Dunkelkammer, ein Bronski Krimi
Dreiundzwanzig
Albert Laufenberg hatte seine Frau verloren.
Ihm wurde langsam bewusst, dass seine Frau nicht mehr zu ihm nach Leipzig zurückkehren würde. Albert versuchte zu begreifen, was Bronski ihm erzählt hatte. Dass Margit in einer Badewanne verblutet war. Dass der nächste Schicksalsschlag ihn erschütterte, das nächste Stück Vergangenheit ausgelöscht wurde.
Ein Tornado wirbelte in seinem Leben herum. Aber Albert blieb aufrecht stehen.
Nach so vielen Jahren war da endlich Gewissheit, was seine Mutter betraf. So tragisch es auch sein mochte, so sehr es Albert auch leidtat, er konnte endlich loslassen, dieses traurige Kapitel in seinem Leben abschließen. Er hatte sich immer davor gefürchtet, jetzt war es so weit. Er brachte seine Mutter unter die Erde.
Und jetzt auch noch seine Frau.
Margit.
Sie musste einfach eingeschlafen sein.
Er sah die Badewanne vor sich.
Vor ein paar Tagen hatte er selbst noch darin gelegen. Skiurlaub, zwei Wochen in Tirol, Zeit für die Beziehung. Das war es, was Margit sich gewünscht hatte. Sie hatten ein paar schöne Tage miteinander verbracht, nichts hatte darauf hingedeutet, dass es ihr schlecht ging. Bis zu dem Tag, an dem Zita gefunden wurde. Da änderte sich ihre Stimmung. Verständlicherweise, hatte er gedacht. Die Familie Laufenberg stand nach so vielen Jahren wieder im Mittelpunkt, Albert musste sich um alles kümmern, er versuchte mit der Situation umzugehen, es galt, mit Bedacht zu handeln, die Medien im Zaum zu halten, der Firma nicht zu schaden, keine negativen Schlagzeilen zu produzieren. Albert sprach mit Svenja Spielmann, federte mit dem Exklusiv-Interview die erste Welle des medialen Interesses ab. Er nahm seine Frau aus der Schusslinie, überredete sie, noch in Tirol zu bleiben, während er zuhause die Beerdigung vorbereiten wollte. Albert setzte um, was er sich ausgedacht hatte. Er funktionierte.
Ging davon aus, dass es Margit in Tirol gut ging. Seine Frau. Seit so vielen Jahren.
Albert malte sich ihr Ende aus.
Sie hatte sich ausgezogen.
War in die Wanne gestiegen.
Hatte die Rasierklinge genommen.
Und die Pulsadern geöffnet.
Die Todesnachricht, die Bronski ihm überbrachte, warf ihn kurz aus der Bahn. Er war jetzt allein. Da waren nur noch seine Kinder und er. Albert weinte. Es war ihm egal, was Bronski dachte. Die Tränen taten gut.
Und der Schnaps auch.
Bronski hatte ihn eingeladen zu bleiben.
Albert fing ein Gespräch über Kunst an, er redete über Themen, bei denen er sich sicher fühlte, er verdrängte den Tod seiner Frau, zwang sich, seine Gefühle in den Griff zu bekommen. Er wusste, wie schnell die Dinge außer Kontrolle geraten konnten. Er musste weiterhin Einfluss auf die Berichterstattung nehmen, er wollte bestimmen, was in der Zeitung zu lesen war. Er steuerte. Lenkte die Dinge in ihre Bahnen. Auch dass er Bronskis Schwester mit Ermittlungen beauftragt hatte, spielte jetzt in seine Karten. Sie und ihr Bruder hatten verhindert, dass sich die Medien über den Selbstmord seiner Frau hermachten. Albert hatte bisher alles richtig gemacht. Und er wollte, dass es so blieb. Deshalb hatte er gegen seine Regeln verstoßen und Alkohol getrunken. Er tat, was er sonst nie tat. Und wider Erwarten genoss er es. David war so offen ihm gegenüber, sie standen auf derselben Seite an diesem Abend. Sie sprachen zwar nicht über das Unheil, aber sie teilten es. Mona und Margit.
Beide wussten, wie es sich anfühlte, jemanden zu verlieren. Das verband sie. Deshalb brach das Gespräch zwischen ihnen nicht ab, ein angenehmer Abend war es gewesen. Weil sie das Unfassbare für ein paar Stunden ausblendeten. Sie unterhielten sich über Fotografie, über Bronskis Arbeiten, sie begeisterten ihn. Die Gesichter der Toten. Es war verstörend, was Bronski machte. Aber Albert war auch gefesselt. Berührt und abgestoßen zugleich. Es waren verbotene Blicke, intime Momente, die Bronski mit ihm teilte. Er sah das Schöne in all der Dunkelheit. Da war Nähe zwischen ihnen beiden. Sie verstanden sich. Deshalb entschied Albert auch aus dem Bauch heraus und lud Bronski zu sich ein. Er wollte ihm zeigen, wo er lebte, ihm seine Kinder vorstellen, er wollte der Öffentlichkeit mit Bronskis Hilfe klarmachen, dass er mit den tragischen Ereignissen, die seine Familie erschütterten, umzugehen vermochte. Die Reporter vor seinem Haus würden unverrichteter Dinge wieder abziehen müssen, und irgendwie würden sie auch die Beerdigung überstehen.
Alles würde sich wieder beruhigen.
Er musste das Drama beenden.
Und die Zeit lief.
OceanofPDF.com