Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Aichner, Bernhard · Kapitel 33 von 52

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Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Zweiunddreissig

DAVID BRONSKI & REBECCA LAUFENBERG

– Was wollen Sie von mir?

– Es ist wirklich wichtig, dass wir miteinander reden. Nur ein paar Minuten.

Bitte setzen Sie sich doch kurz.

– Ich muss arbeiten.

– Meine Kollegin da drüben an der Bar hat mit Ihrem Chef gesprochen. Es

ist in Ordnung für ihn, wenn wir uns kurz unterhalten. – Ich allein entscheide, mit wem ich mich unterhalte. Und auch, wann ich

das tue. Also lassen Sie mich bitte in Ruhe.

– Ihr Vater schickt mich. Er will, dass ich Sie wieder nach Hause bringe. Er

macht sich Sorgen um Sie.

– Verschwinden Sie, oder ich sorge dafür, dass man Sie hinauswirft. Und

richten Sie diesem Schwein aus, dass er mich in Ruhe lassen soll. – Er sagt, dass Sie völlig durcheinander sind. Zuerst das mit Ihrer

Großmutter, dann der Tod Ihrer Mutter. Vielleicht wäre es wirklich

besser, wenn Sie jetzt nicht allein sind. Ihr Vater hat Angst, dass Sie sich

etwas antun.

– Was hat er? Das soll wohl ein Witz sein, oder? Er schickt Sie tatsächlich,

um mir das zu sagen?

– Ja. Ich denke, er braucht Sie jetzt. Und möglicherweise brauchen Sie ihn

ja auch. Überlegen Sie es sich. Vielleicht rufen Sie ihn einfach kurz an

und sagen ihm, dass es Ihnen gut geht.

– Also gut.

– Sie rufen ihn an?

– Nein. Aber ich werde mich jetzt zu Ihnen setzen und Sie aufklären.

Obwohl ich Sie nicht kenne, sage ich Ihnen, dass Sie absolut keine

Ahnung von dieser ganzen Scheiße haben. Sie kommen hier an und

mischen sich ein, ohne das Geringste zu verstehen. Nicht über ihn. Und

nicht über mich.

– Da haben Sie recht.

– Sie machen sich über mich lustig, oder?

– Nein. Ich weiß nur nicht, was ich sagen soll. – Sie amüsieren sich darüber, dass ich so dumm bin, sofort in die Knie zu

gehen, wenn ich nur seinen Namen höre. Er schickt einen seiner

Laufburschen, und ich knicke ein. Wahrscheinlich will er, dass ich auf

dem Begräbnis die traurige Tochter gebe, oder? Ist doch so, oder?

Deshalb sind Sie hier, Sie sollen mich zurückholen, damit ich am Grab

meiner Mutter die trauernde Tochter spiele.

– Sie müssen nicht zurück, wenn Sie das nicht wollen. – Aber er bezahlt Sie doch dafür, mich wieder einzufangen und zurück in

den Stall zu bringen. Ist doch so.

– Er bezahlt mich nicht. Ich arbeite nicht für Ihren Vater. – Was denn dann?

– Ursprünglich wollte ich ihm nur einen Gefallen tun. – Und jetzt?

– Es ist alles viel komplizierter, als Sie denken? – Keine Ahnung, wovon Sie reden. Aber sicher hat er Ihnen von seiner

heilen Welt erzählt, oder? Er hat Sie glauben lassen, dass ihm seine

beschissene Familie wichtig ist. Dass ich ihm wichtig bin. – Sind Sie das nicht?

– Nein. Diese heile Familie, von der er spricht, gibt es nämlich nicht. Alles

nur Fassade. Der Schlossherr ist ein Lügner.

– Und Ihre Mutter?

– Ist tot. Es gibt für mich keinen Grund mehr zu bleiben. – Was denken Sie, warum sie sich umgebracht hat? – Ich glaube nicht daran, dass sie sich umgebracht hat. – Wie meinen Sie das?

– So, wie ich es sage. Ich hätte es gespürt, wenn sie so etwas hätte tun

wollen. Sie hätte es nicht vor mir verbergen können.

– Man kann leider nicht in einen Menschen hineinschauen. Wer weiß, was

Ihre Mutter mit sich herumgeschleppt hat. Was sie belastet oder vor

Ihnen verborgen hat.

– Kurz bevor es passiert ist, habe ich noch mit ihr telefoniert. Ich wollte

wissen, wann sie nach Hause kommt. Sie sagte, dass er darauf bestanden

hat, dass sie noch in Tirol bleibt.

– Warum?

– Weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass sie sich an dem Nachmittag, an dem sie

sich angeblich umgebracht hat, noch im Hotel-Spa massieren lassen

wollte. Sie hat davon geschwärmt. Wie toll sie den Masseur fand. Wie

gut ihr das getan hat.

– War Ihre Mutter depressiv?

– Nein.

– Hat sie sonst noch etwas gesagt?

– Sie war irgendwie aufgekratzt. Sie hat gesagt, dass sie mit mir reden will,

dass sie mir irgendetwas Wichtiges zu sagen hat. – Sie haben keine Ahnung, worum es ging?

– Nein. Und jetzt lassen Sie mich bitte in Ruhe. Ich bin fertig mit meinem

Vater.

– Es gibt da aber einige Dinge, die Sie noch nicht wissen. – Hören Sie auf damit. Ich will einfach nur meine Ruhe. Endlich

abschließen. Deshalb werde ich jetzt aufstehen und weiterarbeiten. Sagen

Sie ihm, dass ich ihn nie wiedersehen will.

– Bitte bleiben Sie noch einen Augenblick.

– Lassen Sie es gut sein.

– Sie sind vielleicht die Einzige, die mir helfen kann. – Wobei?

– Ich suche meine Tochter. Seit einundzwanzig Jahren schon. – Und was geht mich das an?

– Ihre Großmutter, Ihre Mutter, und wahrscheinlich auch Ihr Vater waren

1999 in die Entführung von ihr verwickelt. Es schaut so aus, als wäre es – Zuerst hat sie mich lange nur angestarrt.

Ihre Familie gewesen, die mir und meiner Frau das angetan hat. – Was reden Sie denn da?

– Unser Baby war damals vier Monate alt. Man hat es uns einfach

weggenommen. Gestohlen. Unser Kind.

– Drehen Sie jetzt durch?

– Alle haben damals geglaubt, unser Mädchen sei tot. Aber wir haben nie

aufgehört zu hoffen. Mona und ich haben uns nichts mehr gewünscht im

Leben, als dass wir sie irgendwann wiederfinden. – Mona?

– Ja.

– Mona ist Ihre Frau?

– Sie war es. Irgendwann konnte sie nicht mehr. Sie ist in Berlin von einem

Hochhaus gesprungen.

– Haben Sie ein Foto von ihr dabei?

– Ja.

– Zeigen Sie es mir.

– Gerne. Warten Sie. Hier.

– Das ist Mona?

– Ja.

– Ich bin ihr schon einmal begegnet.

– Wie meinen Sie das?

– Es war vor sechs oder sieben Jahren. In einem Theater in Berlin. Hamlet

wurde gespielt. Ich war mit meiner Schulklasse da. Eine Woche

Hauptstadt. War gut, mal aus Leipzig rauszukommen. Wir haben dort

noch etwas getrunken nach der Vorstellung.

– Meine Frau hat in der Schaubühne als Kellnerin gearbeitet. – Sie hat mich angesprochen.

– Warum sollte sie das gemacht haben?

– Ich habe es damals auch nicht verstanden. Ich dachte, sie ist betrunken.

Oder verrückt. Erst heute macht das alles irgendwie Sinn. – Was macht Sinn? Was ist passiert damals?

– Und dann?

– Hat sie mich umarmt. Und mir etwas ins Ohr geflüstert. Ich kann mich

noch genau daran erinnern. Unheimlich war das. – Was hat sie gesagt?

– Dass ich ihre Tochter bin.

– Was?

– Ich bin deine Mama , hat sie gesagt. Ich war mir sicher, dass sie psychisch

krank war. Sich mit Gewalt an jemanden erinnern wollte. Irgendwie hat

sie mir leidgetan, deshalb ließ ich es auch über mich ergehen. – Wann genau war das?

– Lassen Sie mich nachdenken. Herbst 2015, denke ich. Aber ich kann

gerne noch mal nachsehen.

– Müssen Sie nicht. Ich erinnere mich daran. Mona hat es mir erzählt. Dass

sie jemanden getroffen hat. Jemanden, bei dem sie das Gefühl hatte, es

könnte Judith gewesen sein. Ich habe sie aber nicht ernst genommen. – Ganz schön spooky, was hier gerade abgeht. – Sie war sich so sicher. Dass sie unsere Tochter endlich gefunden hat. Ein

Mädchen aus Ostdeutschland, hat sie gesagt. Ich erinnere mich, dass sie

sogar mit Ihrem Lehrer gesprochen hat, sie hat herausgefunden, um

welche Schule es sich handelte. Mona wollte, dass ich mit ihr dorthin

fahre. Was ich aber leider nicht getan habe.

– Was hat das alles zu bedeuten?

– Es könnte sein, dass meine Frau richtig lag.

– Moment mal. Was reden Sie denn da?

– Es könnte sein, dass Ihr Vater es irgendwie möglich gemacht hat. Ihre

Geburtsurkunde rückdatiert hat. Er hat alles so aussehen lassen, als wären

Sie ein knappes Jahr älter als Judith.

– Judith?

– So hieß unsere Tochter.

– Wollen Sie mir jetzt sagen, dass Sie mein Vater sind?

– Nichts auf der Welt würde ich lieber tun.

– Ihnen ist klar, dass das hier völlig abartig ist. – Ja, das ist es. Aber das Unglaubliche ist, dass alles wirklich so passiert

sein könnte. Ihre Mutter könnte die Schwangerschaft vorgetäuscht haben.

Sie war eine schlanke Frau, bis zum fünften oder sechsten Monat hätte

man ohnehin nicht viel gesehen, danach hat sie ihren Bauch einfach

ausgepolstert. Bis zur vermeintlichen Geburt hat sie das gestohlene Baby

irgendwo untergebracht. Dann hat sie offiziell entbunden und sich ein

paar Monate lang in dem verdammten Schloss zurückgezogen. So lange,

bis niemand mehr sagen konnte, wie alt das Baby wirklich war. – Sie sind völlig verrückt.

– Das einzige Problem bei dieser Theorie sind leider Ihre Augen. – Was ist mit meinen Augen?

– Sie haben die falsche Farbe. Die Augen meiner Tochter waren nicht

braun. Dass ich Judith endlich gefunden habe, bleibt also ein Traum. – Welche Farbe hatten die Augen Ihrer Tochter? – Das klingt jetzt vielleicht seltsam, aber es war ein kleines Wunder der

Natur. Kommt selten vor, aber doch.

– Es waren zwei Farben, richtig?

– Stimmt. Aber woher wissen Sie das?

– Ein grünes und ein blaues Auge.

– Ja, aber. Um Himmels willen. Was machen Sie denn da? – Ihre Frau hatte wohl recht.

– Womit?

– Damit.

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