Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Aichner, Bernhard · Kapitel 44 von 52

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Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Dreiundvierzig

 

Svenja lag neben Bronski in einem billigen Hotelzimmer. Sie hatte stundenlang auf ihn eingeredet. Ihm gesagt, dass er dabei war, durchzudrehen. Dass er unvernünftig und irrational handelte. Sie hatte Bronski bekniet, zurück zu Weichenberger zu gehen und ihm die Wahrheit zu sagen. Mit allen Mitteln hatte sie versucht, ihn davon abzuhalten, sich in Schwierigkeiten zu bringen.

Bitte hör auf damit, David.

Das bringt doch nichts.

Du musst der Polizei sagen, was los ist.

Wenn du es nicht tust, wird sie sterben.

Daran wollte er nicht glauben.

Er konnte nicht mehr klar denken.

Deshalb schrie Svenja ihn an.

Du machst alles nur noch schlimmer.

Wenn du tust, was dieser Verrückte von dir will. Er spielt mit dir, David. Begreifst du das nicht? Svenja versuchte alles, um ihm dieses Interview auszureden. Ihm klarzumachen, dass es völliger Irrsinn war, was er da vorhatte. Sie erklärte ihm, dass er nicht nur seinen Job riskierte, sondern auch seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzte. Wenn es öffentlich werden würde, was er angeblich getan hatte, würde man ihn mit anderen Augen sehen. Egal, was später in der Zeitung stehen würde, für viele würde er der Mörder bleiben, zu dem er sich für Laufenberg machen wollte. Das wird nicht gut ausgehen, sagte Svenja. Auch für deine Tochter nicht.

Doch Bronski bestand darauf. Er bat sie darum. Flehte sie an, ihm zu helfen. Er küsste sie.

Bitte, Svenja, du bist die Einzige, die mir helfen kann.

Ruf Regina an. Mach es möglich, bitte.

Bronskis Plan war einfach.

Svenja sollte sein Geständnis aufschreiben.

Das Bekenntnis eines Getriebenen, die berührende Beichte eines Mörders. Exklusiv. Bronski brachte sie dazu, Regina anzurufen und ihr die Geschichte zu verkaufen. Svenja überredete ihre Chefredakteurin zu diesem ungewöhnlichen Schritt. Bronski wollte die Geschichte aus seiner Sicht erzählen. Bevor er abtreten würde, wollte er der Zeitung, der er verbunden war, noch einen Dienst erweisen, indirekt wollte er sich für die jahrelange Zusammenarbeit bedanken. Regina schluckte es. Sie war zwar völlig verstört, fragte mehrmals nach, konnte und wollte nicht glauben, dass Bronski so ein Verbrechen begangen hatte. Aber dann besann sie sich auf ihre Auflage und schwenkte um. Gemeinsam mit Svenja plante sie den Aufmacher, sie besprachen die Art und Weise, wie sie die Geschichte ins Blatt setzen wollten.

Regina gab Bronski eine Plattform und Svenja die Möglichkeit, ihm zu helfen. Zur Sicherheit stellte sie Fragezeichen hinter seine Behauptungen. Sie ging alle Argumentationslinien durch, bereitete sich auf mögliche Kritik der Polizei und der Staatsanwaltschaft vor.

Svenja log.

Spielte mit.

Es war ein Bauchgefühl, das sie antrieb. Sie wollte für ihn da sein, ihm glauben, dass Laufenberg Bronskis Tochter nach der Veröffentlichung des Artikels laufen lassen würde. Ein völlig irrsinniger Plan war es. Die Tat eines Verzweifelten, es war etwas vom Dümmsten, was er jemals gemacht und dem Svenja jemals zugestimmt hatte.

Trotzdem zog sie es mit ihm durch.

Sie führte ein Interview mit einem Mörder.

Svenja beschrieb das Treffen mit Bronski in allen Details, zeichnete einen Schuldigen, der sich auf dem Weg zum Galgen befand. Er beichtete bei einer Kollegin, bevor er in Untersuchungshaft ging. Er vertraute Svenja die Wahrheit an. Er wollte nicht mehr mit seiner Schuld leben, ein Befreiungsschlag war es.

Die perfekte Story. Wunderbar illustriert mit Bildern aus Bronskis Fotoalbum. Selfies, die er in den letzten Jahren gemacht hatte, Babyfotos von Judith. Svenja arbeitete alles dramatisch auf. Sie hoffte, dass alles so kommen würde, wie Bronski es sich ausgemalt hatte. Wenn Laufenberg Judith freilassen würde, sollte sie die nächste Bombe platzen lassen. Du wirst es nicht bereuen, sagte er. Svenja redete sich ein, schon bald die Wahrheit erzählen zu können. Alles über Judith, über ihre Entführung vor einundzwanzig Jahren, alles über Laufenbergs Helfer, über Schulte, über Kurt, der Judith erneut entführt hatte. Und alles über den Fotografen David Bronski, der nie aufgehört hatte, an das Unmögliche zu glauben und ein falsches Geständnis abgegeben hatte, um ein Verbrechen aufzuklären.

Svenja bereitete schon alles vor.

Sie schrieb die Geschichte bereits im Voraus. Wie besessen tippte sie alles in ihren Rechner. Das Geräusch der Tasten beruhigte sie. Dass eigentlich nichts schiefgehen könne, dachte sie. Wahnsinnig war sie. Einem Himmelfahrtskommando hatte sie zugestimmt. Mit Vollgas raste sie auf den Abgrund zu.

Svenja wollte beides. Erfolg und Liebe.

Sie sprach dieses Wort zwar nicht aus, aber es war ihr in den Sinn gekommen. Heimlich träumte sie davon. Von weiteren Titelseiten und romantischen Spaziergängen in Mecklenburg. Hand in Hand durch grüne Wälder. Nackt im See. Lachend und unbeschwert. Svenja wollte es. Sie setzte alles auf die Geschäftstüchtigkeit ihrer Chefin, auf die Gier und Sensationsgeilheit der Leser. Für rationale Gedanken war kein Platz mehr zwischen der Sorge und der Angst um Judith. Während die Zeitung gedruckt wurde, betete sie, hoffte, dass es die richtige Entscheidung war, diesem Psychopathen zu vertrauen, ihm zu geben, was er wollte. Sie und Bronski rannten im Kreis und warteten.

Gemeinsam zählten sie die Minuten.

Bis zum Erscheinen des Artikels.

Und auch die Minuten und Stunden danach.

Sie warteten auf einen Anruf von Laufenberg, auf ein Lebenszeichen von Judith. Bronski hatte getan, was von ihm verlangt wurde, jetzt war Laufenberg an der Reihe. Er hatte versprochen Judith freizulassen. Er hatte Bronski Hoffnung gemacht, um ihm diese Hoffnung kurze Zeit später wieder zu nehmen.

Ein weiterer Schlag war es.

Laufenberg war unerreichbar.

Und erbarmungslos.

Svenja und Bronski versuchten ihn anzurufen, doch da war nur die Stimme auf seiner Mobilbox. Auch in seiner Firma wollte man nichts wissen, Laufenberg sei unterwegs, hieß es. Er habe alle Termine abgesagt, hätte sich wahrscheinlich für den Rest der Woche auf seinem Schloss zurückgezogen. Hinter dicken Mauern mit einer Zeitung und einem Glas Rum in der Hand. Ein fettes Grinsen in seinem Gesicht.

Das war das Ende.

Ernüchterung machte sich breit.

Und Ohnmacht.

Das war’s, sagte Bronski.

Svenja nickte.

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