Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Aichner, Bernhard · Kapitel 7 von 52

PDF-Seiten

Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Sechs

MONA BRONSKI & HERMANN WALDSTETT

– Hermann Waldstett. Ich bin der leitende Ermittler in Ihrem Fall. Es tut mir

leid, aber ich muss Ihnen noch einige Fragen stellen. – Bitte fragen Sie.

– Ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, dass ich unser Gespräch jetzt

aufzeichne.

– Warum?

– Aufnahme läuft. Vernehmung von Mona Bronski, wir befinden uns in der

psychiatrischen Abteilung des Landeskrankenhauses Tirol, heute ist der

22.12.1998.

– Ein Verhör?

– Wir treten auf der Stelle. Deshalb ist es wichtig, dass Sie mir alles noch

mal genau erzählen. Jede Einzelheit ist wichtig. – Mein Mädchen. Sie müssen es finden.

– Ja. Aber die Zeit drängt, Frau Bronski. Ihre Tochter ist seit

zweiundsiebzig Stunden abgängig, die Chancen sie zu finden, sinken von

Stunde zu Stunde. Wenn Sie uns nicht noch etwas Brauchbares liefern,

können wir nichts mehr für sie tun.

– Ich habe Ihnen doch schon alles gesagt.

– Ich weiß. Trotzdem möchte ich gerne noch mal alles mit Ihnen

durchgehen. Vielleicht haben wir ja irgendetwas übersehen. – Sie glauben mir nicht, oder?

– Beschreiben Sie mir noch mal die Situation. Wie ist es dazu gekommen? – Sie verschwenden hier Ihre Zeit. Sie sollten da draußen sein und nach

meiner Tochter suchen. Judith ist ganz allein. Da ist niemand, der sie

beschützt.

– Sie hätten sie doch eigentlich beschützen müssen. – Ich weiß.

– Sie sind für das alles verantwortlich. Dass Judith nicht mehr da ist. Dass

sie vielleicht sogar tot ist.

– Arschloch.

– Sagen Sie es mir. Warum haben Sie es getan? – Verschwinden Sie.

– Nein, das werde ich nicht tun. Ich werde so lange bleiben, bis Sie mir

sagen, was Sie mit Ihrer Tochter gemacht haben. – Ich habe gar nichts gemacht.

– Warum haben Sie uns nicht beschrieben, wie die Frau aussah? – Ich erinnere mich nicht mehr.

– Sie haben sich geweigert, mit unserem Phantombild-Zeichner

zusammenzuarbeiten. Das macht kein gutes Bild, Frau Bronski. – Ich habe mich nicht geweigert. Ich habe nur nichts zu sagen. Es ging alles

so schnell, ich war völlig neben der Spur. Ich weiß nicht mehr, wie sie

ausgesehen hat.

– Vielleicht haben Sie die Frau ja nur erfunden. – Habe ich nicht.

– Es ist Ihnen alles über den Kopf gewachsen. Sie konnten nicht mehr, es

war eine Kurzschlussreaktion. Ich bin mir sicher, dass Sie dem Kind

nichts antun wollten.

– Ich habe ihr nichts getan. Niemals könnte ich das. Warum sagen Sie das? – Weil ich weiß, wenn jemand lügt.

– Ich lüge nicht.

– Sie haben ausgesagt, dass Sie tagelang nicht geschlafen hatten, Ihr Mann

war beruflich sehr eingespannt, das Baby hat ununterbrochen geschrien.

Sie haben zu einem meiner Kollegen gesagt, dass Sie keine Kraft mehr

hatten, dass Sie Judith am liebsten aus dem Fenster geworfen hätten. – Das habe ich doch nicht ernst gemeint.

– Sie hatten getrunken. Ihr Mann sagt, Sie waren völlig zugedröhnt, als er

nach Hause kam. Wein und Schlaftabletten, Sie waren kaum noch

ansprechbar.

– Wie oft soll ich es Ihnen denn noch sagen, ich habe meinem Baby nichts

angetan.

– Sie haben ausgesagt, dass Sie Ihr Kind einer wildfremden Frau in die

Hände gedrückt haben. Irgendwo in der Bahnhofsgegend. Sie haben es

einfach weggegeben, einer Unbekannten anvertraut. Sie müssen doch

zugeben, dass das völlig verrückt klingt.

– Ich wollte nicht, dass etwas passiert. Das, wovon Sie reden. Was Sie mir

mit jedem Wort unterstellen. Ich hatte plötzlich Angst davor, dass ich so

etwas wirklich tun könnte. Angst vor mir selbst, verstehen Sie? – Was war mit Ihrem Mann? Warum haben Sie ihn nicht um Hilfe gebeten? – Er war nicht da. Hat fotografiert. Er war unterwegs. – Sie hätten ihn anrufen können.

– Hätte ich nicht. Ich konnte nicht mehr. Ich stand am Bahnsteig und war

kurz davor, Judith einfach fallen zu lassen.

– Sie wollten Ihr Kind vor den Zug werfen?

– Nein. Sie hören mir nicht zu. Ich habe nur darüber nachgedacht. Ich war

verzweifelt, ich konnte kaum noch die Augen offen halten, ich hatte die

Gedanken in meinem Kopf nicht mehr unter Kontrolle. Ich wollte Judith

nur beschützen. Ich habe die Frau gebeten, dass sie sich kurz um mein

Baby kümmert. Ich wollte nicht, dass meinem Baby etwas passiert. – Sie hatten sich das Leben als Mutter anders vorgestellt, oder? Judith war

ein Schreikind. Kann sehr anstrengend sein. Sie waren erschöpft, Ihr

Mann hat Sie mit dem Kind allein gelassen. Sie haben sich bemüht, aber

es nicht geschafft. Sie haben einfach aufgegeben. Kommt öfter vor, als

Sie denken.

– Nein, so war das nicht.

– Sie haben rotgesehen. Das schreiende Kind zum Schweigen gebracht. Sie

haben das ständige Gebrüll nicht mehr ertragen. Sie wollten, dass es für

immer still ist, stimmt’s?

– Hören Sie auf damit.

– Sie sollten sich endlich eingestehen, dass wir nach einer Leiche suchen

und nicht nach dieser Fremden, der Sie das Baby angeblich in die Hand

gedrückt haben.

– Nicht angeblich. Es war so. Finden Sie diese Frau. Bitte. – Ihnen ist klar, dass Sie nicht besonders glaubwürdig sind. Sie sind hier auf

der Psychiatrie, und deshalb bestimmt nicht die Einzige, die hier

Wahnvorstellungen hat.

– Ich bin nur hier, um zu schlafen.

– Sie haben Angst davor, dass wir die Leiche finden, oder? Deshalb spielen

Sie hier dieses Theater. Sie wollen nicht wahrhaben, was Sie getan

haben. Sie wollen auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren, wenn die

Bombe platzt, richtig? Wenn man Sie wegen Mordes anklagt. Wegen

Mordes an Ihrem eigenen Kind.

– Nein, so ist es nicht. Ich wollte nur, dass sie kurz auf Judith aufpasst. Ich

konnte doch nicht damit rechnen, dass diese Frau einfach mit meinem

Baby verschwindet.

– Diese Frau, an die Sie sich nicht mehr erinnern können. – Es war am Bahnhofsvorplatz. Ein Zug musste gerade angekommen sein,

sie war eine von vielen. Unscheinbar. Ende Zwanzig, beiger Mantel, sie

hatte eine Mütze auf. Eine Frau in meinem Alter. Mehr weiß ich nicht

mehr.

– Es gibt leider keine Zeugen, die das bestätigen können. Wir haben mit

unzähligen Leuten gesprochen, aber niemand kann bestätigen, was Sie

sagen.

– Sie hat mein Kind gestohlen.

– Hat sie das? Jeder normale Mensch hätte das Baby doch sofort zur Polizei

gebracht und sich um Sie beide gekümmert. Das Jugendamt hätte sich

eingeschaltet. Wenn Ihre Geschichte wahr wäre, müsste ich mich jetzt

nicht mit Ihnen unterhalten, und Sie wären mit Ihrem Kind und Ihrem

Mann zuhause, und nicht in der Klapse.

– Sie hat Judith entführt. Wer weiß, was sie mit meinem Baby gemacht hat,

Sie müssen Judith finden. Bitte hören Sie nicht auf, nach ihr zu suchen.

– Ich glaube nicht daran, dass Ihre Tochter noch lebt. Ich bin davon

überzeugt, dass sie umgebracht wurde. Und zwar von Ihnen. – Nein.

– Ich habe auch mit Ihrem Mann darüber geredet. Ich denke, er sieht es

ähnlich.

– Unsinn. David kennt mich. Er weiß, dass ich Judith nichts getan habe. – Weiß er das wirklich? Haben Sie sich nicht gefragt, warum er Sie noch

nicht besucht hat? Denken Sie, dass er das alles einfach so hinnimmt? Er

hinterfragt das Ganze genauso wie ich. Warum Sie so etwas getan haben

sollen. Warum Sie Ihr Kind einer Fremden anvertraut haben sollen. Er

zweifelt daran. Als ich ihn heute Morgen gesprochen habe, hatte ich den

Eindruck, dass er sehr wütend auf Sie ist. Wütend und entsetzt. Er wird

Ihnen das wohl nie verzeihen.

– Hören Sie auf, sich in unser Leben einzumischen. – Ihr Mann ist meine letzte Hoffnung. Ich denke, er ist der Einzige, der Sie

dazu bringen kann, die Wahrheit zu sagen. Also konzentriere ich mich

jetzt auf ihn. Ich werde so lange auf ihn einreden, bis er sich ganz von

Ihnen abgewandt hat. Dann sind Sie allein und werden keinen Grund

mehr haben, zu lügen.

– Was sind Sie nur für ein Mensch.

– Ich bin Polizist.

– Sie sind ein gefühlloses Stück Scheiße.

– Schon möglich. Trotzdem werde ich dafür sorgen, dass Sie eine Zeit lang

hierbleiben. Psychiatrie oder Gefängnis. Hauptsache, Sie bekommen Ihre

Strafe.

– Wenn Sie nicht gehen, fange ich an zu schreien. Jetzt auf der Stelle. – Spielen Sie wieder Theater für uns?

– Nein. Das hier ist echt.

OceanofPDF.com