Dunkelkammer, ein Bronski Krimi
Dreissig
ALBERT LAUFENBERG & FRANZ WEICHENBERGER
– Sie haben tatsächlich den weiten Weg auf sich genommen? – Der Fall liegt mir sehr am Herzen.
– Das ist gut. Ihre Kollegen hier in Leipzig scheinen nämlich kein
sonderlich großes Interesse daran zu haben, den Mord an meiner Mutter
aufzuklären. Sie waren zwar hier und haben Fragen gestellt, trotzdem
habe ich das Gefühl, dass der Fall bald wieder bei den Akten landen
wird. Die haben damals nichts herausgefunden, und es wird ihnen auch
jetzt nicht gelingen. Ein Alptraum ist das.
– Deshalb bin ich hier. Ich kümmere mich darum, dass die Sache nicht
einschläft. Ist nämlich sehr interessant, wie sich das Ganze entwickelt. – Inwiefern?
– Sie erinnern sich doch noch an diesen Schulte? Den ehemaligen
Geschäftspartner Ihrer Mutter.
– Natürlich. Was ist mit ihm?
– Ich wollte mit ihm reden. Aber bevor es dazu kam, hatte der gute Mann
leider einen Unfall. Fahrerflucht, er ist noch an der Unfallstelle
verstorben. Tragische Geschichte. Irgendwo in der Pampa ist es passiert,
er stand mit seinem Motorrad an einer Kreuzung, wollte wahrscheinlich
gerade losfahren, da wurde er von einem Wagen erfasst. Der Unfallfahrer
muss ihn mit Vollgas gerammt haben.
– Oh, das tut mir leid.
– Eine sehr unschöne Sache. Der Fahrer muss wohl betrunken gewesen
sein, anders kann ich mir das nicht erklären. Es war nach Mitternacht,
kein Mensch war unterwegs zu dieser Zeit, die beiden hatten die Straße
für sich allein. Ein wirkliches tragisches Ende für Herrn Schulte. Völlig
nüchtern und unverschuldet ist er zu Tode gekommen, muss wirklich
bitter sein, als Biker so zu enden.
– Das klingt ja schrecklich.
– Sie kannten sich gut?
– Nicht wirklich. Meine Mutter hatte mit ihm zu tun. Aber auch sie hat
irgendwann eingesehen, dass es nicht klug ist, mit dem organisierten
Verbrechen Geschäfte zu machen.
– Haben Sie ihn kürzlich getroffen?
– Nein, warum sollte ich?
– Vielleicht war er ja der Mörder Ihrer Mutter? Eventuell wollten Sie ja
herausfinden, ob er etwas mit ihrem Tod zu tun hatte? – Das zog ich nicht in Betracht. Es ist doch Aufgabe der Polizei, den
Mörder meiner Mutter zu finden, nicht meine. – Das ist richtig. Gut, dass Sie auf das System vertrauen. Trotzdem haben
Sie eine Privatermittlerin beauftragt, in der Sache Nachforschungen
anzustellen. Ihr Vertrauen in die Behörden scheint nicht besonders groß
zu sein.
– Das dürfen Sie bitte nicht falsch verstehen. Ich will Ihnen wirklich nicht
in die Quere kommen. Aber die Sache ist kompliziert. Es ist alles nicht
so, wie es vielleicht aussieht, das können Sie mir glauben. – Glaube ist in meinem Beruf fehl am Platz, am Ende zählen nur die
Fakten. Also sind Sie bitte so freundlich und erklären es mir. Was ist
kompliziert? Warum haben Sie Frau Dragic damit beauftragt, zu
ermitteln?
– Ich habe da so ein Gefühl. Will aber niemanden beschuldigen, keinen
Verdacht äußern, bevor ich mir nicht ganz sicher bin. – Wenn Sie einen Verdacht haben, bitte ich Sie, ihn einfach auszusprechen.
Ich verspreche Ihnen, verantwortungsvoll damit umzugehen. – Das ist gut zu wissen.
– Aber?
– Was ist, wenn ich mich irre? Niemand hat es verdient, unschuldig an den
Pranger gestellt zu werden.
– Ich bin nicht hier, um jemanden an den Pranger zu stellen. Wir reden nur
miteinander, Sie erzählen mir, was Sie beschäftigt, und ich kann Ihnen
unter Berücksichtigung der Faktenlage eine Einschätzung der Situation
geben.
– Es geht um den Bruder von Frau Dragic. David Bronski. – Was ist mit ihm?
– Wie Sie wissen, ist er Fotograf.
– Ist mir bekannt, ja.
– Er war es, der die Bilder vom Tatort gemacht hat. Bronski hat dafür
gesorgt, dass diese grausamen Fotos veröffentlicht wurden. Er hat meine
tote Mutter in die Öffentlichkeit gezerrt.
– Interessant, dass Sie das ansprechen. Ich habe tatsächlich etwas Ähnliches
vermutet.
– Ich vermute es nicht, ich weiß es. Ich habe ihn darauf angesprochen, und
er hat es nicht dementiert, sich auch nicht darüber gewundert, dass ich
ihn damit in Verbindung gebracht habe. Ich bin mir absolut sicher, dass er
es war, der in die Wohnung eingestiegen ist. Er ist für das alles
verantwortlich.
– Sie könnten ihn verklagen. Dafür sorgen, dass die Bilder nicht mehr
gedruckt werden, Sie erwirken eine Verfügung, die Zeitung wird Ihre
Rechte am Ende wahren müssen.
– Darum geht es nicht.
– Worum geht es dann?
– Ich glaube, dass er etwas mit dem Mord an meiner Mutter zu tun hat.
Dass er es war, der sie damals umgebracht hat. – David Bronski? Sie scherzen, oder?
– Sie sind doch auch davon überzeugt, dass er die Fotos am Tatort gemacht
hat, oder? Dann müssen Sie sich doch auch gefragt haben, wie es dazu
gekommen ist. Warum fährt jemand aus heiterem Himmel von Berlin
nach Innsbruck, um dort einzubrechen? Wie kann das sein? Wie
wahrscheinlich ist es, dass er die Wohnung zufällig ausgewählt hat?
Woher wusste er, dass sie leer stand? War es wirklich Zufall, dass er die – Das ist es. In seinem Wohnzimmer hängt ein riesiges Foto von seiner
Leiche entdeckt hat?
– Das sind sehr interessante Fragen, Herr Laufenberg. – Mich hat das nicht mehr losgelassen. Ich wollte einfach wissen, was
dahintersteckt. Wie alles zusammenhängt. Ich musste herausfinden, was
er zu verbergen hat. Deshalb habe ich seine Schwester engagiert. Ich
wollte wissen, was die beiden vorhaben. Wenn ich weiterhin mit ihnen in
Kontakt stehe, kann ich vielleicht mehr herausfinden. – Bronski hat wahrscheinlich nur einen Tipp bekommen, er ist nach
Innsbruck gefahren und hat die Fotos gemacht, und das war es dann.
Klingt doch plausibel.
– Sie täuschen sich. Mit diesem Mann stimmt etwas nicht. Ich habe lange
mit ihm geredet. Er ist völlig durch den Wind, total kaputt, ich war
schockiert von dem, was ich gesehen habe, als ich bei ihm zuhause war. – Sie waren bei ihm zuhause? Wie das?
– Es ging um meine Frau. Er wollte es mir persönlich sagen. Seine
Schwester hat wohl die Leiche entdeckt. Ich war zufällig in Berlin und
bin zu ihm gefahren. Ich bin zusammengebrochen, er hat mich
netterweise wieder aufgerichtet. Aber was dann kam, hat mir Angst
gemacht.
– Was hat Ihnen Angst gemacht?
– Diese Fotos. All die Bilder, die er in den letzten Jahren gemacht hat.
Fotos von toten Menschen. Unfälle, Selbstmorde, Leichen. Er hat die
Toten zum Vergnügen fotografiert.
– Ich würde eher sagen, dass es sein Beruf ist, diese Fotos zu machen. – Ich rede nicht von seinen Pressefotos. Die sind harmlos. Was er aber
danach macht, nachdem er seinen Job erledigt hat, geht unter die Haut. Er
fotografiert die Toten analog. Er denkt, dass es Kunst ist, was er da in
seiner Dunkelkammer betreibt. Völlig abartig ist das. Unzählige Leichen
hat er abgelichtet, Portraits, es schaut so aus, als würden sie noch leben.
Ich habe so etwas noch nie gesehen. Es ist grausam, was er da macht. – Klingt unheimlich.
toten Frau. Ich habe mich in seiner Wohnung ein wenig umgesehen. Ich
schwöre Ihnen, mit dem stimmt etwas nicht.
– Nur weil er Fotos von Toten macht, muss er noch lange kein Mörder sein. – Das ist nicht der einzige Grund. In Wirklichkeit geht es um sein Kind. Sie
wissen ja sicher, dass seine kleine Tochter damals verschwunden ist,
oder?
– Hat man mir erzählt, ja. Traurige Geschichte, aber das hat wohl kaum
etwas mit Ihrer Mutter zu tun, oder?
– Doch. Sie ist damals genau zur selben Zeit verschwunden. Die Dinge
hängen zusammen.
– Und wie?
– Ich nehme an, dass Bronski damals herausgefunden hat, dass meine
Mutter etwas mit dem Verschwinden seines Kindes zu tun hatte. – Hatte sie?
– Ich weiß es nicht. Aber es könnte sein. Sie hat mir gegenüber damals
etwas angedeutet. Ich habe es natürlich nicht ernst genommen. – Was hat sie angedeutet?
– Sie sprach davon, ein Baby zu adoptieren. Sie sagte, dass sie die Papiere
schon unterschrieben hätte. Ich weiß noch, dass es um ein Mädchen ging.
Ein paar Monate alt. Völlig absurd war das.
– Unglaublich, was Sie mir da erzählen.
– Ja. Ich bin überzeugt davon, dass Bronskis Geschichte ganz eng mit der
meiner Mutter verknüpft ist. Deshalb werde ich auch dafür sorgen, dass
dieser Mann ins Gefängnis kommt.
– Abwarten. Wie immer braucht es Beweise, damit jemand verurteilt wird.
Und die sind in diesem Fall nicht so leicht zu finden. Außerdem gibt es
einige Dinge, die gegen Ihre Theorie sprechen. – Welche?
– Warum war Ihre Mutter nackt? Wenn sie Bronski in die Wohnung
gelassen hätte, wäre sie angezogen gewesen. Sie hätte ihm kaum
unbekleidet die Tür aufgemacht.
– Es kann doch sein, dass er das alles nach dem Mord arrangiert hat? Er hat
sie ausgezogen und alles so aussehen lassen, als wäre sie am Morgen
nach einer Liebesnacht von Konstantin Freund ermordet worden. – Wenn er das wirklich getan hätte und er so viel Glück gehabt hätte, dass
alles so lange im Verborgenen geblieben ist, warum sollte Bronski nach
einundzwanzig Jahren wieder dort einbrechen? Warum sollte er die Welt
darauf stoßen, dass dort eine Leiche liegt?
– Vielleicht brauchte er Geld? Ich habe seine Finanzen überprüfen lassen,
der Mann ist völlig abgebrannt. Die Fotos haben ihm bestimmt einen
fünfstelligen Betrag eingebracht. Er dachte, dass er nichts zu befürchten
hat, am Ende war es ja nur ein Einbruch. Einer, den man ihm erst mal
nachweisen muss. Er fühlt sich absolut sicher, wenn Sie mich fragen,
spielt er mit uns.
– Und wo ist das Kind? Wenn Ihre Mutter wirklich etwas mit der
Entführung zu tun hatte, stellt sich doch die Frage, was sie mit Bronskis
Tochter angestellt hat.
– Meine Mutter war psychisch äußerst labil.
– Und das soll heißen?
– Es besteht die Möglichkeit, dass sie das Kind getötet haben könnte. – Das trauen Sie ihr zu?
– Ja.
– Starker Tobak. Ich bin sprachlos.
– Sie müssen dem nachgehen.
– Keine Sorge, das werde ich.
– Nageln Sie Bronski fest. Sie müssen diesen Mann so schnell wie möglich
aus dem Verkehr ziehen. Ich erwarte, dass Sie handeln. – Es ist sehr freundlich von Ihnen, dass Sie mir sagen, wie ich meine Arbeit
zu erledigen habe.
– So habe ich das nicht gemeint, bitte verzeihen Sie mir. Natürlich will ich
mich nicht in Ihre Ermittlungen einmischen. Ich wäre Ihnen nur dankbar,
wenn Sie die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass er etwas damit zu tun
haben könnte.
– Keine Sorge. Ich verspreche Ihnen, dass ich mich darum kümmern werde. – Sie werden den Mörder meiner Mutter finden? – Das werde ich.
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