Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Aichner, Bernhard · Kapitel 39 von 52

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Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Achtunddreissig

ALBERT LAUFENBERG & DAVID BRONSKI

– Schön, dass du gekommen bist, David. War eine sehr würdige

Verabschiedung, findest du nicht auch?

– Dafür wirst du bluten. Für alles, was du getan hast. – Jetzt sofort? Willst du es gleich vor dem netten Polizisten dort drüben

erledigen? Würde ihm bestimmt gefallen, wenn du hier auf mich

losgehst.

– Wo ist sie? Wo hat dieser Scheißkerl sie hingebracht? – Du meinst deinen Freund Kurt? Ein lieber Kerl, sehr motiviert, ich bin

immer wieder erstaunt, wozu Menschen fähig sind. Ich meine solche, die

eigentlich schon am Abgrund stehen.

– Du solltest mir jetzt besser sagen, was ich wissen will. – Sonst? Prügelst du mich tot? Wir wissen doch beide, dass du dazu nicht in

der Lage bist. Du bist eher der gelassene Typ, Gewalt steht dir nicht.

Wobei ich natürlich verstehe, dass du das Bedürfnis hast, mir zu drohen.

Das Schicksal hat dir wirklich übel mitgespielt. – Dass dieser Bulle hier rumsteht, wird mich davon abhalten, dir wehzutun.

Für das, was du unserer Familie angetan hast, wirst du bezahlen. – Das werden wir ja sehen. Aber lass uns doch ein Stück gemeinsam gehen.

Du könntest mich doch zu meinem Wagen begleiten, du musst nämlich

wissen, ich liebe es, mit Freunden spazieren zu gehen. Beruhigt die

Nerven, vor allem auf so einem hübschen Friedhof. All die Toten hier

strahlen so viel Ruhe aus, oder?

– Sag mir, wo sie ist.

– Deine Tochter ist in Sicherheit.

– Wo, verdammt noch mal, ist sie.

– Dazu kommen wir gleich. Ich würde dir vorher gerne in meinem Wagen

etwas zeigen, etwas wirklich Originelles, das ich für dich vorbereitet

habe. Und außerdem interessiert es mich brennend, wie das Wiedersehen

für dich war. Etwas kurz, wie ich gehört habe, aber doch bestimmt

wunderschön, oder? Muss ein unbeschreibliches Gefühl sein, seinem

eigenen Kind nach so vielen Jahren wieder zu begegnen. – Was hast du ihr angetan?

– Nichts. Warum sollte ich ihr etwas angetan haben? Ich habe deine Tochter

immer fair behandelt. Auch wenn sie nicht meine war, ich habe versucht,

ihr ein guter und liebevoller Vater zu sein. Ist mir zugegebenermaßen

nicht besonders gut gelungen, aber was soll’s. Am Ende ist sie

zweiundzwanzig Jahre alt geworden, das schaffen nicht alle, die das Pech

haben, in solche sozialen Verhältnisse hineingeboren zu werden. Labile

Mutter, depressiv, überfordert, abwesender Vater, Kinder solcher Eltern

haben gewöhnlich keine Perspektiven.

– Ich soll mir diesen Dreck wirklich anhören?

– Das wäre von Vorteil, ja. Und vor allem gesünder für deine Tochter. Es ist

wichtig, dass du begreifst, dass ich das alles sehr ernst meine. Dass ich zu

Dingen fähig bin, die du nicht für möglich hältst. – Du drohst mir?

– Nein, ich möchte nur deine Aufmerksamkeit. Wie gesagt, ich würde dir

gerne die Wahrheit sagen. Ist nämlich auch für mich befreiend, endlich

reinen Tisch zu machen. Ich schleppe das alles schon so lange mit mir

herum. War wirklich an der Zeit, ein bisschen Ordnung zu schaffen, die

Dinge in die richtigen Bahnen zu lenken. Und für dich ein bisschen Licht

in die ganze Sache zu bringen. Ich stelle mir das fürchterlich vor, keine

Gewissheit zu haben, ständig im Dunklen zu tappen. Obwohl ich sagen

muss, dass du dich gut geschlagen hast. Deine reizende Schwester auch.

Ihr habt ein Stöckchen nach dem anderen aufgesammelt und euch euren

eigenen Reim darauf gemacht. An dieser Stelle ein großes Kompliment

dafür.

– Steck dir deine Komplimente sonst wohin und mach lieber deinen Mund

auf. Ich weiß nicht, wie lange ich mich noch zurückhalten kann.

– Wenn ich dir einen Rat geben darf, solltest du das noch ein wenig

durchhalten und deine Chance nutzen, um endlich Klarheit zu

bekommen. Wir haben nämlich nicht viel Zeit, dein Freund Kurt könnte

jederzeit einen Fehler machen und der Verantwortung, die ich ihm

übertragen habe, nicht gewachsen sein.

– Was ist mit ihm? Wo hat er sie hingebracht? Und woher kennst du diesen

Dreckskerl überhaupt?

– Sehr gute Fragen. Jetzt hast du das Spiel verstanden. Wir fangen also mit

deinem Kollegen Kurt an. Es war wirklich ein Glücksfall, auf ihn zu

treffen. Ein alkoholkranker, spielsüchtiger Freund des Mannes, den es

galt, auf die richtige Spur zu bringen. Der perfekte Mitarbeiter. Er hat

zwar ein paar Tage gebraucht, bis er sich dazu durchgerungen hat,

mitzuspielen, aber letztendlich hat er alles perfekt umgesetzt. Der Mann

war ein Geschenk. Als ich Erkundigungen über dich eingezogen habe,

fiel er mir quasi in die Hände, niemand hätte sich besser als Handlanger

geeignet als er.

– Er hat das Foto in der Wohnung platziert, richtig? – Ja. Aber du darfst ihm bitte nicht böse sein, der Mann ist wirklich am

Ende. Betrunken, sobald die Sonne aufgeht. Nur das Koks, das ich ihm

gegeben habe, hält ihn im Moment auf den Beinen. Ein armer Teufel ist

das. Er wird diese Geschichte wohl genauso wenig überleben wie mein

alter Freund Schulte. Wie du vielleicht schon gehört hast, hatte er einen

bedauerlichen Unfall. Jemand hat ihn einfach totgefahren. Ein

schreckliches Gemetzel war das. Du hättest bestimmt tolle Portraits

machen können, wenn du da gewesen wärst. Bizarre Bilder. Bekommt

man nur schwer wieder aus dem Kopf, aber du kennst das ja. – Du warst das?

– Ich würde es so niemals sagen. Aber ich bin nicht traurig darüber, dass er

nicht mehr unter uns weilt. Seit zwanzig Jahren lag mir der Mann auf der

Tasche, nur weil er mir hin und wieder einen Gefallen getan hat. Ein

nimmersatter Schmarotzer, hat den Hals nie vollbekommen. Allein dafür,

dass er diesen Kurt auf Schiene gebracht hat, habe ich ihm ein kleines

Vermögen bezahlt.

– Warum erzählst du mir das alles?

– Ich möchte, dass man mich ernst nimmt. Schulte hat das leider nicht

getan. Obwohl er so ein kreativer Kopf war. Er hat mir damals sehr

geholfen, als das mit meiner Mutter passiert ist. Wenn er nicht gewesen

wäre, würde sich der nette Herr von der Polizei da drüben auf mich

konzentrieren, und nicht auf dich.

– Was soll das heißen?

– Er war sehr interessiert an Ethnologie, Bräuche und Riten anderer Völker,

tatsächlich sehr ungewöhnlich für einen Biker. – Der Kopf deiner Mutter.

– Ja. Er hat ihn damals für mich abgetrennt und ausgekocht. Ich hätte es

nicht übers Herz gebracht, ihr das anzutun. Er aber hat das Ganze

konsequent durchgezogen. Eine Riesensauerei muss das gewesen sein,

unvorstellbar, was er da geleistet hat. Er hat ihr den Skalp abgezogen, so

wie du es vielleicht aus alten Indianerfilmen kennst, er hat alles an Haut

und Fleisch weggeschnitten, was an dem Kopf dran war, den Rest hat er

im Kochtopf erledigt. Hat Stunden gedauert, bis nur noch der Schädel

übrig war.

– Er hat sie getötet?

– Nein. Er hat nur dafür gesorgt, dass ich ein kleines Souvenir behalten

kann.

– Das mit dem falschen Alibi stimmt also. Die Zeitung auf dem Tisch, das

Datum, du hast das alles arrangiert?

– Schulte, nicht ich. Auch hier hat er ganze Arbeit geleistet. Er hat da eine

wirklich geniale Idee gehabt.

– Du warst es also. Hast deine eigene Mutter umgebracht. – Auch das würde ich offiziell nicht bestätigen. Es war wohl eher ein

bedauerlicher Unfall. Meine Mutter hat ein paar Dinge gesagt und getan,

die wohl niemand einfach so hingenommen hätte. Zum einen wollte sie

tatsächlich diesen Tiroler Dorftrottel heiraten und damit die Zukunft der

Firma aufs Spiel setzen, und zum anderen hat sie es nicht sonderlich

begrüßt, dass meine Frau und ich ein Kind bekommen haben. – Ihr habt also ein Kind bekommen. So nennst du das? Entführst mein Baby

und sagst mir das ins Gesicht?

– Ja. Wir waren überglücklich, dass es endlich geklappt hat. So viele Jahre

hatte meine Frau versucht schwanger zu werden, wir haben es immer und

immer wieder versucht, aber es sollte nicht sein. Unsere Beziehung wäre

beinahe daran gescheitert, aber siehe da, plötzlich fügte sich alles zum

Guten. Wir haben Urlaub gemacht in Tirol. Hatten ein herrliches Haus

gemietet in Kitzbühel, Margit war mit dem Zug nach Innsbruck gefahren

und wollte einkaufen. Und dann war da plötzlich diese Frau. Und dieses

kleine, hilflose Baby. Margit hat ganz spontan reagiert, sie hat sich in den

nächsten Zug zurück nach Kitzbühel gesetzt und ist zu mir gekommen.

Schau mal, was ich da habe , hat sie gesagt. Ein Mädchen. Ohne viele

Worte haben wir uns umarmt und beschlossen, das Geschenk

anzunehmen, das uns der Himmel gemacht hat. – Der Himmel? Du mieses Dreckschwein.

– Ja, wir hatten wirklich großes Glück. Und wir haben dieses Glück

angenommen. Schnell waren wir uns einig, dass unser Baby Rebecca

heißen und bei uns aufwachsen soll. Mit viel Einfallsreichtum und

Geschick haben wir es möglich gemacht, dass nie jemand misstrauisch

wurde und Fragen gestellt hat. Wir waren während der Schwangerschaft

viel auf Reisen, keiner hat am Ende daran gezweifelt, dass es unser Kind

ist. Es lief alles gut. Es war ein Kinderspiel. Nur meine Mutter hat

Probleme gemacht. Sie wollte es einfach nicht akzeptieren, dass wir

glücklich waren. Sie hat gesagt, dass sie sich um das Kind kümmern

wird, weil ich dazu gar nicht fähig wäre. Verrückterweise hat sie mir

irgendwann sogar vorgeschlagen, es mir abzukaufen. Sie wollte es ihrem

Geliebten schenken, kannst du dir das vorstellen. Sie hat völlig die

Kontrolle über ihr Leben verloren, es war offensichtlich, dass sie alles

ruinieren würde. Gott sei Dank ist sie gestorben, bevor sie größeren

Schaden anrichten konnte. War eine gute Entscheidung, die Firma steht

so gut da wie noch nie. Ich expandiere. Und da wir die Gute nun endlich

eingegraben haben, habe ich auch die nötigen Mittel dazu. – Wegen des Geldes also. Deshalb sollte ich sie finden? Damit du erbst? – Nicht nur. Das wäre zu einfach.

– Warum dann?

– Ein klein wenig Geduld noch. Wie versprochen werde ich dir jetzt in

meinem Wagen etwas zeigen.

– Ich soll mit dir ins Auto steigen? Gerne. Dann werde ich dir endlich deine

verfluchte Fresse einschlagen.

– Wirst du nicht. Wie du siehst, hat uns der nette Beamte die ganze Zeit

begleitet. Er beobachtet uns immer noch. Wartet nur darauf, dass du

einen Fehler machst. Ich habe ihn gut auf alles vorbereitet, ihm gesagt,

dass du gewaltbereit bist, dass du mir höchstwahrscheinlich etwas antun

willst, weil du aus irgendeinem Grund davon überzeugt bist, ich hätte

deine Tochter entführt. Zudem habe ich ihm gegenüber auch meine

Vermutung geäußert, dass du der Mörder meiner Mutter bist. Er hat das

netterweise sehr ernst genommen. Deshalb ist er auch nicht allein

gekommen. Wenn du genau hinsiehst, kannst du die uniformierten

Kollegen da vorne sehen. Und die zwei Einsatzwägen da hinten, der

Mann scheint wohl mit dem Schlimmsten zu rechnen. Und das bedeutet

wohl, dass ich in Sicherheit bin.

– Drehst du jetzt völlig durch? Ich soll deine Mutter umgebracht haben? – Ja, so habe ich mir das ausgedacht. Das wird das Finale. Aber jetzt steig

erst mal ein, dann schauen wir uns schnell noch ein kleines Filmchen an.

Dein Freund Kurt hat es gemacht. Ziemlich eindrucksvoll und effektiv,

du wirst sehen. Wird dir gefallen, mein Lieber.

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