Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Aichner, Bernhard · Kapitel 28 von 52

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Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Siebenundzwanzig

 

Als ich aufwachte, lag eine wunderbare Frau neben mir. Ich rührte mich nicht, wusste nicht, was ich tun sollte. Davonlaufen, sie wecken, es irgendwie ungeschehen machen? Ich erinnerte mich an das, was wir getan hatten. Worüber wir geredet hatten. Ich konnte mir nicht erklären, wie es so weit hatte kommen können. Wie es sein konnte, dass Svenjas Arm auf meinem Bauch lag. Dass sich ihr Kopf an mich schmiegte. Dass sie leise neben mir schnurrte wie eine Katze. Diese Frau war völlig verrückt.

Viel verrückter noch, als ich gedacht hatte.

Sie war ein Vulkan, eine Naturgewalt, was sie mit mir im Bett gemacht hatte, war unfassbar. Behutsam hatte sie die richtigen Knöpfe gedrückt. Einen nach dem anderen. Womit ich schon lange nicht mehr gerechnet hatte, war passiert. Ich hatte wieder jemanden an mich herangelassen, viel näher, als ich gewollt hatte. In sieben Jahren war es nur zweimal dazu gekommen, dass ich mit einer Frau geschlafen hatte, es war jedes Mal unbefriedigend gewesen, es hatte sich nicht richtig angefühlt. Es war immer so gewesen, als würde ich Mona hintergehen, sie betrügen. Auch wenn ich wusste, dass das absurd war, ich konnte nichts dagegen tun, wurde dieses Gefühl nicht los. Bis zu dem Moment, in dem Svenja mich einfach auszog und küsste, war ich überzeugt davon gewesen, dass dieses Thema für mich abgeschlossen war. Ich hatte mich daran gewöhnt, dass es keine Berührungen gab in all den Jahren, keine Zärtlichkeit, keine Zuneigung. Es hatte mir nicht gefehlt.

Jedenfalls hatte ich das gedacht.

Svenja zeigte mir, dass ich falsch gelegen hatte. Sie ließ mir keine Zeit, Nein zu sagen, mich aus der Situation herauszuwinden, sie riss mich einfach mit, überrollte mich mit ihrer Leidenschaft. Nie hätte ich gedacht, dass ich so etwas noch einmal fühlen könnte. Ich ließ mich fallen, hörte auf, mich an der Vergangenheit festzuhalten, die Leichtigkeit, mit der sie mir und meiner Geschichte begegnete, verführte mich.

Svenja gab mir das Gefühl, dass ich etwas Besonderes war. Ich hörte auf, darüber nachzudenken, ob ich das alles verdient hatte, irgendwann nahm ich es einfach hin. Genoss es. Alles, was in dieser Nacht passiert ist. Es war herrlich. Auch am Morgen noch. Obwohl ich mir einzureden versuchte, dass es eine Katastrophe war, was wir angerichtet hatten, fühlte es sich gut an. Ich wollte, dass sie blieb, dass sie mit mir frühstückte. Als sie aufwachte, bat ich sie darum. Doch Svenja zog mich zurück ins Bett, sie brachte mich dazu, dort weiterzumachen, wo wir in der Nacht aufgehört hatten.

Ihre Haut. Meine Haut.

Wie ein Rausch war es.

Stundenlang blieben wir liegen, die Welt außerhalb meines Wohnzimmers ignorierten wir. Laufenberg und seine Tochter, ich wollte nicht an sie denken. Auch nicht an das Foto von Judith. Ich wollte ein paar Stunden lang frei davon sein, mir keine Gedanken darüber machen, wie alles zusammenhing. Ich wollte mir keine Hoffnungen machen müssen, nicht all mein Glück davon abhängig machen, so wie in den letzten einundzwanzig Jahren. Ich machte einfach die Augen zu.

Und ließ Anna ihre Arbeit tun.

Sie traf sich mit dem Biker.

Schulte hatte eingewilligt, mit ihr zu reden. Es war ihr gelungen, noch vor Weichenberger einen Termin bei ihm zu bekommen. Wahrscheinlich war Schulte neugierig, er wollte von Anna wissen, was auf ihn zukommen würde. Was die Polizei von ihm wollte.

Ich werde ihn zum Reden bringen, hatte Anna gesagt. Sie versprach es mir am Telefon. Anna war optimistisch wie immer, war ganz in ihrem Element, stand völlig unter Strom. Wir schaffen das, sagte sie.

Ich bedankte mich.

Verschwieg ihr, dass ich Besuch hatte.

Während Svenja auf der Toilette war, erzählte ich Anna die Kurzfassung über unseren Besuch bei Laufenberg.

Sophie, Alberts Zusammenbruch, Rebecca.

Wir vereinbarten, dass sie weiter nach Judith suchen würde. Ich würde mich um Laufenberg kümmern.

Kurz aber wollte ich noch meine Ruhe haben. Nichts tun müssen. Meine Vergangenheit vergessen, mit Svenja allein sein. Nur ein paar Stunden noch. Gierig war ich, bedürftig, und auch wenn ich es nicht wahrhaben wollte, ein klein wenig glücklich.

Ich schob alles andere weit weg von mir.

Nur Svenja blieb.

Diese Kollegin, von der ich anfangs gedacht hatte, dass sie mein Untergang sein würde, war meine Rettung. Svenja hatte aus irgendeinem verrückten Grund beschlossen, für mich da zu sein, meine ruppige Art zu ignorieren und mir zu verzeihen, dass ich immer wieder ein sturer Idiot sein konnte, der nur an sich dachte.

Mit jeder Stunde, die vergangen war, hatte ich mein Bild von ihr revidieren müssen. Svenja war lustig und spontan, intelligent und schön und wunderbar. Sie war wie ein Geschenk, das ich eigentlich nicht verdient hatte.

Ich bin dir sehr dankbar, sagte ich. Ich mache das nicht nur für dich , sagte sie. Ein Lachen in ihrem Gesicht.

Eineinhalb Tage lang tauchten wir einfach ab.

Es fühlte sich so an, als würde ich in diesen sechsunddreißig Stunden alles nachholen, was ich in den letzten Jahren verpasst hatte. Svenja und ich kamen uns von Stunde zu Stunde näher, wir unterhielten uns, erzählten uns schöne, aber auch schlimme Dinge.

Ohne Ausreden die Wahrheit.

Sie sprach über ihren verstorbenen Mann.

Ich über Mona und Judith.

Svenja erzählte mir, dass sie zweimal in ihrem Leben abgetrieben hatte, und ich erzählte ihr, dass ich in der Geldtasche von Zita Laufenberg ein Foto gefunden hatte.

Ich konnte und wollte es nicht länger für mich behalten. Sie hörte aufmerksam zu. Verurteilte mich nicht, weil ich es ihr verschwiegen hatte. Sie klagte mich nicht an, reagierte wie jemand, den ich schon sehr lange kannte. Svenja überraschte mich. Ich helfe dir , sagte sie.

Wenn sie noch lebt, werden wir sie finden.

Wenn sie tot ist, kannst du endlich damit abschließen. Es tat weh, was sie sagte.

Ich wusste aber, dass sie recht hatte.

Svenja war nur realistisch. Dass Judith noch lebte, war sehr unwahrscheinlich. Es war uns beiden klar, dass ich sie mit großer Sicherheit niemals wiedersehen würde. Trotzdem wollte ich nichts unversucht lassen. Ich wollte weiterhoffen, daran glauben, dass irgendwo Gewissheit auf mich warten würde.

Svenja verstand das.

Schlug sich auf meine Seite.

Wir beschlossen, uns gemeinsam auf die Suche zu machen. Nach Laufenbergs Tochter.

Wer weiß, wo uns das hinführen wird, sagte sie. Vielleicht gibt es ja doch ein Happy End.

Doch Svenja täuschte sich.

Was kam, war grausam.

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