Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Aichner, Bernhard · Kapitel 26 von 52

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Dunkelkammer, ein Bronski Krimi

Fünfundzwanzig

 

Svenja wollte auf Nummer sicher gehen.

Eine Stunde vor der vereinbarten Zeit stand sie vor seiner Tür, um ihn abzuholen. Sie rief ihn an und sagte ihm, dass sie unten im Café auf ihn warten würde, um keinen Preis wollte sie sich den Besuch in der Milliardärsvilla entgehen lassen. Das war ihre Story, und sie kämpfte dafür. Svenjas Karriere, die in den letzten Jahren ins Stocken geraten war, hatte wieder Fahrt aufgenommen. Nach dem Tod ihres Mannes hatte es wenige Höhepunkte gegeben, weder privat noch beruflich. Svenja war immer nur die trauernde Witwe gewesen, die fleißige Kulturredakteurin, die, auch wenn sie es finanziell nicht nötig gehabt hätte, immer pünktlich zur Arbeit erschien. Gesellschaftlicher Status war ihr wichtig gewesen, sie hatte sich daran gewöhnt, ihren Platz zu haben, die Ehe mit einem erfolgreichen Architekten hatte sie geprägt.

Jetzt aber änderten sich die Dinge.

Und sie liebte es.

Zum ersten Mal spielte sie ganz oben mit, sie machte Auflage, ihre Artikel über den Mord an Zita Laufenberg schlugen online alle Rekorde, Konkurrenzblätter zitierten sie, TV -Sender fragten sogar um Interviews bei ihr an. Sie hatte Albert Laufenberg von Anfang an exklusiv, mit niemandem sonst hatte er geredet, sie bekam die Informationen und Einblicke, nach denen alle lechzten.

Die kopflose Mumie erregte deutschlandweit Aufsehen, Bronskis Bilder hatten Wellen geschlagen. Die Chefredakteurin hatte sich für einen harten Kurs entschieden, die Leiche wurde komplett gezeigt, nicht nur Details oder Überblicke waren zu sehen, die Leserinnen und Leser waren hautnah dabei, die Nation bekam Tatsachen serviert, die normalerweise nur der Polizei vorbehalten blieben. Die Tragödie war in ihrem vollen Ausmaß sichtbar geworden, Bronski und Svenja überholten die Kolleginnen mit Vollgas.

Ein gutes Gefühl war es.

Sie konnte nicht genug davon bekommen.

Auch wenn es völlig absurd war, dass sie sich darauf eingelassen hatte, von der Hochkultur zum Verbrechen zu wechseln, Svenja genoss es. Sie strahlte innerlich, weil Regina in Aussicht gestellt hatte, fix zu den Polizeireportern wechseln zu können. Die Erfolgschancen, längerfristig ihre Anstellung zu behalten und dadurch ihrem Leben halbwegs einen Sinn zu geben, waren dort besser als in der Kultur. Die Menschen interessierten sich mehr für Gewaltverbrechen als für Kunst. Mord verkaufte sich besser als Theater und Oper. Real Crime war seit ein paar Jahren die neue Geheimwaffe. Svenja war zufrieden.

Vielleicht zum ersten Mal seit Jahren sogar glücklich. So malte sie sich ihre Zukunft aus, während sie in dem Café auf Bronski wartete. Sie fragte sich, ob sie wirklich dauerhaft Gefallen daran finden könnte. An dem Dunklen, das Bronski so faszinierte. Sie rätselte, ob sie auch so werden würde wie er. Spröde und verschlossen. Eigentlich war er völlig uninteressant für sie, doch irgendetwas an ihm reizte sie. Svenja hatte Spaß daran, sich an Bronski zu reiben, ihm die Stirn zu bieten, ihn aus der Reserve zu locken, herauszufinden, was hinter dieser Fassade war, die alle kannten. Sie war neugierig, berührt von seiner Geschichte, sie wollte wissen, was da noch alles war. Was er und Anna mit Laufenberg zu tun hatten. Da waren so viele offene Fragen, Svenja hatte sich vorgenommen, so lange zu graben, bis sie alles wusste. Alles über den Fall Laufenberg. Und alles über Bronski.

Sie zahlte. Setzte sich in den Wagen.

Sie wartete noch kurz. Dann stieg er ein.

Schnall dich an, sagte sie.

Bronski schwieg.

Er war wie eine Walnuss, die man wieder und wieder öffnen musste. Seine Schale, die während des letzten Telefonats ein wenig aufgebrochen war, hatte sich wieder geschlossen. Svenja musste wieder bei null beginnen. Während der ganzen Fahrt von Berlin nach Leipzig versuchte sie eine Verbindung zu ihm herzustellen, doch Bronski war weit weg, die Worte, die aus Svenjas Mund kamen, schienen ihn nicht zu interessieren, sie prallten an ihm ab. Ihre Versuche, ihn mit Small Talk zu verführen, scheiterten, ihre Fragen, die in die Tiefe gehen sollten, ignorierte er. Svenja schüttelte den Kopf. Sie ärgerte sich.

Kurz stellte sie ihre Intelligenz in Frage, sie wusste plötzlich nicht mehr, wie es dazu kommen konnte, dass sie ernsthaft Interesse an diesem Kerl gehabt hatte. Sie zweifelte an ihrer Menschenkenntnis und donnerte über die Autobahn. Der Tag, der so gut begonnen hatte, schien sich zum Desaster auszuwachsen. Doch dann drehte sich plötzlich alles. Gerade als sie beschlossen hatte, Bronski für immer links liegen zu lassen, sagte er etwas, das sie in seine Nähe zurückholte. Es tut mir leid, Svenja.

Schön, dass du trotzdem mit mir zusammenarbeiten willst. Obwohl ich so bin.

Kurz lächelte er sie an.

Dann verlor er sich wieder in Gedanken.

Svenja nickte nur und schwieg dann wie er.

Bis zu Laufenbergs Villa war es still im Auto. Erst als sie durch das große Tor fuhren, das die Security für sie geöffnet hatte, sprachen sie sich kurz ab. Bronski schlug vor, Laufenberg reden zu lassen, er wollte ihn zu nichts drängen, und ihn dadurch ermutigen, noch mehr von sich preiszugeben. Er sollte das Gefühl haben, dass keine Geier über ihm kreisen. Wir machen es so wie die Möwen, sagte Bronski. Wir gleiten nur. Nur wenige Flügelschläge.

Svenja rollte die Augen.

Wir machen es also wie die Möwen, wiederholte sie und grinste. Und auch Bronski zog kurz die Mundwinkel nach oben. Denn beiden war klar, dass Svenja nicht still sein würde. Wenn sie etwas von Laufenberg wissen wollte, worüber er nicht reden wollte, würde sie nachhaken, sie würde charmant auf Antworten beharren, sie würde sich auf keinen Fall zurückhalten. Keine Kompromisse, keine Rührseligkeiten, kein Mitleid. Svenja versuchte objektiv zu bleiben und am Ende abzuliefern. Nur darum ging es.

Du kannst dich auf mich verlassen, sagte sie. Halte dich bitte einfach nur ein bisschen zurück, sagte er. Mir zuliebe.

Es war eine Bitte.

Svenja nickte.

Dann schloss sich das Tor hinter ihnen.

Die Journalisten, die vor dem Anwesen Stellung bezogen hatten, blieben maulend zurück. Bronski und Svenja fuhren durch einen Park, die Auserwählten waren auf dem Weg zu Albert Laufenberg. Er wollte mit Svenja über die Verabschiedung seiner Mutter und seiner Frau sprechen. Laufenberg wusste, dass der Text genauso wichtig war wie die Bilder, die Bronski machen würde. Er wollte der Welt seine Trauer zeigen, und er wollte, dass die Reporter vor seinem Haus verschwanden. Für immer. Bronski und Svenja sollten ihm dabei helfen. Nur deshalb hatte er allem zugestimmt.

Fotos in seinem Haus.

Bilder von sich und den Kindern.

Der trauernde Sohn und Millionenerbe.

Bronski holte seine Kameras aus dem Kofferraum. Svenja blieb vor dem Eingang stehen und staunte. Was sich vor ihr ausbreitete, war größer und beeindruckender als alles, was sie sich vorgestellt hatte. Dieses wunderbare Haus. Dann die Halle, durch die Laufenberg sie führte. Die Bibliothek, in der er sie bat, Platz zu nehmen. Mächtig war alles, herrschaftlich, ein Schloss. Svenjas Augen huschten hin und her, sie saugte alles in sich auf, sie wollte die Geschichte dieses Hauses spüren, die Menschen, die hier lebten. Jeder neue Blick überraschte sie. Sie saßen in großen samtenen Ohrensesseln. In einem riesigen Kamin brannte ein Feuer, auf dem Sims standen liebevoll gerahmte Familienfotos. Bilder von seinen Kindern und unzählige von seiner Mutter. Zita. Sie war überall. Auf der Kommode, an den Wänden, überall Erinnerung. Vergangenes. In den Bücherregalen standen Tausende von Büchern, auf dem Boden lagen Perserteppiche. Wie aus einer anderen Zeit war alles, die Möbel, die Kronleuchter, die von der Decke hingen, und auch Albert Laufenberg. Er saß vor ihnen und zündete sich eine kleine Zigarre an. Gut, dass Sie hier sind, sagte er.

Dann erzählte er. Wie seine Mutter vor einer Ewigkeit zu diesem Haus gekommen war, wie er seine Kindheit in diesen Hallen verbracht hatte, wie verbunden er und seine Familie mit diesem Anwesen waren. Laufenberg holte weit aus, er sprach über seine Frau, über die Liebe zu ihr, über das schreckliche Loch, das ihr Tod in diese Familie gerissen hatte. Er war ganz ruhig, sprach bedächtig, immer drohte seine Stimme zu brechen. Man spürte seine Traurigkeit in jedem Wort. Wenn er sich an seine Mutter erinnerte, an die Zeit, als sie verschwunden war. Er rang mit den Tränen. Verriet Details, die noch in keiner Zeitung gestanden hatten. Aufmerksam hörte Svenja ihm zu.

Es war wie Bronski gesagt hatte. Sie musste keine Fragen stellen, das Tonband lief, und sie schwieg. Laufenberg öffnete sich, sie hatte den Eindruck, dass er nichts verbergen wollte. Er wusste, was Svenja hören wollte, was die Öffentlichkeit interessierte, er bespielte die komplette Klaviatur, es war ein Vergnügen, diesen Job zu machen. Nachdem er fertig geraucht hatte, besprach er mit Bronski, was alles fotografiert werden durfte und was nicht, dann stand er auf und führte sie durch das Haus. Immer wieder blieb er stehen, Bronski machte Bilder. Laufenberg posierte vor dem Kamin mit einem Bild seiner Frau in Händen, er stand auf der imposanten Steintreppe im Eingangsbereich vor einem Ölgemälde, das seine Mutter zeigte, er sinnierte im Wintergarten. Dann führte er seine Gäste in den ersten Stock. Er kam auf das Thema, über das zu sprechen ihm sichtlich unangenehm war. Für einen Augenblick verlor er die Fassung. Leider ist nur eine meiner beiden Töchter im Haus. Sophie ist gerne bereit, Fotos zu machen.

Rebecca hat sich aber leider geweigert.

Wie Sie verstehen können, ist das alles nicht leicht für sie. Laufenberg schaute Svenja an. Auch wenn er es nicht musste, aber er bat sie um Verständnis. Sie hatte den Eindruck, als wäre es ihm peinlich, dass er nicht beide seiner Kinder präsentieren konnte. Es war ein kurzer unangenehmer Moment, den Bronski seinem neuen Freund Laufenberg zuliebe beendete.

Das macht doch nichts, Albert. Wir verstehen das. Laufenberg nickte und öffnete die Tür zu Sophies Zimmer. Eine adrett gekleidete junge Frau saß auf einem Stuhl und spielte Cello. Als sie ihren Vater sah, unterbrach sie ihr Spiel, stand auf, kam auf Bronski und Svenja zu und begrüßte sie.

Ebenso souverän wie ihr Vater.

Schön, Sie kennenzulernen.

Vielen Dank, dass Sie uns diese Möglichkeit geben. Gerne können wir Fotos machen.

Vater und ich können in einem Fotoalbum blättern. Wir erinnern uns gemeinsam an meine Mutter. Bronski befand die Idee für gut.

Svenja schluckte. Völlig absurd war es, was vor sich ging. Es war die Art, wie Sophie Laufenberg sprach, was sie sagte, wozu ihr Vater sie überredet hatte. Obwohl sie voller Schmerz war, funktionierte sie. Svenja sah, dass Sophie mit Schminke versucht hatte, ihre Traurigkeit zu verbergen, ihre Augen waren gerötet, sie musste vor Kurzem noch geweint haben. Für Bronski und Svenja dieses Theater zu spielen, musste sie unendlich viel Kraft kosten.

Schau, Papa, hier sind wir mit Mama in Rom.

Und hier das Sommerfest zu ihrem 50. Geburtstag.

Sie war ein so feiner Mensch, Papa.

Ich weiß nicht, was ich ohne sie machen soll.

Bronski fotografierte.

Es musste ihm egal sein, dass Sophie augenscheinlich kurz davor war zusammenzubrechen, er versuchte das beste Bild zu machen. Bronski regte an, dass Albert den Arm auf die Schulter seiner Tochter legte, er bat um ein paar Blicke in das Album, und um ein paar direkt in die Kamera. Regina würde später das beste Bild aussuchen, er sorgte nur dafür, dass es genügend Material gab.

Leid im Querformat.

Verzweiflung im Hochformat.

Bronski war Profi. Das Reden überließ er Svenja. Sie nickte immer wieder freundlich, sagte etwas Zustimmendes, etwas Aufmunterndes, auch wenn es schwer war, sie versuchte Albert und Sophie die Situation so angenehm wie möglich zu machen. Laufenbergs Tochter war den Tränen nahe. Es war zwar alles inszeniert, aber Svenja glaubte jedes Wort. Auch an Laufenbergs Aufrichtigkeit zweifelte sie nicht. Sie verstand plötzlich, warum Bronski so viel Mitgefühl für diesen Mann hatte, warum er sich hatte hinreißen lassen, sich privat auf ihn einzulassen. Es war seine Offenheit, er schien nichts zu verbergen, man musste ihm nichts aus der Nase ziehen. Im Grunde diktierte er Svenja, was sie später unter Bronskis Bilder schreiben würde. Er steuerte das untergehende Boot, er war es, der sich Gedanken um die Fotomotive gemacht hatte.

Wir können noch ein Bild in unserem Schlafzimmer machen. Bei Margits Schminktisch.

Sie hat ihn geliebt.

Saß dort oft sehr lange.

Ich lag im Bett und schaute ihr zu.

Wie sie sich hübsch machte.

Margit war ein Geschenk.

Jeder Tag mit ihr.

Beinahe unangenehm war es.

Dabei zuzusehen, wie er sich nackt vor ihnen auszog. Es war genau das, was alle sehen wollten. Intimste Einblicke. Der trauernde Ehemann und seine Tochter auf der Bettkante sitzend, mit Blick auf den Schminktisch. Sophies Kopf an Alberts Brust liegend. Es war still im Schlafzimmer.

Nur das Klicken der Kamera war zu hören.

Unbeschreibliche Momente waren es.

Das war außergewöhnlich, sagte Bronski später. Auch er hatte so etwas noch nie erlebt. Er konnte kaum fassen, dass es ein Kind gab, das auf diese Art und Weise trauerte. Dass eine Familie so offen mit ihrem Verlust umging. Was sich zwei Tage später am Friedhof vor aller Welt wahrscheinlich wiederholen würde, bekamen Svenja und Bronski als kleines Kammerspiel in Laufenbergs Privaträumlichkeiten präsentiert. Sophie sprach über ihre Mutter.

Es sprudelte nur so aus ihr heraus. Schöne Dinge waren es, die sie sagte. Zusammenhanglos Gutes über ihre Mutter, da war kein schlechtes Wort, es war eine einzige Liebeserklärung.

Minutenlang redete sie. Dann starrte sie zu Boden. Und holte die letzten vier Sätze aus ihrem Mund. Ich verstehe nicht, warum sie das getan hat.

Ich habe sie doch gebeten, nach Hause zu kommen. Sie hat es mir versprochen.

Und dann hat sie dieses Versprechen gebrochen. Sophie lief aus dem Raum.

Laufenberg senkte seinen Kopf und nahm ihn in die Hände. Er schloss die Augen.

Die Vorführung war zu Ende, er konnte nicht mehr. Ich darf Sie jetzt bitten zu gehen.

Er schaute Svenja an.

Nur von ihr verabschiedete er sich.

Bronski sollte noch bleiben. Laufenberg wollte noch etwas mit ihm besprechen. Er bat Svenja um Verständnis und Bronski zugleich, ihm noch fünf Minuten seiner Zeit zu schenken.

Svenja nahm es hin.

Gab sich zufrieden mit dem, was sie bekommen hatte. Es war weit mehr als erwartet.

Ihre Neugier hielt sie also im Zaum.

Bronski würde ihr ohnehin verraten, was Laufenberg von ihm wollte. Sie hatte von Leipzig bis Berlin Zeit, es herauszufinden. Deshalb ließ sie den Dingen ihren Lauf.

Sie schlenderte zum Auto.

Und wartete.

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