Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Aichner, Bernhard · Kapitel 46 von 52

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Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Fünfundvierzig

 

Anna hätte Bronski niemals alleine gelassen.

Sie blieb an seiner Seite, trieb ihn an, forderte ihn heraus, sie verhinderte, dass er sich seiner Ohnmacht hingab und die letzte Chance verpasste, einen Teil seines alten Lebens wieder zurückzubekommen. Egal wie, hatte Anna gesagt.

Wir ziehen das durch.

Aber auf meine Weise, Bronski.

Keine Diskussionen.

Anna kannte das Temperament ihres Bruders. Sie wollte verhindern, dass er in seiner Wut auf Laufenberg losging, bevor sie etwas erfahren hatten, was ihnen weiterhalf. Sie mussten den Vorteil nutzen, den sie hatten. Laufenberg rechnete nicht mit ihnen, er wähnte sich in Sicherheit, in seinen Augen war er der Sieger, er würde endlich erben. Der vermeintliche Mörder seiner Mutter hatte gestanden und war im Gefängnis, seine gestohlene Tochter war verschwunden, und seine Frau hatte sich glücklicherweise umgebracht. Niemand mehr konnte ihm etwas anhaben, keiner an seinem Glück kratzen. Laufenberg hatte keinen Grund mehr, vorsichtig zu sein. Anna zweifelte keine Sekunde daran, dass es ihnen gelingen würde, in sein Reich einzudringen und ihn zur Rede zu stellen.

Irgendwie bekommen wir das hin, sagte sie. Bronski nickte.

Anna zuliebe hatte er Svenja angelogen.

Er hatte ihr nicht erzählt, was sie vorhatten. Bronski sollte verhindern, dass sie auf die Idee kommen könnte, mitkommen zu wollen. Beiden war klar, dass Svenja es getan hätte.

Diese Frau ist ein Glücksfall für dich, hatte Anna gesagt. Aber aus dieser Nummer lassen wir sie raus.

Ist besser für sie, glaub mir, Bronski.

Svenja sollte sich nicht auch noch strafbar machen. Die Probleme, die sie sich bereits mit der Chefredaktion eingehandelt hatte, reichten für die nächsten paar Monate. Regina war inzwischen von der Polizei kontaktiert worden, man hatte ihr gesagt, dass sie Müll gedruckt hatte, Bronski hatte gelogen, er und Svenja waren untergetaucht.

Regina war außer sich. Anna war dabei gewesen, als er mit seiner Chefin telefoniert hatte. Bronski hatte alles auf seine Kappe genommen, Regina angefleht, Svenja zu verschonen und auf Konsequenzen zu verzichten. Er bat sie um Geduld. Wenn sie es schaffte, die Schmach und den Spott der Kollegen von den anderen Medien zu ertragen, würde es sich für sie lohnen. Innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden sollte sie die perfekt recherchierte Story geliefert bekommen, Regina würde dann in ihrem Blatt den wahren Täter und alle Hintergründe präsentieren. Bronski lehnte sich sehr weit aus dem Fenster. Anna bewunderte ihn beinahe für seinen Mut.

Du kannst dich auf mich und Svenja verlassen , hatte er gesagt. Regina fluchte.

Aber sie akzeptierte es.

Was hätte sie auch anderes tun sollen.

Sie verließ sich auf die beiden.

Bronski und Svenja würden alles wieder in Ordnung bringen. Die Bösen würden entlarvt und eingesperrt, die Guten würden entlastet und freigesprochen werden. So hatten es sich die beiden ausgedacht. Anna schüttelte nur den Kopf. Sie machte sich sogar lustig darüber. Hörte nicht auf, Bronski damit aufzuziehen. Auf dem Weg zum Schloss erinnerte sie ihn immer wieder daran, dass er etwas selten Dämliches gemacht hatte, und dass man wohl in zwanzig Jahren noch davon reden würde, dass er nicht schlau genug war, um einen Mord zu gestehen und dafür verhaftet zu werden.

Ich habe es verdient, sagte Bronski. Hast du, sagte Anna.

Sie grinste.

Bronski parkte.

Ein paar hundert Meter entfernt von Laufenbergs Anwesen stiegen sie aus dem Wagen. Anna steckte sich ihre Pistole in den Hosenbund, auf keinen Fall wollten sie unbewaffnet auf Laufenberg treffen. Anna und Bronski waren dabei, Gesetze zu brechen. Sie waren sich einig, diskutierten nicht, keiner hielt den anderen davon ab, sich in Schwierigkeiten zu bringen. Sie taten so, als wäre es das Normalste auf der Welt, dass sie auf einen Baum kletterten und über eine Mauer stiegen. Lautlos suchten sie den perfekten Platz, um auf das Grundstück zu gelangen. Bronski stieg voraus. Anna war hinter ihm. Er zog sie nach oben. Dann sprangen sie. Kamen an in Laufenbergs Welt.

Wiese, Wald, irgendwo im Hintergrund das Schloss. Es war dunkel, nur die Wege waren beleuchtet, sie konnten sich unbemerkt bewegen. Wie sie in das Schloss kommen wollten, wussten sie noch nicht. Ein Fenster einschlagen, eine Tür aufbrechen, sie vertrauten darauf, dass ihnen etwas einfallen würde, dass keiner sie aufhalten und daran hindern würde, Laufenberg in seinem Schlafzimmer oder in seiner hübschen Bibliothek zu überraschen.

Bronski hatte bei seinem Besuch im Schloss kein Security-Personal gesehen, Laufenberg vertraute wahrscheinlich darauf, dass die dicken Mauern Eindringlinge abhielten. Schlossmauern, Gartenmauern. Alarmanlage.

Sie wird um diese Zeit bestimmt nicht an sein, sagte Anna. Bevor nicht alle schlafen, wird er sie nicht aktivieren. Hoffentlich.

Völlig planlos waren beide. Aber beherzt und entschlossen. Alle Zeichen standen auf Angriff, nicht auf Rückzug. Deshalb schlichen sie weiter durch den Park, näherten sich dem Schloss von hinten, scannten die Umgebung. Da waren keine Kampfhunde, keine Wächter, kein Alarmsignal. Da war nur ein hell erleuchtetes Poolhaus hinter einer sanften Hügelkuppe. In den Hang gebaut, ein architektonisches Highlight, ein wohltuender Kontrast zu dem alten Gemäuer.

Was zur Hölle ist das, fragte Bronski. Das ist ein Glücksfall, sagte Anna. Sie lächelte. Und forderte Bronski auf, genauer hinzusehen. Vor ihnen im Licht stand Laufenberg. Durch die riesige Fensterfront konnten sie ihn sehen. Nackt tänzelte er am Beckenrand entlang. Es schien, als würde er ein Lied vor sich hin summen, er machte den Eindruck, als würde er völlig in sich ruhen. Anna und Bronski standen hinter mächtigen Bäumen und schauten Laufenberg dabei zu, wie er sich eine Schwimmbrille aufsetzte und seelenruhig in den Pool stieg.

Laufenberg rechnete nicht mit Besuch. Völlig ungestört drehte er ein paar Runden, wahrscheinlich war er durch einen unterirdischen Gang vom Schloss ins Poolhaus gelangt, bestimmt hatte er darum gebeten, nicht gestört zu werden.

Er war offensichtlich allein.

Besser geht nicht, flüsterte Anna. Bronski nickte und folgte ihr.

Sie näherten sich. Bemerkten die offene Schiebetür. Anna zögerte nicht, zog die Waffe, betrat leise das Poolhaus. Vorsichtig schaute sie sich um und legte sich hin. Auf eine Liege in der Nähe des Beckens. Sie machte es sich gemütlich und zielte auf ihn. Der Lauf der Pistole folgte Laufenberg durch das Wasser. Bronski machte sich bereit.

Laufenberg schwamm.

Vierzig Sekunden lang noch.

Dann tauchte er auf.

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