ich Bescheid

weiß, oder? Macht doch am Ende keinen Unterschied für dich, wenn du

mir sagst, was los ist. Komm schon, wir unterhalten uns doch nur. – Willst du noch einen Schluck?

– Ja. Aber langsam, bitte.

– So?

– Danke.

– Bronski soll für den Mord an deiner Großmutter ins Gefängnis gehen. – Er hat Zita umgebracht?

– Nein. So etwas könnte Bronski nicht. Ist viel zu weich dafür. Wirkt zwar

so, als wäre er ein harter Kerl, aber das ist er nicht. – Aber warum sollte er einen Mord gestehen, den er nicht begangen hat? – Wenn er es nicht tut, stirbst du.

– Was redest du da?

– Wenn Bronski sich weigert, muss ich leider diesen Beutel an die Lampe

hängen. Das Giftzeug rinnt dann durch die stümperhaft gelegte Leitung

in dich hinein und radiert dich aus. Noch einmal wirst du nicht

aufwachen, versprochen.

– So etwas würdest du doch nicht tun.

– Doch, würde ich. Und weißt du auch, warum? Weil mein Leben ohnehin

im Arsch ist. Es ist völlig egal, ob ich dich auch noch töte. – Auch noch? Du hast schon jemanden getötet? – Ja.

– Wen?

– Du ziehst das wirklich durch, oder? Bin beeindruckt. Gefällt mir, dass du

keine Angst hast. Ich erzähle dir, dass du vielleicht bald sterben wirst,

und du willst mit mir plaudern. Willst wissen, was ich für Scheiße gebaut

habe. Imponiert mir.

– Natürlich habe ich Angst. Aber was soll ich denn deiner Meinung nach

machen? Wieder beginnen zu schreien? Soll ich weinen? Muss ich für

dich zittern?

– Zittern wäre vielleicht eine gute Idee. Ich habe nämlich in den letzten

Tagen Dinge getan, von denen ich niemals gedacht hätte, dass ich dazu

fähig wäre. Ich habe Fehler gemacht. Schreckliche Fehler. – Darf ich dich fragen, wie du heißt?

– Kurt.

– Was hast du getan, Kurt? Sag es mir. Du willst es doch loswerden, oder?

Vielleicht ist es gut, wenn du darüber redest.

– Ich war gierig. Hätte das Kokain nicht nehmen sollen. Wenn ich es beim

Saufen belassen hätte, wäre das wahrscheinlich alles nicht passiert. Ich

wäre gar nicht dazu in der Lage gewesen. Ich hätte ihr das niemals antun

können. Sie würde noch leben, und ich wäre jetzt kein Mörder. – Wen hast du umgebracht?

– Seine Frau. Das Miststück, das dich damals entführt hat. – Nein.

– Doch. Nachdem man die Alte gefunden hat, ist sie anscheinend

zusammengebrochen. Sie wollte reden, zur Polizei gehen. Und

Laufenberg wollte das um jeden Preis verhindern. – Aber wie kann das sein? Alle sagen, es war Selbstmord. – War es nicht. Ich habe sie in die Badewanne gelegt. Sie vorher mit

Chloroform betäubt. Laufenberg hat mir gesagt, dass ich zu ihr ins Hotel

gehen und ihr die Pulsadern aufschneiden soll. Er hat mich angekündigt,

und sie hat mich erwartet. Sie dachte, dass ich ihr irgendwelche

Unterlagen vorbeibringen will. Sie hat mir die Zimmertür aufgemacht,

und ich habe sie umgebracht.

– Bitte sag mir, dass das nicht wahr ist.

– Das kann ich leider nicht. Was ich getan habe, lässt sich nicht mehr

rückgängig machen. Ich habe ihr das Tuch mit dem Chloroform ins

Gesicht gedrückt. So wie ich es bei dir gemacht habe. Sie war sofort weg.

Ist zu Boden gegangen. Ich habe sie ausgezogen und ein Bad eingelassen.

Dann habe ich die Rasierklinge genommen und ihr beide Unterarme

aufgeschnitten. Ich habe ihre Finger auf die Klinge gedrückt, dann bin

ich wieder gegangen. Sie ist verblutet, während ich in den nächsten

Supermarkt gelaufen bin und Schnaps gekauft habe. – Warum hast du das getan?

– Geld. Er hat mich gut dafür bezahlt.

– Wie viel Geld braucht es, um jemanden zum Mörder zu machen? – Hunderttausend. Ist viel für einen wie mich. Und für das hier mit dir

bekomme ich noch mal hundert. So eine Chance bekommt man nur

einmal im Leben. Du entscheidest dich dafür oder dagegen. – Du hast dich falsch entschieden.

– Ich weiß. Und hoffe, dass ich das alles vergessen kann. Ich werde mich in

Südamerika in die Sonne legen und so lange saufen, bis ich mich nicht

mehr an all das hier erinnere.

– Du weißt, dass das nicht geht.

– Ich kann es versuchen. Verschwinden und irgendwo neu anfangen. – Das wird er nicht zulassen. Du weißt zu viel. Er hat sich doch nicht nur

mein Ende bereits ausgedacht, sondern auch deines. Er will, dass du

stirbst. Genauso wie ich.

– Sag so etwas nicht.

– Überleg doch mal, Kurt. Du bist eine Bedrohung für ihn. Dein Wissen

kann ihn jederzeit ins Gefängnis bringen. Er muss damit rechnen, dass du

ihn erpressen wirst. Immer und immer wieder. Jedes Mal, wenn das Geld

knapp wird, könntest du bei ihm auf der Matte stehen, und er müsste

bezahlen. Er wird dich nie wieder los, wenn er dich am Leben lässt. In

seinen Augen bist du nur ein Parasit. Sobald du getan hast, was er von dir

will, wird er dich fallen lassen. Es wäre also vielleicht klug, über

Alternativen nachzudenken.

– Nichts von dem, was du sagst, wird passieren. – Du wirst nicht an einer Leberzirrhose sterben, Kurt. – Willst du dich mit mir anlegen? Glaubst du, dass es deine Situation

verbessert, wenn du mir so etwas sagst? Ich sollte dich wieder ins Koma

schicken, dann bist du endlich still und kannst keinen solchen Mist mehr

reden.

– Ich möchte, dass du mich losbindest und gehen lässt. – Denkst du, ich bin völlig verblödet?

– Wenn du verschwindest, bevor er sich um dich kümmern kann, hast du

eine echte Chance, mit dem Leben davonzukommen. Wenn du bleibst,

wirst du sterben. Du weißt, dass es so ist.

– Schwachsinn.

– Du musst nicht noch einen Mord begehen, Kurt. Das kann niemand von

dir verlangen. Deshalb lass es bitte nicht so weit kommen. Mach mich los

und hör auf mit dem Wahnsinn. Ich sehe doch, dass du ein guter Kerl

bist. Dass du bereust, was du getan hast.

– Netter Versuch. Aber wir bleiben hier und warten. – Worauf denn? Im besten Fall geht Bronski zur Polizei und stellt sich. Und

dann? Lässt Laufenberg die Tochter laufen, die ihn ans Kreuz nageln

kann? Er wird es nicht einfach so zulassen, dass ich zur Polizei spaziere

und erzähle, was passiert ist. So wird es nicht kommen, Kurt. Er wird von

dir verlangen, dass du mich tötest. Und dann wird er dich töten. – Ich werde jetzt dafür sorgen, dass du still bist. – Bitte tu das nicht.

– Doch, ich muss.

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