Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Aichner, Bernhard · Kapitel 38 von 52

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Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Siebenunddreissig

 

Anna wusste, dass Bronski in jeder Sekunde an sie dachte. An Judith. An Mona. Jeder Tropfen, der vom Himmel fiel, war ein Gedanke an sie. Sie sah es in seinem Gesicht. Seine Wut, die Verzweiflung, es bereitete ihm sichtlich Mühe, sich zurückzuhalten. Anna stand neben Weichenberger im Regen.

Sie schaute zu, wie die beiden Särge von vier schwarz gekleideten Männern in das Familiengrab der Laufenbergs hinuntergelassen wurden. Zuerst Zita. Dann Margit.

Überall standen Menschen unter Regenschirmen, Hunderte waren es, Freunde, Geschäftspartner, Schaulustige, Reporter, Kameraleute und Fotografen. Bronski und Svenja mitten unter ihnen. Sie dokumentierten das tragische Ende einer Familiengeschichte, sie hielten fest, wie Albert und Sophie nebeneinander am Grab standen und weinten. Tränen mischten sich mit Regentropfen, rannen ihren Wangen entlang. Offen gelebte Trauer, ein Vater und seine Tochter. Gefasst schüttelten sie unzählige Hände, nahmen Beileidsbekundungen entgegen.

Das Finale einer großen Inszenierung war es.

Er macht das richtig gut, flüsterte Anna. Weichenberger nickte nur. Er schien zu verbergen, was er dachte, vergeblich hatte Anna versucht zu erfahren, was er wusste. Er hatte nur Andeutungen gemacht, seltsame Fragen über David gestellt. Auch über Schultes Tod hatte er nicht viele Worte verloren. Äußerte sich nicht zu dem, was Anna über Laufenberg in Erfahrung gebracht hatte. Der Mann spielt uns allen etwas vor , hatte sie gesagt. Kann sein, hatte Weichenberger geantwortet. Muss aber nicht. Es kam Anna so vor, als wollte er gar nicht hören, was sie ihm erzählte, als hätte er seine Meinung schon gefasst, als wüsste er bereits, was er wissen wollte. Obwohl sie sich in Tirol so prächtig verstanden hatten, führte jetzt kein Weg mehr zu ihm. Wortkarg stand er da und beobachtete. Ich interessiere mich nur für die Fakten, sagte er. Von den Theorien, die der tote Biker gesponnen hatte, wollte Weichenberger nichts hören. Dass es sich wohl nur um Vermutungen handle, sagte er und wischte alles vom Tisch, bevor Anna überhaupt auf den Punkt kommen konnte. So sehr sie es auch versuchte, ihn wieder auf ihre Seite zu ziehen, sie scheiterte. Da war nichts Kollegiales mehr, nichts Gemeinsames.

Ich dachte, wir sind auf einer Wellenlänge, sagte sie. Vielleicht haben Sie sich ja geirrt, sagte er. Anna war besorgt.

Sie verstand es nicht. Wie er das alles ignorieren konnte. Wie er so desinteressiert sein konnte. Sie hatte sich Hilfe erwartet, gedacht, dass sie ihn mühelos davon überzeugen konnte, Laufenberg auf den Zahn zu fühlen. Dass ihr Plan nicht funktionierte, irritierte sie. Dass Weichenberger seine Blicke nicht von Bronski abwandte.

Und dass er begann, diese Fragen zu stellen.

Anna ahnte allmählich, was los war.

Nach allem, was sie mittlerweile wusste, gab es für sie keinen Zweifel daran, dass dieser Mann, der da am Grab seiner Mutter und seiner Frau stand, ein Lügner war. Wahrscheinlich sogar ein Mörder. Was Bronski ihr alles erzählt hatte, ließ keinen anderen Schluss zu. Laufenberg hatte das Kind ihres Bruders entführt und großgezogen. Er war die Pest. Doch niemand wollte es sehen. Anstatt ihn ans Kreuz zu nageln, ließ man ihn ziehen und bedauerte ihn. Laufenberg war in Weichenbergers Augen unschuldig. Bronski war es aus irgendeinem Grund nicht. Anders konnte sie sich sein Verhalten nicht erklären.

Was will Ihr Bruder von Laufenberg?

Was hat er vor? Muss ich mir Sorgen machen? Wo ist Laufenbergs zweite Tochter?

Warum ist sie nicht hier?

Haben Sie Ihren Bruder noch im Griff?

Anna schüttelte den Kopf.

Sie tat so, als wüsste sie nicht, wovon Weichenberger sprach. Sie verlor kein Wort über Judith. Darüber, dass sie mittlerweile wussten, dass Rebecca Laufenberg ihre Nichte war.

Bronskis Tochter.

Auch wenn Anna es ihm gerne erzählt hätte, was wirklich hinter der ganzen Sache mit dem verschwundenen Kind steckte, Bronski hatte sie gebeten, das nicht zu tun.

Er wollte zuerst mit Laufenberg reden. Herausfinden, wo er Judith hingebracht hatte.

Anna hielt sich daran.

Und Bronski zügelte seine Wut.

Er hatte ihr versprochen, Laufenberg nicht zu provozieren, nicht auf dem Friedhof vor allen Leuten auf ihn loszugehen. Er verbarg seinen Hass. Anna schaute ihm zu, wie er widerwillig seinen Job tat. Bis die letzten Trauergäste kondoliert hatten, war er nur der Fotograf, der sich trotz allem bemühte, besondere Motive einzufangen. Ein Foto nach dem anderen machte er. Prominente Trauergäste, die beinahe zusammenbrachen, das Meer aus Regenschirmen, Laufenberg und Sophie, wie sie weiße Rosen in das Grab warfen, Portraits von Menschen, die Svenja beim Weggehen befragte, Überblicke.

In einem kleinen Laubengang ganz in Annas Nähe setzte Bronski sich auf den Boden, spielte die Daten auf seinen Rechner und wählte mit Svenja die besten Bilder aus.

Seine neue Kollegin.

Mehr als das. Anna wusste es.

Der einsame Wolf war nicht mehr einsam.

Svenja und David.

Eine vernünftige Frau, die sich mit einem Irren einließ. Anna mochte sie. Allein schon deshalb, weil die Chance bestand, dass Bronski nicht mehr allein bleiben würde. Egal, was daraus werden würde, es war wichtig, dass sie jetzt für ihn da war. Dass noch jemand außer Anna auf ihn achtgab. Beide waren sie dafür verantwortlich, dass er sich bis zum Ende der Beerdigung zurückhielt. Bis der letzte von Laufenbergs Trauergästen den Friedhof verließ.

Anna verfolgte jede seiner Bewegungen.

Bronski packte Kameras und Computer in den Fotorucksack. Dann ging er langsam und angriffslustig an ihr vorbei in die Nähe des Grabes. Sie konnte es nicht verhindern.

Bronski kam Laufenberg näher.

Zwischen ihm und dem Monster, das seine Tochter entführt hatte, lagen nur noch wenige Meter. Laufenberg schüttelte Hände. Sophie war bereits gegangen, sie war beinahe zusammengebrochen, man musste sie stützen. Mit einem Nicken hatte er sie verabschiedet, mit stoischer Ruhe nahm er die letzten Beileidsbekundungen entgegen.

Bronski blieb stehen und schaute ihm dabei zu. Er durchbohrte ihn mit seinen Blicken.

Bis Laufenberg es merkte.

Einen kleinen Augenblick lang wandte er sich von der älteren Dame ab, die ihm mit der Hand gerührt über den Oberarm strich. Wie in Zeitlupe drehte Laufenberg seinen Kopf und schaute in Bronskis Richtung. Anna konnte alles genau sehen. Es war so, als hätte Laufenberg die ganze Zeit auf diesen einen Moment gewartet, als würde er ihn genießen. Diese zwei Sekunden, in denen er Bronski zuzwinkerte und seine Mundwinkel leicht nach oben zog.

Laufenberg grinste.

Und es war klar, was er damit sagen wollte.

Ich habe dich gefickt, Bronski.

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